Soundtrack meines Lebens

  • 1. Einstürzende Neubauten und Lydia Lunch - Durstiges Tier / Thirsty Animal (Maxi-Single, Seite A Und B

    Ich war Schülerin auf dem Gymnasium damals und leider von Möchtegernpoppern umgeben. Wahrscheinlich waren manche eigentlich ganz nett, aber mit dem Musikgeschmack meiner Mitschüler konnte ich leider gar nix anfangen. Ansonsten konnten die mit mir wohl auch nix anfangen, jedenfalls fühlte ich mich ziemlich einsam und verloren und unglücklich in einen der Ihren verliebt war ich auch noch und wissen durfte davon natürlich niemand, eher hätte ich mir die Zunge abgebissen, außerdem war niemand da, dem ich das anvertraut hätte. Und da stieß ich beim Ausverkauf in dem zweitgrößten Plattenladen Harburgs auf ein schwarzes Cover mit weißer und roter krakeliger Aufschrift. Titel: durstiges Tier. Und dann die Gruppe: Einstürzende Neubauten. Ich war gespannt. Und als ich die Scheibe auflegte, hörte ich Töne, die tief in mir widerhallten. Die Musik: eine Ruine aus Sehnsucht und Zerfall, aus Aufschrei und Verwundbarkeit, noch dazu mit deutschem Text, sparsam, auf den Punkt, existenziell. Dazu der unglaubliche Gesang von Lydia Lunch auf der B-Seite, irgendwo zwischen Langeweile, tiefer Verzweiflung und einem ungeheuren Hunger. Einfach magisch, das Ganze. Und obwohl Lydia auf Englisch singt, es war vor allem dieses unglaubliche Erlebnis, daß da endlich mal auf Deutsch gesungen wurde und ich das Gefühl hatte, das ist nicht nur was ganz ganz Eigenes, das ist auch ein Teil von mir und meiner eigenen Liebe zum Wort und zum Klang darin. Ohne daß es im langläufigen Sinne schön wäre. Die Platte hat mich weggeflasht. Wahrscheinlich kann das niemand verstehen, der völlig selbstverständlich mit deutschsingenden Rappern und Gruppen wie Rammstein aufgewachsen ist (die ich übrigens sehr schätze), aber mir ist diese Platte heute noch lieb und wichtig und ich mag sie auch immer noch gerne hören - und das hat absolut nix mit Nostalgie zu tun. Diese Scheibe ist für mich einfach ein persönlicher Meilenstein.

  • 2. Big Black - Kerosine

    Es war im Jahre 1987, irgendwann im November. Draußen war es schweinekalt, und ich kuschelte mit meinem ersten Freund, dem einzigen Menschen weit und breit an der Kunsthochschule, der außer mir auch einen eher etwas abartigen Musikgeschmack hatte, in meiner ersten eigenen Wohnung, und eigentlich hatten wir gar keine Lust mehr, noch rauszugehen. Aber er meinte, im KIR würde an diesem Abend eine Gruppe auftreten, die er bei John Peel im Radio gehört hatte, die klängen sehr interessant. Nunja, das KIR war nur zehn Minuten Fußweg entfernt, und so überwanden wir unsere Trägheit und stiefelten hin. Und was ich dort hörte, fetzte mich weg. Big Black, drei Typen, zwei Gitarren, ein Baß, eine hammerharte Rhythmusbox und ein Sound, der einen wegfegt. Die pure Energie. In Kerosine geht es um die Ödnis einer geleckten amerikanischen Vorstadt und daß ein junger, erlebnishungriger Typ dort bloß zwei Möglichkeiten hat, nicht vorzeitig vor Langeweile zu verenden : entweder er reiht sich in die Schlange anderer Jungen vor der Scheune ein, in der sich das einzige sexwillige Mädchen des Ortes (vermutlich aus ähnlicher Langeweile wie die Jungs) von denen bumsen läßt, oder aber er klaut aus der Garage seines Vaters einen Kanister Kerosine und setzt damit irgendwas in Brand. Und so klang dann auch das Stück, hart und schnell und mit einer unterschwelligen Bedrohlichkeit, bei der sich mir sämtliche Härchen in wohligem Schauer aufrichteten. Am nächsten Tag besorgte ich mir die Platte, überspielte sie auf Tape, packte sie in meinen Walkman und hörte sie in ohrenbetäubender Lautstärke, während ich in der Klasse sehr konzentriert an meinen Arbeiten werkelte. Irgendwann kam mein Freund, wir umarmten uns und ich wußte: das ist es! So soll es sein! Aus Langeweile und Nichtwohinmitsichwissen und der eigenen, ursprünglich nicht zielgerichteten Kraft, weil man noch keine Ahnung hat, wohin damit, die gesamte Energie mitsamt ihrem Potential an Zerstörung herausfiltern und in etwas transformieren, das nichts Destruktives an sich hat. Und zum Teufel damit, wenn irgendwer meckert, das würde ja nicht schön aussehen oder nach Krach klingen. Und ich war unendlich dankbar, endlich jemanden gefunden zu haben, dem das wohl genauso ging.

  • 3. PIL - Public Image Ltd. - Warrior

    Mit den - wenn auch legendären Punk-Heroen - Sex Pistols konnte ich nicht viel anfangen. Einzig Johnny Rotten alias John Lydon fand ich sehr faszinierend, vielleicht seiner Wangengrübchen und seines seltsam sirenenhaften und dabei so ironisch wirkenden Gesanges wegen. Maybe. Aber als ich dann Sachen seiner Nachfolgeband PIL - Public Image Ltd. - hörte, war ich Feuer und Flamme. Sie klangen so düster und so verzweifelt und dann immer diese Ironie dabei, vorwiegend im Gesang, diese Mischung fand ich einfach unwiderstehlich. Mit wechselnder Besetzung wurden die Sachen dann immer poppiger und ich dachte schon, nee, das mag ich nicht mehr, das klingt ja seicht. Aber man darf Johnny Lydon eben nicht unterschätzen, seine Leidenschaft blitzt halt immer wieder durch. Und spätestens mit WARRIOR hatte er mich dann völlig im Sack. Eine Hymne auf den Freigeist, auf die Selbstbestimmung, auf das autonome Individuum, die pure Power, selbst im glasklaren Sound der Neuzeit (damals, sorry, is halt lange her). Anyway, wenn ich mich mal wieder so richtig von allen verlassen und einsam auf dem Posten fühle, dann gibt mir dieses Stück die Kraft, die Faust zu ballen, gegen den Wind zu spucken, den Kopf so aufrecht zu halten wie ein Nuba-Krieger und zumindest innerlich die Stärke wiederzufinden, niemals aufzugeben - NIEMALS!!! Egal, was kommt.

  • 4. Cabaret Voltaire - Just Fascination

    Dies hier ist einfach vinylgewordene Magie - eine umwerfende Mischung aus Gefühl und Härte, traumhafter, hypnotischer Sound, absolut tanzbar, wahrscheinlich eines der ersten richtig guten Techno-Stücke, noch bevor dieser Begriff überhaupt aufkam. Mit Hilfe dieses Stücks habe ich vor langer Zeit mal versucht, Bewegungen des Körpers sichtbar zu machen: mit Klettband befestigte ich an meinen Handgelenken, Fußknöcheln, am Kopf, Ellenbogen, und Knien kleine Taschenlampenlämpchen, gespeist von zwei Flachbatterien an einem Gürtel, und dann fotografierte eine Freundin mich beim Tanzen in einem abgedunkelten Raum mit ca. jeweils ein bis zwei Sekunden Belichtungszeit. Heraus kamen seltsam kantige Lichtzeichenspuren, die teils wie Wirbel, teils wie japanische Schriftzeichen aussahen. Sehr seltsam das Ganze, aber es paßte optisch total zur Musik.

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  • 5. Sade - Frankies First Affair

    es war im sommer, mein bruder hatte seinen gebrauchten käfer cabrio nach langwieriger vorarbeit auf vordermann gebracht und wollte eine spritztour nach lübeck machen, um dort freunde zu besuchen. ich durfte mit, außerdem ein freund von ihm, der bezeichnenderweise frank hieß. und dann lief unterwegs (wir fuhren natürlich mit offenem verdeck, die sonne brannte auf uns nieder) die kuschelig-weiche neue platte (überspielt auf tape) von sade adu, die uns mit betörender stimme - mal kehlig-tief, leicht angerauht, dann wieder hoch und glockenklar - kleine, warmherzige geschichten von offenbar real existierenden menschen erzählte. zum beispiel von dem schüchternen frankie und seiner ersten liebesnacht. es war hinreißend, leicht und unbeschwert, auch wenn sich da und dort ein leichter anflug von melancholie hineinmischte. und endlich mal ein wirklich gut anhörbares saxophon, das auch noch wunderbar mit dieser schönen, sehr persönlichen stimme korrespondierte. am liebsten wäre ich so bis ans ende der welt mitgefahren. ich muß heute noch an diese fahrt denken, an frankie, der tatsächlich so etwas unschuldiges an sich hatte wie der frankie in dem stück, und vor allem muß ich, wenn ich dieses stück und überhaupt diese platte (diamond life) von sade heute höre, an meinen bruder denken. und dann bin ich, obwohl ich heute beim anhören dieser platte meistens heulen muß, dennoch froh und dankbar, daß ich diesen tag erleben durfte, denn einige jahre später hat sich mein bruder umgebracht.

  • 6. Pray for Rain - Chinese Bubbles

    Eines Tages sah ich im Fernsehen den Film "Syd and Nancy" mit Gary Oldman als Syd Vicious und Chloe Webb als dessen Freundin Nancy Spungen, in dem es um die zerstörerische Liebesgeschichte des Bassisten der Sex Pistols mit seiner heroinsüchtigen Freundin geht. Es war destruktive Romantik. Ich schaute mir den Film alleine an, wie so oft, denn mein damaliger Freund hatte kaum Zeit, wir sahen uns selten, Verabredungen gab es nicht, er kam einfach vorbei, wenn ihm danach war, und ihn spontan besuchen war auch nicht drin, weil ich mit Bahn und zu Fuß ungefähr anderthalb Stunden zu ihm brauchte. Und da sah ich diesen Film, und das Stück von Pray for Rain hallte lange in mir nach. Es war so zart, so hingetupft, so traumhaft, so schön. Dieser Film und dieses Stück waren eines der vielen Dinge, die ich gerne mit meinem Freund geteilt hätte. Aber daraus wurde nichts. Es wurde Ostern, Feiertage, freie Zeit, aber er meldete sich nicht bei mir und ich konnte ihn nicht erreichen. Und so saß ich bei schönem Wetter zu Hause herum, rauchte viel zuviel, hörte wieder und wieder dieses Stück und sehnte mich nach ihm und fragte mich, warum er so wenig Sehnsucht nach mir hatte, während ich mich hier nach ihm verzehrte, und dabei zerflossen die zarten Klängen und die warmen Farben, die sie in mir malten, langsam aber sicher mitsamt meinen heißen Tränen zu einem immer blasser werdenden Aquarell unerwideter Gefühle.

  • 7. Skinny Puppy - Candle

    Der Typ, der sich hinter diesem Bandnamen verbirgt, muß genauso wahnsinnig, drogensüchtig, destruktiv, verzweifelt und nach Liebe ausgehungert sein wie jener Vampir, der sich eines Nachts an meinem Hals festsaugte und dabei beschwörend zischelte: I'll try to test the pointless view Ich glaubte ihm das nicht, aber ich ließ es geschehen. Ich ließ ihm mein Blut, fühlte, wie mein Herzschlag immer langsamer wurde, bis mein Pulsschlag nahezu erstarb, derweil die Musik immer stärker aufbrauste, heranpreschte wie eine Stampede wildgewordener Büffel mit donnernden Hufen, und dazu irgendwo hoch über meinem schlaff zurückfallenden Körper eine melancholische Gitarrenmelodie erklang. Ich fiel in hohes, trockenes Gras, ich riß meine Augen so weit auf, daß sie schmerzten, ich sah nichts und alles mehr. Nein, ich glaubte ihm nicht. Bis alles zu Ende war. Bis nur noch der milchweiße Schein des Mondes am nachtschwarzen Himmel die Umgebung fahl erhellt und die Spitzen des dürren Gestrüpps neben meiner Wange so zart und weich gezeichnet hatte, daß sie mich nicht länger verletzten. Nein, keine Träne. Ich glaubte ihm das alles nicht. Ich hörte ihn atmen. Ich weinte nicht. PREACH

  • 8. Gloria Gaynor - I will survive

    die original-version dieses stücks ist ein typisches disco-stück der 70er jahre im philly-sound. ich war wohl zehn oder elf jahre alt damals, und weil es immerzu im radio lief, hatte ich es auch noch immerzu im ohr, wenn ich einsam, aber glücklich während der herbstferien, die unsere familie im ostseebad damp 2000 verbrachte, stundenlang am menschenleeren strand umherstreifte und nach muscheln, versteinerten seeigeln und belemniten ausschau hielt. in diesem jahr hörte ich dieses stück nach langer zeit erneut, diesmal allerdings in verschiedenen versionen von anderen interpreten, mal von cd und mal live gespielt, und zwar während meines urlaubs. in diesem jahr nämlich war ich zum ersten mal seit meiner schulzeit tatsächlich verreist. zweieinhalb wochen lang befand ich mich in thailand, und ob nun im backpacker-viertel von bangkok oder in den bars von hua hin, immer wieder hörte ich genau diesen song. es war eine wunderschöne, aufregende, entdeckungsreiche zeit in thailand. ich hatte mich schon auf dem rückflug gefragt, warum er gerade dort so häufig gespielt wird, ob bloß der touristen wegen (konnte eigentlich nicht sein, ich hörte ihn auch in lokalen, in denen kaum ausländer waren) oder wegen des textes (verstanden die thais den überhaupt?) oder ob diese mischung aus sehnsucht und trauer und gleichzeitiger power vielleicht ... dieser wunderbare urlaub, in dem ich auch ein wenig kontakt zu einigen einheimischen fand, ist nun gerade mal knapp drei wochen her. und die lezten beiden tage lang habe ich den ganzen abend nur noch geschockt vor dem fernseher verbracht und konnte kaum fassen, was ich in den nachrichtensendungen zu sehen kriegte - all diese bilder von tod und zerstörung und ständig steigen die zahlen über tote und verletzte und vermisste, und das nicht nur in Thailand, viele andere Länder sind ja auch betroffen ... Was kann man noch sagen? Ich wünsche jedenfalls den überlebenden Menschen dort all die Kraft und die Hoffnung aus diesem Song - I will survive bekommt nun plötzlich eine völlig neue Dimension.

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Flughunds Freunde

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