Soundtrack meines Lebens

  • 1. Velvet Underground - Venus In Furs

    The Velvet Underground & Nico, das ist eines meiner grossen, genialen Alben. Eines von der Sorte, die so sehr zu meiner Biographie gehoeren, dass ich sie eigentlich in meinen CV aufnehmen sollte: '1989 - Velvet Underground gehoert - Gehirn weggeblasen bekommen - festgestellt, jemand anderes geworden zu sein, als ich wieder zu mir kam.' Velvet Underground, das war ausserdem Rock'n'Roll und Dekadenz und Kunst, Schoenheit und Drogen, Nacht, Exzess und Avantgarde, und das alles simultan, in Songs verwoben. Und irgendwie entwickelten die Dinge, wenn man sie zusammensteckte und etwas ruehrte, schuettelte und raeucherte, einen anderen und eigenen Bedeutungshorizont, ueberall taten sich Querverbindungen auf: Musik und Buecher, bestimmte Menschen, bestimmte Parties, Politik (oder: was ich damals dafuer hielt) Idealismus und ein Uebermass unschuldiger Romantik. In dieser Zeit habe ich die ganze Platte in 'heavy rotation' gehoert. Und dann 'Venus in Furs'. Man ermunterte uns, im Fach Musik unsere Lieblingslieder mitzubringen. Daraus sollte eine Hitparade zusammengestellt werden, die 'Top 20 der 9a' oder so aehnlich. Mein Beitrag: Die Velvet Underground & Nico, ich waehlte 'Venus in Furs' aus. Weil es exemplarisch fuer Velvet Underground ist und ungeheuer cool, weil es meiner Meinung nach Bestandteil der musikalischen Allgemeinbildung ist und obendrein ein wunderschoenes Lied. Der Rhythmus! Die Instrumentierung! Und dazu Lou Reeds kehlige, praezise, sehr kuehle Stimme - 'I am tired I am weary I could sleep a thousand years A thousand dreams That would awake me different colours made of tears...' Das uralte Kassettendeck im Musiksaal knarzte, rauschte und leierte in miserabelster Qualitaet, die 9a sass in zwei langen Reihen auf diesen unbequemen Holzstuehlen mit vorklappbarem Minitisch, die angestrengten Mienen meiner Mitschueler wurden lang und laenger, und mir daemmerte, dass dies kein Ort fuer Velvet Underground war. Als das Stueck vorueber war, hing die Erleichterung meiner Mitschueler darueber beinahe greifbar im Raum. Nummer 1 wurde uebrigens 'Great Balls of Fire' von Jerry Lee Lewis.

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  • 2. Pulp - Disco 2000

    'Let's all meet up in the year 2000 won't it be strange when all fully grown...' Als ich mich Hals ueber Kopf in Pulp und in Sven verfing, war das Jahr 2000 noch so weit weg wie Pluto. Ungefaehr. Sven war einer der schoensten und ungewoehnlichsten Menschen, die mir jemals begegnet sind. So aehnlich war es mit Pulp. Traeume. Ob wir dann noch zusammen sein werden, im Jahr 2000? Natuerlich, wir leben dann in New York, arbeiten als Dokumentarfilmerin (ich) und Videofilmer (er), in unserem Loft tummeln sich 2 Katzen, und unsere Liebe reicht bis ins Weltall und zurueck. Denn wir waren das absolute Dreamteam, 'collapsed in love', das Paar, mit dem 'immer die Sonne aufgeht, wenn ihr zusammen einen Raum betretet', so unsere Freunde. 'Oh they thought that when we grew up, We’d get married, and never split up. We never did it, although often I thought of it.' Or so it seems. Es kam sehr anders. Doch 'Let's all meet up in the year 2000' galt. So trafen wir uns tatsaechlich wieder, zwar nicht alle, aber Sven und ich und ein paar andere, feierten Silvester 1999 auf 2000. Tranken Unmengen Gin Fizz, das so schoen leuchtet im Schwarzlicht, tanzten wild wie zu alten Zeiten, wechstelten x-mal die Location, knutschten, kletterten ueber Zaeune (wobei mein enger Rock einriss), erklommen einen meterhohen Erdberg, knutschten zu dritt und uns gegenseitig, endeten auf der Party im Schauspielhaus zwischen lauter huebschen Jungen, die verwegen Fell auf nackter Haut trugen. Letzteres war gewissermassen ein skandaloeses Heimspiel: Waaas? Die beiden wieder zusammen? Wir waren aelter geworden, aber immer noch jung und wild und frei, alle Tueren waren offen, die Zukunft lag offen vor uns, bereit, von uns erobert zu werden. Im Jahr 2000 verliess ich sowohl die Gegend als auch Sven wohl endgueltig. Von 'fully grown' bin ich allerdings zur Stunde noch immer weit entfernt. Und er?

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  • 3. Gerry & The Pacemakers - You'll Never Walk Alone

    'When you walk through the storm Hold your head up high And don't be afraid of the dark At the end of the storm There's a golden sky And the sweet silver song of the lark Walk on, through the wind Walk on, through the rain Though your dreams be tossed and blown Walk on, walk on, with hope in your heart And you'll never walk alone You'll never walk alone Walk on, walk on, with hope in your heart And you'll never walk alone You'll never walk alone!' Dies aus etwa 40 000 Scouse-Kehlen in Anfield zu hoeren, ist ein Erlebnis fuer die Ewigkeit. Saemtliche Koerperhaeaerchen stellen sich auf. Solidaritaet und Hoffnung. Walk on!

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  • 4. Toy Dolls - Nellie The Elephant

    Eine meiner ersten selbstgekauften Schallplatten! Single, gruen, mit einem halben (davonlaufenden) Elefanten (Nellie). Der Beginn einer langen und wundervollen Freundschaft, Leidenschaft, Liebe: Ich und Musik. Yay! Ausserdem ein spassmachendes und super-befreiendes Lied: 'To Bombay A Travelling Circus Came, They Brought An Intelligent Elephant And Nellie Was Her Name One Dark Night She Slipped Her Iron Chain And Off She Ran To Hindustan And Was Never Seen Again Oooooooooooo Nellie The Elephant Pack Her Trunk And Said Goodbye To The Circus Off She Went With A Trumpety Trump Trump Trump Trump Now Nellie The Elephant Packed Her Trunk And Trundled Off To The Jungle Off She Went With A Trumpety Trump Trump Trump Trump' Also: Ruessel einpacken, Eisenketten abstreifen, und ab nach Hindustan!

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  • 5. The Smiths - Some Girls Are Bigger Than Others

    Heidelberg, 1988, die WG meines Bruders im Neuenheimer Feld. Ich hatte gerade die 'The world won't listen' fuer mich entdeckt und von vorne bis hinten, jeden Ton, jedes Wort, in mich aufgesogen. Im Nebenzimmer wohnte Christoph, der war ein Freund meines Bruders, wunderschoen und ziemlich klug, und er besass obendrein noch einen unendlich absurden Humor. Und in Christoph's Zimmer stand die 'The Queen is Dead', die er mir freundlicherweise ueberspielte. Mit 'Some Girls Are Bigger Than Others' hat Morrissey eines dieser wundervoll beschwingten und gleichzeitig zutiefst melancholischen Lieder geschrieben, die The Smiths fuer mich unsterblich machen. The Smiths begleiten mich bereits laenger als die Haelfte meines Lebens (scary!). Ausserdem hat Morrissey schlicht und einfach unbestreitbarerweise recht: 'Some girls are bigger than others Some girls are bigger than others Some girl’s mothers are bigger than Other girl’s mothers...' Mich wuerde vermutlich einiges zu einem besseren Menschen machen, aber auf Biegen und Brechen einen BMI unter 17 zu halten gehoert nicht mehr dazu.

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  • 6. Blur - Girls & Boys

    Madrid, 1998, ein wunderbarer kleiner Club namens 'Supergen,' der intensiv nach Mottenpulver oder irgendwelchen Killer-Pestiziden roch, voller huebscher Maedchen und pretty boys, und die DJane hatte ein Faible fuer Musik von der Insel. Jaja, ich weiss, Blur haben x bessere Songs geschrieben, 'Girls & Boys' ist ausgelutscht, ueberhoert und viel zu oft gespielt, aber es lief an diesem Abend nun mal. 'Death of a Party' kann man schlecht auflegen, andernfalls suizidiert sich die Haelfte des geschaetzten Publikums. Wir waren irgendwie schon ziemlich 'wasted' und ausgelassen, ich war in kuehnster Jagdlaune und ueberschaeumender Vorfreude auf das 'Maravillas', in das wir spaeter gehen wuerden, wo ich meinen DJ treffen wuerde; wir ueberredeten unser oh so blondes 'hot totty' Andre zu einem Striptease (die pretty boys fanden's klasse), tanzten, tranken, lachten. Mein DJ und seine Freunde standen am Eingang und nahmen ein paar Drinks, bevor er im 'Maravillas' auflegen wuerde. Seine frisch verlassene Ex-Freundin war dabei, sie spiesste mich mit Blicken auf, waehrend zwischen ihm und mir pure Elektrizitaet floss, Funken stoben. DJs sind (anders als Aras, Graugaense oder Seepferdchen, beispielsweise) eine nicht fuer momogame Paarbeziehungen geschaffene Spezies und unhaltbar. Aber mit diesem hatte ich eine wunderschoene Romanze.

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  • 7. Dover - Free Kitten

    Sommer 2004, Station 7. An einem Ort wie diesem war mir eindeutig nach Punkrock. Durch Portugal brausend, Sommer, Hitze, Euro 2004, war mir eindeutig nach Punkrock. 'Free! Would you stop it and set me free Could you tell her to let me be I believe in the rights for kittens I believe in the freedom of speech!'

  • 8. Cowboy Junkies - Blue Moon Revisited (Song For Elvis)

    3 Monate war ich hier gewesen, 6 Wochen nach meiner Ankunft war er gekommen, und er fiel zum einen dadurch auf, dass er ungeheuer schüchtern, verschlossen, alleine wirkte, zum anderen dadurch, dass er der einzige Endzwanziger war, männlich obendrein, unter etwa 60 Frauen jeglicher Altersgruppen - und damit automatisch das totale 'hot totty'. Er trug ein schwarzes T-Shirt, die Grafik einer Nikon-Kamera vorne drauf, hmmm, interessant, dachte ich, er hat bestimmt einen spannenden Beruf, wenn er überhaupt arbeitet, schliesslich war niemand ohne Grund hier. Etwa 2 Wochen nach seiner Ankunft trafen wir in der allgemein verhassten Zwangsveranstaltung namens ‚Gymnastik’ aufeinander. Was natürlich nicht ganz absichtslos geschah, dass ich nach dem Aufwärmen neben ihm gelandet war - ich wollte diesen stillen Menschen gerne etwas näher betrachten -, und wir die Partnerübungen gemeinsam machten. Dieser Mensch hat null Körperspannung, dachte ich. Oefters waren wir dann auf meinem Balkon, gemeinsam heimlich rauchen. Denn das war im Gebäude verboten. Redeten. Vorwiegend über Musik, Bilder, Filme, und was uns hierher geführt hatte. Das Leben. Er taute ein bisschen auf. Ich mochte ihn wirklich gerne. Samstag, den 9. April, verbrachten wir komplett zusammen, und zu zweit, seine Idee. Wir streunten durch die Stadt, kauften eine sehr schöne Rocker-Lederjacke für ihn, anschliessend sogar noch Unterwäsche, was mich wirklich wunderte, reserviert, wie er war. Abends assen ein einem kleinen, sehr stylischen Restaurant. Gingen danach was trinken; ‚Was möchtest Du?’ – ‚Keine Ahnung, mach einfach mal’, sagte ich und entschwand auf die Toilette. Ich trank den ersten Martini meines Lebens. Und wenn ich nicht Auto gefahren wäre, hätte ich Lust gehabt, mich mit ihm hemmungslos zu betrinken, in ein Zeitfenster zu springen und mich einfach treiben zu lassen, mal sehen, wo wir ankommen - - - Alex nahm mich in diesen letzten Tagen irgendwann beiseite: ‚Er mag dich wirklich gerne.’ – ‚Er? Meinste? Ich glaube eigentlich nicht, dass er überhaupt den Nerv für so etwas hat. Ausserdem ist er in einer Beziehung. Und ich auch.’ – ‚Dochdoch, ich erkenne so etwas. Ausserdem,' sagte sie verschwörerisch und rückte etwas näher, ‚hat er mir erzählt, dass er das erste Mal, als er dich gesehen hat, einen totalen Schreck bekommen hat. Weil Du haargenau aussiehst wie seine erste Freundin.’ Erste Freundin hin oder her, ich wusste es besser. Es war schon etwas Besonderes, eine besondere Vertrautheit, eine besondere Zuneigung zwischen uns. Er behandelte mich, bei aller Reserviertheit, wie eine Lady. Er trug mich, bei aller Reserviertheit, auf Händen. Er schätzte mich. Als ob ich etwas ganz besonders Wertvolles sei. Das habe ich von keinem Menschen jemals zuvor erlebt. Jedenfalls noch nie, ohne dass im Folgenden versucht worden wäre, mit mir ins Bett zu gehen. Am 12. April 2005, meinem letzten Abend, gab es eine kleine Abschiedsparty. Ich war ein bisschen angetrunken und ausgelassen. Ich quatschte mit Richard, der mit ihm auf einem Zimmer lag, wir gingen in ihr Zimmer zum Weiterreden, ich sass auf seinem Bett und betrachtete die Bilder an seiner Seite der Wand, die so waren wie er: Besonders. Schön. Mit einem Blick für’s Detail. Mit einer lakonischen Traurigkeit. Als er ein paar Minuten später ebenfalls in das Zimmer kam, schien er nicht wirklich erstaunt, mich dort vorzufinden. Diesmal rauchten wir auf seinem Balkon. Dann war es 23:00, und ich musste zurück in mein Zimmer. ‚Darf ich Dich mal in den Arm nehmen?’, fragte er, das kam ungeheuer schüchtern. Ich fiel in seine Arme, ungestüm, hätte ihn am liebsten nicht mehr losgelassen. Er schon. ‚Warte!’, rief er mir hinterher, ‚ich muss Dir noch was mitgeben!’ Seinen Minidisk-Player. ‚Lied Nummer 3.’ Oh wow, wie wunderschön, dachte ich, als ich in meinem dunklen Zimmer im Bett lag, meine letzte Nacht, und die bassline von ‚Blue Moon’ mich umschlang. Dann die Stimme, über allem schwebend. Dann der Text, traurig und lakonisch wie er. Und die ganze Zeit diese magische bassline. Dann leuchtete mein Handy. Eine SMS von ihm: ‚Stell den Minidisk-Player auf repeat. Die ganze Nacht.’ Er hat mir ‚Blue Moon’ geschenkt. Er hat sich unvergesslich gemacht. Immer, wenn ich jetzt an ihn denke, habe ich diese bassline im Kopf. Und immer, wenn ich 'Blue Moon' jetzt höre, habe ich ihn im Kopf. Ich hoffe, dass es ihm besser geht. Ich hoffe, dass er es schafft.

  • 9. Suede - Saturday Night

    Ich stand alleine in der hellgelben Metro-Station, Nacht, wartete auf den Zug, rauchte und fühlte mich komplett 'edgy', den Kopf voller wirrer Gedanken und das Herz voller wirrer Gefühle. Ich trug einen schwarzen, knielangen, engen Rock, meine geliebten schwarzen Stiefel und darüber einen schwarzen Gehrock. Mir ging Suede durch den Kopf, 'sometimes we ride in a taxi / to the end of the city / like big stars on the back seat / like skeletons ever so pretty...', das ist 'The Asphalt World' und mein Haut- und Haarlied, denn Suede beschreiben haargenau meinen Seelenzustand, im kalten Winter in Madrid. Irgendwann fiel mir auf, dass die ganze Szenerie identisch mit dem Suede-Video 'Saturday Night' war. In welchem ein trauriges, schwarzgekleidetes Suede-Mädchen in einer hellgelben Metro-Station herumhängt. Bin gespannt, was aus 'The Tears' wird.

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  • 10. Manic Street Preachers - Little Baby Nothing

    Das geht so: Das Atmen wieder aufnehmen und das Blut wegwischen, als er endlich geht. Um zu begreifen, wie um alles in der Welt das geschehen konnte, ist es noch zu früh. Um sich zu verzeihen erst recht. Blick in den klaffenden Abgrund, blankes Entsetzen, verschränkt ineinander klammernde Hände, in der Hoffnung, dass sie aufhören zu zittern. Teilt ihm irgendwann später am Telefon mit, dass er sich zum Teufel scheren soll. Tausende Kilometer Distanz sind gut. Atmen. Hart werden. In pieces, völlig gebrochen, insgeheim, aber das lässt man sich nicht anmerken. Man lässt sich nicht brechen – ist eine starke, selbstbestimmte Frau, gewiss kein Opfer. Ausserdem hätte er es dann geschafft. In diesen eiskalten Nächten 'on the edge' oder knapp darüber hinaus, in denen man ins Bodenlose stürzt und glaubt, den Verstand zu verlieren, da ruft man S. an: Ich glaube, ich drehe durch. Ich gehe verloren. Ich bin krank vor Angst. – Weißt du, ich habe zwar gerade ein Mädchen hier, aber es ist OK. Komm her. Man eilt ins Taxi, kommt mitten in der Nacht in der Calle Valverde an. S. steckt ins Bett, macht Tee, nimmt in den Arm und liest stundenlang vor. Und es wird aushaltbar. Ein einziges Mal habe ich es, diese kranken Wochen, in ausnahmslos allen Details erzählt. An einem strahlenden Oktobertag 1998, auf einer Wiese des Campus der Universidad Complutense de Madrid. S. wurde übel. Ihm kamen die Tränen. Jahre später war da dann diese enorme Kühle, ein Ausmass an Distanziertheit, die jeden, dem ich in 3 präzisen, abstrakten Sätzen meine Befindlichkeit schilderte, schockierte und befremdete. So weit weg! – Natürlich so weit weg. Was soll ich denn sonst tun? Fühlen vielleicht? No gracias, erstens, und zweitens ist die Gefühlsebene abgetrennt; ich komme mit allem geballten guten Willen nicht ran; Gehirn auf Beinen eben, ich gehe intellektuell vor, der Teil dazwischen fehlt. Nicht gut, ich weiss, ist aber so. Für den Moment jedenfalls. Ausserdem will ich da nicht fühlend ran, sagte ich mir, sondern indem ich mich bessere. Indem ich aufhöre, so scheisse zu sein, wie ich bin, und besser werde, perfekt werde. Perfekt hart. Perfekt unverwundbar. Perfektes Packeis. ‚Täter-Introjekt’, nennt sich das, so lernte ich - man identifiziert sich mit dem Aggressor, hat einen gemeinsamen Feind, der es ja verdient hat: sich selbst. Das ist eine Überlebensstrategie. Leider verinnerlicht man damit zugleich die Hässlichkeit aus der Hölle, die schlechteste Schlechtigkeit, die allumfassende Verachtungswürdigkeit. No one likes looking at me. My mind is dead. Everybody loves me, wants a slice of me, hopelessly passive and compatible. Wiederholung eines Traumas, damit es erinnerbar und begreifbar wird. ‚Frau Pfotentier, durch die Wiederholung können Sie lernen, damit umzugehen. Mit dem, was ausserhalb Ihrer Erinnerung liegt, nicht.’ Zurückzurück nach Madrid, immer noch dieser Winter, mittlerweile 1999. Ich kehre es um, offensiv, entschieden, verzweifelt: Ich sorge dafür, dass es mir gut geht. So gut wie möglich. Mit aller Macht: FUCK YOU. Ich lebe. Und zwar besser als Du, krankes Schwein. Du hast es NICHT geschafft. Die Manics haben „This is my truth tell me yours“ herausgebracht. Und das Leben hat mich jemandem an die Seite gespült, der fand, dass ich verdient hätte, mich ‚wie eine Prinzessin’ zu fühlen. Durch Malasana streunen, Hand in Hand, ab und zu muss ich einen Meter abrücken, weil ich mich nicht sattsehen kann an diesem pretty boy, irgendwo zwischen Brian Molko und Richey James Edwards, dem verschwundenen Manics-Gitarristen. ‚Desde que te he visto por primera vez, desde que te he conocido, desde que hablado contigo solo he querido que te sientas en mi vida como una princesa. Solo deseo caminar junto a ti por Malasana y no sentir el suelo.’ Das habe ich schriftlich. Denn eines nachmittags sitzen wir in diesem kleinen Jugendstil-Café in der Nähe von Opéra, können uns nicht wirklich unterhalten, weil wir aufmerksame und neugierige Zuhörer haben, und schreiben stattdessen. Hunderte Stunden verbringen wir in Bars, reden Tage und Nächte durch, dann in mein piso an der Glorieta Bilbao, und da laufen ‚Je t’aime’ und My Bloody Valentine auf Dauer-Repeat. Er will wissen. Ich schweige und rauche. Er sieht mich durchdringend an, ich starre in meinen Wein. Über die Manics reden wir viel. Über Richey. An ihm kann man erklären, ohne sich selbst erklären zu müssen. 4 REAL. Irgendwann reicht er mir ein Tape: Little Baby Nothing. Allerdings nicht die Album-Version, sondern ein Live-Acoustic-Auftritt bei Radio One, Steve Lamacq. Und ‚Little Baby Nothing’ bleibt bei mir. Manchmal, sehr selten, kommen Flashbacks, manchmal Bilder, häufiger Gefühle. Manchmal, und das hasse ich, reicht ein winziger Trigger, und ich bin wieder dort. Manchmal, sehr selten, wenn ‚das’ Überhand zu gewinnen droht, bin ich wieder ‚Little Baby Nothing’. Aber die gute Nachricht ist: Nichts ist statisch. Alles kann sich verändern. Alles verändert sich. Und ich habe mich beinahe wieder. No one likes looking at you Your lack of ego offends male mentality They need your innocence To steal vacant love and to destroy Your beauty and virginity used like toys My mind is dead, everybody loves me Wants a slice of me Hopelessly passive and compatible Mir ist unbegreiflich, was sie eigentlich sehen. Was sie in mir sehen. Ich bin nicht hübsch, schön; es verwirrt mich, ich verstehe nicht, warum sie mir das also sagen, was sie von mir wollen, warum es sie stolz macht, mir mit durch die Strassen, durchs Leben zu gehen – I wish I had a bottle / right here in my pretty face / to wear the scars / to show where I come from. Need to belong, oh the roads are scary So hold me in your arms I wanna be your only possession - sehr scary sogar, vor allem in den Momenten, in denen man es zulässt. Your pretty face offends Because it's something real that I can't touch Eyes, skin, bone, contour, language as a flower Die Natur des Zerstörenwollens, den Kick, den das anscheinend gibt; die Motivation dafür, vor allem diese fatale Kombination aus Sex und Macht und Gewalt, habe ich immer noch nicht begriffen. Der Typ war komplett krank, komplett gestört. Und vermutlich ist es manchmal besser, gesünder, nicht zu begreifen. Und wie ist das mit dem Schmerz? Warum brauchte es manchmal Schmerz, um sich zu spüren, um sich vergewissern, dass man noch da ist? Als ob da nicht bereits genug Schmerz gewesen wäre? All the world does not exist for me And if I'm starving, you can feed me lollipops Your diet will crush me My life just an old man's memory Little baby nothing Loveless slavery, lips kissing empty Dress your life in loathing Little baby nothing Sexually free, made-up to breakup Assassinated beauty Moths broken up, quenched at last The vermin allowed a thought to pass them by You are pure, you are snow We are the useless sluts that they mould Rock 'n' roll is our epiphany Culture, alienation, boredom and despair. Noch nicht fertig. Aber ich bin jetzt bleiern müde.

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