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Neon-Logo Magazin-Text [Drogen] Ausgabe [April 2009]

Wir Zappelkinder

30.04.2009 12:48 Uhr

Medikamente wie RITALIN sind für Studenten und Kreative zur Leistungsdroge geworden: Mit ihnen lässt sich länger arbeiten - und danach besser feiern. Experten fordern Antidopingkontrollen an Universitäten.

von Christoph_Koch

.»Ich mache immer alles auf den letzten Drücker - ich brauche irgendwie diesen Druck im Nacken.« Wie viele hundert Mal hat man diesen Satz schon gehört? Während des Studiums, im Job, wenn jemand beim Abendessen von seinen Projekten erzählt - immer werden die Kriegsgeschichten rausgekramt, wie der eine nach einem durchgearbeiteten Wochenende die Präsentation doch noch fertig bekommen hat oder der andere in der Lernphase vor der Abschlussprüfung praktisch gar nicht mehr geschlafen hat. Dann sitzt man irgendwann selber am Schreibtisch, und draußen wird es erst dunkel und dann langsam wieder hell, und man wird nicht fertig. Die Lider werden so schwer, die Gedanken so flatterig, und der Kaffee schmeckt bitter. Wie machen das nur die anderen?

Die Chancen stehen gut, dass sie sich chemische Hilfe verschaffen. Mit Medikamenten wie Ritalin, die eigentlich Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen (ADS) verschrieben werden. Der Wirkstoff Methylphenidat, der auch unter den Markennamen Attenta oder Concerta vertrieben wird, gleicht bei ADS-Kranken ein Dopamindefizit aus, erklärt Dr. Jakob Hein, Spezialist für Suchtberatung an der Charité. »Bei Gesunden ist das Defizit nicht vorhanden, und daher wirkt das Methylphenidat oft anregend.« Im Gegensatz zu stimulierenden Drogen wie Amphetaminen oder Kokain macht Ritalin nicht einfach nur hibbelig und wach, sondern hilft einem, sich vollkommen auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Menschen, die Ritalin zum Arbeiten oder Lernen benutzen, berichten zum Beispiel, dass sie während der vier- bis sechsstündigen Wirkungszeit nahezu kein Bedürfnis verspüren, in ihr E-Mail-Postfach zu schauen, zum Kühlschrank zu gehen oder was man als Übersprungshandlung eben so tut, wenn man eigentlich was wegschaffen will.

Daniela, 29, aus Berlin ließ sich von Ritalin dabei helfen, ihre Magisterarbeit fertigzuschreiben, während sie tagsüber schon in einer PR-Agentur arbeitete. Anfangs klappte es noch ohne Hilfsmittel, aber in der letzten Nacht vor Abgabe ging plötzlich gar nichts mehr. »Ich habe mir dann bei einer Freundin Ritalin geholt «, erzählt sie mit einer Mischung aus Stolz und Scham, mit der man sonst vielleicht einen betrunkenen One-Night-Stand beichtet. »Ich war plötzlich total konzentriert und konnte wieder klar denken, während vorher in meinem Kopf nur noch Kabelsalat geherrscht hatte. Ich habe dann noch fünfzehn SMS geschrieben, während ich das Schlusskapitel verfasst habe, so überbordend voll präziser Gedanken war ich.«

Ein anderes Mittel, das in letzter Zeit populär wurde, um sich beim Lernen oder Arbeiten zu besonderen Leistungen zu pushen, ist Modafinil der US-Firma Cephalon. Das in Deutschland als »Vigil« vertriebene Medikament wird eigentlich bei Narkolepsie verschrieben, ähnlich wie Ritalin kann man es sich jedoch mit ein wenig Hartnäckigkeit und Einfallsreichtum im Internet oder im Bekanntenkreis besorgen. Die Zahlen, wie viele Studenten beispielsweise beim Lernen zu den Medikamenten greifen, gehen weit auseinander - sie reichen je nach Studie von drei bis zu 25 Prozent. Eine Umfrage unter den Lesern des US-Wissenschaftsmagazins »Nature« förderte zutage, dass es jedoch nicht nur unvernünftige und überforderte Studienanfänger sind, die sich Hilfe im Arzneischrank holen, sondern auch ältere Semester: Jeder Fünfte der befragten Akademiker räumte ein, mehr oder weniger regelmäßig Konzentrationshelfer wie Ritalin oder Modafinil oder Betablocker zu schlucken. Die Zahl derjenigen, die die Mittel ausschließlich verwendeten, um ihre Leistung zu steigern, war um fünfzig Prozent höher als die Zahl derjenigen, die die Medikamente nahmen, um damit eine tatsächliche Krankheit zu therapieren. Rund zwei Drittel sagten, sie hätten Kollegen, die dieselben Medikamente benutzten. Die Umfrage war keinesfalls repräsentativ - dennoch zeigen die Ergebnisse, dass es keine kleine Gruppe von Tablettenfreaks mehr ist, die sich mit Psychopharmaka für die Arbeit fit macht.

Auch die Verkaufszahlen der betreffenden Medikamente steigen seit Jahren kontinuierlich an: 1996 kauften deutsche Apotheken insgesamt 88 Kilogramm des Ritalin-Wirkstoffs Methylphenidat - zehn Jahre später waren es1221 Kilogramm, mehr als das Dreizehnfache. Der Schweizer Pharmakonzern Novartis macht mit den Ritalin-Pillen inzwischen 330 Millionen Dollar Umsatz, die US-Konkurrenz Johnson & Johnson mit ihrem Präparat Concerta sogar 930 Millionen Dollar. Und auch wenn von diesen Mengen sicherlich nur ein kleiner Teil zweckentfremdet und als Karrierekickstart und Lernbooster verwendet wird - die Hemmschwelle zur chemischen Selbstaufrüstung sinkt.

Neuroethiker wie die Hirnforscherin Martha Farah von der University of Pennsylvania halten es deshalb für wahrscheinlich, dass in Zukunft an Schulen und Universitäten ähnliche Antidopingregeln eingeführt werden müssen wie im Sport. Denn wenn man sieht, wie ein Teil der Kommilitonen oder Kollegen sich fitter macht, als es die Natur vorsieht - wie lange kann man es sich dann leisten, auf die se Hilfe zu verzichten? Spätestens wenn es der Forschung gelingt, die Nebenwirkungen noch weiter zu reduzieren, könnte es nur noch eines geben, das Menschen im Kampf um Studienplätze an Eliteunis oder um Beförderungen davon abhält, ihre Leistungen chemisch aufzubessern: das Geld. Hirndoping, so eine Befürchtung von Farah und ihren Kollegen, könnte einerseits selbstverständlich und andererseits zu einem Privileg der Wohlhabenden werden.

Noch aber haben die Medikamente, mit denen eine 80-Stunden-Woche scheinbar locker weggesteckt wird, »Risiken und Nebenwirkungen «, zu denen man seinen Arzt oder Apotheker befragen soll. Wer das nicht kann, weil er sich das Zeug auf dem Schwarzmarkt besorgt, beruhigt sich meistens mit den millionenfachen Verschreibungen von Ritalin und anderen Produkten an ADS-kranke Kinder. Was für den Zappelphilipp der Nachbarn gut ist, kann für mich ja nicht so schlecht sein. »Mit der gleichen Logik könnten diese Menschen auch Chemotherapie für Kinder einnehmen, statt zum Friseur zu gehen«, warnt jedoch Suchtexperte Jakob Hein. »Das ist kompletter Unsinn! Vor Einnahme des Medikaments müssen wichtige Untersuchungen durchgeführt werden. Wir sind Lebewesen mit fein abgestimmten Organismen. Jede Veränderung in diesen Systemen hat ihren Preis, je stärker die Veränderung, desto höher der Preis.«

Neben erhöhtem Blutdruck und dem unterdrückten Hunger- und Durstgefühl ist vor allem der Raubbau am eigenen Körper die schlimmste Nebenwirkung: Wer seinem Körper über längere Zeit zu viel Schlaf entzieht, riskiert Halluzinationen und schwere Erschöpfungszustände. »Wenn uns der Körper durch Schmerz, Müdigkeit oder Konzentrationsschwäche signalisiert, dass Regeneration notwendig ist, dann sollten wir auch in der Lage sein, auf unseren Körper zu hören«, so Jakob Hein.

Auch Daniela, die bei ihrer Diplomarbeit gute Erfahrungen mit Ritalin gemacht hatte und es danach auch im Job immer öfter nahm, lässt inzwischen die Finger davon: »Anfangs hat es phänomenal geholfen. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich ohne großes Nachdenken dazu gegriffen habe«, erzählt sie. »Immer wenn ich müde war, unkonzentriert oder lustlos. Aber eigentlich wurde ich insgesamt immer müder und erschöpfter - weil ich mich pausenlos auf Leistung getrimmt habe. Am Ende war ich tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben ausgebrannt. Und hatte ordentlichen Respekt vor meinem Ehrgeiz - und auch vor Ritalin.«

Der Leistungswettbewerb in Schule, Uni oder Job ist aber nicht das einzige Feld, auf dem die Nachfrage nach dem Gehirndoping wächst: Auch beim Ausgehen kann Ritalin gute Dienste leisten. Man ist weniger schnell müde, die Stimmung ist angenehm aufgehellt, ohne dass man sich am nächsten Tag mit einem brutalen Kater dafür schämen müsste, dass man in der Nacht davor nackt, »Das ist mein Hitler-Remix, ihr geilen Frösche!« schreiend am Kronleuchter geschwungen hätte. »Das Tolle an Ritalin ist, dass es so unaufdringlich ist. Du bist nicht der unangenehme Druffi, der keinem Beat widerstehen kann oder total durch ist - sondern angenehm wach und klar.« So schwärmt Martin, Politikstudent aus Berlin, von der Wirkung und fährt dann mit einem Beispiel fort. »Einmal stand ich auf einer Party, angetrunken und hundemüde, aber das Mädchen, mit dem ich spontan rumgeknutscht hatte, war noch wahnsinnig fit. Sie wollte bleiben - also wollte ich auch bleiben, klar. Und habe eine Ritalin genommen. Wir haben noch eine Weile getanzt und getrunken, dann ist sie mit zu mir gekommen.«

Wer es etwas heftiger mag, kann die Tabletten auch zerstoßen und durch die Nase ziehen, der Stoff wirkt dann deutlich schneller, ist dadurch aber auch gefährlicher. Doch egal, ob als Pille oder als Pulver - Ritalin und seine Konkurrenzprodukte sind so etwas wie das Kokain des Bionade-Biedermeier: Es hilft dem Freiberufler oder dem Agenturkreativen, mehr Arbeit aus sich herauszupressen und danach trotzdem noch das Wochenendprogramm im Nachtleben zu absolvieren. Gleichzeitig macht Ritalin keinen schlimmen Kater, und man ist nicht verhaltensauffällig, sondern einfach nur gut gelaunt und freundlich, ein bisschenbesser funktionierend - gewisser maßen die perfekte Droge für Firmenfeiern. Man muss sich nicht in dunklen Hauseingängen rumdrücken, sondern bestellt es im Internet - und über Verunreinigungen durch Backpulver und andere Streckmittel muss man sich auch keine Sorgen machen, die Laboratorien großer Pharmakonzerne bürgen für gleichbleibende Qualität. Obwohl die Mittel rezeptpflichtig sind, hat man von der Polizei in der Regel keinen Ärger zu befürchten - trotzdem umweht den Ritalin-Konsumenten genau das richtige kleine bisschen Outlawtum, der winzige Kitzel, etwas Verbotenes zu tun ist da, ohne dass je wirklich Gefahr bestünde, im Knast oder mit einem Messer zwischen den Rippen in der Gosse zu landen.

Wenn Koks die 80er dominierte, Ecstasy die 90er, so sind die leistungssteigernden Psychopharmaka von Ritalin bis Modafinil wohl die Droge der 00er Jahre: keine romantische, hippieske Erweiterung der Sinne, keine »Doors of Perception«, die durchschritten werden - man schafft einfach mehr weg, roboterhaft, effizient, sinnvoll, aber unsinnlich. Amerikanische Militärpiloten fliegen bereits heute viele ihrer Einsätze - vorausgesetzt, sie sind damit einverstanden - unter dem Einfluss von Modafinil. Warum sollte die Einnahme also vor dem schwierigen zweiten Staatsexamen oder dem Physikum verboten sein?

Noch scheint es unvorstellbar, aber unter Umständen befinden wir uns auf einem Weg, den Schlaf gänzlich abzuschalten. Noch klingt es wie ein Hirngespinst, aber wer hätte vor fünfzig Jahren gedacht, dass es Forschern gelingt, den weiblichen Körper mit einer Pille derart zu überlisten, dass er nicht mehr schwanger wird? Ähnlich revolutionär wie die Antibabypille für den Sex, die weibliche Unabhängigkeit und damit die gesamte Gesellschaft könnten sich Weiterentwicklungen von Ritalin und Modafinil für unsere Arbeitswelt erweisen - eine weitere Entkoppelung des Menschen von der Natur, die uns heute noch abartig erscheint, aber bald vielleicht so selbstverständlich ist, wie als Mädchen zum Frauenarzt zu gehen und sich die Pille verschreiben zu lassen. »Je mehr wir über das menschliche Schlafbedürfnis wissen, umso eher können wir es überlisten«, sagt Russell Foster, ein britischer Schlafforscher im Wissenschaftsmagazin »New Scientist«. »In zehn bis zwanzig Jahren können wir den Schlaf mithilfe von Medikamenten abschalten.«

Eine Welt, in der wir nur noch zwei Stunden pro Nacht oder nur noch drei Nächte pro Woche schlafen und den Rest mit Arbeit oder Unterhaltung verbringen, da sind sich die meisten Schlafforscher einig, scheint auf lange Sicht unausweichlich. Ob es eine bessere Welt sein wird? Vielleicht sollten wir erst mal eine Nacht drüber schlafen.

von Christoph_Koch


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Kommentare

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AlexB1985

RE: Wir Zappelkinder

Ich habe eben gerade den Artikel über Ritalin und Modafinil gelesen. Und irgendwie kam mir der Teil mit den Risiken zu kurz. Das was nachgeschwungen ist war: yeah, ich kann viel länger und konzetriert mit dem Zeug arbeiten, muss aber ein wenig aufpassen, damit ich nicht zu lange davon nehme. Natürlich wurde auf die gesellschaftliche Dimension (Leistungsgesellscha ft) bezug genommen, natürlich auf die Risiken. Was mir aber fehlt ist, das Ritalin schonmal auf dem deutschen Markt frei erhältlich war und dann wieder vom Markt genommen wurde, weil beobachtet wurde, dass das Zeug bei falscher und zu häufiger Anwendung verdammt süchtig machen kann und als Droge verwandt wurde. Chemisch gesehen handelt es sich meines Wissens um ein LSD-Derivat. Und die Krönung: Diese Frau, die Ritalin als Medikament einnehmen muss, es aber dann anpreist als DAS Mittel gegen langweilige Vorlesungen.. Ich hätte gerne daneben noch einen Suchtberater oder Biochemiker gehabt, der nochmal etwas über die Risiken und Probleme mit Ritalin oder Modafinil beisteuert. Bei einem derart heiklen Thema hätte ich mir gerade von der NEON einen kritischeren differenzierteren Umgang gewünscht.

15.03.2009 11:55 Uhr

Glen

RE: Wir Zappelkinder

Ich arbeite in einer geschlossenen Suchtstadion. Wir haben jetzt 3 Neuzugänge. 3 Männer 19-20 Jahre alt. Stark Drogen- und Medikamentenabhängig . Sie haben alle als Kinder und Jugendliche Ritalin bekommen. Sie alle sagen, dass das Ritalin ihre Einstiegsdroge war. Und auf den anderen Wohngruppen sind noch mehrere Junge Leute, die früher Ritalin eingenommen haben.

15.03.2009 13:25 Uhr

Ungesund

RE: Wir Zappelkinder

Ich habe selbst ADS und muss das im Text erwähnte Präparat "Concerta" nehmen.
Wer leichtfertig zu solchen "Hilfsmitteln" greift, sollte sich darüber im klaren sein, was diese Medikamente im Körper alles anrichten können.

Bei "Concerta" ist es zum Beispiel so, dass eine weibliche Person, wenn sie das Medikament nimmt, auf jeden Fall die Pille dazu nehmen muss, weil bei einer Schwangerschaft ein extrem hohes Risiko einer Behinderung des Kindes vorhanden ist.

17.03.2009 15:06 Uhr

selou

RE: Wir Zappelkinder

und andere verhütungsmaßnahmen kommen nicht in frage oder wie?

24.03.2009 14:08 Uhr

Limo

RE: Wir Zappelkinder

Als Apothekerin war ich geradezu entsetzt über den o.g. Artikel und das Interview mit K. Passig.
Ritalin fällt in Deutschland wie alle anderen Methylphenidathaltig en Arzneimittel unter das Betäubungsmittelgese tzt und das nicht ohne Grund!!!
Aussagen wie "Ja ich empfehle ich ständig" finde ich alarmierend (v.a. von einer Mitarbeiterin der Zentralen "Intelligenz" Agentur).
Das entspricht der Empfehlung einer Beinamputation bei einem eingewachsenen Zehennagel - einfach nur absolut verantwortungslos!!!

17.03.2009 16:08 Uhr

Suerta

RE: Wir Zappelkinder

Ich muss sagen, ich war entsetzt dass Neon so einen Artikel bringt, in dessen Subtext mitklingt " Ritalin..tolle Sache, holen holen holen, das macht euch fitter und ist völlig legal".
Ist der Redakteur von der Pharmazie gekauft worden? Das ist die Frage die ich mir bei dem Artikel stellte.

Gerade von der Neon hätte ich sowas nicht erwartet. Auf mich wirkte das alles Drogenverherrlichend .

18.03.2009 12:24 Uhr

achdugrueneneune

RE: Wir Zappelkinder

Wieviel hat die Pharmaindustrie dem Autor für diesen Artikel bezahlt?



18.03.2009 18:02 Uhr

die_ankri

Mit Ritalin bist du die Queen

Mitten im Magisterarbeitsstres s steckend und sehr gefährdet, stattdessen lieber 5-Gänge-Menüs zu kochen dachte ich als erstes: Toll, will ich auch - vernünftig und nicht zu häufig eingesetzt ist Ritalin die Superdroge! Von einer Zeitschrift, die selber den Anspruch hat kritisch zu sein, hätte ich einen derartigen Werbeartikel für ein LSD-Derivat mit unabsehbaren Wirkungen bei Einnahme während einer Schwangerschaft und starkem Suchtpotenzial nicht erwartet. Getoppt wird der Artikel selber nur noch durch das Interview. Es ist dem Autor wohl nicht eingefallen, dass man eventuell besser ein Interview mit der Ex-Konsumentin mit Burn-Out-Erfahrung oder einen Infokasten mit Wirkungen, Zusammensetzung und Nebenwirkungen hinzugefügt hätte. Stattdessen halbherzige und pseudokritische Schlaflosgesellschaf t-Visionen und die Botschaft: Alle machen mit, mit Ritalin bist du die Queen.

18.03.2009 19:17 Uhr

derHerrMitDemPixel

Mit Ritalin bist du die Queen

Hm...über das "Suchtpotential" ließe sich streiten...es sieht eigentlich nicht so aus, dass Ritalin starkes Suchtpotential hat.
Um ein paar Ecken gedacht, wird's dadurch
aber ggf. gefährlicher.

Dazu ist Methylphenidat mit Sicherheit kein LSD-Derivat. Die beiden kommen chemisch
sozusagen aus "unterschiedlichen Ecken".
Nix Derivat.

Darüberhinaus ist die Einnahme von Ritalin während einer Schwangerschaft eine eindeutig ausformulierte Kontraindikation.

20.03.2009 14:52 Uhr

Kaddinsky

RE: Wir Zappelkinder

meine Kritik passte nicht mehr in einen Kommentar.
Deswegen hier:

http://short.to/2l y0

ich finde es sehr spannend, dass die anderen Kommentare - die ich gerade jetzt erst lese - sich mit meinem letzten Punkt genau decken. Wenngleich ich in erster Linie aus anderen Gründen den Artikel nicht gut fand. Aber diese unterschwellige verharmlosung, die bei all der Panikmache doch paradoxer Weise übrig bleibt, die ist schon nicht ohne.

20.03.2009 14:23 Uhr

derHerrMitDemPixel

RE: Wir Zappelkinder

unterschwellige verharmlosung ?

20.03.2009 14:54 Uhr

die_ankri

RE: Wir Zappelkinder

Stimmt, unterschwellig ist die Verharmlosung nicht. Wie gesagt, die Darstellungsweise sagt bestimmt nicht: Vorsicht!

20.03.2009 20:50 Uhr

derHerrMitDemPixel

RE: Wir Zappelkinder

Hm. Keine Ahnung...immer da, wo ganz laut "Vorsicht" geschrien wird offenbart sich halt auch ziemlich häufig, dass die Mahner praktisch keine Ahnung haben, wovor sie da eigentlich warnen...

20.03.2009 20:58 Uhr

sanni_1

RE: Wir Zappelkinder

Mich hat der Artikel entsetzt. So eine einseitige, unkritische Berichterstattung erwarte ich nicht von NEON. Welche Schlafforscher zitiert Ihr denn, die meinen es sei unausweichlich, den Schlaf auf zwei Stunden pro Nacht zu begrenzen? Doch nicht die, die auch mal herausgefunden haben, wie wichtig eine 7-8 stündige Nachtruhe für die Regenerationsprozess e im Körper sind und der Mensch Schlaf braucht, um physisch und psychisch gesund zu bleiben???

21.03.2009 12:00 Uhr

Sternenglut

RE: Wir Zappelkinder

Was schrieb die gute Daniela denn nun, Magisterarbeit oder Diplomarbeit? Wurde hier überhaupt eine echte Betroffene befragt??

22.03.2009 23:02 Uhr

bubo

RE: Wir Zappelkinder

Wow... eine solch unreflektierte und blauäugige Berichterstattung ist man von Neon nicht gewohnt. Als Stammleserin bin ich wirklich entsetzt! Wo bleibt der kritische Blick? Die Gegenmeinung? Es fehlt nur noch der Internetlink zum Kauf dieses "legalen" Aufputschmittels.... Was soll das?!

23.03.2009 17:32 Uhr

selou

RE: Wir Zappelkinder

"...der bionade-biedermeier" , passt auch sehr gut auf die hier abgegebenen kommentare. wiederlich!

24.03.2009 14:05 Uhr

suspension

RE: Wir Zappelkinder

Ich finde den Artikel erschreckend, doch leider hat er keine Aussagekraft. Nach der ersten Seite ist alles gesagt, der Rest ist vorraussehbar.

25.03.2009 11:11 Uhr

Christoph_Koch

RE: Wir Zappelkinder

Hallo,

vielen Dank für die Kommentare und die (meist ja sachlich bleibende) Kritik.

Wenn ich mir anschaue, dass dem Artikel einerseits Panikmache (z.B. Kaddinsky) andererseits Verharmlosung (z.B. Suerta) vorgeworfen wird, hat er die Mitte ja offensichtlich doch ganz gut getroffen.

Alle, die dem Artikel vorwerfen, es kämen keine kritischen Stimmen zu Wort haben vermutlich die Passage mit Jakob Hein von der Charité komplett überlesen. Denn deutlicher als er es tut, kann man wohl kaum sagen: Finger weg!

Daneben gibt es aber eben auch noch andere Meinungen zu dem Thema, beispielsweise die von Kathrin Passig. Und ob er seine Gesundheitsratschläg e lieber von einem Mediziner oder einer Schriftstellerin abholt, das darf in meiner Welt jeder mündige Leser selbst entscheiden.

Die Frage, nach den Bestechungsgeldern der Pharmaindustrie finde ich wenig sachdienlich. Natürlich sind weder Geld noch sonstige Annehmlichkeiten geflossen. Merke: Nicht jeder Artikel, der die eigenen Ansichten in Frage stellt, muss ja von einer bösen Macht bezahlt worden sein.

@Sternenglut: Daniela gibt es wirklich (sie bat allerdings um Anonymität) und ich habe mehrfach mit ihr über das Thema gesprochen. Ob die Abschlussarbeit jetzt eine Diplom- oder Magisterarbeit war, kann ich ehrlich gesagt nicht mehr so genau sagen, ist für die (wahre) Geschichte auch wenig relevant. Aber du hast Recht, man sollte dann bei einem von beiden bleiben. =)

So, ich hoffe, ich habe nichts wichtiges vergessen.

Viele Grüße,

CK

25.03.2009 16:36 Uhr

DrRobot

RE: Wir Zappelkinder

ich finde eigentlich viel weniger die tatsache alarmierend, dass der autor hier etwas unkritisch zu werke gegangen sein könnte, als die, wie in den medien allgemein mit drogen umgegangen wird. ich sollte hier vielleicht auch gleich anfügen, dass ich in österreich lebe, und dass hier gerade vor ein oder zwei wochen, zwei angebliche qualitätszeitungen (der standard, die presse) über neue studien zum konsum von rauschmitteln berichtet haben. In den artikeln wurde angemerkt, dass alarmierend viele junge leute sich dazu bekannten, substanzen wie cannabis oder kokain bereits probiert zu haben, oder auch regelmäßig einzunehmen. darum wird ein riesen tohuwabohu veranstaltet, wie ziellos und unverantwortlich teile unserer jugend (vor allem studenten im urbanen umfeld) leben und wie leichtfertig man aus eskapismusgründen zu rauschdrogen, wie cannabis oder koks greift. gehts dann plötzlich um ritalin, so ist es kein problem auch mal was gutes drüber zu schreiben. meine frage nun: in welchem ausmaß schädigt unregelmäßiger cannabiskonsum, von dem hier vorwiegend gesprochen wurde, den organismus, und in welchem ausmaß tut es ein an höchstleistungen (die in unserem leistungssystem in immer kürzeren abständen verlangt werden) gekoppelter ritalinkonsum? das sind doch alles immer die selben pamphlete gegen die jungen wilden und die immer selben pr-texte für die steigerung der leistung im beruf. also ich find ehrlich gesagt leute klüger, die sich zum koksrausch einmal am sommerlichen großfestival und einmal an sylvester bekennen, als leute, die mehrmals im jahr zur examenszeit tage oder gar wochenlang ritalin futtern um gute leistungen zu bringen. warum in gottes namen bedienen wir alle die erwartungen immer mehr zu leisten und dafür unsere körperlichen ressourcen zu opfern und lassen es uns im selben atemzug rigoros verbieten in der freizeit öfter mal einen joint am badesee zu rauchen oder zum langen feiern ein paar lines zu sniefen?
Ich möchte hier nochmals betonenen, dass diese kritik absolut nicht gegen den Autor gerichtet ist, sondern vielmehr gegen das in der gesamten gesellschaft so mir nichts dir nichts akzeptierte agendasetting seitens gewisser partikularinteressen . Mich stört nämlich vor allem diese mir unverständliche doppelmoral. du sollst dich kaputtmachen, wenn es von dir verlangt wird, aber du darfst nicht über die stränge schlagen, wenn du es von dir aus möchtest. kontroll- und leistungswahn- gesellschaft wach bitte auf, bevor huxley und orwell gemeinsam recht behalten werden.

31.03.2009 16:04 Uhr

karelb

RE: Wir Zappelkinder

100% deiner meinung...schönet ding :-)
Werde trotzdem denke ich , falls sich die möglichkeit ergibt, es einmal ausprobieren!

22.10.2009 13:22 Uhr



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