Soundtrack meines Lebens

  • 1. Neil Young - Rockin' In The Free World

    September 1997. Ich sitze in einem alten Benz, der sich alle 30 Sekunden überlegt, dass er eigentlich gar keine Lust hat, zu fahren, nicht jetzt. Auf dem Fahrersitz: meine Cousine Nicole. Wir sind auf dem Weg zum Proberaum der Band, in der Nicoles Bruder Gitarre spielt und singt. Wir stehen fünf Minuten vor der Tür, weil unser Klopfen zu leise für die laute Band ist. Dann öffnet ein Typ, von dem ich gleich erfahren soll, dass er Sven heißt und der Bassist der Band, die Diamond Dust heißt, ist. Er gibt mir zur Begrüßung die Hand und um ehrlich zu sein: schon in diesem Moment ist mir klar, dass ich es nicht eilig hätte, die wieder loszulassen. Nicole und mir wird ein Platz auf einem Matratzenlager angeboten, die Band probt weiter. Sie covern einen Song. "Rockin' In The Free World" von Neil Young, wie ich erst Wochen später erfahren sollte. Ich höre diesen Song an diesem Nachmittag zum allerersten Mal. Und ich weiß sofort: ein großer Song. Nicht nur, weil Sven ein unglaubliches Bass-Solo am Ende hinlegt, sondern weil "Rockin’ In The Free World" einer der Songs ist, die so ein ganz besonderes Gefühl von Energie, Rock’n’Roll, Freiheit und Mut auslösen. Zuhause entdecke ich den Song, von dem ich weder Titel noch Interpret weiß, zufällig als B-Seite auf einer Maxi-CD (wäre das nicht peinlich, würde ich jetzt erwähnen, dass das "These Days" von Bon Jovi war). Ich bin überglücklich den Song wiedergefunden zu haben und lerne sofort die Gitarrenakkorde dazu. Juli 1998. Ich fahre nach Nürnberg - ganz in die Nähe des Dorfes, in dem Sven wohnt - schleppe meine Freundin ins WOM und kaufe dort feierlich das Album "Freedom" (1989) von Neil Young. Erster Song darauf: "Rockin' In The Free World". Wir studieren die Fahrpläne der Regionalzüge und fragen uns, ob wir das machen können, einfach bei Sven zu klingeln. Wir lassen es. September 1998. Meine Cousine Nicole heiratet. Diamond Dust spielen auf dem Polterabend. Sven hilft mit, den Saal zu dekorieren. Ich schleppe ein großes Herz umher, das ich für meine Cousine und ihren Zukünftigen gebastelt habe. Sven pustet einen herzförmigen Luftballon nach dem anderen auf. Und lächelt, weil ich, Schildchen für das Buffet bastelnd, "O'batzda" ständig falsch schreibe (jetzt bestimmt auch wieder) und mich leider auch nicht auf seine Buchstabierungsversuche konzentrieren kann. Es ist abend. Die Band spielt. Wieder Neil Young. Dieses Mal "Heart Of Gold". Ich mache Fotos, was nicht zu auffällig ist, ich bin ja schließlich die Cousine der Braut. Halb vier Uhr nachts. Der Polterabend ist vorbei. Während die meisten noch verbleibenden Gäste Glasscherben aus den Fugen des Bodenbelages vor der Lokalität kratzen, muss ich mit ansehen, wie sich Sven mit einer Französin, einer Freundin meiner Cousine, angeregt unterhält oder zumindest den Versuch macht. Ich gönne ihr die Audienz nicht und geselle mich dazu. Sie spricht kaum Deutsch, ich übersetze. Sven und die Französin bieten sich abwechselnd Zigaretten und Feuer an. Zum ersten Mal bereue ich, nicht zu rauchen. Es gibt noch ein Video von diesem Polterabend. Auch ein paar Sekunden Sven in Großaufnahme. Er sagt: "Ich möchte einmal keine Kinder haben, aber bei der Hochzeit meiner Tochter wäre ich auch gerne dabei." Sven hatte ich schnell vergessen, aber immer, wenn ich "Rockin' In The Free World" höre, muss ich an diesen magischen Moment im Proberaum denken, an diese erste Begegnung mit diesem großen Song.

  • 2. U2 - Pride (In The Name Of Love)

    Es ist Sommer, gießt in Strömen und ich habe definitiv keine idealen Regenklamotten an. Aber das ist egal, weil: Mein Blick und meine Ohren und überhaupt alles konzentriert sich auf eine Bühne. Auf der U2 stehen. Die Show ist multimedial, effektvoll, gigantisch. Aber ich denke: Es wäre nicht weniger fantastisch, wenn die Band einfach nur auf der Bühne stehen und spielen würde. Hinter mir steht ein etwa vierzigjähriger Klops, der bestimmt nicht nur eine Plattensammlung (gut!), sondern auch eine Bierdeckel- (okay!) und Kronkorkensammlung (verschärft!) besitzt. Sein abgewaschenes U2-Shirt wirkt wie ein Korsett, aber verdeutlicht: Ich bin schon seit 100 Jahren U2-Fan. Er hat einen Kumpel und seinen ungefähr achtjährigen Sohn dabei. Dieser scheint dazu dressiert zu sein, herumliegende leere Bierbecher zu sammeln, damit sich sein Rock'n'Roll-Vater Pfand-gestützt das nächste Bier leisten kann. Der Junge sammelt fleißig, der Rock'n'Roll-Vater trinkt fleißig. Die ersten Takte von "Pride (In The Name Of Love)" erklingen. Die typische The Edge-Gitarre! "Ooooh-Ooooh-Oooohhh!" Bono singt vor, 40.000 Fans grölen das Echo: "Ooooh-Ooooh-Oooohhh!". Auch das Bier-Fass, das gerade den Jungen auf seinen Schultern trägt. Er reißt euphorisch die Arme hoch. Sehr engagiert. Zu engagiert. Und zu alkoholisiert. Er verliert das Gleichgewicht, der Junge stürzt ihm von den Schultern, mir halb ins Kreuz, was mich jedoch nicht sonderlich beeindruckt, da simultan ein Typ, der in meinem Blickfeld steht, einen Riesenjoint fallen lässt, sich in hohem Bogen übergibt und seine aus dem Kopf hervorquellenden Augen dem Erbrochenen anscheinend folgen wollen. Blick wieder auf die Bühne: "In the naaaaame of love / what more in the name of loooove". Das Bier-Fass scheint sich erleichtern zu müssen. Er wankt in Richtung eines Stromverteilers, öffnet etwas umständlich seine Hose. Sein Kumpel kann den Strahl durch hektisches Wegzerren des Rock'n'Roll-Vaters gerade noch umlenken. Puh. U2 höre ich heute kaum noch. Aber immer, wenn irgendwo "Pride (In The Name Of Love)" läuft, muss ich an das grölende U2-Korsett denken, das sich beinahe nicht nur mit durch Pfand erschlichenem Bier unter Strom gesetzt hätte.

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  • 3. Kaoma - Lambada

    Silvester 1989. Ich bin acht und die Mauer ist noch keine zwei Monate offen. Eine Freundin meiner Eltern, eine ziemlich ausgeflippte Modedesignerin, hat Verwandtschaft in der DDR und ich begreife schon, was da los war, bei denen da drüben. Im Freudentaumel über die Maueröffnung lädt die Freundin meiner Eltern ihre gesamte Verwandtschaft aus dem Osten zu Silvester ein. Vermutlich, ohne gedanklich die Anzahl der zu erwartenden Personen einmal grob zu überschlagen, denn der Platz in ihrem mitnichten kleinen Haus reicht bei Weitem nicht aus. So kommt es, dass man sich auch bei uns zuhause stapelt. Dass Taxifahrer Wolfgang eine Stimme wie Alf hat, oder besser gesagt wie Tommi Pieper, fasziniert mich sehr. Leicht alkoholisiert tut er seine Freude darüber kund, bei uns in Hessen für ein paar Tage den heimischen Dialekt nicht vernehmen zu müssen: "Isch konnse nisch mear hör'n, diese Sproache". Ich bin alt genug, um zu schmunzeln. Aber glücklicherweise jung genug, dass man mein Kichern nicht mit der Äußerung des Taxifahrer-Alfs in Verbindung bringt. Ich habe den Eindruck, dass während der gesamten Silvesterparty immer nur ein einziger Titel läuft. "Lambada" von Kaoma, der Sommerhit des Jahres, in dem die Mauer geöffnet wurde. Ich kann bis heute den Text von "Lambada" nicht, damals singe ich einfach irgendwas, was sich phonetisch korrekt und exotisch genug anhört. Höhepunkt der Ost-West-Zusammenführungs-Silvesterfeier ist der Auftritt des damaligen Lovers der Modedesignerin; ein Schönheitschirurg, der Thomas heißt und darauf besteht, dass man seinen Namen amerikanisch ausspricht. Tommes führt enttäuschenderweise keine Showoperation durch, sondern übt sich als Magier, mit albernem Frack und bunten Tüchern und so. Mir ist mit meinen acht Jahren bereits klar, dass da erklärbare Tricks dahinterstecken und ich will den unsympathischen Schönling in Verlegenheit bringen. Ich bitte um ein weißes Kaninchen. Das ist ja wohl das Mindeste, was man von einem Zauberer erwarten darf. Er versucht, sich rauszureden und mir mit Tierschutz zu kommen. So eine Silvesterparty sei nichts für weiße Kaninchen. Klar will ich zu diesem Zeitpunkt Tierärztin werden und sammle die riesigen Tierposter des "Medi&Zini"-Heftchens, das es samt Traubenzuckerbonbon immer in der Apotheke gibt. Aber ich bin ja nicht blöd und quittiere seine billige Ausrede mit einem abschätzigen Blick und den Worten "Du kannst ja gar nicht wirklich zaubern!". Er verschwindet schweigend zwischen glücklichen Ossis und Wessis, die ausgelassen zu "Lambada" tanzen. Bestimmt schon zum zwanzigsten Mal in dieser Nacht. Und es ist sowas von egal, dass keiner den Text richtig kann.

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