Soundtrack meines Lebens

  • 1. The Cranberries - I Can't Be With You

    Wahrscheinlich hat jeder mal die Anwandlung gehabt Musik machen zu müssen. Laute Musik, mit lauten Instrumenten - nur um irgendwann vor Menschen zu spielen, die auf tumbes Schulbandgeschrammel eigentlich gar nicht können. Egal. Wollte ich aber trotzdem. Und unbedingt. Das Problem dabei war nur, dass sich mein Instrument in keine ernstzunehmende Rockband einfügen lassen wollte - Querflöte kann man eben nicht mit Verstärker spielen. Mein Cousin war damals trotzdem so nett, mich zu seiner Bandprobe mitzunehmen (Blut scheint dann doch - Floskel - dicker als Wasser). Die Querflöte blieb in der Tasche, war letztendlich auch egal, denn als dieses Mädel, Katrin, das ich bis dahin eigentlich nur vom sehen kannte, die ersten Zeilen von "I Can't Be With You" ins Micro hauchte mutierte ich unversehens vom Möchtegern-Rockstar zum liebesblinden Groupie. Rumgekriegt hab ich sie damals trotzdem nicht. Aber man begegnet sich im Leben immer zweimal. Der Anfang der Geschichte bleibt dennoch für immer "I Can't Be With You" ...

  • 2. echt - junimond

    Wenn Beziehungen zu Ende gehen, gibt es immer ein Lied, das dich über die Zeit, in der es noch weh tut hinwegträgt und dir Taschentücher reicht. Oder ein Lied, das genau in dem Moment, in dem es geschieht da ist, aus Gründen der Dramaturgie, oder so. Junimond lief damals ständig im Radio, von daher war die Wahrscheinlichkeit, dass es mit dem Moment des Schlußmachens zusammenfällt nicht sonderlich gering und die Auswahl zudem alles andere als ungewöhnlich. Ungewöhnlich war vielleicht viel mehr der Ort - die Badewanne - sich trennen und nackt nebeneinander im Wasser liegen könnte als sauberer Widerspruch durchgehen. Während das Wasser gurgelnd im Abfluß verschwand, blickte mich Katrin ziemlich lange, ziemlich durchdringend an - das etwas nicht stimmte lag auf der Hand, deshalb war die Frage: "Stimmt etwas nicht?" gar nicht weiter verwunderlich. Nachdem ich länger herumgedruckst hatte und sie schon mit dem Augenpipi kämpfte, kam dann doch die Antwort: Ja, ich hatte jemand anderen kennengelernt und nein, sie kenne die betreffende Person nicht. Stille, kurz. Danach natürlich die Frage, nein, viele Fragen. Und von mir die Antwort: Sie ist ein er und heißt Fabian. Die ersten Takte von Junimond, perfektes Timing ... Wenn es Ende Juni ist, Junimond im Radio läuft und du als Hetero mit deiner Freundin baden gehst, kann es also durchaus passieren, dass du danach umgepolt aus der Wanne steigst. Darüber sollte man mal nachdenken ...

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  • 3. Madonna - La Isla Bonita

    Meine Mutter zieht mich noch heute damit auf, dass ich als Kind immer Sommerfeste feiern wollte - Wassereis essen, bis dir schlecht ist, aufbleiben, bis du zu müde zum Stehen bist und zwischendurch zum Wassereis noch ordentlich viel Limonade dazu gießen, damit sich das Ganze auch lohnt. Zu einem Grundschulsommerfest gehören daneben zwingend noch die Aufführungen von erster, zweiter, dritter und vierter Klasse dazu. Während ich also in diesem Sommer als Erstklässler im mottenstichigen Hasenkostüm durch peinliche Pappkulissen hoppelte, die Zweitklässler Gedichte vortrugen und die Drittklässler irgendetwas taten, an das ich mich nicht mehr erinnern kann, hatte die vierte Klasse eine ganz erstaunliche Attraktion zu bieten: Die Mini-Playback-Show. Dazu muss man wohl bemerken, dass Marijke Amado zu der Zeit wohl noch ihren ersten Deutschkurs besuchte und das Showformat demnach ziemlich innovativ gewesen sein muss. Egal, jedenfalls stand irgendwann, nachdem die üblichen Verdächtigen - ich glaube, zu der Zeit stand bei den Grundschülern in der Provinz deutsches Liedgut wie "Resi, I hol di mit meim Traktor ab" ziemlich hoch im Kurs - ihren Auftritt gehabt hatten, eine junge Frau im roten Kleid auf der Bühne. Und ich war verliebt, zum aller ersten Mal. Dumm dabei war nur, dass sich hinter Kleid und Schminke gar kein Mädchen verbarg, sondern ein Junge aus der vierten Klasse, den seine übereifrige Mutter perfekt aufgetranst hatte. In meiner Erinnerung sogar viel perfekter, als Madonna jemals hätte aussehen können ...

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  • 4. Kylie Minogue - Love At First Sight

    Irgendwann habe ich mich doch mal gefragt, wer den Soundtrack zu meinem Leben tatsächlich zusammenstellt - egal wer es sein mag, seinen Geschmack teile ich nur bedingt, muß ihm aber zugestehen, dass die Dramaturgie ziemlich gut durchdacht zu sein scheint ... Ein Sonntag, zweites Juliwochenende, Endsemesterstimmung. Ich, irgendwo verloren in einer Vier-Wochen-Beziehung, die anprobiert worden war, aber nicht passen wollte, unglücklich, enttäuscht, vielleicht frustriert und bereit, mal wieder die Koffer zu packen. Gegen mittag kündigte ich also meinen Platz im Bett neben ihm, setzte mich ins Auto und fuhr zurück von Stuttgart nach Mainz. Am späten Nachmittag klingelte das Telefon. Sascha, ein Bekannter aus Giessen, der nicht alleine zu einer Party und deshalb mich mitnehmen wollte, war dran und bettelte viel länger, als überhaupt nötig gewesen wäre. Abends stand ich dann also, frisch rasiert und hübsch aufgehübscht, mit dem obligatorischen Glas Prosecco zwischen wenigen anderen in dem seltsamsten Laden, den ich je betreten hatte. Weil der Laden an sich ja schon keine Schmerzgrenze zu besitzen schien, war es nicht weiter schlimm, dass auch wir unsere vergaßen und ausgelassen zu der schlimmsten Musik, die auf schwulen Parties überhaupt gespielt werden kann, über die Tanzfläche kugelten - mit dem Resultat, dass ich irgendwann triefnass die Nähe eines Ventilators suchte, der kalte Luft über die Tanzfläche pustete. Und weil man sich ja nicht einfach so davorstellen kann, sondern immer den Zwang zu posieren verspürt, stand ich dementsprechend in Pose - und mittlerweile ganz allein - auf der Tanzfläche. Genau in dem Moment muss mich Dirk wohl entdeckt haben ... Außer ein paar Blicken, die verstohlen von dem Jungen unterm Gebläse zur Theke und zurück geworfen wurden, geschah aber trotzdem nichts. Ich glaube, wenn ich wirklich ein hervorstechendes Talent habe, dann ist es das, immer und überall unheimlich arrogant auszusehen - potentielle Flirtversuche prallen da in der Regel schon im Vorfeld ab. Aber weil das Schicksal 'nen guten Tag erwischt zu haben schien, erhob sich wenig später die Frau, die neben dem Typen an der Theke gesessen hatte von ihrem Barhocker und stand noch einmal fünf Schritte später vor mir. Wieder fünf Schritte zurück, saß ich neben ihm und versuchte über Dinge zu reden, die irgendwie wichtig waren, wichtig sein sollten, aber zum Großteil irgendwo in meinem Hals stecken blieben ... Auftritt: Kylie Minogue, endlich. Man erhebt sich von zwei Barhockern, die weit genug auseinander stehen, um sich nicht nah sein zu müssen, beschließt tanzen zu gehen und ist sich plötzlich viel näher, als man sich jemals hätte wünschen können. And everything went from wrong to right (zwei Augen), and the stars came out and filled up the sky (ein Lächeln), the music you were playing really blew my mind (ein fabelhafter Amelie-Kuss, der jeden Kuss in der Filmgeschichte in den Schatten stellt), it was love at first sight. Oh, bitte lass das niemals aufhören ...

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  • 5. U2 - One

    Love is a temple, love the higher law ... Es gibt Songs, die lassen dich dein ganzes Leben lang nicht mehr los. Wenn sie dich einmal aufgespürt haben, heften sie sich an deine Fersen und werden immer wieder ihr Bestes tun, um möglichst oft Gelegenheit zu haben, den jeweiligen Moment besonders besonders zu machen. Viel mehr, als nur fünf Takte Musik - Hymnen, vielleicht. "One" stand zum ersten Mal vor der Tür, als ich zwölfjährig unglücklich verliebt war, schielte wenig später verstohlen vom Plattenteller rüber, als ich meine ersten kläglichen Fummel- und Verführungsversuche startete, war dabei, als aus den kläglichen Versuchen doch noch etwas Schönes wurde, reichte beim nächsten Liebeskummer die Hand und nahm mich in den Arm, als mir eine Stimme am Telefon erzählte, dass meine beste Freundin eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht sei. Vielleicht ist "One" bloß eine grausame Schnulze, vielleicht aber auch das wahrste Stück Musik, das je geschrieben worden ist. Klingt das jetzt pathetisch?

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  • 6. Tori Amos - Winter

    Das Coming Out ... Alles hat sich verändert, ich liege alleine, vielleicht traurig, vielleicht an mir selbst verzweifelnd auf dem Boden und starre die Decke an. Aus der Anlage plötzlich eine Stimme die mir sagt, ich müsse lernen, alleine aufzustehen, lernen, mich zu entscheiden, weil die Dinge sich so verdammt schnell ändern können. Wie wahr, denke ich, und in Gedanken bekommt der Schneemann, von dem diese Stimme spricht, sein Gesicht, seine Augen, die durchsichtig scheinen und mich nicht sehen wollen. Die Jahre gehen vorbei und ich bin immer noch hier, verwelke, wo einst ein Schneemann war ... Schlittschuhlaufen auf dünnem Eis, die Wahrheit umkreisend, wer ich wirklich bin. Als die Stimme verstummt, beschließe ich mich aufzuraffen und einzusehen, dass ich nicht ändern kann, was sich nicht ändern läßt. Es wird immer anders sein, ich werde immer anders sein, aber gottverdammt: Ich will auch stolz auf mich sein dürfen!

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  • 7. The Doors - Yes The River Knows

    Seitdem ich Lena kannte, war klar, dass man sie nur in Kombination mit James Douglas Morrison bekam, ohne ging gar nicht, jedenfalls nicht lange. Um sie zu beeindrucken fing ich an Gedichte zu schreiben, düster, todessehnsüchtig, thematisch zwischen Lust, Leid und unerfüllter Liebe, selbstverständlich auf englisch - weil sich das besser rezitieren läßt. Zum Dank erhielt ich zuerst versehentlich einen Kuss, in den Jahren darauf aber viel wichtiger: Ihre Freundschaft. 2001 standen wir beide, nach einer Zugfahrt, die wir am Abend vorher ganz spontan geplant hatten, zwischen hundert anderen Verrückten auf dem Cimètiere Père Lachaise in Paris - am Grab von Jim Morrison, dreißigster Todestag, und so. Es war heiß, so heiß, dass der Schweiß, der mir auf der Stirn stand, auf meiner Sonnenbrille kondensierte - und wir beide waren viel zu stoned, um zu bemerken, dass die verbliebenen Bandmitglieder gerade direkt neben uns dem Toten ihre Aufwartung machten. Im Jahr darauf stand ich wieder auf einem Friedhof, diesmal in einer Kleinstadt im Westerwald. Drei Tage zuvor hatte ich das Gerücht gehört, dass man Lena tot in ihrer Wohnung gefunden habe, am Tag darauf rief mich ihre Mutter an und aus dem Gerücht wurde Wahrheit. Um selbst ein letztes Gedicht zu schreiben, fehlte mir damals der Kopf, deshalb bediente ich mich bei dem Toten, der ohnehin immer zu unserer Freundschaft gehört hatte und übersetzte seine Worte in meine Sprache. Freier Fall, fließe, Fluß, fließe. Breathe under water til the end ...

  • 8. Eskobar - On The Ground

    Auf der Rückbank stapeln sich Kartons, Kisten, Zeug, das irgendwie zu dem alten Leben gehört hat und in dem neuen Leben unbedingt auch wieder seinen Platz finden muss. Ich bin unsicher was mich erwartet, ich ziehe alleine in eine fremde Stadt, keine Freunde, niemand, der mich erwartet. Hold on to posture an strangers, hold on to posture and pride ...

  • 9. Skunk Anansie - Weak

    Erste Variante: Mit sechzehn im Dixiklosommer sechsundneunzig, den Abdruck vom Kopfkissenhandtuch beim Aufwachen im Gesicht, das Zelt stinkt nach Bier, neben mir beschläft ein Junge ein Mädchen, das denkt, dass ich schlafe. Der Morgen ist hell, die Musik laut, Zahnpasta gibt es, aber Wasser nicht. Wir schmecken nach Salbei, Minze und schäumendem Limonaden-Wasserersatz. Wieder zuhause sitze ich schweigend vor der Anlage und nehme Stück für Stück Erinnerungen auf, die nach diesem Sommer klingen sollen. Bis zum Herbst ist das Mixtape fest mit meinem Walkman verwachsen ... Zweite Variante: Es ist Herbst. Neunzehnsechsundneunzig. Ich stehe betrunken an einer Hausecke und erzähle jemandem eine Geschichte, die ich selbst noch nicht ganz glauben mag. Oder ich liege, ebenso betrunken, im Kofferraum eines Kombi, erzähle die gleiche Geschichte, die auch diesmal nicht glaubwürdiger davon wird, male dabei mit dem Zeigefinger einen Buchstaben auf die nasse Heckscheibe. Dieser Buchstabe gehört zu einem Menschen, einem bestimmten Menschen, aber viel mehr vielleicht zu einem Gefühl, für das ich damals noch nicht bereit war. Wieder zuhause krame ich ein Mixtape hervor und höre stundenlang dieses Lied. Als mir am Ende der Bandsalat aus der Anlage entgegenkommt muss ich kotzen ...

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  • 10. The Prodigy - No Good

    Ich hielt die Fernbedienung des Fernsehers zitternd in der Hand und fragte mich, was da gerade geschehen war. Mal ganz deutlich gesprochen: Alles Elektronische schien mir damals absolut böse zu sein - irgendwo in meinem Kleiderschrank gammelt noch immer dieses Shirt mit der peinlichen Aufschrift "I Like Techno - Unplugged" herum, gleich neben meinen ersten Docs, Größe 41 ... Zurück zum Text: In der darauffolgenden Woche kaufte ich mir heimlich diese Platte, die nur heimlich in verschlossenen Räumen gehört werden durfte. Bis mir eine entsetzte Freundin gestand, dass ihre ältere Schwester, die unheimlich links und, noch viel wichtiger, unheimlich cool war, das gleiche neue Lieblingslied hatte, wie ich. Also war ich, zumindest in dem Moment, auch ein bißchen cool. Und "The Prodigy" sowieso ...

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  • 11. Hair - The Flesh Failures (Let The Sunshine In)

    Wir stehen zu siebt in der Mitte des großen Musiksaals, meine Boxershorts luken ein Stück zu weit aus der Hose heraus, die ein Stück zu weit unterhalb der Hüfte sitzt, und mit jeder Drehung, die die Choreographie vorsieht, gibt die Hose mehr von dem Darunter preis, das ebenso rot scheint, wie mein Gesicht. Die Musiklehrerin schielt vom Klavier herüber, nur Augenblicke später steht sie vor mir und aus ihrem großen, grauen Mund kommt die Frage, ob ich jemals Ballettunterricht genommen habe. Nein, erwidere ich, hätte bisher auch niemals daran gedacht, weil meine dünnen Beine in Strumpfhosen ganz bestimmt nur dämlich aussehen konnten. In Schlaghosen, vielleicht ... Ein halbes Jahr später stehen die Sieben aus dem Musiksaal und eine ganze Reihe anderer schwitzend auf der Bühne und warten auf den Applaus, der schließlich durch den Saal tobt und überwältigend ist. Es ist die letzte Vorstellung, ein letztes Mal dieses Riff, das mir heute noch eine ordentliche Gänsehaut besorgt, ein letztes Mal der Versuch, nicht allzu schief gegen das wummernde Keyboard anzusingen. Nachdem der Vorhang gefallen ist liegen sich alle heulend in den Armen, sicher, dass das, was da gerade zu Ende gegangen ist, etwas ganz Großes war ...

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