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voller Liebe und Sehnsucht

Soundtrack meines Lebens

  • 1. Keith Jarrett - Suites For Keyboard

    Ich war einmal Paketfahrer. Es passiert eine Woche und darin nichts. So wie alle Wochen passieren, dem Paketfahrer vertraut, aber diese eine will festgehalten sein, nimmt er sich unbeirrbar vor, wissend, dass etwas festzuhalten heißt, loslassen zu müssen, und ahnt, dass sich nichts ändert, selbst wenn man so intensiv zu fabulieren beginnt wie er dies tut. Nicht der Tanz, das Kilo täglicher Himbeerjogurt nicht, und auch nicht die bescheidene Wahlmöglichkeit. Aber eines ist gewiss: Er ist nicht allein auf seiner Tour. Seine Tour ist nur eine Linie, die sich mit anderen kreuzt; man zieht den Hut und lächelt; manchmal grinst man; bisweilen kommuniziert man durch zwei Scheiben hitzköpfig fingertechnisch bis fischblütig. Das Gute an all dem Ungemach ist, dass es keines ist, wenn man anfängt, längere Zeit darüber zu reflektieren, denkt sich der Paketfahrer und schaltet schnell wieder ab und in einen anderen Gang, weil er befürchtet, wenn er einen genialen Gedanken auch nur eine Neurone zu intensiv nachhängt, kommt er der Wahrheit näher als ihm lieb ist. Doch was ist schon eine Wahrheit gegen die Stringenz seiner ungezügelten Fantasie? Hin und wieder bekommt man kleine Geschenke, Waren, Produkte, Dienstleistungen (!), die einen überraschen. Von einem Lageristen eines kleinen CD-Versands erhielt ich diese CD überreicht mit den Worten: "Wenn dir mal dein Führerhaus auf den Kopf fällt oder du auf es drauf... man kann nie wissen... dann denke an diese Musik. Die spielen sie im Wartezimmer zu Petrus Pforte."

  • 2. Giant Sand - BBQ

    KATERSTIMMUNG Es sind immer Freitage, die einen hoffen lassen, das liegt am Wochenende, da geht es einem nicht anders als den anderen armen Würstchen, die sonst kein Ziel haben im Leben, keine warme Höhle, in die sie sich verkriechen können, kein trautes Familienleben mit nervenden Blagen, kein Springmesser. Ich stand in der Tür, es war eine kleine Klitsche, Kartons stapelten sich auf dem Boden, die beiden Typen hatten Zöpfchen in den Haaren, die Studentin hantierte mit ihrem zähen Blick, als wäre sie gerade mehrmals vernascht worden, bugsierte CD-Hüllen in Kartons, fahles Licht überall, hohe Wände, nur ein Tisch, Stapel von CDs türmten sich am Boden. Wäre ich eine Playmobilfigur gewesen, ich wäre mir wie in Big Apple vorgekommen. "Der Paketfahrer! Sie holen Sie Sendung!", sagte die junge Frau zu mir mit einem verzaubernden Lächeln und sofort hatte ich ein Unterleibssausen, als ob ICH eben ihr Chauffeur gewesen wäre. Ich nickte und hoffte, dass sich so ein Mädchen heute Nacht in mein Bett verirrte, aber die Chancen standen schlecht, dazu hätte ich meinen Arsch hoch kriegen, einer Frau nette Dinge sagen, investieren müssen, ohne mich zu verraten, einfach nur cool aussehen zu wollen, hatte ich oft genug erfolglos probiert, aber es war Freitag, nichts zu machen, Freitag bedeutete abhängen, durchpusten, vielleicht einen Joint oder zwei rauchen, eine alte Scheibe dazu hören, ein wenig abheben, driften – und durchstarten ins Wochenende. Ich nahm zwei Pakete in Empfang, die Frachtpapiere, ihr Lächeln, verstaute alles auf meiner Karre, ließ den Speditionsschein abzeichnen und wünschte artig ein schönes Gelingen, während meine Pupillen das Flirten nicht ließen. Einer der Typen roch den Braten und scharrte bereits mit den Füßen, um mir klar zu machen, dass dies hier seine Braut war, dass ich hier nichts verloren hatte, kein anderes Leben, keine vage Ahnung, dass ich mich, verdammt noch eins, packen und davonmachen sollte, dass hier vor allem kein Mitgefühl übrig war für Loser wie mich. So wie sie es einem oft genug in den Büros vermitteln, diese Krawattenträger und kostümierten Vorzimmerdamen, wenn man in verdreckten Klamotten ihre idyllische Gummibaumatmosphäre versaute. Er stand auf, drahtig, wie ferngesteuert, kam langsam auf mich zu – ich atmete schon mal tief durch in Erwartung irgendeiner Unangenehmheit – er schnappte sich aber nur von der Spitze eines Wolkenkratzers im Vorübergehen zwei CDs und hielt sie mir hin, während er friedlich lächelnd der Frau in einer Art an den Hintern fasste, dass meine Hose enger wurde und meine Hoffnung wie mein Mut sank. "Hier, Alter, hör mal ne Rille gute Musik zur Abwechslung und schnapp dir ein Mädchen fürs Wochenende!" Man bekam immer mal wieder etwas geschenkt als Paketfahrer: ein Lächeln, eine Aufmunterung, aber selten eine lesbare Bedienungsanleitung fürs schnöde Dasein, mit der man auch was anfangen konnte. Ich schob die CDs ein und verabschiedete mich von den Kerlen mit einem Gruß und einem wortlosen Nicken in Richtung der Frau, die an diesem Abend neben mir liegen würde, ganz bestimmt, da gab es nichts dran zu rütteln, nämlich dann, wenn ich mir eine Tüte und die Musik reinzog, die ich in meinen Händen hielt, wozu sind Hände da? Ich sah auf das gelbstichige Cover und sah diese Gottesanbeterin auf der Blüte sitzen, die ein paar Stunden später drauf und dran war, mich nach Strich und Faden zu vernaschen. * Später, als ich anfing Sachen zu schreiben, die anderen auch schon mal gefielen, hatte ich nebenbei Howe Gelb, Giant Sand oder Calexico im Ohr. Ich flog nicht mehr mittels Marihuana, nun flogen meine Finger über eine Tastatur und ich mit ihnen. Ich kann nicht sagen, welcher Flug letztendlich besser ist, beides hat seinen eigenen Reiz, aber der Fingerflug ist ab einem gewissen Alter verträglicher.

  • 3. O-Positive - Holding On To You

    TAMARA Wie oft verliebt man sich im Leben? Ich meine, so richtig tief. So dass es weh tut. Noch nach einem Jahrzehnt. So dass Zeit unwichtig geworden ist. Die Erinnerung an den Menschen so tief eingegraben ist, dass selbst eine neue Liebe die verblichene nicht auslöschen kann. Wie oft? Wie lang? Man macht so einiges falsch im Leben. Es läuft so einiges schief. Es gibt nie ein zurück. Das bedeutete, an der Uhr zu drehen, aber wir sind nicht Paulchen Panther, wir sind erwachsene Menschen, sollen es werden, wollen es manchmal nicht sein. Sie hieß Tamara und war ein Traum, der in Erfüllung ging. Ein Blind Date, auf das ich mich wochenlang vorbereiten konnte. Ich kannte nichts von ihr, wusste nur, dass sie blond war, langes blondes Haar, das genügte mir. Zum Treffen sollte jeder eine Rose (als Erkennungszeichen – wie originell!) und eine Kassette mit seinen besten Songs mitbringen. Ich legte mir ein Drehbuch zurecht mit einer meiner literarischen Figuren als Hauptdarsteller. Ein Drehbuch mit Variationsmöglichkeiten, mit Verästelungen, man weiß ja nie, aber egal, wie sie verliefen, sie führten zu einem bestimmten Ziel zu einer bestimmten Zeit: An den Starnberger See um Mitternacht bei Vollmond. Es kam genau wie geplant. Wir redeten stundenlang in der verabredeten Kneipe miteinander, um dann aufzubrechen – zum See! Wir hörten unsere Lieder während der Fahrt und als wir es uns zum Aufwärmen nach unserer nächtlichen Badeaktion im Fond gemütlich gemacht hatten. Nein. Ich hatte mir durch die Planung den Zauber nicht geraubt, auch nicht, als wir uns um 2 Uhr nachts gegenseitig in Gefangenschaft nahmen. Bei Vollmond mit Blick auf einen silbrig glänzenden See der uns aber wie Blei in die Tiefe zog. Als der Song "Holding On To You" lief, den ich das erste Mal hörte, katapultierten wir uns gegenseitig die Sinne himmelwärts. Später stellte ich fest: Ich elektrisierte sie. Eine Berührung genügte schon. Keine Ahnung, wie ich das anstellte, es war einfach so. Vielleicht dauerte die Affäre deswegen nur wenige Monate, Liebe schmilzt aus verschiedenen Gründen dahin, ich hoffe, sie beendete es, weil es ihr zu gefährlich wurde mit mir, nicht weil sie feststellte, dass ich mich nicht mehr von Frauen betrügen lassen wollte. Wir sprachen nicht mehr darüber, man verliert sich im Leben. Einfach so. Vielleicht liest sie das hier ja nun und meldet sich mal bei mir, ich hätte mich gerne bei ihr für das Script entschuldigt. Aber nur für das Schreiben, nicht für dessen Aufführung. :-) Außerdem haben wir noch etwas gut. Daran denke ich immer, wenn ich das Lied höre, das zum Glück so gut wie nie im Radio gespielt wird, weil es kaum einer kennt. Kennt es einer von euch?

  • 4. Mecano - Descanso Dominical

    Wir saßen in El Dorado an der Costa de la luz auf der Terrasse eines Hotels und aßen zu Abend. Als Vorspeise nahm ich immer Gambas al ajillo, das ersparte mir das Naserümpfen, das überließ ich lieber anderen, aber in Olivenöl gebratene Garnellenschwänze mit Knoblauchzehen sind absolut lecker. Im Hintergrund spielte eine Musik, die ich zuerst gar nicht bewusst wahrnahm, sie passte wohl zu gut in unsere ausgelassene Stimmung. Sie bevorzugte Muscheln als Vorspeise, der Hauptgang bestand aus variierenden spanischen Köstlichkeiten, immer etwas anderes. Die zweite Nachspeise nahmen wir jeden Abend angetrunken im Hotelzimmer zu uns. Strand und Meer passten, unsere Vorlieben auch, wir genossen die Tage, schlürften sie aus als hätte es nie einen besseren Urlaub gegeben. Nach vierzehn Tagen hatte sie das erste Mal nach vier Jahren Beziehung keine abgekauten Fingernägel. Wir verlebten die Tage und Nächte als wäre Zeit nur geschaffen, um sich gegenseitig in den Himmel zu heben und freuten uns am dritten Tag schon nachmittags auf Gambas, Muscheln – und auf die Backgroundmusik. Sie legten sie jeden Abend auf diese Lieder, deren Melodien uns mit herannahendem Urlaubende immer trauriger stimmten. Kurz vor der Abreise erkundigten wir uns beim Kellner, welche Gruppe da eigentlich spielte und wo man in der Umgebung eine Kassette davon kaufen könnte. Er schenkte sie uns zum Abschied, vielleicht lag es am regelmäßig üppigen Trinkgeld, vielleicht am wehmütigen Blick meiner damaligen Freundin. Auf dem Heimweg über die spanische Hochebene hörten wir die Lieder immer und immer wieder und sahen mit wehmütigem Blick zurück auf die wundervolle Zeit, während sie leise dazu schluchzte. Sie ahnte vermutlich damals schon, dass wir nicht ewig zusammen bleiben würden. Eines ihrer letzten Worte lautete jedenfalls: "Wie aus Liebe Lüge wird…" Die Kassette muss sie noch haben. Ich kaufte mir später die CD.

  • 5. Gabriel Yared - 37°2 LE MATIN (Betty Blue)

    Es ist immer dasselbe: Ich kann das Meer riechen, bevor ich es sehe. Dann sehe ich Pinien vor mir. Sanddünen, brodelndes Rauschen, eine Meeresbrise trägt Unverständliches an meine Ohren. Ich stapfe durch den feinen Sand, der durch die Zehen quillt, dann nur noch wenige Schritte und ich bin zu Hause. Ich liebe das Meer. Den Blick ins Unendliche gerichtet, hin und wieder kreuzt ein Dampfer, ein Segelboot, eine Möwe den Horizont. Das sind so Schlüsselwörter, die einen abheben lassen: Meer, Strand, Horizont. Für ein Landei wie mich gibt es kaum einen schöneren Gedanken, wenn es ums Loslassen geht: Meer, Strand, Horizont. Yareds Musik fängt all das ein: Dieses Saxophon, das den Himmel mit gleißenden Licht erfüllten lässt, ihn abends in leuchtendes Orange taucht und dann in sattes Mauve verzaubert, diese Mundharmonika, die sich in die Sinne fräst, als wollte sie Narben so tief wie der Grand Canyon hinterlassen, dazu Djians vibrierender Stil, in jeder Phase musikalisch perfekt eingefangen, mal durchatmend, mal nervös mit den Fingern trommelnd, mal nervig wie eine Kreissäge, die einem die Bretter zu einem Haus am Meer zuschneidend, in dem man alt werden möchte. Geduldig wartet man. Als ich das erste Mal den Film 37°2 LE MATIN (Betty Blue) sah, war das die Initialzündung zur Therapie meines Lebens. Es kam nie wieder so schlimm, d.h. seither konnte ich mich immer selbst therapieren. Ich denke, ich bin über den Berg, was auch heißt, dass man etwas abgestumpfter lebt; außerdem fängt man irgendwann an zu glauben, man sei zu alt, um noch tiefer oder noch kräftiger auf die Schnauze fallen zu können. Glaube. Ich war unglücklich verliebt, sie hatte mich wegen eines anderen verlassen, nein, sie hatte mich verlassen, weil ich sie zu sehr liebte, ach was, es war aus, weil wir nicht mehr passten. Ganz einfach. So etwas gibt es immer wieder, warum seine Seele deswegen verkaufen, warum nächtens mit verheulter Fresse auf Hochhäusern herumlungern, warum Rachegedanken nachhängen? Liebe. Darum: Wegen des Eindrucks, den dann solch ein Musik auf einen haben kann. Ich sah den Film und sah einen Teil von mir selbst: Das Leben meines Alter Ego. Sah zumindest das, das mir einzig lebenswert erschien. Es zog in Spielfilmlänge an mir vorbei und am Ende blieb ich sitzen bis zur letzten Zeile der Credits, bis zum letzten Ton der Filmmelodie: Ich war hoffnungslos gefangen. Hoffnung. Ich sah den Film noch weitere 30 Male (40? 50?), hörte die Musik zehnmal so oft, aber erst seit ein paar Jahren brauche ich eine Menge Alkohol, eine leere Wohnung und einen geruhsamen Tag, um den gleichen Effekt erzielen zu können. Das Problem ist nur: Ich habe keinen Bock mehr darauf. Ich kann nun ohne diese Droge schreiben. Betty. Mit den Melodien dieser Scheibe kommen Szenen meines Lebens zurück, schöne und schmerzvolle Momente, die man einerseits nie wieder erleben möchte, von denen man andererseits weiß, dass mehr Leben in ihnen steckte, dass sie intensiver erfahren wurden als nahezu alles andere. Man kann sie im Lebenssupermarkt der Gefühle nur als Doppelpack haben, nie einzeln. "Hast du gerade etwas geschrieben?" "Nein. Ich habe an dich gedacht." Wenn ich diese Musik höre, kann ich das Meer riechen...

  • 6. Kate Bush - Wuthering Heights

    Wir lagen im schwachen Licht eines Kellers auf Matratzen und spaßten herum, was das Zeug hielt. Die Lager gingen reihum der Wand entlang und jedes Mal, wenn einer das Licht andrehte, erschallen Buh- und Hey-Rufe und etliche Wolldecken zogen sich über zwei zusammengeklebte Köpfe. Schwitzen war in Ordnung, muffige Luft sogar erwünscht. Nur Fummeleien blieben oberflächlich. Die etwa 30-köpfige Schar zusammengewürfelter Gymnasiasten und -innen, teilweise aus Parallelklassen, juxten herum und neckten einander, aber alles war reichlich verklemmt und albern. Zwei Pärchen hatten nichts besseres zu tun, als die ganze Zeit die Köpfe zusammen zu stecken. Das brachte irgendwann zu späterer Stunde einen auf die Idee, dass man alles abdunkeln sollte, bis das allerletzte Licht erloschen war. "Und dann?", fragten bange Blicke einiger Mädchen. "Dann wird gesucht und gefunden..." Es sollte etwas bewirken, was mit zielgerichteter Eigeninitiative in dem Alter nicht möglich schien. Weil man den anderen sofort an dessen Stimme erkannte, herrschte absolutes Sprechverbot. Berührungen außer an Armen und Schultern waren strickt untersagt und hätten zum sofortigen Ausschluss geführt, setzten die Mädchen durch. So eine Art Reißleine und Notausgang. Wir beratschlagten länger als es manche aushielten. Verlegene Blicke streiften lüsterne, zweifelnde tauschten sich mit eher furchtsamen. Weil alle schon reichlich alkoholisiert waren und der Raum ohnehin als Massennachtlager dienen sollte, fand man sich nach langer Beratung tapsend vorsichtig umherrobben. Dann begann das große Ertasten und die erste Schulter, die ich zu fassen bekam, war eindeutig die eines Jungen. "Pardon!" zischte ich und erntete ein strenges "Schschsch..." von weiter hinten. Irgendwann fand ich ein paar dünnere Arme mit schmalen Schultern und zog diese in eine Richtung, bis ich mich, andere Leiber zur Seite schiebend, in einer Ecke des Raumes befand. Ich zog allerlei Kissen, Decken und anderes Lagermaterial, von dem es Unmengen gab über und um uns, eine kleine wehrhafte Burg. Dort kauerte ich mit einem anderen feuchten Atem, dem lange wuschelige Haare gehörten, die mich an Nase und Ohren kitzelten. Elke. Ganz bestimmt Elke. Oder doch diese, wie hieß sie? Manuela? Na, Simone K. vielleicht. Nicht nur mir trieb es den Pulsschlag heftig durch die Adern, an ihrem Schnaufen erkannte ich, dass es ihr ebenso ging. Dennoch schwiegen wir. Es war ein zartes Zueinanderfinden, wie ich es empfand. Dazu lief volle Pulle das erste Album von Kate Bush. Es lief auf Endlosschleife, aber keinem wurde es langweilig. Es war finster. Es war stickig. Kate fiepte und zauberte durch die Schwüle und beim zweiten "Wuthering Heights" küssten wir was das Zeug hielt. Ich hatte Zeit und Raum vergessen, ich war warm und wohlig aufgehoben, rieb mich an meiner Partnerin, wusste nicht mehr, wo oben oder unten war. Blöderweise hatte sich keiner Gedanken darüber gemacht, wann das alles enden sollte, was danach passieren sollte. Es stellte sich heraus, dass ich mich unter den wenigen Glückpilzen befand, die meisten waren nicht weiter gekommen als zu vertraulichem Getuschel, dem natürlich ein vorheriges Outing vorausgegangen war. Ich für meinen Teil wollte so lange wie es ging nicht genau wissen, wer da in meinen Armen bebte, schnaufte, nach Luft rang. Wir hatten uns noch vor den ersten Lichtfetzen, die schwach durch eine nach und nach geöffnete Tür hereinlugten, mit allerlei Zeugs bedeckt, so dass wir auch noch im Dunkel lagen, als längst das spärliche Kellerpartyzimmerlicht angegangen war. Irgendwann hörten wir auch vereinzelte Stimmen, was bedeutete, dass das Spiel anscheinend unter allgemeiner Zustimmung sich allmählich dem Ende näherte. Wir selbst blieben jedoch stumm, streichelten uns, drückten unsere Arme, rieben an unseren Schultern. Es war, als sollte es immer so weiter gehen. Am besten wäre es wohl gewesen. Dann fragte einer: "Wo ist Katie?" Als keine Antwort erschall, dachte ich, dass ich keinen schlechten Griff getan hatte. Katie war eher unscheinbar, so eine Art Mauerblümchen, eher verhuscht und unnahbar. Nicht besonders hübsch, aber ein nettes Wesen. Vielleicht hatte auch sie – so wie ich auch – auf solche eine Gelegenheit ihr kleines Leben lang gewartet. Katie und Kate. Ich werde nie dieses hämmernde Piano von Kate Bush vergessen, das meinen Pulsschlag unter den vielen stickigen Decken antrieb. Ich fühle mich auch heute noch unter stickigen Decken am wohlsten und geborgensten, wenn nicht nur schwüle Luft einem den Atem raubt. Wo ist Katarina wohl heute?

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  • 7. Eric Serra / Gaetano Donizetti - Lucia Di Lammermoor / Diva Dance

    Wir standen vor den Schaltern und die Blödmänner begriffen nicht, dass es ernst war, glotzen nur doof. Einer mit einem Milchgesicht guckte unschuldig als könnte ihn kein Wässerchen trüben, dachte wohl daran, jetzt den Helden spielen zu müssen, konnte einfach nicht still auf dem Fußboden liegen, hatte zuviel TATORT geglotzt. Der Kassier packte brav alles in die beiden Taschen, während ihn Carlo nervös mit der Knarre anfuchtelte und ich die Meute in Schach hielt. Das Milchgesicht fummelte unter sich herum und ich schnauzte ihn an: "Lass das, Idiot!", guckte kurz zur Barübergabe hinüber, dann zog der Arsch auch schon und feuerte in Carlos Richtung, traf ihn aber nicht. Fast gleichzeitig fiel ein zweiter Schuss, dessen Kugel durch den Stoff meines rechten Ärmels zischte und wie einstudiert ballerte ich mehrmals in seine Richtung, traf einen Unbeteiligten, ihn selbst, die Steinfliesen, eine Scheibe im Hintergrund zersplitterte, Schreie erschallen. "Abhauen!", brüllte ich. Carlo schnitt eine Fresse, hetzte mit der Beute in Richtung Ausgang, ich hinterher, Rückendeckung gebend, während draußen Cindy den Motor startete. Wir sprangen in den Wagen und brausten mit quietschenden Reifen davon. Vier Kilometer vor der Stadt wechselten wir die Karre in einer Waldlichtung, schmissen Handschuhe, Stiefel, Masken, die beiden leergeräumten Taschen, die Waffen in den geklauten Fluchtwagen und legten Feuer. Dann jagten wir in dem unscheinbaren Kombi, den wir Tage zuvor am Flughafen gemietet hatten, davon. Carlo fluchte, zeigte uns die leichte Schusswunde, nichts Großartiges, nicht mal ins Fleisch gegangen, nur die Haut war angeritzt, aber das war ärgerlich. "Hätte schlimmer ausgehen können", meinte Cindy besorgt. "Hätte besser laufen können", raunte Carlo. Wie Recht er doch hatte. Wir fuhren etwa 40 Kilometer und parkten den Kombi auf dem verlassenen Autobahnparkplatz, gingen jeder mal pissen, und Carlo und ich fuhren allein weiter, während Cindy, wie abgemacht, mit einem Drittel der Beute per Autostop ihr Leben neu begann. Wir hatten etwa eine Stunde Fahrt vor uns, dann hob Carlo mit dem Flieger in Richtung Kanaren ab, während ich mein unscheinbares Dasein als Filialleiter eines kleinen Supermarkts fortsetzen würde, um geduldig abzuwarten, wie die Dinge sich entwickelten. Carlo steuerte hochkonzentriert und jeder sann sich aus, wie es weiter ginge, sein kleines Leben: der eine als Dauerurlauber, der andere als Sklaventreiber. Carlo griff in die Brusttasche und zog eine Selbstgebrannte heraus, auf der nur zwei Songs aus dem Soundtrack von "The Fifth Sense" aufgenommen waren: Lucia di Lammermoor und Diva Dance. Wir zogen uns die beiden Tracks wieder und wieder rein. Volle Lautstärke. "Hier!", grinste Carlo mich beim Abschied an. "Nimm, ich hab zwei Stück davon gebrannt. Spiel sie ab, wann immer du daran denkst, jemals wieder so ne Scheiße zu bauen wie heute. EIN krummes Ding muss genug sein für ein geradliniges Leben, versprich mir das!" Ich steckte die CD weg und versprach es nur allzu gern. Der Kugelhagel der Mangalores in der Glotze und all die Kampfszenen waren nicht zu vergleichen damit, selbst eine Waffe abzufeuern, das war ein Unterschied so groß wie der, Schlagsahne von einem ollen Erdbeerkuchen zu gabeln oder sie aus dem Heiligtum seiner Traumfrau zu schlecken. Wir lebten in Frieden, Carlo irgendwo auf einer Insel im Atlantik, ich in der beschissenen Idylle einer Kleinstadt. Null Auffälligkeit, nichts hatte sich geändert an meinem Tagesrhythmus, ich ging brav meiner Arbeit nach, fuhr den gleichen Mittelklassewagen wie zuvor, bumste die gleichen Mittelklassefrauen, die sich so nach und nach in ein Mittelklasseleben verirrten. Die Bullen kamen uns nicht auf die Spur, wie sollten sie auch, wir mieden jeglichen Kontakt untereinander. Cindy und Carlo waren Geschichte. Zwei Jahre später standen sie dann in meinem kleinen Büro, setzten eine wichtige Miene auf und rasselten mit stolz geschwellter Brust ihre sogenannten Indizien herunter, während ich versuchte, so unschuldig doof wie nur irgend möglich zu gucken. Sie erzählten von Blutstropfen am Tatort, DNA-Spuren im verbrannten Fluchtwagen, Carlos Geständnis. Alles sehr vage, fand ich. Ich glaubte ihnen kein Wort, Carlo hätte weder Cindy noch mich verraten. Dann zeigten sie mir den Durchsuchungsbefehl und ich lachte nur, sollten sie, sagte ich ihnen, ich hätte nichts zu verbergen, ob sie ohne mich auskämen, ich wäre gerade unabkömmlich hier, und dass sie mir bitte kein großes Durcheinander hinterließen. Ob ich nicht doch lieber mitkommen wolle? Nein, gab ich mich gleichgültig, kein Problem, ich vertraute ihnen schon, das ganze wäre sicherlich ein Ermittlungs-Irrtum. Ich schaffte es tatsächlich, sie zu verunsichern, lieferte eine Klassevorstellung ab. Es gab auch weder verräterische Bankkonten noch ein geheimes Gelddepot in meiner Wohnung, die Kohle war an einem todsicheren Ort verstaut, völlig absurd, gerade da zu suchen, außerdem war ich kein einziges Mal dort gewesen. Die veranschlagten fünf Jahre waren längst noch nicht um. Sie machten sich irritiert in meine Wohnung auf und ich grinste zufrieden in mich hinein, beschäftigte mich gutgelaunt mit Dosentomaten, Zahnpasta und Hundefutter: der Nachbestellung zum Wochenende. Zwei Stunden später standen sie mir wieder auf den Füßen, legten mir Handschellen an und setzten mich in einen Polizeiwagen. Ich war total perplex und meinte immer wieder, was das solle, beteuerte, ich sei unschuldig, es müsse eine Verwechslung sein. Die ganze Belegschaft stand herum und glotzte belämmert, sie dachten wohl an Unterschlagung oder etwas in der Richtung. "Ein klein wenig Musik auf der Reise in den Bau?", fragte mich einer der Bullen und drückte auf den Play-Knopf seiner Bullenanlage und schon bei den ersten Tönen der Arie von Donizetti dämmerte es mir. * [Immer, wenn ich diese Musik höre, fallen mir derlei Sachen ein. Musik ist überhaupt eine Quelle der Fantasie, eine Tür zum Träumen, für die es so viele verschiedenen Schlüssel(reize) wie Lieder gibt, ganz abgesehen von Stimmungen, die sich dazu immer wieder neu und anders einstellen.]

  • 8. PJ Harvey - Big Exit

    Der Song "Big Exit" steht stellvertretend für andere Songs aus dem Album "Stories From The Sea, Stories From The City" und noch weitere, die Polly Jean Harvey an diesem Abend zum Besten gab, und ich wüsste zu gerne, wie sie klingt, wenn sie nicht erkältet ist. Howe Gelb mit den Giant Sand bildete das Vorprogramm, das für mich eigentlich Hauptprogramm war. * Sie hatte ein knallrotes, schulterfreies Kleid an und stand etwa 8 Meter von mir entfernt im Scheinwerferlicht auf der Bühne, während ich glatzköpfig aus der Jungvolk-Menge herausragte und mit meinen 40 Jahren wohl eher der Grufti dieser Abend-Veranstaltung war. Ich ließ mich vom Sound zuhämmern, gab kaum ein Lebenszeichen von mir, wiegte nicht den Kopf, fuchtelte nicht mit den Armen, applaudierte dezent, kurz: Ich genoss auf stille Art beeindruckt den aggressiven Sound, das Dröhnen und Wummern in meinen alten ollen Ohren. Tja, Und seitdem höre ich regelmäßig Alben von ihr, wenn mir danach ist, mich vollzumucken. Dabei war ich hauptsächlich wegen Howe gekommen. So kann es kommen...

  • 9. Chemical Brothers - Block Rockin' Beat

    Wir standen an der Halte und warteten auf den Stadtbus. Kalte Lichter flirrten durch den Eiswind, vom Schneegestöber zerfieselt, Sternwerfern gleich winkten sie uns grell zu, tanzten um unsere Eisnasen, schmolzen kaum auf der Kleidung. Aber wir hatten ja unsere Heizung dabei. Marty setzte ab und ließ den eiskalten Wodka weiter kreisen, eine Literflasche für vier, es war nach 10 Uhr abends und wir angetrunken, fröhlich, eingepackt in dichte Klamotten, mehrlagig. Ich hatte die Ohrstöpsel drin und die Blocks rockten zum Beat der C-Bros. mit, stöbernd, hämmert, hallend. Zwei weitere Fahrgäste standen etwas abseits, wir waren zu laut, die Nacht finster bis auf das, was an Straßenlaternen vom Schneegestöber reflektiert wurde. Nur selten der Lichtkegel eines Scheinwerfers. Laura und Ricky umarmten sich, sie sahen aus wie sich begrüßende Eskimos, tatsächlich rieben sie jetzt die Nasen aneinander, eiskalte Nasen, ich spürte meine schon nicht mehr, nur den gefrieren wollenden Rotz, der mir herauslaufen wollte, aber vom hellen Eishauch weggetragen wurde. Ich sah ans Ende der nebligen Straße, kein Bus zu sehen, klar: Verspätung, wie auch anders, die Straßen dick mit Schnee bedeckt, kaum einer unterwegs. Dazu musste man irre sein oder die Kohle trieb einen. Marty grinste. Ich grinste auf Verdacht blöde zurück, aber er beschied mir mit einem Kopfheben zu Laura und Ricky zu gucken, und ich verdrehte schlagartig die Augen, denn Lauras Kopf war auf Höhe von Ricks Gürtel unter seinem Wintermantel verschwunden, nur ihre Schultern sahen darunter hervor, Schultern, die sich ein wenig wälzend bewegten, Himmel! Die beiden Fahrgäste sahen abwechselnd hin und wieder weg. Ich stand nur da und kriegte mich nicht wieder ein, konnte meinen Blick nicht von den beiden ziehen, war das möglich, waren sie bekloppt, war Laura außer breit auch noch stockbesoffen? Ricky, bewegungsunfähig, forderte mit fröhlichem Blick die Flasche Wodka, Marty zog sie mir wortlos aus der Hand und brachte sie ihm, Ricky trank, Laura machte genauso weiter, die beiden Fahrgäste glotzten doof, der Schnee stob, was der finstere Nachthimmel herabkotzen konnte. Eiseskältenblowjob. Brrr. "Wie kann sie nur?", entrüstete ich mich lautstark Marty gegenüber. Er nahm mir die Ohrhörer vom Kopf. Ich grinste. Schaltete auf Pause. "Warum kannst du so was mal nicht?", meinte er nur knapp. Typisch Marty, immer was an mir auszusetzen, immer in Angriffsstellung, immer auf der Lauer, mir zeigen zu wollen, dass ich als geile Schlampe allenfalls auf die mittleren Plätze kam. Na und, Marty? Na und? Du willst, dass ich dir im Schneegestöber einen blase? Gut. Kannste haben. Kannste haben... "Ist es das, wonach euch der Sinn steht? Ist das alles?", blaffte ich ihn an. "He, Kleines, sei nicht sauer, sie bläst ihm einen bei minus fuffzehn Grad, kein Grund, sich aufzuregen, sie befindet sich ja quasi in einem Separee!" Die eine von den wartenden Fahrgästen kam unschlüssig herbeigeschnürt, neugierig, unsicher, wie weit sie gehen konnte, durfte, traute sich nicht recht, blieb stehen, glotzte, wollte aber auch nichts verpassen, dieser emotional ausgetrocknete Eiszapfen. Dann endlich ihre Offensive: "Das geht aber nicht!", geiferte sie. "WAS geht nicht?", mischte ich mich auf der Stelle ein, sofort die Seite wechselnd, zwischen sie und Ricky und Laura tretend, so dass sie immer die Stellung wechseln musste, wenn sie die beiden sehen wollte. "Na: DAS DA!!!", griente sie fast und deutete über meine Schultern hinweg. "Wieso? Was tun die wohl? Sagen Sie mir, was sie TUN! Sagen Sie mir, was Sie DENKEN, dass die DA TUN!", giftete ich sie streitsüchtig an. Sie kam mir näher, traute sich aber nicht ganz ran, weil Marty zu mir getreten war und provokativ einen Schluck aus der Flasche nahm, ein langgezogenes "Aaaaauuurggh" rausrülpste, grimmig durch die Alte in die schneehelle Nacht stierte. Die Alte wollte Marty auf die Seite schieben, aber Marty hielt ihr grinsend die Wodkaflasche unter die Nase. "Hier! Nehmen sie einen Schluck...!", prostete er ihr zu. "Das macht locker!" Wir standen eine Minute so da. Die Alte, der der Mut fehlte, weiterzugehen, aus Angst davor, die Entdeckung zu machen, die sie aus Langeweile anfeindete. Der andere Fahrgast, der die Distanz wahrte. Marty mit der Pulle. Ich mit meinem Beschützerinstinkt, zu doof, Marty diesen Gefallen zu erweisen. Ricky und Laura unter dem Wartehäuschendach, in das es fette Flocken wehte. Unwirklich. Krass. Dann kam der Bus. Wie eine fette Schnecke kroch er heran, tauchte uns kurz in grellweißes Licht, stob zusätzlich Schnee auf, zischte die Tür auf und schluckte die beiden menschlichen Fremdkörper dieser Nacht, die sich erleichtert aus dem Staub machen konnten. "Wenn nicht so ein Wetter wäre...!", hinterließ die Alte noch, dann meinte der Busfahrer: "Rasch rein oder draußen bleiben!" "Wir nehmen die andere Tour, den 34er!", winkte ich ab und der Stadtbus machte sich wummernd wie ein Ufo davon. Ricky und Laura standen immer noch so, was ne Ausdauer. Marty sah mich fragend an. "Was denn? Hier draußen?", sagte ich unsicher. "Warum nicht? Es ist kein Mensch zu sehen. Die Nacht ist eiskalt, jetzt kommt keiner mehr vorbei, hier ist üble Vorstadt. Scheißwetter. Aber der Gedanke an deinen warmen Mund... he, Kleines, du bist in bester Gesellschaft!" Marty setzte eine bittende, sehnsüchtige Miene auf. Ich liebte ihn. Mehr als ich je einen Typen geliebt hatte. Ich setzte mir wieder meine Ohrhörer auf, drehte die Lautstärke hoch, drückte auf Play und die Chemical Brothers rockten mir mit ihrem Beat die Blocks durch den Schädel. Dann nahm ich Marty bei der Hand, warf Ricky einen um Verzeihung bittenden Blick zu (warum ausgerechnet ihm!?) und zog uns beide hinters durchsichtige (!?) Wartehäuschen, um seine Hose aufzuknöpfen. Als ich ihn eine Zeitlang (wie lang!?) im Mund hatte, trat Laura ums Eck, starrte Telleraugen und rief irgendwas verwundert. Back with another one of those block rockin' beats Offener Mund. Aus ihren Gesichtszügen zu schließen, etwas in der Art wie "He, Jenny, was machst du da!!??" Back with another one of those block rockin' beats Ich nahm den Beat vom Ohr, ließ ihn weiter an meine Halsschlagader drummen und hörte Marty gelassen entgegnen: "Reg dich nicht auf, Laura Kleines. Das gleiche, das IHR eben unterm Dach gemacht habt, sei bloß still!" Ricky kam nun auch ums Eck gewippt, voll breit, eine Kippe in seinem Mund qualmte in die Eisluft. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass Laura erst schrecklich dämlich guckte, dann schallend loslachte. "Ricky hat mir vorhin doch bloß ein wenig die Ohren gewärmt, nichts weiter, gar nichts weiter... Habt Ihr echt gedacht, dass...? IHR SPINNER!!!" * So hätte ich die Geschichte aus Lauras Sicht erzählt, wenn ich nicht besagter Marty gewesen wäre...

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  • 10. Calexico - The Black Light

    54 Ich las sie im Paradies auf. Dazwischen waren wir uns alles, was man sich sein kann, wenn man verliebt ist. Voll verpeilt. Alle beide. Grinsen in den Mundwinkeln. Fiebrige Erwartung auf der Fahrt aus dem Paradies in den Himmel 318. Wir standen voreinander, sahen uns das erste Mal tief in die Augen. Ich klappte behutsam ihre Flügel herunter und setzte sie vorsichtig auf dem einzigen Sessel ab. Fahles Licht strömte herein, ich brauchte es nicht, ich hatte ihr Sternenfeuer aus winzigen braunen Raketen, die aus dem schmalen Kranz ins Blau eines kleinen Kosmos flogen und mir leuchteten. Wir schälten uns gegenseitig behutsam aus unserem Gewand, Stück für Stück. Zitterten unsicher vor Aufregung. Ich hielt meine Nase an ihren Hals, ihre Schultern, ihren Bauch: Sie roch wundervoll. Haargenau wie ich, unglaublich. Hände tasteten, erkundeten. Wir hatten uns alles bereits gesagt, hatten uns einander versprochen, Tage, Wochen, Monate zuvor. Nun waren wir uns endlich all das, was uns hierher geführt hatte. Wie wir passten. Stundenlange Ewigkeit. Nur noch wir. Immer wieder wir. Zerwühlte Laken. Wir darin, keuchend. Kurz inne haltend vom uns Halten, dann wieder: in Vertraulichkeiten abtauchend. Wir zählten sie nicht, diese Gezeiten, aber wir wussten, das die Ewigkeit ein Ende kannte. Wir aber, wir kannten keines. Keine Hindernisse und keine Grenzen. Wir. Wir. Wir. Immer wieder: WIR! Am Ende waren die Stunden gezählt. Einen Spätnachmittag lang nahmen wir behutsam Abschied, verloren uns sachte loslassend, belangloses Zeug redend, Schaufenster begaffend, die Traurigkeit durch schmalen Schlund hinabschluckend. Eine Pasta. Espresso. Eine Schachtel Zigaretten. Schau mal, welch ein Gedöns da in der Auslage. Ich setzte sie wieder im Paradies ab. Ganz sorgfältig, damit keiner einen Schaden nahm. Ich half ihr beim Anlegen ihrer Flügel, die federleicht, gleichwohl so kräftig waren. Mit zugeschnürter Kehle sah ich sie ein letztes Mal wissend lächeln, dann war es mir, als sähe man einem Zug nach, der sich langsam in der Dunkelheit in Bewegung setzt und sich als grauer Lindwurm mit glühend roten Augen in die finstere Nacht verabschiedet. Am Himmel leuchtete - welch Farce, welch himmlische Einblendung: der Film war aus - plötzlich grellrot ein Werbespot auf, als sollten Engel da oben schleunigst Irdisches einkaufen kommen: INTERSHOP. Schnickschnack. Dann ist man allein. Plötzlich weiß man, alles Glück muss ein Finale finden. Steht da. Mit Händen so leer, so leer. Steigt Treppen. Überquert Straßen. Fasst sich ein Herz und das Steuer und braust seufzend in die Nacht. Während sich Schlieren vor einem entlang ziehen, hört man die Musik noch im Hinterkopf, wie sie Szene um Szene zurückholt und wach ruft. Auf dem Weg, der nur ein Ziel sein soll, dachte ich noch: Das nächste Mal setzen wir uns MP3-Player auf die Ohren und lassen uns mit dieser Mucke zudröhnen, während wir ineinander zerfließen. "In Ordnung?", murmele ich, bitter in die Nacht lächelnd. "In Ordnung...", hallt es leise aus dem Paradies. Wie viele Jahre ist es schon her? Wenn ich allein und traurig und voller Sehnsucht bin, höre ich die Musik aus diesen Tagen: Calexico. Meine Sehnsucht absentiert sich dadurch zwar nicht, der Lindwurm mit den glühend roten Lichtern starrt mich an und ihr Lächeln gräbt schwere Furchen in mir drin, die mich nach unten ziehen wollen, aber die Traurigkeit findet ein Ziel, das ich halten kann, geschlossener Augen, wacher Sinne, die in mich hinein lauschen. Dieser Sound, der einem dahinstampfendem Zug gleicht, ist ein Weg dahin, er wummert und trägt und lässt mich ihr ein bisschen nahe sein. Denn ich habe verstanden, dass man Engel nur festhalten kann, wenn man sie fliegen lässt. Nun tragen wir die Liebe im Herzen. Du dort oben, ich hier unten. Ein kleiner Fleck nur, aber er leuchtet: Den Glanz eines auseinander stiebenden funkelnden Feuerwerks, das in die Weite der blauen Unendlichkeit fliegt. "Ich liebe dich!" "Ich weiß." Auf ewig? Auf ewig.

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