Soundtrack meines Lebens

  • 1. Dire Straits - Tunnel Of Love

    Wenn man einen zwei Jahre älteren Bruder hat, kommt irgendwann unweigerlich der Moment, wo er in den Sommerferien mit seinen Kumpels loszieht, anstatt brav den Familienurlaub mitzumachen. Zum ersten mal war ich im Sommer 1990 also allein mit meinen Eltern unterwegs – ausgerechnet in die Schweiz. Um dem sicheren Tod aufgrund von Langeweile zu entgehen, packte ich meinen Walkman ein und eine Kassette mit dem Best Of-Album der Dire Straits. Vielleicht hätte mir damals schon auffallen müssen, dass eine einzige Kassette für zwei Wochen nicht genug ist. Aber egal. Während der folgenden 14 Tage hörte ich also immer wieder und wieder dieselben Songs mit Mark Knopflers sympathischem Nuscheln, wobei sich aus nicht hinreichend geklärten Gründen „Tunnel of Love“ besonders hartnäckig in meinem Gehirn festsetzte. Ich kann ruhigen Gewissens behaupten, dass die damaligen Ferien die schrecklichsten meines Lebens waren, was vielleicht erklärt, wieso ich so gut wie keine Erinnerungen mehr daran habe. Aber bis heute muss ich, wenn der Song irgendwo ertönt, unwillkürlich an die Schweiz denken. Dass der Titel einem Gerücht zufolge eine Umschreibung für Analverkehr sein soll, macht es nicht besser.

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  • 2. W.A.S.P. - I Wanna Be Somebody

    Mit neunzehn Jahren tut man Dinge, die einem später vielleicht peinlich sind. Aber egal, was getan werden muss, muss getan werden. Und damals schien es eine echt großartige Idee zu sein: Auf der Abi-Fahrt nach Dänemark saß man damals in schöner Abendstimmung beieinander, trank ein paar Bier, hörte ein bisschen Musik, trank noch ein paar Bier, hörte noch etwas lauter Musik, und irgendwann fanden wir uns wild im Kreis rennend wieder, das T-Shirt vom Oberkörper gerissen und lautstark skandierend: „I wanna be somebody, be somebody too!“ Sehr geil! Die benachbarten Urlauber – allesamt nette Familien in den Dreißigern – waren zwar etwas verstört ob unserer Darbietung, aber ehrlich gesagt nahm ich meine Umgebung zu dem Zeitpunkt nur noch schemenhaft wahr. Falls jemand das nachmachen möchte (was ich nur empfehlen kann): Die Version vom „Live ... in The RAW“-Album knallt besonders! Funktioniert übrigens nur mit Dosenbier.

  • 3. Michael Monroe - Dead, Jail Or Rock 'n' Roll

    Wenn es jemals einen Moment in meinem Leben gab, wo mir die Bedeutung des Begriffs „Rock ´n´ Roll“ verdeutlicht wurde, in Bild und Ton, dann war es dieser Abend im Juni des Jahres 1992, an dem ich das Video zu Mike Monroes „Dead, Jail or Rock ´n´ Roll“ auf MTV sah. Klar, Rockmusik hatte ich vorher schon gehört. Bon Jovi waren zu der Zeit gerade mit „Keep the Faith“ in den Charts – für einen Fünfzehnjährigen wie mich damals richtig harter Stoff. Aber das hier war etwas anderes. Das hier war ein völlig neben der Spur laufender Freak mit hochtoupierten Haaren, zentimeterdicker Schminke im Gesicht und der räudigsten Rockröhre seit Bon Scott, der vom Rock ´n´ Roll sang und Mundharmonika spielte, als ginge es um sein leben (wie der Titel schon sagte). Das war eine Offenbarung. Da in der dösigen Kleinstadt, in der ich aufwuchs, die Chancen besser standen, vom Blitz erschlagen zu werden, als eine CD von Michael Monroe zu finden, musste ich mein Suchgebiet ausweiten. Ein paar Wochen später ratterte ich also mit dem Schülerferienticket nach Hamburg, rannte durch die verwinkelten Gänge des damaligen WOM und fand – nichts. Kein Michael Monroe. Nachdem ich die halbe Stadt umgekrempelt hatte, wollte ich schon aufgeben und tigerte lustlos durch die eher biedere Musik-Abteilung von Karstadt, als ich praktisch über das Album stolperte. Ich weiß nicht, wie ich die anschließende zweistündige Zugfahrt zurück nach Hause überstand. Neben „Dead, Jail ...“ noch neun weitere Songs für die Ewigkeit – alle grandios, alle mitreißend und einfach arschgeil (selbst das etwas schwächelnde „Thrill Me“). Seit fast 15 Jahren werde ich nicht müde, das Album in einem Stück durchzuhören. Und Mike wird seitdem jeden Abend mit ins Gebet eingeschlossen. Nur das Video habe ich nie wieder auf MTV gesehen.

  • 4. Eva Cassidy - I Wandered By A Brookside

    Sommer 2003: Mein Kumpel Jan hat ein Stipendium ergattert und lebt und studiert seit bereits eineinhalb Jahren auf Hawaii. Die Sau. Aber wohl dem, der einen Bruder bei der Lufthansa hat. Für wenig Omme werde ich mal eben auf die andere Seite der Welt geflogen, kann mich für vierzehn Tage bei Jan einnisten und unter Palmen fläzen. Gerade richtig zum Studienabschluss. Eines Abends: Wir sitzen auf Jans Veranda und lassen einen runden Tag ausklingen, süffeln zugegebenermaßen leicht wässriges „Miller´s“, schauen über die Ausläufer Honolulus hinab aufs Meer und tun das, was man neudeutsch wohl „chillen“ nennen würde. Und dann ertönt diese zauberhafte Musik, diese zarte Gitarre mit einer beruhigenden Melodie – und über allem diese glockenhelle Stimme. Ich sinke tiefer in meinen Sessel, das Bier wird zweitrangig. Alles scheint plötzlich zu verschmelzen: Wind, Meeresrauschen, die Lichter, Musik. Untrennbar verbunden, als zeige das Universum mit einem Mal, was es so alles zu bieten hat, wenn es nur will. Nach weniger als drei Minuten ist der Traum vorbei und ich schlingere langsam ins Normalbewusstsein zurück. Ein beherzter Schluck Bier, dann drücke ich die „Repeat“-Taste des CD-Players. Nochmal bitte.

  • 5. Pink Floyd - Wish you were here

    Auf Skireise, während die Sonne am frühen Abend als glutroter Ball zwischen grau-weiß marmorierten Berghängen versank, schob mir ein Freund im Bus die CD rüber: „Delicate Sound Of Thunder“, das 88er Live-Album von Pink Floyd. Den Namen der Band hatte ich schon gehört, aber ihre Musik noch nie. „Wish You Were Here“ entfaltete auf den bläulichen, unberührten Schneewehen der kargen Landschaft seine ganze Magie. Ich saß nicht mehr im rumpelnden Bus, ich schwebte durch die Alpen, getragen von dieser märchenhaften Melodie und Dave Gilmours angenehmen Timbre. Ich werde selten nostalgisch, aber dieser Moment, diese knapp fünf Minuten, waren ein echtes Geschenk. Danach verkam „Wish You Were Here“ mit jedem erneuten Hören leider immer mehr zu einem stinknormalen Hit, einem überragendem zwar, aber dennoch nur ein Stück Musik. Die Strukturen derartiger Werke zu durchschauen, nimmt ihnen etwas von ihrer mysteriösen Ästhetik. Trotzdem: Jedes Mal wieder ein Genuss. Danke Dave, danke Roger.

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