Soundtrack meines Lebens

  • 1. ASP - Und Wir Tanzten - Ungeschickte Lie

    Na klar, die Liebe. Oder vielmehr eine Liebe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, denn sie war so heftig, so von Byron'scher Blutrünstigkeit und von Shelley'scher Süße, dass sie nur eines Tages enden konnte. Das tat sie jedoch erst vier Jahre später. Damals, ach damals war das noch sehr frisch. Umso mehr brachte mich diese Liebe um den Verstand, als ich erfuhr, dass da - wir hatten uns ja Offenheit und Ehrlichkeit mit aller Konsequenz geschworen - eine Andere war. Faszinierend, dass sie außer dem Vornamen nichts mit mir gemein hatte. Faszinierend, dass sie 600 km von mir, doch etwa nur 1 km von ihm entfernt war. Faszinierend, wie offen und locker und kichernd und glucksend er davon erzählte, am Telefon, an einsamen Abenden, dass sie ihn geknuddelt, geküsst und geherzt hatte. Und ich, schmachtend, verletzt und zerbrochen saß da und fragte mich stets aufs Neue, wieso ich das mitmachte und wann ich endlich dem Ganzen einen Riegel vorschieben würde. Und genau da hörte ich dieses Lied. Und es war nicht nur das traurigste, weil wahrste Liebeslied, das ich je gehört hatte, sondern es war mein Impuls, nicht "wie Schnee vom vergang'nen Jahr" zu enden, sondern etwas zu tun. Was ich tat? Davon erzählt sicher ein anderes Lied...

  • 2. Depeche Mode - In your room

    Ein Raum, erleuchtet durch eine Kerze, die ich angezündet habe, ein Glas guter, schwerer Rotwein in meiner Hand. Ein Mann in der anderen Ecke des Raumes, er tanzt, nur für mich. Ich genieße das Schattenspiel, lehne mich zurück auf die rote Couch, strecke meine Beine ein wenig aus. Die Bilder tanzen in meinen Augen, winden sich hoch durch Nervenbahnen und explodieren in einem Schwall von Phantasien in meinem Gehirn. Ich lächle. Der Mann am anderen Ende des Raumes sieht es nicht. Er tanzt. Nur für mich - in meinem Raum.

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  • 3. Plastikman - Hypokondriak

    Langsam schwillt der Klangteppich an, wird dreidimensional. Mein Herzschlag scheint sich anzupassen, während ich, meditativ, einen Knoten nach dem anderen binde. Ich blicke auf Haut, Fleisch, es ist schön. Und in meinem Kopf vibriert es, als ob ich zu viel gefeiert hätte. Dabei bin ich nüchtern, lediglich ein wenig aufgeregt. Das Zusammenspiel der Musik mit diesem Menschen unter mir, mit dem Raum, den Düften und den beinah irreal wirkenden Hautpartien, die da zwischen meinen Fingern hervorblitzen, schenken mir eine nie gekannte Erfahrung, die bis heute anhält.

  • 4. ABBA - The Winner Takes It All

    Meine Freundinnen sind bei mir, ich lade sie zu riesigen, bunten Eisbechern ein, sie haben mir Geschenke mitgebracht, glitzernde Päckchen. Das bemerkt auch der Kellner, bringt mir und den Mädels ein Glas Sekt und stößt auf mein neues Lebensjahr an. Genau da kommt mein Freund rein, Arm in Arm mit einer Freundin von mir. Und im Hintergrund das Lied. Ich glaube zuerst an einen Witz, bis sich beide, ertappt, davonmachen, so schnell sie können. Das Lied ist für mich kein Tränenauslöser, vielmehr ein Augenöffner, denn immer wenn ich es höre, denke ich daran, wie ich mich damals fühlte, als ich endlich wusste, was vor sich ging.

  • 5. Nine Inch Nails - The Wretched

    Ich ersticke in Arbeit, doch das Geld reicht nie. Ich halte Kurse, die zu nichts führen - jedenfalls mich nicht. Ich treffe Menschen, die sich gerne nehmen, was sie möchten oder brauchen, die auch bezahlen, dass ich sie unterrichte. Doch ich bleibe allein zurück, habe das Gefühl, zu viel für zu wenig zu geben. Das Lied läuft nun immer, wenn ich es nicht mehr aushalte. Wenn ich Kraft brauche und am Boden bin.

  • 6. Rammstein - Mutter

    Meine Oma schläft, sie ist 85 Jahre alt. Sie schläft im Gitterbett, so nenne ich das medizinische Bett in ihrem Zimmer in der Wohnung unter mir. Sie ist wie ein kleines Baby, muss gefüttert und gewickelt werden, weint oft, wenn man sie weckt oder hochhebt. Ich hebe sie jeden Morgen hoch, setze sie auf den Rollstuhl, damit sie ins Wohnzimmer kann. Dann schaltet meine Mutter den Fernseher ein, in der Hoffnung, dass die Bilder noch irgend ein Areal ihres Gehirns erreichen. Meine Oma schläft. Es ist 6 Uhr morgens und ich muss zur Arbeit. Ich gehe zu ihr, küsse ihre Wange, und sie lächelt im Schlaf. Ich habe sie so lange nicht mehr lächeln gesehen. In diesem Moment weiß ich, dass sie bald gehen darf, dass die, die im Traum zu ihr kommen und ihr ein Lächeln entlocken, sie bald holen werden. Meine Oma schläft. Es ist 18 Uhr, mein Handy klingelt. Mein Mann sagt, dass meine Oma um 15 Uhr auf der Couch zum letzten Mal eingeschlafen ist. In einem Ohr habe ich noch meinen iPod. Und der spielt "Mutter" von Rammstein, während eine Träne meine Wange hinabrollt.

  • 7. Helium Vola - Veni veni

    Komm, komm... Ja, dieser Ruf erschallt, wenn ich es am wenigsten erwarte. Ein Song, der mich seit zwei Jahren gefangen hält, in seinem Antrieb, seiner Kraft und seiner Anmut. Ein Motivator für meine Arbeit, ein Katalysator für meinen Frust und letztendlich ein Grund mehr, tanzend durchs Leben zu gehen. Das Mittelalter hat ganz schöne Sounds für das Spiel mit der besten Grafik, unser echtes Leben, geliefert.

  • 8. Lamia - O Domine Jesu Christe

    Im Orkus las ich, dass eine argentinische Gothic-Band die schwarze Musikwelt erobern wollte. Als Halbargentinierin und Gruftine Grund genug für mich, diese CD haben zu müssen. Dass die Musik dann aber auch unglaublich gut sein würde, das habe ich beim ersten Hineinhören bemerkt. Dabei war das Konzept so genial wie einfach (und vor allem immer wieder gehört): Elektronik mit ausgebildeten Stimmen gepaart, Klassik und Mittelalter mit spätindustriellem Stampfen. Und doch, die Arrangements haben eine Originalität und noch unverbrauchte Leichtigkeit, dass es eine Wonne ist, sie zu hören. Das Lied verbinde ich speziell mit einem sehr netten E-Mail-Kontakt mit der Band, der dadurch entstand, dass ich ihnen übersetzte Versionen der deutschen Artikel mit einem lieben Gruß an die Heimat sandte. Daraus ist eine so schöne Bekanntschaft geworden, dass ich immer wieder an die Anfänge denken muss, wenn ich das Lied höre.

  • 9. Alice Cooper - poison

    Der Gong läutet zum Schulschluss. Bücher in die Ledertasche, Walkman raus, in die Ohren stöpseln. Endlich können sie mich nicht mehr nerven, die drei oder vier Damen, die es uncool finden, dass ich Alice Cooper, Iron Maiden, Venom mag. Die drei oder vier Damen, die mich belächeln, weil ich schwarze T-Shirts mit schwarzen Jeans und schwarzen Bikerstiefeln kombiniere, statt Mini und pinkfarbene Oberteile zu bevorzugen. Die drei oder vier Damen, die über meinen langhaarigen Freund lachen, hinter seinem Rücken natürlich, denn er könnte sich ja sonst wehren. Poison an, und ich drifte ab, und lächle in mich hinein, weil es mich Kraft kostet, anders zu sein, und weil es mir so viel Kraft gibt, frei zu sein. Ich lächle, weil mein Anderssein, das schon immer bei drei oder vier Damen der Stein des Anstoßes war, nun auch offen zu Tage tritt. Ohrstöpsel rein, Poison lauter. School's out, denke ich grinsend, und genieße Alice Cooper.

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