Soundtrack meines Lebens

  • 1. Liquido - Narcotic

    "FUCK! Höfi, das war knapp!" Tilman, der Gitarrist, schrie Höfi, den Bassisten, an. Höfi saß am Steuer, weil er als einziger von uns den Gig ohne Alk überstanden hatte. Dass er deshalb die beste Wahl als Fahrer war, ist damit nicht gesagt. Im Grunde entgingen wir im dichten Nebel auf der Autobahn nur knapp einigen Crashs und so beschlossen wir, Tilman solle besser fahren. Der hatte zwar fünf Bier intus, aber dafür Fahrtalent. Also abgebogen auf nen Rastplatz und erst mal MILA, den Drummer, rausgeschmissen. Der grölte und prügelte auf dem Rücksitz schon länger vor sich hin und auf Tilman ein. Der Besitzer der Kneipe hatte uns um unsere Gage bescheißen wollen und wäre Tilman nicht dazwischen gegangen, hätte MILA den Arsch mit dem Hi-Hat aufgespießt. Als so raus mit dem aggressiven Schwein. Prompt ging unser geliebter Rockstar mit Anlauf und Sprungkick auf einen geparkten Wohnwagen los, in dem anschließend sofort die Lichter verloschen. Wir feuerten ihn mit lautem Geheul an und köpften noch einige Biere. "Woah, Leute!" schrie Tilman da plötzlich und kletterte zurück ins Auto. "Jetzt kommt der Hit!" MILA kehrte wild schattenboxend vom Wohnwagen zurück und zeterte lautstark, als sein geliebtes Oasis-Tape aus dem Autofenster und haarscharf an seinem Kopf vorbei auf den Asphalt flog. Es klackte, man hörte das Leerlauf-Rauschen der Verstärker im Jetta und dann fingen poppige Keyboard-Klänge an zu spielen. "Wasn das?" schrie MILA. "Perfido oder so", antwortete Tilman, "war aufm letzten Visions-Sampler druff." MILA wollte noch was antworten, aber da bretterten auch schon saftige Gitarrenbreitseiten über das Keyboard, Höfi und ich schrien synchron "WOW!" und Tilman fing an zu hüpfen. Höfi und ich hüpften mit und MILA pogte in uns rein. Der Nebel wallte über den Rastplatz und einen ganzen Song lang pogten wir zwischen unserem Auto und dem Wohnwagen mit den Dellen herum. Dann war der Song aus und Tilman musste ihn noch mal zurückspulen. Und noch mal. Und noch mal. Nach dem fünften Mal konnten wir dann alle den Namen der Band richtig sagen und beim sechsten Mal den Text schon mitsingen. Und selbst dass ein paar Monate später alle Kaufhauskiddies den Song auch kannten, konnte nicht verhindern, dass ich ihn immer noch cool finde.

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  • 2. New Model Army - Living In The Rose

    Es war der Fahnenabend. Brian trug eine Deutschlandfahe als Toga, Frank eine Neuseelandfahne als Lendenschurz und ich eine Sowjetfahne als Cape. Sonst waren wir nackt. Aber es war finster Nacht und niemand sah uns, außer den paar Dutzend Kiddies, die auch im Lindauer Lindenhofpark waren und sich brav um einige Lagerfeuer gruppierten. Frank und Brian terrorisierten gerade einige Styler mit ihren Geschlechtsteilen, als ich mich abseilte. Mir war nicht nach Terror. Die Flasche Martini gemischt mit der Flasche Apfelkorn war nicht so ganz mein Wohlfühldrink gewesen und so ließ ich mich rückwärts auf den Boden plumpsen. Über mir die Sterne, in meinem Bauch die Frage, wie lange das noch so weiter gehen soll mit den Exzessen. Und in meinem Mund ein Lied. "In the thick black night/ we can lie in the grass/ gaze at the skies and watch the sattelites pass/ a thousand million years/ before we crash in the sun, still we will be/ here in her arms." Na ja, wenn man grad keine Freundin hat, ist es doch beruhigend, wenigstens die Erde als Geliebte zu haben. Und seit diesem Abend fühle ich mehr als tote Materie unter mir, wenn ich irgendwo liege. Ich fühle einen lebenden Körper, der sich an mich schmiegt. Szenenwechsel, raus aus dem Trübsal, weg von den NERD-Gedanken. Hin zu wirklich gutem Sex mit einer wirklich schönen Frau. Aber zuvor: Romantischer Abend in der Pizzeria, zu viel Rotwein und dann einen warmen Körper schwankend durch die Nacht tragen, weil ich zwar noch schwanken, sie aber nicht mehr gehen kann oder will. Ich schaffe es keuchend bis zum Wehr an der Altmühl. Da falle ich hin, wir kullern übereinander und eins führt zum anderen. Es ist schön, es ist verschmelzen und es dauert ewig. Als sie schließlich erschöpft auf mir liegt, sehe ich die Sterne und fühle ihre Wärme. In meinem Mund ist ein Lied. "Well the lovers they kiss/ and slowly they turn/ for drawing a breath/ there is nothing but time/ a thousand million miles/ the earth she will turn/ still we will be/ here in her arms." Justin Sullivan ist ein verdammter Poet. Und alle "Coldplay"-Fans sollten erst mal die Klappe halten und New Model Army Texte lesen, bevor sie ähnliches über diese jammernden Popbubis behaupten.

  • 3. Five Iron Frenzy - Cool Enough For You

    Oh Mann, wie ist es uncool seine Jugend in der Jugendgruppe einer freien Christengemeinde zu fristen. Na ja, irgendwann hatte ich trotzdem ein paar Freunde gefunden, bin herumgereist und hatte immer nen Kasi mit nem Tape dabei. Und überall war dieser Song drauf. Christliche Ska-Band. Schöner, beschwingter Ska. So auch an jenem Sommerabend. Geiles Wetter, Lindau glüht. Links neben mir Atze, rechts neben mir Bob. In meiner Hand schwingt ein Kasi. Um meinen Hals ein Neonkreuz, das stets ein dankbares Ziel des Spottes meiner Freunde ist. Aus dem Kasi tröten die ersten Töne von "Cool enough for you". Dann die alberne einzelne Trompete. Atze und Bob lachen laut los. "Wasn das?" fragt Bob. "Five Iron Frenzy", sage ich. "Ah, mal wieder so ne Christenband, was?" sagt Bob verächtlich. Na ja. Was soll man machen. Ich singe den Refrain mit. "I´ve got a peaceful feeling, I don´t want to fight no more" Atze kickt einen Mülleimer um. Ein Rentner schimpft. "I´ve got a peaceful feeling. I don´t care, if you´re punk or ska or hardcore." Bob schüttelt seine Mähne und prustet verächtlich über ein paar Kiddies mit Tote Hosen-Shirts. Das beleidigt seinen Indepentent-Geschmack. "My assurance comes from god, it´s nothing new. We never care, cause we´re never cool enough for you." Jepp. Coolness ist ein hartes Brot, leichter geht es ohne. Also: völlig egal, dass wir aggressive, intolerante und fanatische Schweine sind...die Sonne scheint, die Welt ist schön, so lasst uns rocken. Und Styler verprügeln. Natürlich nur mit Worten.

  • 4. Nick Cave - Wonderful Life

    Es war Herbst und es gab gute wie schlechte Nachrichten. Die guten Nachrichten: Ich war endlich aus diesem stadtgewordenen Exkrementehaufen namens Berlin zurück, hatte mein unbezahltes Praktikum beendet und konnte wieder frische Luft atmen. Die schlechten Nachrichten: Meine Freundin hatte mit mir Schluß gemacht, ich hatte nur eine Woche um mich auf mein Auslandssemester vorzubereiten und ich war eindeutig zu fett geworden. Im Grunde schwankte ich also in Melancholie badend zwischen Freude und Depression. Doch wenigstens dem "zu fett sein" konnte und musste abgeholfen werden. Also lieh ich mir bei Jonas, den ich damals noch nicht näher kannte und folgerichtig für einen verlausten Penner hielt, ein Fahrrad. Denn Jonas arbeitete in einem Fahrradverleih. Später wurden wir Kollegen, aber das ist eine andere Geschichte. Ich setzte mich auf das Fahrrad, merkte, dass mein Arsch schon lange keinen Sattel mehr gespürt hatte und legte eine CD in meinen Player. Die Sonne knallte auf goldene Felder, auf denen irgendwelche Penner irgendwelches Kraut anbauten. Ein sanfter Wind strich durchs Altmühltal und über mein Haar. In meinen Ohren tönte ein tiefer Bass. Come here babe / across this purple fields... Na ja, purple waren sie nicht, aber trotzdem passte ab diesem Moment einfach alles. Jedes Stück Melodie, und jedes Wort des Textes. Ja sogar die Textstelle That idiot boy in the corner/ is speaking deviated truth... konnte ich auf den kleinen Schwachkopf in mir beziehen, der immer noch meiner Ex nachweinte. Es ist selten, dass ein Lied und ein Moment so gut zusammenpassen. Denn schließlich hat der Künstler das Lied in einem ganz anderen Moment komponiert und dabei wohl sicher nicht an das Altmühltal gedacht. Und dennoch schlägt der Rhytmus des Liedes in dem meines Herzens, die Basslinie ist der Herbstwind, das Klavier die wogenden Felder und Nick Caves tiefer Bass ist die orangene Septembersonne. Und wenn er ganz zum Schluss anfängt, nicht mehr "It´s a wonderful life", sondern "It´s a wonderful lie" zu singen, dann kann man einfach nur noch bis tief in die Seele grinsen und der verlogenen Sonne beim Untergehen zusehen. Auch wenn man dabei vom Weg abkommt und in der Altmühl landet. So wie ich.

  • 5. Creme de la creme - Titten

    Der Winter geht. Sonne, Pollenflug und Asthmahusten kommen. Und spätestens Ende März macht man sich Sorgen, weil der Song des vergangenen Sommers einfach nicht der Song dieses Sommers sein kann. Da ist es gut, wenn man acht Jahre jüngere Freunde hat, die einen ähnlich gestörten Musikgeschmack wie man selbst ihr eigen nennen. Ich sitze auf meiner Terasse, blinzle in die Sonne und verbrauche eine Hunderterpackung Taschentücher, sowie eine Pillendose Antihystamine. In meiner Hand drehe ich die CD, die Phil mir letzte Woche gebrannt hat. Sie ist knallgrün und mit wasserfestem blauen Stift beschriftet. "Fuck the summer" steht drauf. Daneben sind einige undefinierbare Flecken, von denen ich gar nicht erst wissen will, aus was sie bestehen. Phil kann manchmal ein ganz schön ekelhafter kleiner Proll sein. Ich lege die CD in den Player, drücke "Start" und lausche dem infantilsten Gute-Laune-Song, den ich seit Fischmob-Zeiten (Hasch un Rock) gehört habe. Wie ein fröhliches Kaninchen hüpft der Refrain in meinem Kopf und ich muss sehr breit grinsen, als ich mir überlege, wie viele Nussknacker (= Menschen, die jederzeit eine Nuss zwischen ihren Pobacken knacken könnten) ich damit wohl diesen Sommer schocken werde. Der erste Nussknacker kommt bereits eine Woche später. Er heißt Atze, ist mein ältester Freund, war früher Aggropunk und ist heute Offizier beim Bund. So was bringt Verantwortung mit sich. Unnötig zu sagen, dass er immer einiges durchmachen muss, wenn er mich besuchen kommt. Nach seiner Ankunft reiche ich ihm eine Flasche Bier, wir setzen uns auf die Terasse in die Sonne und stoßen an. Nebenan haben sich drei Blondinen auf ihre Terassen gesetzt, Atze wirft begierige Blicke hinüber und erntet so manches Lächeln. Zeit für die Fernbedienung. "Ich mag die Körper der Fraun und vor allem ihre Brüste..." Atze prustet sein Bier über meine Terasse, windet sich, wird immer kleiner in seinem Stuhl, schaut demonstrativ weg von den hübschen Blondinen, während ich Katja, Bärbel und Dani zuproste. Sie lachen und nicken im beat mit... "Titten, Titten, tierisch geile Titten/ wie oft hab ich schon wegen Titten gelitten." Atze ist inzwischen rot wie ein Feuermelder und verschwindet in der Wohnung. Ich grinse und bin stolz auf mich. Große Lyrik ist das nicht. Dafür aber großer Spaß.

  • 6. Fischmob - Fick mein Gehirn

    Es war die große Zeit des Wochenendtickets. Fünf Penner konnten für 15 Mark überall hinfahren wo sie wollten. Wir hatten das im Jahr vorher schon voll ausgenutzt, doch nun hatte das neue Jahr begonnen. Bob hatte vorgeschlagen, wir könnten doch nach Köln zum "Jeisterzuch" fahren, einem alternativen Faschingsumzug. Wir hassten Fasching. Aber wir liebten Ärger. Also nichts wie los. In Köln trafen wir das alte Hinkebein Mulker und zündeten ihm erst mal die Haare an. Ein Riesenspaß. Anschließend führte er uns inmitten des Jeisterzuchs, in dem alternative Jecken johlten und wir uns hemmungslos betranken. Plötzlich waren wir ganz allein auf der Straße. Denn alle waren in die U-Bahn geflüchtet. Also nichts wie hinterher. Die U-Bahn war proppevoll. Plötzlich hatte irgendeiner die grandiose Idee anzufangen "Wir wollen hüpfen, hüpfen, hüpfen..." zu skandieren. Und so hüpfte die U-Bahn. So stark, dass sie irgendwann mitten im Tunnel stehenblieb und ein verärgerter Fahrer durch die Lautsprecher quäkte. Schade, dass ihn niemand verstand. Denn genau in diesem Moment fing Bob an zu singen: "Ich bin deine Nutte/ und du mein kleiner Nimmersatt" Und, Wunder über Wunder! Die komplette U-Bahn grölte den kompletten Text mit! So viel hervorragender Musikgeschmack trieb uns Tränen in die Augen. Und ich glaube nicht, dass ich jemals einen schöneren Partymoment hatte als damals: Wir waren eingepfercht wie die Ölsardinen, die U-Bahn fuhr wieder an, ich hüpfte, weil man hüpfen musste, und aus hundert Kehlen dröhnte dieser Welt ein Hammerrefrain in die Ohren: "Fick, fick, fick mein Gehirn..." Dass es so etwas schönes noch gibt...

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  • 7. Therapy? - Brainsaw

    Schon mal ein Silvester verschlafen? Schon mal DAS Silvester verschlafen? Das Millennium? Wenn nicht: Pech gehabt. Die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder. Ich jedoch habs geschafft. Was war passiert? Ohne zu sehr in die Details gehen zu wollen: Die Liebe meines Lebens hatte mir nach sechsmonatiger Beziehung gesteckt, dass sie eigentlich seit drei Jahren mit nem anderen Typen zusammen war und den jetzt wieder gern exklusiv hätte. Man mag das verstehen, man mag das verurteilen, aber ich steckte seitdem bis zum Hals in Selbstmitleid. Seit Weichnachten fing ich jeden Tag um vier Uhr Nachmittag an zu trinken und dabei in voller Lautstärke nur einen Song immer und immer wieder zu hören. "Judas, Judas, I thought you were my friend." Ja, es ist leicht einen anderen zu verurteilen. Und nie tat es besser, Wut und Verzweiflung von einer Horde irischer Tunichtgute herausgebrüllt zu hören. "I´m in hell and I´m alone." so sangen sie. Das stimmte natürlich nicht so ganz. Therapy? waren ja bei mir. Und nachdem ich an jenem Silvester so gegen 9 eingeschlafen war, gings mir auch besser. An Neujahr fing ich dann immerhin erst um 5 an zu trinken.

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