Soundtrack meines Lebens

  • 1. Johnny Cash - Hurt

    Bei Musik bin ich eigen. Ich höre sie ständig. Mittlewerweile gehören zu meinen Abspielmöglichkeiten ein Grammophon, Tape-Deck, Plattenspieler, CD-Player, MP3-Player, Mini-Sampler, DVD, Video und alle Sachen, auf denen ich Rhytmen klopfen kann. Auch Singen zählt. Allerdings tue ich das nur im Auto, wenn kein anderer zuhört. Wenn ich alle aufgezeichneten Songs zusammen zähle, dürfte wohl ungefähr ein Jahr kontinuierlicher Sound zusammenkommen. Radio höre ich selten, dafür lese ich viel über Musik, schreibe dann und wann Plattenrezensionen. Auch gehe ich gerne und oft in Konzerte. Ich bin offen gegenüber Empfehlungen, finde meine Lieblingssongs aber lieber selbst. Umso erstaunter war ich, als ausgerechnet mein Nachbar, der einen eher kruden Mix von Metal, Rockabilly und HipHop hört, mir einen Song vorstellte, der mich aus den Schuhen hämmerte. "Hurt" von Johny Cash - eigentlich eine Coverversion von einem Nine Inch Nails Track – ist ein Song wie aus Stein gemeisselt. Ich habe ihn im dazugehörigen Video gesehen. Johnny, der alte Mann resümiert und beschreibt das Lebensfazit eines Abhängigen. Wie Cash das Thema Resignation und Schmerz in seiner Version auf den Punkt bringt, ist unglaublich intensiv. Im Video sieht man ihn in seinem Haus. Sein Leben zieht ihn massiven Bildern an ihm vorbei. Elegie, Pathos und schmerzerfüllter Rückblick prägen das Lied. Obwohl gerade diese Prädikate in meinen Leben eine untergeordnete Rolle spielen, hat mich das echt umgehauen. Es gab Tage, da habe ich das Lied auf Repeat durchlaufen lassen. Was mich dazu brachte, fest zu stellen, dass man kein unglücklicher Mensch zu sein braucht, um traurige Lieder zu schätzen.

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  • 2. Memphis - The Second Summer

    Irgendwo in der Provinz Ontario in Kanada. Ich gehe in den Plattenladen, frage, was es denn wohl an wirklich guter Musik aus dem Lande gibt. Der Verkäufer gibt mir die CD "I Dreamed We Fell Apart" von Memphis. Gleich der erste Song "The Second Summer" rauscht angenehm flockig herein. Meine Erinnerung an diesen Song: In einem Station Wagon endlose Landstraßen durch die Wildnis fahren. Sehr entspannt.

  • 3. The Peddlers - On A Clear Day You Can See Forever

    Gute Songs finden sich. The Peddlers zum Beispiel auf einer "Late Night Tales"-Compilation von Belle & Sebastian. Eine echte Crooner Perle. Schließe ich die Augen, fährt das Verdeck eines 60er Cadillacs auf. Die Palmen an irgendeinem Strand ziehen vorbei. Und die Dame mit dem Halstuch, der großen Sonnenbrille und dem verliebten Lächeln haucht mir einen Kuss an diese eine besondere Stelle hinter dem Ohr. Ich summe "On A Clear Day You Can See Forever". Das perfekte Leben.

  • 4. Portastatic - Lively Chase

    Ein Arbeitskollege reicht mir seinen Indie-Mix rein. Alles okayer, fairer Kram. Nix reisst mich wirklich, bis plötzlich Portastatic aus den Boxen marschieren. Darf man Oboen, einen lässige Schlenkergitarre so soundtrackmäßig schwingend verbraten? Well, wahrscheinlich nur, wenn man aus Chapel Hill, North Carolina kommt. Sehr gelungen. Ein hervorragender echter Flow, der meinen iTunes-Zähler seither in die Hunderte schnellen lässt.

  • 5. Nouvelle Vague - In A Manner Of Speaking (Tuxedomoon)

    Nouvelle Vague gehören in eine Reihe von Coverbands, die den nachgespielten Originalen ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken. Als ich den Schmachter „In a Manner of Speaking“ das erste Mal höre, kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, das er ehemals von den eher kaltherzig daherkommenden Avantgarde-Muckern von Tuxedomoon kommen soll. Aber auch hier ist's plötzlich egal, da die Sängerin Camille sowieso ihren eigenen Song draus macht. Und das Stück wandert natürlich sofort in die ewige Liste der traurigen (aber guten) Perlen.

  • 6. Jocelyn Pook - Masked Ball [1999 Extended Mix]

    Ich arbeite an einer CD-Compilation, die sich mit Filmmusik befasst. Alle Verdächtigen sind dabei: Nyman, Glass, Taverner. Armstrong, Yared... Den Vogel schießt Jocelyn Pook ab. Dichte, arabisch anmutende Musik, vereinzelte Streicher, eine Stimme, die einem Muezzin gleich in einen düsteren Abend hinein zu singen scheint. Kehlig. Einsam. Tragisch. Der Track wurde für den Stanley Kubriks „Eyes Wide Shut“ verwendet. Hammer Stück. Nehme ich mir immer zur Brust, wenn ich mich aus der Neuzeit in eine Art mittelalterlicher Trance versetzen will.

  • 7. Epic45 - The stars in spring

    London Jahreswechsel 2007/2008. Unerschütterlich gutes Wetter. Die Stadt zeigt sich für mich und meine Liebste von ihrer schönsten Seite und ich habe auch noch Geburtstag. Meinem Reisehobby folgend habe ich am Airport noch irgendeine Musikzeitschrift mit drauf geklebter CD gekauft. Als letztes Lied versüßen Epic 45 mit ihrem freischwebenden instrumentalen 4-Minüter den Nachmittag und werden prompt auf „repeat“ geschaltet. Musik ist Klebstoff für Erinnerungen. Dieser hier heisst London.

  • 8. Everything But The Girl - Walking Wounded [Dave Wallace Remix]

    Ende der 90er. Ich bin geschieden, sortiere alles um mich herum neu, verabschiede mich von alten Hörgewohnheiten, lasse die Bewährtes hinter mir und stürze mich in die elektronisch geschmiedete Neuzeit. Und plötzlich stehen sie da. Meine elegischen alten Kumpels von Everything But The Girl. Ben Watt, der sich gerade von einer tödlichen Krankheit erholt hat und Tracey Thorn, die bestimmt auch einige Liter Tränen über vergangene Beziehungen verheult hat. Und siehe da: Auch sie haben sich gehäutet. Und spielen ihren Soundtrack zur modernen Schwermut mit der selben Kraft wie ehedem auf ihren Akustikgitarren. Als sich auch noch Dave Wallace ihres „Walking Wounded“-Tracks annimmt, bin ich versöhnt und weiß: Es geht weiter.

  • 9. The Anubian Lights - Smoke And Mirrors

    Anfang 2000. Ich arbeite als Musikredakteur für ein Online-Magazin. Im Promo-Sack die neue von den Anubian Lights. Die sollen angeblich aus Gründungsmitgliedern von Steely Dan bestehen. Ist mir aber egal, weil ich „Smoke and Mirrors“ sofort als echte Big Beat Dampfmaschine entdecke und seither keine Party ohne den Song auskommen lasse. Was aus Steely Dan oder den Anubian Lights geworden ist, kann mir egal sein. Das Lied kommt gut.

  • 10. Tegan and Sara - Walking with a Ghost

    Süß. Die Musik der beiden kanadischen Zwillinge lerne ich während eines Kanada-Aufenthalts kennen. Ihr unprätenziöser Mädel-Rock dreht sich um sich selbst. Und auch wenn es eigentlich immer um eine Art von Herzschmerz geht, rocken sie einfach prall nach vorne los. Beim Konzert in der Hamburger Fabrik versuchen sich die beiden als Entertainer und fordern das Publikum auf, ihnen ein paar Brocken Deutsch beizubringen. Es endet damit, dass sie diesen Song singen und das englische „Ghost“ in Deutsch als Ending einfügen. Man amüsiert sich prächtig und singt „Walking with a Geist“. Seither. Immer.

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