Soundtrack meines Lebens

  • 1. Icehouse - Hey Little Girl

    es war eine aufregende zeit damals. zwei jahre zuvor hatten wir noch im beschaulichen beamtenstädtchen bonn gewohnt. ich hatte mich gerade gut eingelebt und dann - vollkommend überraschend - kommt mein vater mit der nachricht, er wird nach thessaloniki (griechenland) versetzt. ich streube mich mit händen und füßen, will nicht wieder irgendwo neu anfangen müssen, beknie ihn die versetzung abzulehnen, bitte und bettele. doch es hilft alles nichts. die alternative ist: entweder internat oder mitkommen. so entschließe ich mich zähneknirschend gegen das internat, steige in den flieger und lande im licht. es ist ein schöner sommerabend, die letzten sonnenstrahlen verlieren sich in der weite des horizonts, der duft des meeres umschwirrt meine nase und unzählige bunte lampen machen aus der uferpromenade eine endlos lange bunte lichterkette. ich fange an, die mediterrane unbeschwertheit zu genießen, lebe mich schnell ein, lerne rasch die ersten sprachbrocken, verliebe mich heftig in dieses wunderschöne land, lerne immer mehr nette griechen kennen und entdecke mit ihnen die aufregende millionenstadt thessaloniki. und eines abends - ich lebe mittlerweile mehr als zwei jahre in hellas, bin reife 16, spüre die wucht der pubertät in jeder pore meines körpers - steht sie plötzlich vor mir! ein schlankes großgebautes mädchen mit braunen haaren und großen, wunderschönen augen. sie lächelt mich an und ich.....halte ihrem blick nicht stand, blicke verschämt in die andere richtung, nehme mir vor sie gleich am nächsten tag anzusprechen. und tatsächlich, sie ist wieder da. und wieder wird mir eng ums herz, ich starre sie an und drehe mich gleich wieder weg sobald ihr blick auch nur in meine richtung geht. mein kopf ist plötzlich leer, alles was ich sagen will, kommt mir nur noch banal vor. ich denke an meine pickel, an mein nicht perfektes griechisch, an das hämmern meines herzens. all das muss sie doch abschrecken. und so vergehen die tage. kostas, einer meiner freunde, merkt zuerst wie mir zumute ist. er versteht meine angst zwar nicht, bietet sich aber an, diskret nachzufragen, wie sie mich findet - meine angebetete. endlose minuten vergehen, in denen mein magen mich fast zerreißt. ich sitze vor dem café, zittere und warte auf mein urteil. und dann.....das fallbeil: sie findet mich zu schüchtern, hat sich mittlerweile in einen anderen typen verliebt. ich sitze da, äußerlich fast regungslos, sehe nur noch einen grauen schleier, bin betäubt, fühle mich innerlich ausgebrannt, weiß nicht mehr, wie es weiter gehen soll. und dann eines abends, ich liege in meinem zimmer auf dem bett, will nur noch alleine sein, spielen sie im radio "hey little girl". zuerst sind es nur textfragmente, die zu mir durchdringen, "....when everything goes wrong, sometimes it makes no sense" ... "although you may try it won't come your way again, hey little girl". ich höre den song wieder und wieder, jedes wort trifft wie ein pfeil, jeder ton ist wie ein gipsabdruck meiner lähmenden trauer. in den nächsten tagen und wochen müssen cassette, rekorder (und meine eltern) schwer leiden, ich spule das band wieder und wieder zurück, ergieße mich in traurige gedanken an das "little girl" - obwohl ich weiß, dass ich der little boy bin - und führe zwiegespräche mit dem ungerechten gott. viele jahre später lese ich "auf der suche nach der verlorenen zeit" von marcel proust und denke an den romanhelden, bei dem düfte erinnerungen an die kindheit wecken. und tatsächlich, das wunder der wiedererweckung von gefühlen und erinnerungen durch sinnliche wahrnehmung funktioniert. noch heute überkommt mich melancholie und sehe ich die schönen augen meiner angebeteten, wenn ich diesen song höre. mittlerweile habe ich viele freundinnen gehabt, habe gelernt, dass die von mir verehrten prinzessinnen auch nur aus fleisch und blut sind und dennoch bleibt die angst vor den allerersten worten. sind die nicht zu banal, ist liebe nicht viel zu heilig, um sich mit einem "na du, wie gehts?" zu begegnen? der zauber des kennenlernens, des verliebtseins, des bangen hoffens...er wird nie vergehen!

  • 2. Munir Bashir - Flamenco Roots

    es gibt momente im leben, da möchte man alleine sein, über sich und das leben nachdenken, philosophieren, was die welt im innersten zusammen hält. in diese stille hinein stößt der berühmte irakische oud-spieler munir bashir. die arabische laute ist ein im westen leider viel zu wenig bekanntes instrument. bashir, einer der größten arabischen oud-virtuosen, der leider vor ein paar jahren gestorben ist, bringt mit seinen tönen die luft in schwingung, mitten in die stille hinein fallen seine sinnlichen klänge. maqamat heißen diese stücke und haben den spanischen flamenco beeinflusst. sinnlicher kann laute nicht sein! und wer seiner angebeteten schon lange den erhabensten aller erhabenen liebesbriefe schreiben wollte, wird mit bashir zu neuen sprachlichen ufern aufbrechen.

  • 3. John Handy & Ali Akbar Khan - Ganesha´s Jubilee Dance

    es gibt musik, die einen nicht mehr los läßt. die cd-sammlung wächst und dennoch greift man immer wieder zu ihr zurück, weil man sich immer wieder nach den schwingungen seht, die mit ihr verbunden ist. solch ein seltener glücksfall ist aus dem zusammenspiel zweier für sich schon genialer musiker erwachsen. da ist der amerikanische jazzsaxophonist john handy mit seinem weichen und melodiösen instrument und mit ihm spielt ali akbar khan, einer der großen meister der indischen musik. dieses zusammenspiel von indischer sarod und westlichem altsaxophon ist ein absolutes highlight der weltmusik. da treffen zwei völlig unterschiedliche kulturen aufeinander und zwei große musikalische geister. das ergebnis sind spannende und doch harmonische klänge. man meint man höre die weltseele, musik für wunderbare momente heiterer gelassenheit.

  • 4. Keith Jarrett - October 17, 1988

    Als vor etlichen Jahren die drei Tenöre im Münchener Olympiastadion auftreten und ich in der Zeitung las, dass die Karten 300 DM kosten sollten, erklärte ich alle für verrückt, die einen solchen Preis freiwillig zahlen. Einen aber gibt es, für den auch ich tief in die Tasche greifen würde: Den amerikanischen Pianisten Keith Jarrett, den Gottvater unter den Jazzpianisten, den virtuosen Meister seines Instrumentes, den großartigen Schaffer einzigartiger Klangwerke. Jarrett ist einer, der sich im Konzertsaal an den Flügel setzt und dann seine Stücke aus Improvisation heraus und Jazzstandards entwickelt und sich dabei in einen Trance ähnlichen Zustand spielt. Er ist live so unglaublich gut, dass die meisten seiner Soloplatten live entstanden sind (Köln Concert, Paris Concert, Vienna, Mailand...). Man kann diese Klänge als musikalischer Laie kaum beschreiben, muss sich ihnen öffnen, sich in sie reinhören. Wer die gut verdaulichen musikalischen Vier-Minuten-Häppchen von SWR 3 oder anderen Sendern gewöhnt ist, wird sich an Jarrett erst gewöhnen müssen, aber mit ein wenig Hörübung wird seine Musik zur Offenbarung.

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  • 5. Calvin Russel - Crossroads

    Früher als Alan Bangs noch wöchentlich seine "Connection", einen zweistündigen Flug über die höchsten Gipfel von Pop, Rock, Folk, usw, im WDR präsentierte, gab er vielen unbekannten aber tollen Musikern die Chance, auch mal ins Radio zu kommen. Zu ihnen gehörte damals zweifellos der amerikanische Folksänger und Songwrighter Calvin Russel, der (1948 geboren) 41 Jahre alt werden musste, um den musikalischen Durchbruch zu schaffen. Und dies obwohl er mit seinen Songs existenzielle Erfahrungen ausspricht. In Crossroads etwa resümiert er melancholisch: "There were roads I never travelled. There were turns I did not take. There were mysteries that I left unravelled. But leaving you was my only mistake". Und dann steht er am Scheideweg seines Lebens, gefangen von seinen Selbstzweifeln und weiß nicht, welchen Weg er nehmen soll. Gibt es eine universellere Erfahrung als das menschliche Zweifeln über den weiteren Weg? Und kaum jemand bringt das Thema so glaubwürdig rüber wie Russel mit seiner tiefen und melancholischen Stimme.

  • 6. The Necks - Sex

    Es war reiner Zufall, ich spazierte durch die Stuttgarter Innenstadt, entdeckte eine kleine Kneipe mit origineller Atmosphäre. Der Laden war vorher mal ein Stripplokal gewesen und die Stangen an denen sich damals die Callgirls rekelten, waren als originelles Einrichtungsmerkmal geblieben. Und just an jenem Ort solle ich am gleichen Abend ein unglaubliches Trio, die australische Band "The Necks" kennen lernen. In der Besetzung klassich (Klavier, Kontrabass, Schlagzeug) zaubern the Necks eine unvergleichliche Musik, die gleichzeitig wach und sehr hypnotisch klingt. Ich habe mir später ihre CD "Sex" gekauft. Die besteht aus einem einzigen Titel ("Sex"), der satte 56 Minuten lang ist und dennoch wünscht man sich, er möge nie aufhören. Wie aus dem Nichts entsteht aus einem kleinen musikalischen Gedanken melodische und rhythmische Muster, die sich so bedächtig entwickeln, dass man die Veränderung kaum spürt. Es ist ein seltsamer Schwebezustand zwischen scheinbarem Stillstand und Fluss, der diese Musik kennzeichnet. "Sex" ist intime Musik, die man am besten alleine hört, wenn man seine Gedanken auf weite Reisen schicken möchte. Diese Intimität allein rechtfertigt auch den Namen, denn eine Entwicklung zu einem wie auch immer gearteten Höhepunkt gibt es bei "Sex" nicht. Braucht es auch nicht, denn die Musik ist auch so betörend schön!

  • 7. Johnny Cash - Hurt

    Irgendwo ganz weit in der Ferne muss es liegen, das sagenhafte Land. Endpunkt aller Fragen und Ort ewigen Glücks. Und das Leben, ein Tasten, ein Stolpern, eine nicht endende Folge von Kreuzungen. Hinterher Fragen und Zweifel: Was wäre gewesen, wenn...? Und was ist, wenn es irgendwann keine aktive "rechts-", "links-" oder Geradeausentscheidung mehr gibt? Wenn alles gleichgültig ist und nichts mehr weh tut. Wenn man sich selbst verletzen muss, um zu sehen, ob es noch schmerzt. Countrylegende Johnny Cash hat "Hurt" nicht selber geschrieben, sondern - wer hätte das jemals gedacht - ausgerechnet Nine Inch Nails mit ihrem gleichnamigen Hit aus dem Jahre 1994 gecovert. Aber all die Verzweiflung, die Trauer und der Schmerz finden in der rauen und brüchigen Stimme Cash´s zu einer unglaublichen Intensität und Authentizität zusammen. Leiden, das man spüren und das man greifen kann. Schade, dass Cash seinen neuen musikalischen Weg nicht mehr fortsetzen konnte. Ein Jahr nach "Hurt" erlag er 2003 im Alter von 71 Jahren einem Diabetesleiden.

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  • 8. Crosby, Stills, Nash & Young - Long Time Gone

    ich war genau drei jahre alt als mit woodstock eines der legendärsten konzerte in der geschichte des rockn roll stattfand. als teenie sah ich anfang der 80er jahre zum ersten mal den film zum konzert und seitdem hat mich die musik dieser zeit nicht mehr losgelassen. obwohl ich viel aktuelles höre, gehören einige der bands von damals zu meinen ewigen favoriten. irgendwann lief woodstock auch im fernsehen und ich zeichnete den konzertmitschnitt natürlich auf. und ich sehe mir in regelmäßigen abständen den vorspann an. da sieht man eine friedliche landschaft, bauern bei der arbeit, ein paar hippies auf ihren schimmeln, coole langhaarige typen, die auf motorrädern über eine wiese fahren und danach die bühne für das konzert aufbauen. und das ganze untermalt mit dem wunderschönen titel "long time gone". musik und bilder zusammen erwecken in mir immer wieder aufs neue diesen traum von freiheit und selbst bestimmten leben.

  • 9. Van Morrison & The Chieftains - She Moved Through The Fair

    Als ich vor vielen Jahren meinen Urlaub in Irland verbrachte, war eine meiner ersten Stationen Dublin. Ich lief durch die Innenstadt und plötzlich fiel mein Blick auf ein außergewöhnliches Pub. Durch das Fenster sah ich einen Raum, in dem tausend Gegenstände von der Decke hangen, exotische Vogelbauern, seltsame Lampen, ausgestopfte Krokodile. Ich also rein und das erste was mir auffällt ist, dass an den Tischen einige extrem junge Mädchen mit Baby im Arm sitzen. Nach einer halben Stunde - mein Guinessglass ist geleert und ich will schon weiter ziehen - kommt jemand rein, setzt sich ans Piano und fängt an zu spielen. Unter die Haut gehende melancholische Töne. Wiederum eine halbe Stunde später kommt der nächste Musiker und setzt mit seiner Fidel ein. Und dann werden es immer mehr bis nach einer Stunde so um die neun Leute da stehen und die Musik immer heiterer wird. Diese spontanen Sessions habe ich danach noch an anderen Orten Irlands erlebt. Und neben den unglaublichen Landschaften und ständig wechselnden Wolkenstimmungen ist es die Musik, die die tiefsten Eindrücke hinterlassen hat. Van Morrison und die Chieftains sind die wahrscheinlich bekanntesten musikalischen Vertreter ihres Landes und ihr Song "She moved through the Fair" ist einer ihrer ruhigsten. Die erste Stunde im Pub war eben doch die intensivste ;-)

  • 10. Supertramp - Child Of Vision

    Wenn ich "Child of Vision" heute höre, sehe ich mich, wie ich damals mit meinen 14 Jahren nachts auf der Terasse saß - ganz allein, über mir das Sternenfirmament mit Myriaden großer und kleiner Sterne und in mir das ganz starke Bedürfnis nach Intensität. Weg mit all dem erdschweren Alltagsmist, mit Schule, Schweiß und all dem bürgerlichen Mist. "How can you live in this way?" Und: "There must be more to this life. It's time we did something right." Und am Schluss: "Find yourself a new ambition." Ja und nachdem die letzten Worte gesungen sind, geht der Song instrumental weiter und nimmt die Gedanken auf einen langen Flug mit, bis das Saxophon sich am Schluss in den Weiten des Raums verliert. Eins aber bleibt: Die ewige Sehnsucht nach der anderen Welt. "Child of Vision, won´t you listen?".

  • 11. Josh Ritter - Baby That´s Not All

    Gedankenflüge ins Wunderland der Vergangenheit. Gestern war gut, in der Erinnerung aber ist es als hätten wir die Schwerkraft für diese eine Nacht überwunden, um eins zu werden mit dem Kosmos. Dabei begann alles so profan und endete so abrupt wie es begonnen hatte. Eine Stunde Zeit zwischen zwei Vorlesungen, kurzer Chat im Internet, welche ein Zufall, "Pani" studiert auch in Trier. Blind Date in der Unicafeteria, netter Plausch, zufällige Begegnungen in der Mensa, und dann irgendwann ihre Einladung zum Videoabend. Die Weinflasche geht um, sie steht auf, holt Gras, bastelt eine Tüte, legt ruhigere Musik auf, wir rauchen. Meine Augen halb verschlossen, bin da und doch weit weg, spüre erst kaum ihren Zeh an meinem Zeh, warmer Rauch strömt aus ihrem Mund. Sanft streicht meine Hand über ihren Schenkel. Es ist still geworden, die CD aus. Das Licht der Kerzen wirft Schatten, treibt seine Spiele mit der Wand, unsere Zungen berühren sich... "fold yourself against me like a paper bird tonight we’ll fly awhile just give me the word and hold onto me like I hold onto you" Suchende Hände, Haar an Haar, Haut an Haut und in unseren Körpern der Rhythmus, der die Welt am Leben hält. Lust und Liebe einer Nacht. Warum nur ist das Glück so kurz? Josh Ritters "Baby That´s Not All" entstand lange nach jener Liebesnacht, aber sein Song atmet die Schwingungen jener Nacht und weckt in mir die tiefe Sehnsucht nach dem heiteren Beat der Schwerelosigkeit. Hören, fühlen und immer wieder fühlen... "then like falling stars back down to sleep will go into our waiting arms in orbits round the glow cover lets and down will catch you when you fall" Wieder und immer wieder...

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