Soundtrack meines Lebens

  • 1. rage against the machine - Wake Up

    Alle in meiner Schule mochten das Debüt-Album von Rage Against The Machine. Es war ja auch für jeden etwas dabei: Die Hiphopper, die ihre alltäglichen Bongsessions mit Cypress Hill und ähnlich brägem Zeug unterlegten, fanden sich in den flowenden Raps des Frontmannes wieder. Die Metal-Fans, die sich stets in Leder hüllten, lange schwarze Haare trugen und mit dem Beelzebub kokettierten, erregte das großartige Gitarrenspiel Tom Morellos und die bratenden Parts, bei denen sie richtig abbangen konnten. Die angehenden Mucker, dabei handelte es sich hauptsächlich um meinen ehemals besten Freund und späteren Bandkollegen, spürten die unglaubliche Magie, die diese Combo ausstrahlte und ließen sich davon in den Bann ziehen. (Jene Magie sollte mit den Jahren auch einen Namen bekommen: heute heißt sie Tightness und wird meist mit Dream Theater in einem Atemzug genannt.) Die Punks interessierte weniger das musikalische Talent als die sozialkritische Einstellung der Band. Immerhin sangen sie gegen Amerika und druckten Guerilla-Beau Che auf ihre T-Shirts. Ein absolutes Muss für jeden Trend bewussten Linken. Zu guter letzt die Polohemd und Seglerschuhe tragenden, Hockey und Golf spielenden Bonzenkinder, die bei mir auf der Schule die Mehrheit bildeten und alles hörten, was in den Charts oder sonst so angesagt war. Diese musikalischen Trittbrettfahrer fuhren natürlich auch total auf Rage Against The Machine ab. Nun aber zu mir: Mich irritierte die vermeintliche Massentauglichkeit des Albums so sehr, dass ich es lange Zeit schlichtweg ignorierte. Nicht weil ich generell irgendwie „anti“ gewesen wäre oder besonders cool wirken wollte, nein, eher weil ich zu faul war, mich ernsthaft damit auseinander zu setzen und mir eine eigene Meinung zu bilden. Nervige Gespräche mit unliebsamen Schulkameraden vermied man eben am besten durch Sätze wie: „Rage? Kenn’ nicht so viel von denen. Is’ mir auch irgendwie zu laut.“ Ein großes Bedürfnis mit Leuten zu diskutieren hatte ich noch nie. Tja, und dann kam der Tag, an dem es das gute Stück doch in mein CD-Player schaffte; und für die nächsten Wochen auch dort blieb. Wie das geschah, weiß ich nicht mehr genau. Wichtig ist sowieso nur, dass es innerhalb weniger Augenblicke zu meinem neuen Lieblingsalbum avancierte und alle Zweifel wie weggeblasen waren. Von da an hörte ich jeden Morgen vor der Schule meine momentanen Favoriten. Und obwohl es praktisch unmöglich war bei diesem Hitfeuerwerk eine Rangliste unter den Liedern zu erstellen, kristallisierte sich bald ein Liebling heraus: „Wake Up“. Über fünf Minuten lang und keine Sekunde zu viel. Mein Muckerkollege würde den Song wahrscheinlich so zusammenfassen: „Göttliche Gitarren, donnerde Drums, bombige Basslines und revolutionäre Raps. Alles in allem tighter wie Dream Theater.“ Ich würde schmunzeln und ihm Recht geben.

    Zu diesem Song haben diese User ebenfalls etwas erlebt:
  • 2. Nirvana - Rape me

    In den Sommerferien 1995 besuchte mich mein alter Schulfreund Kazuki Tsurugai. Er war ein Jahr zuvor, etwa in der 5. Klasse, mit seiner Familie nach Japan zurückgekehrt und seitdem hielten wir eine Brieffreundschaft aufrecht. Sein Vater hatte als Physiker bei DESY gearbeitet, weswegen die Tsurugais in den Achtzigern nach Hamburg umsiedelten. Obwohl Kazuki – wie ich – ein recht stiller Zeitgenosse war, verstanden wir uns auf Anhieb gut. Und es gab eine Sache, die uns besonders verband: Nintendo. Als Japaner bekommt man die Leidenschaft für Videospiele bekanntlich in die Wiege gelegt, und so war auch er ein Virtuose an der Konsole. Hunderte von Stunden verbrachten wir hinter unseren Game Boys, und später vor dem Super Nintendo. Und selbstverständlich taten wir genau dasselbe bei seinem dreiwöchigen Besuch in den Sommerferien. Exzessive Daddel-Sessions untermalt von Nirvanas grandiosem Album „In Utero“. Super Mario World zu „Heart Shaped Box“, Street Fighter 2 zu „All Apologies“, Zelda zu „Rape me“. Aus heutiger Sicht der Dinge fühlt sich diese Nintendo-Game-Grunge-Song-Gegenüberstellung vielleicht etwas seltsam an. Von der Bewegung des Grunge bekamen wir aber damals nicht viel mit. Und genau so wenig verstanden wir die Texte. Für uns war es einfach die perfekte Musik zum Spielen. Das einzige, was ich mit den Dreien aus Seattle gemein hatte, waren die schrecklichen Holzfällerhemden, die mir meine Mutter aufzwang. Seit Kazuki wieder zurück in Japan ist, habe ich ihn nicht mehr gesehen. Er antwortet auch seit gut einem halben Jahr nicht mehr auf meine Emails. Ich weiß nicht, wie er darüber denkt, und ob er überhaupt noch an mich denkt, aber ich wünsche mir nichts so sehr, wie ein Wiedersehen. Wie gerne würde ich den Super Nintendo ein letztes Mal anschmeißen, „In Utero“ im CD-Player rotieren lassen und auf das Gamepad einprügeln als gäbe es kein Morgen mehr. Ach ja, warum gerade „Rape me“ mein Favorit ist? Erstens ,weil es der erste Nirvana-Song war, den ich auf Gitarre gelernt habe, und zweitens, weil es diesen super B-Part hat.

    Zu diesem Song haben diese User ebenfalls etwas erlebt:
  • 3. Tocotronic - Die Idee Ist Gut, Doch Die Welt Noch Nicht Bereit

    Tocotronic – Die Idee ist gut doch die Welt noch nicht bereit Als der Don, mein musikalischer Counterpart, mir vor ein paar Jahren zum ersten Mal ein Lied von Tocotronic zeigte, wurde mir schlecht und ich musste brechen. Nein Quatsch, ganz so schlimm war es nicht. Aber fast. Ich konnte einfach nicht verstehen, was an diesem jungen hamburgischen Trio außer ihrer Herkunft so besonders sein sollte. Gitarrist Dirk von Lowtzow und Bassist Jan Müller waren nicht in der Lage ihre Instrumente zu stimmen, geschweige denn sie zu bedienen. Und das Schlagzeugspiel von Arne Zank war derartig dilettantisch, dass selbst mein damals dreijähriger Bruder tighter rasseln konnte. Zwar trafen die Aussage ihrer Texte, in denen sie sich zum Beispiel über Gitarrenhändler, Tennis spielen und Samstage ausließen, meinen Geschmack, der nölende Gesang des Frontmannes aber verfehlte diesen um Längen. Also schüttelte ich den Kopf und sagte zu meinem geschätzten Kollegen: „Nee Mann, das jetz’ irgendwie nicht.“ Einige Zeit später saßen wir wieder beieinander und musizierten fleißig, als plötzlich Kerim, Dons Bruder, ins Zimmer stürmte, „Ich muss euch was vorspielen!“ rief und nach einer klassischen Gitarre schnappte. Es folgte „ Die Idee ist gut doch die Welt noch nicht bereit“ von genau der Band, die noch vor kurzem so gnadenlos bei mir durchgefallen war – Tocotronic. Aber diesmal, über den Umweg einer Interpretation ihres Werkes, spürte ich das, wofür ich am Anfang noch nicht bereit gewesen war: bei guter Musik geht es nicht um Perfektion. Auch nicht um Image, Style oder gestimmte Gitarren. Es geht darum, seinen Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu verleihen ohne dabei zu dick auftragen zu müssen. Je unkomplizierter und ehrlicher, desto besser. Da mag mir die hiphoppende und nu-metallende Zunft wahrscheinlich widersprechen, ich aber glaube mittlerweile an die Kraft der Melancholie und die Macht der Simplizität. Dank Tocotronic.

    Zu diesem Song haben diese User ebenfalls etwas erlebt:
0 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  •