Soundtrack meines Lebens

  • 1. Rolling Stones - Harlem Shuffle

    Mein Vater sammelt Schallplatten, oder besser gesagt, mein Vater sammelt Musik-Geschichte auf Vinyl. Für mich war es also nicht schwer von klein auf gute Musik zu hören. Ich weiß genau, dass "Harlem Shuffle" lange Zeit mein Lieblingslied war. Als ich nicht mal Englisch konnte, als ich nicht mal schreiben konnte, hab ich dieses Lied mitgesungen mit einer Leidenschaft, die wohl nur kleinen Kindern vorbehalten ist - wenn man sich noch nicht drum schert, ob man den Text kann oder nicht. Ich habe irgendwelche Silben dazu gestammelt, die ich bis heute noch kann. Dieses Lied war der Anfang meines "Musik-Lebens". Yeah, do the Harlem Shuffle!

  • 2. Felix Mendelssohn-Bartholdy - Surrexit Pastor Bonus

    Seit ich acht bin singe ich im Chor und spiele Klavier. Der Chor war immer wichtig für mich, dort habe ich meine besten Freunde gefunden und die schönste Musik gesungen. Das Klavier war mir nie so wichtig, es gehörte nunmal dazu, mehr als Blockflöte spielen zu können, also lernte ich Klavier. Ich will nicht sagen, dass ich schlecht war, nach all den Jahren Unterricht. Aber mir mangelte es eindeutig an Motivation. Als wir im Chor Mendelssohns "Surrexit..." einstudierten, packte mich irgendwas - ich weiß bis heute nicht, was - und setzte mich vors Klavier um den Duett-Teil zu spielen. Meine Motivation war plötzlich da. Ich war gut. Aber dann kamen mein Abitur-Stress und ein finanzielles Problem und es war klar, dass ich mit dem Klavierunterricht aufhören musste. Ein letztes Vorspiel der Klavierklasse und dann würde ich gehen. Ich würde "Surrexit..." spielen und dann würde ich gehen. Beim Vorspiel sangen zwei Freundinnen aus dem Chor das Duett, während ich am Klavier saß und anfangen musste zu weinen. Ich konnte nicht mehr, irgendwann habe ich keine Taste mehr getroffen, habe kurz vorm Ende des Stücks komplett aufgehört zu spielen und die Bühne verlassen.

  • 3. Beatsteaks - Let Me In

    Der Song überhaupt für zwei pubertierende Alternative auf Identitätssuche. Oder auch nicht. Eigentlich waren die Marie und ich nicht auf Identitätssuche, wir wussten, wer wir waren und das wir nicht das waren, was alle von uns wollten. Dieser Song macht mir im Nachinein mehr als deutlich, wie abhängig wir von der Norm waren. Dieser Song war unser Lieblingsspiel. Wir gingen mit dem Walkman durch die Straßen und gröhlten den Song mit. Eine von uns hörte irgendwann auf zu gröhlen und die andere hatte verloren, weil sie allein gegen den Mainstream und die Popmusik aus dummen Läden anschrie.

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  • 4. kante - Zombi

    Auf Verdacht hatte ich mir eine CD zusammengestellt mit Liedern, die ich nicht kannte. Dieses war das letzte auf der CD. Als ich es gehört habe, wusste ich... so ist es. Das ist meine Wahrheit, die auch jemand anderes kennt.

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  • 5. Björk - Bachelorette

    Als das Drama meines kleinen Lebens passierte, war dieses Lied das wichtigste für mich. Als ich verlassen wurde, weil ich dumm war, weil Menschen nunmal Fehler machen, als ich alles verloren hatte. Er war mir so wichtig wie nichts anderes, er war mein bester Freund, wie ein Bruder für mich. Es kam nicht unbedingt aus heiterem Himmel, aber trotzdem hätte ich nie damit gerechnet, dass er so grausam sein könnte. Ich wollte es nicht glauben. Ich war wie in einem Nebel gefangen, mein Herz schlug bis zum Hals, als ich die Wahrheit zitternd auf einen Zettel schrieb und wegging. Als ich Stunden später wieder kam, war der Zettel noch da. Es war Wirklichkeit. Ich war allein. Mein Bruder, bester Freund, mein Einziger war gegangen. Es war meine Schuld. Irgendwie habe ich die Jahre danach ohne ihn überlebt. Jeden Tag habe ich an ihn gedacht, was er macht, wie es ihm geht... bis wir uns wiedertrafen. Es war ein Schock. Grade war ich soweit andere Leute wieder in mein Leben zu lassen und dann stand er vor mir. Er hat sich einfach entschuldigt und dann haben wir uns für ein halbes Jahr nicht mehr gesehen. Ich weiß nicht, warum ich ihn danach nochmal in mein Leben gelassen habe. Aber es ist nicht so, als wüsste ich es nicht, weil es keinen Grund gibt. Ich weiß es nicht, weil es so viele Gründe gibt. Ich will meinen Bruder wieder haben, meinen besten Freund, er darf keine Andere finden, ich will nicht ersetzbar sein, ich will nie wieder alleine sein. Ich will daran glauben, dass wir zusammengehören. Ich verliere ihn wieder.

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  • 6. Tilo Medek - Kindermesse

    Zum Gedenken der im Dritten Reich ermordeten Kinder Kann man sowas mit einem Kinderchor einstudieren? Mit was für einem Chor sonst, wenn nicht mit einem Kinderchor? Der Chor in dem ich singe ist ein wirklich guter Chor. Wir waren dafür bereit, an seelische Abgründe zu gehen. Es ist eine schonungslose Messe und sie kann einem das Herz brechen. Es war ein einzigartiger Sommer, der Sommer 2003. Die zwei Wochen, die wir mit dem Chor am Tegernsee verbrachten um die Messe einzustudieren. Jeden Tag haben wir 8 Stunden geprobt, jeden Tag sind wir zum See oder zum Fluss geradelt, jede Nacht haben wir draußen gelegen und in die Sterne geschaut. Wir wurden erwachsen. Ein kleines Stück. Und wir wurden eins. Wir wuchsen zusammen zu einer Familie. Zu viel mehr. Wir waren verwachsen, atmeten im gleichen Takt, dachten an die gleichen Dinge. Wir waren 10 und trotzdem eins. Wir brauchten uns, haben uns aneinander geklammert, um unter dem Stück nicht zusammenzubrechen, um nicht unterzugehen mit der Last des Verbrechens mit dem wir nichts mehr zu tun hatten. Eines Nachts haben wir Sternschnuppen gesehen und ich habe mir gewünscht... ich habe uns gewünscht, dass es nie vorbeigeht. Dass wir immer so zusammengehören. Ich habe keine Angst diesen Wunsch laut auszusprechen. So ein alberner Aberglaube kann uns nicht mehr trennen. Denn wir gehören zusammen. Mein Chor hat mir tausendfach das Herz gebrochen und wieder geflickt. Der Chor ist meine große Liebe.

  • 7. David Bowie - I'm Afraid Of Americans

    David Bowie Konzert in Hannover. Wir waren noch nicht wirklich wieder warm miteinander, aber wir beide liebten David Bowie also fuhren wir gemeinsam hin. Wir hatten Sitzplätze weit, weit hinten und als er "China Girl" spielte hielt und nichts mehr dort. Wir waren dem Publikum im Innenraum wohl zu jung für echte Bowie-Fans, so missbilligend, wie man uns anschaute, als wir vorsichtig versuchten, weiter nach vorn zu kommen. Dann spielte er "I'm Afraid Of Americans" und ich vergaß alles. Ich vergaß, dass du mich gehasst hast, ich vergaß sogar meinen Selbsthass. Und wir rockten. Es war das erste Mal, dass ich getanzt habe.

  • 8. Wir sind Helden - Denkmal

    Irgendwie existiert 2004 nicht für mich. 2004 war bisher das wichtigste Jahr meines Lebens. Es war das erste Jahr meines Lebens. Ich habe Claudi kennengelernt und sie hat mein Leben verändert. 2004 war eine Wahnsinnszeit. Zum ersten Mal betrunken ohne sich am morgen danach schlecht zu fühlen, zum ersten Mal mit Freunden tanzen, zum ersten Mal wirklich auf Leute zugehen. Leben. Wir fuhren viel Auto und hörten viel Wir sind Helden. Dieses Lied ist für mich so viel. Ich kann mich nur schwer an 2004 erinnern, aber dieses Lied ist alles, was ich brauche. Dieses Lied ist so viele Namen, so viele Menschen, die mir in 2004 wichtig geworden sind. So viele, die in mein Leben getreten sind, oder eher, so viele, die mich ins Leben getreten haben. Jeder einzelne ist so wertvoll für mich. 2004, was für ein Jahr.

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  • 9. Natalie Merchant - Thick As Thieves

    Es ist spät, oder schon früh. Die Reste sind getrunken, keiner tanzt mehr. Es ist Zeit für ruhige Musik. Claudi und ich sitzen vorm Haus - so oft, vor so vielen Häusern - und singen. Tori Amos aber auch Natalie Merchant. Claudi hat Tori mitgebracht, ich Natalie. Wir singen alles raus. Alles was uns wehtut, alles was wir lieben. Wir singen "Thick as Thieves" als würde uns der Text grade erst einfallen, als wäre er unser kleines Geheimnis. Als hätten wir die Welt verstanden. Dieses Lied hat so oft mein Leben gerettet.

  • 10. Genesis - The Lamb Lies Down On Broadway

    Genesis. Das ist Phil Collins, "I Can't Dance" und vielleicht noch ein Buch der Bibel. Und dann hatte mein Vater eine Karte zu viel für "The Musical Box - The Lamb lies down on Broadway", eine Genesis Coverband, mit einer Show, die 100% so sein sollte wie Genesis früher. Früher heißt, Phil Collins spielt Schlagzeug und Peter Gabriel singt. Ohne große Erwartungen kam ich mit. Ich steh' nicht so auf "I Can't Dance". Und dann auch noch gecovert. Es war eine andere Welt. Es war eine Welt, in der Musik noch etwas bedeutet. Mir war nicht klar, dass der Untergang der Musik nicht ansetzt bei gecasteten Bands, oder Sängern ganz ohne Band, die ihre Lieder nicht selbst schreiben. Der Untergang der Musik setzt bei der Erfindung der Popmusik an. Danke Genesis, Danke Peter Gabriel für echte Musik.

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