Soundtrack meines Lebens

  • 1. Zentrifugal - Samstag Nacht

    Irgendwann bekam ich mal eine Schallplatte geschenkt. Zentrifugal, Poesiealbum. Noch nie zuvor habe ich eine Band gehört, die so gute Texte schreiben konnte. Jahrelang saß ich erstaunt vor meinem Plattenspieler und sah sie sich im Kreis drehen. Jeder meiner Freunde, der mich besuchte, mußte sich diese Platte anhören. Ein nervtötendes Ritual. Irgendwann hatte ich meinen Konterpart gefunden. Sophie. Ihr gefiel die Platte genauso wie mir. Eine großartige Freundschaft. Mit ihr konnte ich Tage im Bett rumhängen und den Musikanten unter der Matraze lauschen, die wir zwar nie sahen, deren Krümel uns aber immer belästigten. Wir schrieben Geschichten, nahmen Hörspiele auf, wir feierten die besten Parties. Jeder Tag war ein surrealistisches Manifest. Am Wochenende zogen wir in eine Wohnung in Hamburg, der großen Stadt, die wir über alles liebten. Freiraum. Nachts zogen wir in den Mojoclub oder ins le funk. Bevor wir ausgingen, vollzogen wir immer das gleiche Ritual. Schminken, Haare hochstecken bei Sekt und Musik. Ein bisschen tanzen. Sonnenbrillen, Zigarettenspitze, Hüte. Bevor sich die Tür hinter uns schloss, erklang jedesmal dieser Song. Samstag nacht auf einer Partytour, die Leute klappern die Clubs und lokalen Lokale ab, sie sind ausgelassen und werden ganz gelassen vom Türmann reingelassen.... Es ist ein freier Tag, ein Feiertag, ein freier Tag. Als man anfing zu studieren und jeden Tag weggehen konnte, normalisierte sich dieses Gefühl von Freiheit. Doch diese Zeit und dieser Song, diese Freundschaft bleibt für mich das ultimative Moment von Leben.

  • 2. Kettcar - Landungsbrücken Raus

    Dass man Kettcar an sich zum Soundtrack seines Lebens erklärt, ist nicht sonderlich erstaunlich. Zu eingängig, zu kollektiv sind die Geschichten, über die die Jungs schreiben. Zu viele Leute leben in Hamburg. Wenn ich in meine Schatzstadt komme, fahre ich am liebsten mit der S-Bahn direkt zu den Landungsbrücken, und wenn ich dann auf den Hafen, die Kräne und die Schiffe blicke, dann weiß ich, dass ich zu Hause angekommen bin. Immer noch, auch wenn ich nicht mehr da wohne. Schon allein deswegen muss ich das Lied zu dem meinigen erklären. Es gibt aber noch eine andere Geschichte. In der Stadt, in der ich studierte, gab es ein Lokalradio, für das wir eine Musiksendung machten und Interviews führten. Als wir hörten, dass Kettcar in Kiel spielt, der Stadt, in der ich während meiner Schulzeit wegging, mußten wir da hin. Sechs Stunden im Auto. Dazu Kettcar und Landungsbrücken raus, der Song, der uns miteinander und mit Kettcar verband. Der ganze Tag verlief schlecht, alles, was schief gehen konnte, ging daneben, und die Zeit tröpfelte aus dem oberen Teil der Sanduhr. Das Interview. Meine Aufregung vor dem Treffen mit Kettcar potenzierte sich mit jeden Kilometer, und die Angst zu spät zu kommen, tat das ihrige. Schließlich hielt meine Freundin es einfach nicht mehr aus mit mir auf dem Beifahrersitz, blass, zitternd und unfähig, auch nur einen Satz zu vollenden. An einer Tankstelle kaufte sie mir ein Sixpack. Fatal. Wir kamen zu spät, das Interview wurde auf kurz vor dem Auftritt verschoben, und ich strahlte zwar nunmehr glücklicher, zitterte wenig, doch hatte sich an der Kompetenz, ganze Sätze aussprechen zu können, nicht viel getan. Da wir nun noch Zeit hatten, beschlossen wir, einige meiner alten Freunde zu treffen. Das Wiedersehen musste natürlich in einer Art Blutsfreundschaft besiegelt werden. Da dies im Zeitalter von Aids nicht mehr auf herkömmliche Weise geschehen kann, greift man zur Flasche, um das Blut wenigstens in Bezug auf Alkoholgehalt anzugleichen... dazu gab es Kettcar - und Landungsbrücken raus. Schließlich: das Interview. Wir wurden in den Raum geführt, in dem die Band saß: ein Kühlschrank. Wollt ihr was trinken? Es dauert noch einen Moment. Becks, ja klar. In diesen Momenten zelebriert man sich gern selbst. Ist ja auch echt aufregend, da hinten mit den ganzen coolen Jungs abzuhängen, wegen denen eine Unmenge von Leuten überhaupt erst versammelt ist. Und man selbst ist... irgendwie was besonderes? Vor allem eins: betrunken. Dann durften wir reden. Ich brachte kein Wort raus, sie stupste mich immer wieder von der Seite an, aber ich konnte nichts sagen. Nichts. Viel zu sehr war ich damit beschäftigt, nicht vom Stuhl zu fallen. Viel zu groß war meine Angst, zu lallen. Ich - grinste doof. Dachte an die Landungsbrücken und wie befreiend es wäre, diesen Raum zu verlassen und dann, Luft, Wasser, mit einem Schiff ganz weit weg... Landungsbrücken, endlich eine Frage meinerseits, ob man das Lied denn so verstehen könne? Marcus, der Textschreiber und sichtlich genervt von zwei so verwirrten, amateurhaften und grinsenden blonden Mädchen, antwortete kurz, unkonkret und genervt. Er mag nicht über Bedeutungen reden. Für mich, die so darauf gewartet hat, eine Art Seelenverwandtschaft feststellen zu können, ein unglaublich deprimierendes Gespräch. Viel Spaß beim Konzert, Tschüss. Auf den Schrecken folgte natürlich - man hat ja nie genug - noch mehr Bier und Schnaps und Sekt. Im Hintergrund: Landungsbrücken raus. Nicht genug davon, dass wir bereits unangenehm aufgefallen sind, beschlossen wir, vorne mitzumischen. Das störte einige dieser Fans, die mit ihrer Freundin in der ersten Reihe stehen und nur schunkeln wollen. Kann ich ja auch verstehen, bei den verbindenden Texten, wirkt schon beziehungserbauend. Aber warum in der ersten Reihe? Zum Glück überstanden wir das Konzert, ohne mehr als Schienbeintritte einzukassieren, und ernteten als Zugabe noch einmal unser Lied. Wir gröhlten mit schlechtem Gewissen mit, hatte uns Marcus doch vorher gerade erklärt, ihre Musik wäre nicht so ne Gröhlmusik, ihr Publikum, das ja großteils aus Studenten besteht, wäre da zum Glück nicht so brachial... Dass dieser Abend dennoch zu einem der besten Abende meines Lebens gezählt werden und ich Landungsbrücken raus weiterhin zum Song meines Lebens erklären kann, ist ganz gewiss nicht mein Verdienst - es liegt mir fern, eine Hymne auf den Alkohol abzufassen. Dennoch: Zum Glück gab es ein Nach-dem-Konzert, das meinen beizeiten leicht ins Groupiehafte verfallenden Trieb streichelte. Nach dem Konzert konnte man, um noch mehr Kettcar zu hören, in den Keller gehen und das Tanzbein schwingen. Ehe wir uns zu solchem herablassen konnten, trafen wir zum Glück auf das vertraute Gesicht des Organisators, das durch eine Videokamera entstellt war. Beflügelndes Moment, wer wird denn nicht gerne in ausgelassener Stimmung aufgenommen, wer nimmt nicht gerne auf? Als dann sogar noch ein paar Kettcars aufschlugen und mit uns kickerten, war das dumpfe Gefühl im Bauch überwunden. Landungsbrücken raus summend, schafften Reimer und ich es, kein einziges Tor zu schießen.

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  • 3. Lassie Singers - Hamburg

    Frauenfreundschaften sind Wahnsinn. Wenn es für mich eine Band gibt, die diesen Zustand voll und ganz zum Ausdruck bringt, dann sind es die Lassie Singers. Bei jedem Lied höre ich, wie diese Mädels einfach ungemein Spaß miteinander haben. Es geht nicht um gute Musik. Es geht um die absolute Selbstbezüglichkeit. Wir sind uns genug. Zwar erscheint meistens auch ein Er, doch gilt es, dieses abzustreifen, loszuwerden, zu überwinden. Gemein, feministisch, ganz nach meinem Geschmack. Als ich in Hessen lebte, fuhr ich diverse Male mit meinem ausgesprochen langsamen Auto nach Hamburg. Nach Hause. In diesem Auto zieht sich der Weg, den andere in wenigen Stunden bewältigen, hin wie Kaugummi. Mein einziges Glück: eine Kassette. Diese habe ich mal geschenkt bekommen, von einem Freund, wegen dem ich nach Hessen, der wegen mir nach Schleswig Holstein... unglücklicherweise genau zur gleichen Zeit. Während er nun einst diesen Weg von Hessen nach Hamburg bewältigte, tat ich es in dem Jetzt. So bekam ich seine Kassette. Darauf ein Lied, das Lied von den Lassie Singers, das genau den Weg schildert, Karmener Kreuz links vorbei, im Radio läuft HR 3, Frankenhöhe, Schnitzelalarm, Superplus und dann nichts wie rauf nach Hamburg... Der nicht enden wollende Weg, die unendliche Zeit, die brennende Ungeduld und die Vorfreude. Irgendwann geschah, was geschehen musste: Wo am Hafeeeeeennnnnnyyyyyyyyyytzzzzzz... Bandsalat. Das Band war nicht aus dem Apparat zu zerren, es zerriss, und da dieses Problem nicht während der Fahrt zu bewältigen war, blieb ich allein, mit HR 3. Vielleicht war das der Tag, an dem ich die Liebe begrub. Aber dennoch: Ohne dieses Lied möchte ich den Weg nie fahren.

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  • 4. Dackelblut - Waschen Gehen

    Bin ich ein Punk? War ich einer? Wollte ich jemals einer sein? Die Musik jedenfalls habe ich geliebt. Auf einem Dackelblut-Konzert ist dem Gitarristen eine Seite gerissen, die habe ich ungefähr ein Jahr an meinem Handgelenk getragen. Weil die so hart und spitz ist: eine sehr blutige Angelegenheit. Aber das ist eigentlich egal. Die Band hat mal ein Lied geschrieben, Wäsche waschen, da heißt es: Auch Killer müssen waschen gehen... 60 Grad... 90 Grad... 100 Grad... Wasserhahn aufgedreht... so einfach kann das alles sein. Seitdem komme ich mir immer richtig gefährlich vor, wenn ich die Gradzahl an der Waschmaschine auslote... Und es ist doch irgendwie beruhigend zu wissen, dass auch die ungreifbarsten Menschen, die, die man eigentlich gar nicht mehr versteht, das gleiche tun wie wir alle.

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