Soundtrack meines Lebens

  • 1. Frank Zander - Hier Kommt Kurt

    "Hier kommt Kurt. Seit der Gebuurt heiß ich Kuurt..." Zum ersten Mal begegnete ich diesem Lied in der beknackten ZDF-Fernseh-Hitparade. Zander mit Hawaiihemd, Geltolle und dunkler Busfahrer-Sonnenbrille. Ich lachte mir nen Ast bei seiner Performance. Ich war neun, naiv und nickich. Zwei Wochen später: die Faschingsfeier in meiner Grundschule. Ich ging, was sonst, als Kuurt. Mit Sonnenbrille, pink gesprühten Haaren, aufgemaltem Mafia-Schnäuzer und aufgeklebtem Tatoo (ein songenanntes Temptoo). Und mit einer Zündplättchen-Pistole. Die passte zwar nicht zum Outfit, ich wollte sie trotzdem dabei haben. "Päng, päng, Pabba. Jetzt bissu tot." Niemand ahnte so recht, was mein Kostüm andeuten sollte. Ein Klassenkamerad zu mir: - Bist du ein Cowboy? - Nein. - Ein Indianer? - Auch nicht. - Ein Roggär? (mein Kumpel im Cowboy-Kostüm sprach es tatsächlich so aus: Roggär.) - Nein, nein, nein! Ich bin Kurt. - Kurt? - Ja. Kurt. "Ohne Helm und ohne Gurt, einfach Kurt." - Kenn ich nich. Find ich blöde. Er ging weg. Etwas später hörte ich ihn mit dem dicken Alexander, der als Zorro gekommen war, tuscheln: "Der spinnt. Der geht als Kurt und so." Kurt? Kurt. Kurt war bald in aller Munde. Ich fand es toll und fühlte mich so cool, wie Kurt sich wahrscheinlich selbst gerne vorkam. "Ich bin Kurt der Brüller, der absolute Megaknall. Batman isn Pausenfüller, gegen mich nur Lull und Lall." Kinder. Tz, tz. Mein Kurt-Tag sollte mir das erste Mal in meinem Leben zeigen, wie sich ein unverstandener Sonderling in der Mainstream-Society fühlt. Der dicke Alexander haute mir mit der flachen Hand die Sonnenbrille vom Kopf und sie ging dabei kaputt. Ich heulte und haute ihm eine Backpfeiffe. Batsch. Unsere Eltern trennten uns schließlich. Wenn eine Faschingsfete in einer Grundschule ein vereinfachtest Abbild unserer Gesellschaft ist, dann war ich an diesem Tag definitiv der marginalisierte Freak vom Dienst. Kurt gegen die Gesellschaft. "Schluss jetzt. Kurt will tanzen."

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  • 2. Fischmob - Susanne Zur Freiheit

    Endlich. Es war so weit. Auszug aus dem Elternhaus. Der unerwartete Anruf eines Freundes entfesselte mich aus dem Kleinfamilienparadies im Speckgürtel Hamburgs, aus fuckin' Twin Peaks City itself: "Hey, du suchst doch, zieh mal bei uns ein, Susannenstrasse." "Ja, sofort, klar, Mann, hey, also du meinst... genau, bis morgen dann, Zimmer angucken und so." Hysterisch war ich, in der Tat. Denn 2002 war das Jahr der Goßen Immobilien-Flaute. In den Online-Annoncenforen tummelten sich mehr Suchende als Ferien-Hippies auf Goa. Am nächsten Tag düste ich im klapprigen Ford Richtung Schanze und hörte "Susanne zur Freiheit". Hatte es Kozilla etwa für mich und genau diesen Moment geschrieben? "Hey, hey, was geht'n ab, packt eure Sachen wir düsen ab, Susanne (zur Sonne) zur Freiheit, schön dass ihr dabei seit." Kozilla und Co. machten aus dem alten Kombinatskellerslogan doch tatsächlich den Soundtrack für mein dämmerndes nächstes Lebenskapitel. Susannenstrasse zur Freiheit, "Hut ab, das geht ja gut ab." Hammer. Das Lied find ich übrigens immer noch super. Und die pekige Bude inner Schanze auch. So schnell wird sich an beidem erstmal nix ändern.

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  • 3. Oasis - Do you know what I mean

    I was riding a tremendous surf of euphoria, away to the horizon of a second adolescence. Wer einmal ein ERASMUS-Semester gemacht hat, wir dieses Gefühl vielleicht kennen. Ich sonnte mich nackt in Verantwortungslosigkeit, stürmisch die Nacht küssend, den Geruch des Meeres in den Haaren, den Geschmack von Salz auf der Haut. Ein halbes Jahr Lissabon. Studieren ohne der landesüblichen Sprache mächtig zu sein (nicht ein Wort als ich ankam), neue Menschen, neue Tapete, europaweite WGs, Privatparties jeden Abend. Im Gepäck die Gitarre, auf dem Ohrstöpsel die "Be here now" von Oasis. Do you know what I mean ist die Bombe. Was für Nikolas Cage in Wild at Heart die Schlangenlederjacke ist, war für mich in Lisboa dieser Song: Ausdruck meiner individuellen Freiheit. Der Himmel über Portugal war groß und weit. Dann verliebte ich mich und mein Leben sollte sich verändern. Seit zwei Jahren bin ich glücklich mit einer Portugiesin zusammen. Morgen kommt sie für ein Halbes Jahr nach Deutschland. Für ein ERASMUS-Semester. Do you know what I mean?

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  • 4. Coldcut - Timber

    Fear and Loathing in Kaff Vegas. Fünf zugedröhnte Obskuritäten in einer Nuckelpinne. Für 50 Mark kaufte David den Uralt-Seat, taufte ihn auf den sexy Namen "Wurzel" und ließ alle seine Freunde mit Edding darauf unterschreiben. Es war einer dieser brütend heißen Hochsommertage und Wurzels 39 PS liessen uns wie ein Pfeil über die Landstrasse schießen. Röhr machte der Motor auf ca. Fünfzigtausend Umdrehungen und David überholte gerade rechts einen schwarzen Fiat. Der Anblick, der sich dem Fiat-Fahrer bot, muss grauenerregend gewesen sein: Fünf schlacksige Crash-Kids eingepfercht in ein schnaufendes, rostiges Ungetüm, alle Fenster hochgekurbelt, laut gröhlend, Kette rauchend und, was er nicht sah, Anlage und HEIZUNG auf volle Pulle aufgedreht (bei 34 Grad im Schatten). Dazu dieser nervige, unglaublich großartige Song von Coldcut mit seinen apokalyptischen Kettensägensamples, Morsezeichenpastiches und Piepsvocals. Riot. Ich begann gerade, mich aufzulösen wie eine Tablette in einem Wasserglas aber Gott war das lustig. Kollektiver Gruppenkoller halt. Danach haben wir uns im See abgekühlt. Wurzel hat David übrigens für 20 Mark weiterverkauft und sich von dem Geld eine Pizza bestellt.

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