
Arme Elite
07.01.2010 15:23 Uhr
HARVARD ist die beste Universität der Welt. Und die reichste. Wie lange noch? Seit der Finanzkrise wird radikal gespart. Kurse werden gestrichen, manche Vorlesungen erinnern an die Zustände in deutschen Massenunis. Jetzt regt sich Widerstand.
Wenn sich der Sommer seinem Ende zuneigt, und die ersten kalten Böen aus Kanada das Laub über den Campus am Harvard Yard treiben, beginnt in der renommiertesten Universität der Welt ein neues Semester. Zweite Septemberwoche in Cambridge, Massachusetts, einem Vorort von Boston: Lieferwagen parken vor den Wohnheimen, Neuankömmlinge schleppen Möbel in ihre Unterkünfte; in jedem Café und Copyshop, jeder Buchhandlung angespannte Gesichter von Studenten, die ahnen, wie hart sie arbeiten müssen, um im nächsten Frühling die Prüfungen zu bestehen- so wie es vor ihnen Theodore Roosevelt, John F. Kennedy und Barack Obama, Matt Damon, Leonard Bernstein und 75 Nobelpreisträgern gelang. In der Gewissheit, dass ihnen ein Harvard- Abschluss eine glänzende Karriere ermöglichen wird, beginnen 20 000 Studenten das Semester, und wie in jedem Jahr seit 1636 liegt ein Hauch von Angst und Vorfreude in der Luft.
Doch in diesem Jahr quält die Studenten neben ihrem alltäglichen Stress eine Sorge, auf die sie niemand vorbereitet hat: Besitzt die Schule überhaupt noch die finanziellen Mittel, um ihren Schülern die beste Ausbildung der Welt zu ermöglichen? Bereits vergangenen Winter strich die Verwaltung das kostenlose Frühstück, rationierte das Kopierpapier und ließ die Thermostate um zwei Grad kühler einstellen. Im Juni wurden 275 Mitarbeiter entlassen, 1500 Beschäftigten, einem Zehntel der Belegschaft, bot Harvard den Vorruhestand an. Warren Loegering, 20, Student der Geschichte im zweiten Jahr, blickt über den Rasen des Campus, auf dem sich das Laub gelb färbt: »Seit ich denken kann, war Harvard weit und breit die reichste Organisation. Wenn die plötzlich nicht mal mehr den Kaffee bezahlen können, kommen Zweifel auf.« Warren studiert dank Stipendium. »Aber wenn du knapp 50 000 Dollar Gebühr pro Jahr zahlst, wunderst du dich, was hier los ist.« Pünktlich zum Beginn des Semesters veröffentlichte die Harvard Management Company (HMC) ihre Jahresbilanz und bestätigte düstere Befürchtungen. Weil die Finanzmärkte zusammenbrachen, in denen die HMC im Stil einer Investmentbank mit ihrem Vermögen spekuliert, schmolzen die Einlagen der Universität um 27 Prozent ? von knapp 37 auf 26 Milliarden Dollar. Zu wenig Geld, um mit den Erträgen aus dieser Summe die laufenden Kosten zu decken. Präsidentin Drew Gilpin Faust, 62, bemerkte:
»Harvard steht vor der größten Herausforderung seiner Geschichte.« Alleine die »Faculty of Arts and Sciences«, das größte von zehn Instituten, muss rund ein Drittel des Budgets einsparen: 375 Millionen Dollar. Natürlich werde zuletzt an der Qualität des Unterrichts gespart, hatte Faust im Januar versprochen, als sich das Desaster anbahnte. Schon damals waren die Studenten skeptisch und demonstrierten. »No Layoffs!« stand auf den Plakaten, und »Rethink! Resist!«. Hat der Vorstand der Universität die Sommerpause genutzt, um neu nachzudenken? Warren Loegering sagt: »Im Gegenteil. Die Administration hat während der Ferien Jobs gestrichen, weil niemand hier war, der hätte protestieren können.« Heute morgen wollte er eine Vorlesung in der Robinson Hall besuch en, einem der viktorianischen Gebäude: »Der kalte Krieg und Italien« bei Professor Charles Maier. »300 Leute standen vor dem Raum, der nur fünfzig Sitzplätze hat«, sagt Warren. Die Fakultät hat Assistentenverträge nicht verlängert und das Kursangebot zusammengestrichen. Nun erinnern einige Vorlesungen an die Zustände in deutschen Massenunis. »Selbst die Professoren scheinen überrascht«, sagt Warren. »Niemand hat erwartet, dass die Sparmaßnahmen so drastisch ausfallen würden. Aber die Verwaltung teilt uns ja ihre Entscheidungen nicht mit.«
Megan Shutzer, 21, Studentin der Sozialkunde und der Religion, beklagt sich, dass an ihrem Institut die Bibliotheken kürzer geöffnet haben und einige Assistenten, die bei der Recherche halfen, nicht mehr arbeiten. »Ich höre auch von anderen Instituten, dass in einigen Bücherhallen ein Drittel der Angestellten verschwunden ist.« Als Mitglied der »Harvard Dems«, wie sich die etwa 2000 organisierten Demokraten auf dem Campus nennen, startete Warren im Februar mit seiner Kollegin Elise Liu, 22, Studentin der politischen Ökonomie im dritten Jahr, eine Kampagne - um die Jobs einzelner Mitarbeiter zu retten: »Wir haben Filme gedreht und auf YouTube gezeigt: Über die Schicksale eines Hausmeisters und eines Handwerkers, denen gekündigt wurde.« Beide konnten in ihre Jobs zurückkehren. Die Aktivistin Megan und ihre Kollegen von »SLAM« setzen sich nicht nur für das Wohl einzelner Betroffener ein, sondern für alle Angestellten von Harvard.
Im »Student Labour Action Movement « haben sich einige Dutzend Studenten vereinigt, um die Rechte der Arbeitnehmer zu verteidigen. »Wir reden nicht von den Professoren, sondern von den Putzfrauen und Assistenzlehrern, den Köchen und Wachleuten. Von ihnen hängt das Wohl der Studenten ab«, sagt Megan. Mit ihrem Kumpel Remeike Forbes, 20, Student der Architektur im zweiten Jahr, hatte sie im Frühling die Demonstrationen organisiert, zu denen mehr als tausend Studenten kamen. Die Forderungen: Statt Geringverdiener zu feuern, sollten lieber die Großverdiener (die 2400 Professoren in Harvard verdienen im Schnitt 192 600 Dollar, die Präsidentin 775 000) auf einen Teil ihres Gehaltes verzichten. Außerdem verlangt SLAM, dass der Vorstand Studenten und Mitarbeitern die Wahrheit über die Krise mitteilt, und wie sie zu überstehen ist. »Harvard funktioniert wie im 17. Jahrhundert«, sagt Megan.
Dem Vorstand, Harvard Corporation genannt, gehören sechs verdiente Ehemalige an, die sich gegenseitig auf Lebenszeit er nennen. Sie wählen den Präsidenten, und zu siebt entscheiden sie über das Schicksal der 35 000 Mitarbeiter und Studenten. Niemand stellt Fragen, weil sie nie beantwortet werden. Fragen wie diese: Warum hat die Schule in der Sommerpause Gartenstühle für 500 Dollar das Stück in den Parks aufstellen lassen? Seit es das »Academic Ranking of World Universities « gibt, führt Harvard die Liste an. Und im vergangenen Jahrzehnt baute die Uni den Vorsprung aus. Die laufenden Kosten stiegen seit 1998 um 67 Prozent auf 3,5 Milliarden Dollar. Nachdem 2001 Larry Summers zum Präsidenten ernannt wurde, initiierte er ein Ausbauprogramm, das heute aberwitzig erscheint. Als Finanzminister unter Bill Clinton hatte der Harvard-Absolvent Summers, 54, geholfen, die Finanzmärkte zu entfesseln und so die globale Kreditkrise erst möglich gemacht. Nach seinem Antritt forderte er vom HMC, aggressiver zu spekulieren, damit die Uni expandieren konnte. Summers gab Gebäude bei Stararchitekten in Auftrag. Auf der gegenüberliegenden Seite des Charles River kaufte Harvard einen Quadratkilometer des Städtchens Allston auf, um hier eine milliardenteure Wissenschaftsstadt zu bauen. Erst kürzlich erklärte Summers: »Ich hatte gehofft, dass Boston für das 21. Jahrhundert das wird, was Florenz für das 15. Jahrhundert war.« Doch statt Palästen für künftige Nobelpreisträger stehen in Allston nun Bauruinen. Und wenn die Studenten abends in ihr Wohnheim zurückkehren, müssen die künftigen Minister und CEOs eine halbe Stunde zu Fuß gehen, denn der Busshuttle ist seit Beginn des Semesters aus Kostengründen stark eingeschränkt. »Eine Freundin von mir ist schon überfallen worden«, sagt Elise Liu.
Die HMC operiert ähnlich einer Investmentbank. Wie Merrill Lynch oder Bear Sterns investierte die Firma zum Teil geliehenes Geld in waghalsige Anlagen. Solange die Preise für Aktien, Rohstoffe und Immobilien stiegen, lohnte sich das Risiko. Seit 1990 wuchs das Vermögen der Universität von 4,8 auf 37 Milliarden Dollar, seit 1996 lag die jährliche Rendite im Schnitt bei fünfzehn Prozent. Die Investment fonds anderer Universitäten schafften höchstens acht oder neun Prozent Wachstum. Wegen der astronomischen Boni gehörten Jobs bei HMC zu den begehrtesten der Finanzbranche. Im Wolkenkratzer der Firma in Bostons Downtown verdienten erfolgreiche Mitarbeiter bis zu 35 Millionen Dollar im Jahr. Doch die Wette der HMC auf ewig steigende Kurse ging nicht auf. Lehman Brothers kollabierte im September 2008, und wenig später auch das Portfolio, in dem das Vermögen der Harvard University auf Jahre gebunden ist. Die Verantwortlichen bei der HMC flohen zu anderen Firmen, und eine neue Chefin, Jane Mendillo vom provinziellen Wellesley College, übernahm das Chaos 2008. Ihre erste Handlung: Sie versuchte, Unternehmensanteile im Nennwert von 1,5 Milliarden Dollar zu verkaufen. Als niemand mehr als den halben Preis zahlen wollte, gab Harvard im Dezember Schuldverschreibungen im Wert von 2,5 Milliarden Dollar aus, um Verpflichtungen zu bedienen. Es war der ungünstigste Zeitpunkt, wegen der hohen Zinsen. Alleine für den Schuldendienst wird Harvard bis 2038 jährlich517 Millionen Dollar aufbringen müssen. Im vergangenen Jahr überwies die HMC 1,4 Milliarden Dollar an die Universität.
Ob in den nächsten Jahren ein einziger Dollar fließen wird, weiß Jane Mendillo nicht. In einem Büro im Keller der Boylston Hall am Harvard Yard sitzt hinter Stapeln von Büchern der Mann, der seit achtzehn Jahren gegen die Politik seiner Universität protestiert. »Harvard ist eine Schule, die junge Menschen ausbilden soll. Aber der Größenwahn unserer Präsidenten und Vorstände hat uns in eine Spielhölle verwandelt «, sagt Brad Epps, 53, leitender Professor für »Women, Gender Studies and Sexuality« sowie spanische Literatur. So eben hat er ein Buch über den Regisseur Pedro Almodóvar veröffentlicht. Wann immer in den letzten Jahren an der Schule eine Podiumsdiskussion stattfand, trat Epps auf und prangerte an, dass sich die Schule von Börsenkursen abhängig macht. »Harvard ist gemeinnützig, zahlt keine Steuern. Aber einige Angestellte in Harvard verdienten dreißig Millionen im Jahr ohne je eine Sekunde unterrichtet zu haben. Warum muss unsere Schule eine Stadt bauen? Wer braucht all die neuen Gebäude?« Einige seiner Kollegen, vor allem jene von der Business School, schimpften ihn einen Kommunisten, Anarchisten, Zersetzer. Kein Wunder, schließlich gilt die Harvard Business School als Kaderschmiede für die Topjobs an der Wall Street. Larry Summers schrie Epps einige Male in der Öffentlichkeit an. 2006 musste der Präsident gehen, unter anderem weil er erklärt hatte, dass Frauen zu naturwissenschaftlichen Höchstleistungen unfähig seien. Summers heuerte bei einem Hedgefonds an und verdiente eine achtstellige Summe, bis ihn Präsident Obama zum ökonomischen Chefberater ernannte ? eine alte Harvard-Seilschaft. Die Universität droht derweil an den Folgen der Ägide Summers zu zerbrechen.
Doch Epps vermisst Summers geradezu. »Bei dem ungehobelten Kerl wusste man, woran man war. Die neue Führung spricht in einem diplomatischen Kauderwelsch, das mich zutiefst beunruhigt.« Seit einigen Monaten engagiert sich Epps für SLAM: »Ich sehe nur noch eine Hoffnung. Lehrer und Schüler müssen gemeinsam den Widerstand organisieren.« Auf der Veranda des Studentenheims im Norden von Cambridge. Megan und Remeike beobachten den Sonnenuntergang und überlegen, wie SLAM weiter vorgehen soll. Wird schwierig genug, von allen 150 Fach bereichen und Abteilungen zu erfahren, welche Jobs gestrichen wurden. »Nur mit Demonstrationen kommen wir nicht weiter«, sagt Megan. »Wir brauchen eine klügere Strategie, denn der Vorstand und die Präsidentin ignorieren uns.« Wie immer um halb sieben kommt das Abendessen auf den Tisch. Vegetarischer Auflauf, zum Nachtisch Ingwerkekse. An der Pinnwand des Speisesaals hängen die neuesten Zeitungsartikel über die Krise in Harvard. In einem Text aus »Vanity Fair« hat jemand das Zitat eines Hedgefondsmanagers gelb angemarkert: »They are completely fucked.« Megan lacht: »Nicht mal ein Jahr ist es her, da war es vollkommen unvorstellbar, dass jemand so über unsere Universität sprechen würde.« Seit Beginn dieses Schuljahres wundert sich niemand mehr über den Satz.






Wenn du angemeldet bist, kannst du hier einen Beitrag zu diesem Text schreiben
Eintrag schreiben »
Lag
RE: Arme Elitewiederstand?
...Widerstand?
...wieder Stand?
...wider Stand?
...Widderstand vielleicht?
Arme Elite.
13.11.2009 17:15 Uhr
Guelle
RE: Arme Elite"Zusatände"
???
13.11.2009 17:20 Uhr
Lag
RE: Arme EliteZusat-Ände(rung)?
Zusat-Ende?
Das schreit nach wiederstand!
15.11.2009 11:22 Uhr
B.tina
RE: Arme EliteAua. Kein Geld mehr für Rechtschreibprüfung?
15.11.2009 11:26 Uhr
sailor
RE: Arme EliteSchön, das er wieder steht...
15.11.2009 16:13 Uhr