
Der Ernte Dank
23.06.2009 12:37 Uhr
Viele der Tomaten und Zucchini in deutschen Supermärkten stammen aus einer monströsen TREIBHAUSLANDSCHAFT IN SÜDSPANIEN - geerntet von Flüchtlingen, die kaum mehr Rechte haben als Sklaven.
Noch im Dunkeln hat er sich aus dem Bett erhoben und auf den winzigen Gebetsteppich gekniet, zwischen der Wand und dem Bett seines Zimmergenossen, und in sein Gebet zu Allah die üblichen Bitten eingestreut: dass die Spanier ihm Arbeit geben mögen an diesem Tag; dass er seiner Familie in Afrika ein bisschen Glück per Überweisung schicken könne, er, in den sie schließlich alle Hoffnung gesetzt hatten; aber noch ehe die Sonne aufging, dämmerte ihm, dass Allah, sofern er ihn überhaupt hörte, gegen die Gesetze des freien Marktes auch an diesem Tag wieder den Kürzeren ziehen würde.
Wenn es einen Gott gibt, dann hat er an diesem Wurmfortsatz von Europa ohnehin nicht viel zu melden.
Gomis Moutar, 25, ein schmaler, drahtiger Bursche mit gewissenhaftem Händedruck, steht an einer Straßenkreuzung in einem spanischen Kaff namens La Mojonera und wartet darauf, dass einer der Bauern in seinem Kleinbus vorfahren möge, ihm mit einem verschlafenen Kopf nicken bedeute einzusteigen, um ihn ins Gewächshaus zu fahren, für einen Job unter Plastikplane, in brütender Hitze, für 30, vielleicht 35 Euro am Tag, so genau weiß man das vorher nie.
Von Osten drängt ein schneidendes Blau die letzten Sterne vom Morgenhimmel, im gelben Licht der Laternen kommen immer mehr junge Männer zusammen, Männer aus Senegal, Gambia, Marokko; sie alle sind diesem Trugbild von Europa aufgesessen, einem Fiebertraum von Wohlstand und Glück; wie auf dem Strich stehen sie jetzt da, ihre Körper als billiges Werkzeug feilbietend. Neben Gomis tritt ein kleiner Rundlicher mit erschrockenen, schielenden Augen von einem Bein aufs andere, hält sein Handy mit beiden Händen umklammert, Gebetsgesänge eines Imams krächzen daraus, er drückt es sich unter der Jacke fest an die Brust. Man grüßt sich per Handschlag, man kennt sich, steckt in derselben Scheiße, spricht wenig. »Nichts zu machen«, murmelt Gomis Moutar, die Mundwinkel zu so etwas wie einem tröstlichen Lächeln aufgerichtet, »die Wirtschaftskrise.«
Dieses Europa hat nichts mit dem zu tun, was er sich ausmalte, als er sein Leben auf alles oder nichts setzte und den Höllenritt in einem Holzkahn antrat, einer Nussschale voll rührenden Größenwahns in den Wellen des Atlantiks. »Wenn ich gewusst hätte, wie Europa wirklich ist, wäre ich nie in dieses Boot gestiegen.«
Es ist der Wilde Westen der europäischen Gemüseindustrie rund um die südspanische Stadt Almería, zwischen Sierra Nevada und Mittelmeer; eine Enklave an der Costa del Sol mit ihren Sonnenbunkern. Vom Berghang aus blickt man über einen Ozean aus Plastikfolie; an dunstigen Tagen kann man die Grenze zwischen Plastikmeer und echtem Meer gar nicht erkennen. Eine Fläche, größer als die Stadt München. Ein beträchtlicher Teil der spanischen Tomaten und Zucchini, die ganzjährig in deutschen Supermärkten verkauft werden, kommt aus diesen Treibhäusern. Im Schnitt mehr als fünf Kilo Gemüse pro EU-Bürger werden in Almería jedes Jahr produziert. Geerntet von »Sklaven der Moderne«, wie es ein Mann namens Spitou Mendy ausdrückt.
Mendy, 46 Jahre alt, ehemals Französisch- und Spanischlehrer im Senegal, ist heute einer von zwei hauptamtlichen Aktivisten der Landarbeitergewerkschaft SOC; ein Mann mit fester Stimme und entschlossenem Schritt. Er klopft an das Wellblechtor eines Treibhauses »Wir möchten bitte den Eigentümer sprechen«, ruft er durch den offenen Spalt hinein in die drückend heiße Luft. Neben ihm steht eine junge Marokkanerin namens Fouziya, 25, sie trägt eine ausgewaschene Trainingsjacke und ein bunt gestreiftes Kopftuch, Tränen tropfen in den Staub zwischen ihren Füßen, während er ihre Schilderungen übersetzt: Zwei spanische Anwerber kamen in ihre Heimatstadt Rabat, boten ihr und Dutzenden anderen Frauen Arbeitsverträge über neun Monate. Per Schiff kamen die Frauen nach Almería, wurden dort unter verschiedenen Patrónes, Arbeitgebern, aufgeteilt.
Der Mann, bei dem Fouziya und acht weitere Frauen landeten, habe sie in der Arbeiterunterkunft regelrecht eingesperrt gehalten, abends konnte man nicht frei ausgehen, zwei Monate lang bekam sie überhaupt kein Geld; ich zahle dich erst aus, wenn ich dich wieder zurück aufs Boot bringe, sagte der Patrón. Immer wieder musste sie die Tomatenstauden mit Pflanzenschutzmittel besprühen, ohne Schutzmaske, den schweren Schlauch in der Hitze hinter sich her schleppend, und einmal sank sie vor Übelkeit und Schwindel zusammen; da zog der Boss sie einfach beiseite, damit die anderen Frauen mit ihren Handkarren vorbeifahren und weiterarbeiten konnten.
Weil sie sich über die miserablen Zustände beschwerte und immer wieder am Telefon mit ihren Verwandten darüber sprach, schickte er sie schließlich weg; ihre Papiere hat sie bis heute nicht zurückbekommen.
Mit heulendem Motor biegt ein Jeep um die Ecke; es ist der Patrón, herbeitelefoniert von der osteuropäischen Vorarbeiterin. Zeternd springt er heraus, ein kompakter Mann mit Igelfrisur und hitzigem Gesicht; »was wollt ihr«, ruft er, »verschwindet, ich hole die Guardia Civil.«
»Ja, rufen Sie die Polizei«, erwidert Spitou Mendy vollkommen ruhig, »das hätten wir ohnehin getan. Wir werden Sie nämlich anzeigen.«
Die beiden Beamten, die kurz darauf eintreffen, hören sich die Schilderungen an, sehen den gut drei Meter hohen Zaun, hinter dem die Arbeiterinnen zur Mittagspause vor ihrer Baracke sitzen, das Tor mit einem Vorhängeschloss verriegelt. Warum sind die Frauen eingeschlossen? »Das ist wegen der Sicherheit«, erklärt der Patrón, »sie haben Angst, ausgeraubt zu werden.«
Die Beamten geben sich zufrieden, fahren davon; keine Anzeige. Als auch Spitou und Fouziya verschwunden sind, lässt sich der Landwirt schließlich überreden, die Reporter in sein Gewächshaus zu führen: »Kommt das nächste Mal ohne die von der Gewerkschaft, dann zeige ich euch alles, was ihr wollt.« Er rollt das Wellblechtor zur Seite; »ich kenne doch die Mentalität der Marokkaner«, sagt er, »das Mädchen hatte schlicht keine Lust zu arbeiten, deshalb hat sie sich auf den Boden geworfen. Außerdem empfing sie ständig Männer zu Besuch, darüber haben sich die anderen Frauen beschwert.«
Er pflückt eine Tomate von der Staude, steckt sie sich demonstrativ in den Mund. »Jede Einzelne davon ist mit viel Liebe produziert«, sagt er kauend. Was ihn die Arbeitskraft der Erntehelferinnen insgesamt kostet, bezogen auf den Gesamtetat, will er nicht sagen - nur so viel: »Das ist wie bei den Tomaten. Wenn es viele auf dem Markt gibt, werden sie billiger, wenn es weniger sind, werden sie teurer.«
Dann beginnt er über den Preisdruck durch die Supermärkte zu wettern; die englischen, die französischen, die polnischen, an die er seine Tomaten liefert - aber die härtesten von allen seien die deutschen. »Wenn mich ein Einkäufer aus Deutschland anruft und fragt, was das Kilo Tomaten diese Woche kostet, und ich sage ihm: einen Euro, dann sagt er, vielen Dank, woanders bekomme ich es für neunzig Cent. Knallhart. Die Deutschen sind die Allesfresser Europas. Egal, was ich hier drin anbauen würde: Die Deutschen würden es kaufen und essen. Hauptsache billig.«
Die Supermarktkette Lidl, fügt er hinzu, sei hier als besonders harter Preisdrücker gefürchtet. Das Unternehmen möchte gegenüber NEON keine Stellungnahme dazu abgeben.
Almería ist so etwas wie die Wirtschaftswunderregion Spaniens; bis in die 60er Jahre gab es hier ein paar Ziegenweiden und Kapernsträucher und eines der geringsten Pro-Kopf- Einkommen des ganzen Landes. Heute wachsen Millionen Tonnen von Tomaten und Zucchini, Auberginen und Galia-Melonen auf der unfruchtbaren Erde heran, durch Schläuche genährt mit einer präzise dosierten Nährlösung aus Brunnenwasser und Dünger, von den Plastikfolien ganzjährig gegen Wohl und Wehe der Naturgewalten abgeschirmt. Heute ist es eine der wohlhabendsten Regionen Spaniens und, wie der Schweizer Menschenrechtler Albert Widmer vom »Europäischen Bürgerforum «, sagt, »ein Extrembeispiel für Flexibilisierung und Ausbeutung in einer neoliberalen Wirtschaftsordnung.«
Die Gewerkschafter hören täglich Geschichten von Patrónes, die statt des tariflichen Mindestlohnes von 43 Euro nur 30 oder 28 zahlen, die ihre Arbeiter Pflanzenschutzmittel sprühen lassen, ohne ihnen Schutzmasken zu geben, die sie wie Pferde antreiben, »schneller, schneller «, bei weit über vierzig Grad feuchter Hitze. »Und den Arbeitern bleibt keine andere Wahl, als all das über sich ergehen zu lassen«, sagt Spitou Mendy, »gerade jenen, die keine Papiere haben. Wenn sie aufmucken, dann sagt der Patrón: Da draußen warten hunderte andere auf einen Job. Und Papiere wiederum bekommt man erst, wenn man einen Arbeitsvertrag vorweisen kann.« Hinzu kommt die Konkurrenz durch legal ins Land geholte Saisonarbeiter wie Fouziya aus Marokko. Dass der spanische Staat sie vor Ausbeutung schützen könnte, darauf hoffen die wenigsten - Ende März etwa wurden in Almería mehrere Polizisten und Beamte der Ausländerbehörde verhaftet; sie sollen einem Netzwerk angehört haben, das Migranten um Geld erpresste.
Für Albert Widmer sind die Wildwestzustände in Almería »keine unfreiwilligen Nebenerscheinungen, sondern fester Bestandteil des heute weltweit dominierenden agroindustriellen Modells. Nur billigste Saisonarbeiter, ohne Rechte und jederzeit verfügbar, ermöglichen niedrige Erzeugerpreise. Um diese Produktionsform am Leben zu halten, ist es nötig, die verschiedenen Gruppen von Landarbeitern gegen einander auszuspielen und ein Überangebot an Arbeitskräften - eine Reservearmee - zu schaffen.«
Der Nachschub für diese Reservearmee reißt nicht ab: Europa exportiert seine eigene Überproduktion an Gemüse und Milchpulver nach Afrika. So hoch subventioniert, dass man auf Märkten in Senegal europäisches Gemüse billiger bekommt, als es die heimischen Bauern erzeugen könnten. »Zerstörerisches Dumping« nennt das der UN-Berater Jean Ziegler; es ist ein Grund dafür, dass die Wirtschaft von Ländern wie Senegal brachliegt - und Männer wie Gomis ihr Leben in ein Holzboot legen und in Richtung Kanarische Inseln steuern, getrieben von der Hoffnung auf Ausbildung und Arbeit und Wohlstand, und schließlich in der Treibhaushölle von Almería landen. »Es ist ein Wirtschaftskrieg, der hier ausgefochten wird«, sagt Spitou Mendy. Zehntausende solcher sogenannter Wirtschaftsflüchtlinge arbeiten in Almería oder suchen hier nach Arbeit, im Nacken die Erwartung der Familie daheim, dass der stolze, glückliche Sohn, der es in jenes Satellitenfernseh-Europa der Bürgervillen und blitzsauberen Autos geschafft hat, stetig eine tüchtige Portion von seinem Wohlstand abzweigen und über »Western Union« heimschicken möge. Viele erzählen ihrer Familie gar nicht erst, dass sie hier näher am Sklaventum leben als am Paradies. Die Verwandten würden ihnen ohnehin nicht glauben. In Europa ist es hart, Geld zu verdienen? Du beliebst zu scherzen, lieber Sohn. Jeder schafft es in Europa! Warum nicht du?
Gomis Moutar lehnt sich auf den Tresen der Postfiliale von La Mojonera, reicht dem Beamten einen Hunderteuroschein zur Überweisung in die Heimat; ein Mitbewohner hat ihm das Geld gegeben. Wenn er selbst einmal in Not geraten sollte, werden ihm die anderen helfen, inschallah; ohne den Zusammenhalt der Senegalesen innerhalb ihrer Wohngemeinschaften würden die Ersten längst auf der Straße schlafen. Bei den Marokkanern ist es anders; etliche von ihnen hausen zwischen den Treibhäusern in Verschlägen aus Holzplanken und Plastikfolienresten.
Wenn Gomis sich nach einem weiteren dieser verlorenen Tage ins Bett legt, läuft seine Reise immer wieder wie ein Film in seinem Kopf ab; gut 900 Euro für den Schlepper hatte seine Familie zusammengekratzt, für eine Ausbildung in Europa, für eine bessere Zukunft. Es war eine Nacht ohne Sterne, als er aufbrach, das Prasseln des Regens mischte sich in das Branden der Wellen, und der Kapitän, ein Fischer, sagte: Vertraut mir, ich kenne das Meer. Acht Tage und Nächte dauerte die Fahrt, sie waren an die hundert Männer, sie tranken Wasser aus Kanistern und kochten auf einem Gasbrenner, und wenn sie in mannshohe Wellen gerieten, schrien einige vor Panik, einer verlor den Verstand und stürzte sich über Bord, ein anderer sank in sich zusammen, an Entkräftung gestorben, sie mussten ihn dem Meer übergeben. Als sie am neunten Tag Land sahen, brachen sie in Jubel aus und dankten Allah, dass er ihre Hoffnung nicht enttäuscht hatte.
Nach vierzig Tagen im Flüchtlingslager setzten die Beamten Gomis in ein Flugzeug nach Barcelona, dort ließen sie ihn gehen, einen Bescheid in der Tasche, laut dem er binnen einer Woche das Land verlassen musste. Er tauchte unter bei einem Bekannten von Bekannten, hörte, dass es möglicherweise Arbeit gebe in Almería; im Mondschein fuhr er vorbei an einem endlosen Strom von silbrigem Glanz; ein großer Fluss, dachte er. Seit Januar findet er selbst unter diesen Plastikdächern keine Arbeit mehr.
In anderen Gegenden des Landes, auf Olivenhainen und Erdbeerplantagen, haben sich in den vergangenen Monaten Spanier, die wegen der Wirtschaftskrise ihre Arbeit verloren hatten, mit den Marokkanern und Schwarzafrikanern um die Erntejobs gestritten, das hatte es vorher noch nie gegeben.
In Almería sind die Ausländer noch weitgehend unter sich; so tief ist noch kaum ein Spanier gesunken, dass er sich um einen dieser Treibhausjobs streiten würde. Doch untereinander wird die Konkurrenz immer härter; wer es irgendwie geschafft hatte, war in der Vergangenheit aufgestiegen in besser bezahlte Bauarbeiterjobs, doch der Bausektor liegt jetzt völlig brach, die Leute kommen zurück, und das Angebot an billigen Arbeitskräften an den Straßenkreuzungen steigt und steigt.
Was Gomis bleibt, ist sein Traum, in Europa eine Ausbildung zu machen, dann in die Hei Heimat zurückzukehren, dort eine Firma aufzubauen. »Ich würde gern meinen Verwandten, meinen Freunden, meinen Nachbarn Arbeit geben, allen, die arbeiten können und wollen. Und meine Vision wäre, dass ihr dann in zehn Jahren senegalesische Produkte hier in Europa kaufen könnt.«
Aber einen Ausbildungsplatz bekommt man nicht ohne Aufenthaltsgenehmigung. Und die bekommt man nicht ohne das Wohlwollen der spanischen Behörden und den Nachweis einer regelmäßigen Arbeit im Land.
»Wenn sich die Wirtschaftskrise weiter so zuspitzt«, sagt Gomis, »dann kommen als Nächstes die Spanier auch hierher. Und prügeln sich mit uns selbst noch um diese Drecksjobs.«




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Gaul
RE: Der Ernte Dankscheisse, tomaten, für die wir keine 4 euro bezahlen wollen, sind nicht politisch korrekt gepflückt??!
17.05.2009 17:59 Uhr
newyorkcity
RE: Der Ernte DankDas ist doch alles nicht soooo neu, schaut euch mal "WE FEED THE WORLD" an, oder den neueren Film über die Finanzwelt "LETS MAKE MONEY"...
18.05.2009 16:35 Uhr
Kathrin_Hartmann
RE: Der Ernte DankEntschuldigung, aber was genau willst Du damit sagen? Dass ein Thema nicht relevant ist, nur weil es nicht "neu" ist? Soll man jetzt auch aufhören, über Armut und Krieg zu berichten? Auch nicht grad sooo neue Themen, oder?
Und womit glaubst Du, kann man eher was ändern an den Abscheulichkeiten der Welt: mit Hinschauen und Aufklären oder mit Abgeklärtheit und Zynismus?
Ohne Ignoranz und Wegschauen jedenfalls wären solche Verhältnisse, wie sie unter anderem in Andalusiens Gemüsefeldern herrschen, sehr viel weniger möglich.
19.05.2009 22:37 Uhr
Tobias_Zick
RE: Der Ernte DankDanke, liebe Kathrin, dem habe ich nichts hinzuzufügen. Na, vielleicht nur dies noch: Die Diskussion, wie man etwas an den Abscheulichkeiten der Welt ändern KANN, setzt ja zunächst erstmal voraus, dass man es überhaupt WILL. Wie verbreitet ist dieser Wille wirklich?
Auch keine sooo neue Frage, schon klar.
20.05.2009 17:18 Uhr
Kathrin_Hartmann
RE: Der Ernte DankJa, das muss man sich fragen. Aber das ist ja eben das praktische an Zynismus: man tut einfach so, als wüsste man alles längst und viel besser als andere und muss sich dann auch um nix mehr scheißen und sich erst recht micht mehr beschäftigen damit uoder sich gar ein paar Fragen stellen. Man kann es ziemlich gemütlich einrichten hinter einer Mauer aus Abgeklärtheit und Ironie, die schützt nämlich schön vor unangenehmen Wahrheiten und Verantwortung. Danke für den tollen Text!
21.05.2009 19:37 Uhr
zyto
RE: Der Ernte DankWas an dem Kommentar von newyorkcity ist denn zynisch?? Kann da nichts finden... Man kann auch trotz Abgeklärtheit faires Gemüse kaufen.
22.05.2009 14:00 Uhr
Tobias_Zick
RE: Der Ernte DankDie Frage ist, wie definierst du Abgeklärtheit? Eher in Richtung: gesunde Gelassenheit, Souveränität? Oder mehr in Richtung Zynismus?
Hier ging es ja um die Frage, ob ein Thema dadurch irrelevant wird, dass es schon einmal woanders erwähnt wurde - und ihm dadurch der Reiz des Neuen abhanden kommt.
Und wenn man die Relevanz von Menschenrechtsfragen in erster Linie an ein Kriterium wie "Reiz des Neuen" koppelt (ohne dass ich newyorkcity das jetzt grundsätzlich so unterstellen will), dann hat das in der Tat mehr mit Zynismus zu tun als mit Souveränität.
22.05.2009 14:39 Uhr
BerndFreundlich
RE: Der Ernte DankUnd was kann ich jetzt dagegen tun? Welche Tomaten oder welches Gemüse kann ich kaufen? Gibt es irgend ein Fair Trade Lable?
Eigentlich kaufe ich ja gar keine Tomaten weil ich nur in der Mensa esse...
18.05.2009 21:10 Uhr
Tobias_Zick
RE: Der Ernte DankWenn Du rechts oben auf "NEON Link" --> Traurige Tomaten klickst, findest Du ein Interview mit dem "Foodwatch"-Chef Thilo Bode zu dem Thema.
http://www.neon.de /kat/sehen /wirtschaft/globalis ierung/273 809.html
Herzliche Grüße!
Tobias Zick
19.05.2009 08:18 Uhr
schnuckeltumi
RE: Der Ernte Dankalso ich persönlich habe den eindruck, dass viele leute im wahrsten sinne tomaten auf den augen haben, wenn sie die lidlbilligware kaufen und sich dann wundern, dass es beim anbau nicht mit rechten dingen zugeht.
ich kaufe seit jahren nur biogemüse im naturkostladen, weil ich das andere zeug beim discounter bäh finde. was da grad die spanier an pestiziden draufhauen, ist abnormal, und bei den tiefstpreisen sind nur sklavenbedingungen auf den plantagen möglich. der verbraucher hat es in der hand, aber die deutschen sind ganz groß im geldsparen, wenn es um lebensmittel geht. schon komisch - ist man doch, was man isst...
26.05.2009 15:28 Uhr
Spanien
RE: Der Ernte DankLieber Artikelschreiber:
Entweder Du hast kurz vorm Schreiben des Artikels „Die Früchte des Zorns“ von John Steinbeck gelesen und bist nicht mehr los gekommen, oder aber Du hattest schlicht weg zu wenig recherchiert. Wie dem auch sei, wir möchten Dir gerne einige Aspekte nachliefern, die wir in Deinem Artikel vermisst haben. Wir wollen dabei die Fakten, die Du offenlegst nicht schönreden, Deiner Darstellung, die unserer Meinung nach stark überzeichnet und leider sehr einseitig gehalten ist jedoch andere Fakten hinzufügen, die zum kritischen Denken anregen sollen. Kurz zu uns: Wir sind beide für ein internationales O G-Unternehmen in Spanien tätig und arbeiten in der Qualitäts- bzw. Personalabteilung.
In dem Artikel wird erwähnt, dass der tarifliche Mindestlohn bei 43 € liegt und die Patrónes den Arbeitern nur 30€ oder 28€ bezahlen. Dies ist so nicht richtig, der derzeit gültige Mindestlohn in Spanien (SMI – salario minimo interprofesional) für das Jahr 2009 liegt bei 20,80€/Tag oder 624€/Monat. Der Tarif ist im Real Decreto 2128/2008 vom 26.12.2008 festgelegt. Somit würde ein afrikanischer Landarbeiter sogar mehr ausbezahlt bekommen, als der festgelegte tarifliche Mindestlohn.
REAL DECRETO 2128/2008, de 26 de diciembre, por el que se fija el salario mínimo interprofesional para 2009.
Artículo 1. Cuantía del salario mínimo interprofesional.
El salario mínimo para cualesquiera actividades en la agricultura, en la industria y en l os servicios, sin distinción de sexo ni edad de los trabajadores, queda fijado en
20,80 euros/día o 624 euros/mes, según que el salario esté fijado por días o por meses.
En el salario mínimo se computan tanto la retribución en dinero como en especie. Este salario se entiende referido a la jornada legal de trabajo en cada actividad, sin
incluir en el caso del salario diario la parte proporcional de los domingos y festivos. Si se realizase jornada inferior se percibirá a prorrata.
Der tarifliche Mindestlohn für Feldarbeiten in Almería liegt bei 24,60 € täglich und bei 738,20 € monatlich.
Im Jahr 2008 trafen 13.424 Personen illegal an den kanarischen Küsten ein. Dies ist ein Mittelwert von 37 Personen täglich. Die Ankunft hat sich vom Jahr 2007 auf das Jahr 2008 um 25% reduziert, nach den Angaben des Innenministers Alfredo Pérez Rubalcaba. Der Anteil an illegalen Ausländern in Spanien beträgt im Jahr 2008 2% von der gesamten Bevölkerung gegenüber einem Ausländeranteil (empadronados) von 12%.
Die Welle der illegalen Einwanderung von Afrika über die kanarischen Küsten begann im Jahre 1994, es sind nun bereits 14 Jahre vergangen. Dies macht es unverständlich, dass bis heute in Afrika nicht die Nachricht angekommen sein soll wie die Realität in Europa aussieht. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich diejenigen, die sich dazu entscheiden nach Europa zu kommen, wissen was auf sie zukommt, durch die Informationen von Freunden, Familie, Presse,...
Des Weiteren wird in dem Artikel die Meinung vertreten, dass die Anbauer eine Reservearmee schaffen. Diese Anschuldigung sollte kritisch hinterfragt werden. Die Anbauer bilden das letzte Glied in der Entscheidungskette, die auf europäisch-politisch er Ebene gestaltet wird. In dem Artikel werden nur die Resultate aufgegriffen, die durch politische Entscheidungen zustande kommen und nicht die Ursachen beleuchtet.
Da das Thema Einwanderung und ausländische Mitarbeiter in Alemria kein neues Thema ist haben sich bereits sehr viele Verbände, Organisationen, Syndikate und andere Hilfsorganisationen gebildet, die aktiv in der Region tätig sind und sich für die Menschen- und Arbeiterrechte einsetzen.
Nur um einige aufzuzählen: ATIME; Asociación Guinea Bissau Luso Africano; Andalucía Acoge; Codenaf; Amal Andaluza; Plataforma Asociación de Inmigrantes; Movimiento por la Paz, el Desarrollo y la Libertad; CEAR; Córdoba Acoge y la Federación de Mujeres Progresistas.
Nicht nur die NGO´s kümmern sich darum, auch die spanische Regierung hat das Thema aufgegriffen und ist in einen Dialog mit den NGO´s getreten. Es werden Gelder an die Gemeinden ausgeschüttet, um die Integration der Immigranten zu unterstützen.
Übrigens: Die Vertragsgesetzgebung ist in Spanien sehr streng. Verstöße werden mit hohen Strafen belegt. Die Anstellung eines Arbeitnehmers ohne geregelte Papiere wird z.B. mit 6.010,13 € bis 60.101,21 € geahndet. Zudem muss der Arbeitgeber mit einer Gefängnisstrafe von 2 – 5 Jahren rechnen und eine Geldbusse von 6 – 12 Monaten zwischen 1,20 – 300,51/Tagessatz zahlen (maximal 108.183,60 €). Dieses Risiko geht natürlich jeder Arbeitgeber gerne ein…
Neben den Arbeitsbedingungen wird in dem Artikel auch die Anbaumethode beschrieben. Die Beschreibung ist folgende: „ Heute wachsen Tomaten und Zucchini und Auberginen und Galia-Melonen auf unfruchtbaren Erden heran, durch Schläuche genährt mit einer präzise dosierten Nährlösung aus Brunnenwasser und Dünger, von Plastikfolien ganzjährig gegen wohl und Wehe der Naturgewalten abgeschirmt.“
Die beschriebene Methode heißt im Fachjargon „Hydroponik“ und wird heutzutage mittlerweile auf der ganzen Welt, auch in Deutschland und Holland, angewendet. Der Grund hierfür sind die Vorteile, die diese Produktionsmethode mit sich bringt. Unter diesen befinden sich:
- Bedarfsgerechte Versorgung der Pflanzen mit den benötigten Nährstoffen, dies ist gut für die Umwelt, da überschüssige Nährstoffe nicht in den Boden und das Grundwasser gelangen können
- Es ist kein Herbizideinsatz zur Unkrautregulierung nötig
- Einsparung von Düngemitteln, das wiederum die nicht erneuerbaren Ressourcen schützt, wie Phosphorvorkommen
- Weniger Wasserverbrauch, da das Wasser durch die Tröpfchenbewässerung (Schläuche) direkt an die Wurzel gelangt und die Pflanze es sofort aufnehmen kann. Somit werden die Wasserreserven geschützt.
- Es findet eine bessere Flächenutzung statt, was die Nutzung von Naturraum für landwirtschaftliche Flächen verringert
- Es kann zu keinen bodenbürtigen Krankheiten kommen, die zum Absterben der Pflanze führen können, so dass der Pestizideinsatz verringert wird
- Die Qualität und die Widerstandsfähigkeit der Pflanze erhöht sich und kann sich gegen äußere Einflüsse wie Schädlinge und Krankheiten besser schützen und zieht somit einen geringeren Einsatz von Pflanzenschutzmittel n nach sich
Es werden immer wieder die Aspekte von unsachgemäßem Einsatz und Ausbringung von Pflanzenschutzmittel angebracht. Ungefähr 90 % der landwirtschaftlichen Unternehmen in Almería sind nach verschiedenen Normen zertifiziert, wie z.B. Globalgap. Globalgap ist eine privatwirtschaftlich e Organisation, die weltweit freiwillige Standards zur Zertifizierung von landwirtschaftlichen Produkten setzt.
Der GLOBALGAP Standard wurde in erster Linie entwickelt, um das Vertrauen deer Verbraucher in die landwirtschaftliche Erzeugung von Nahrungsmitteln zu erhalten. Erreicht werden soll dieses durch die Verminderung umweltschädlicher Einflüsse durch die Landwirtschaft, die Reduzierung des Einsatzes von Medikamenten und chemischen Pflanzenschutzmittel n und die Umsetzung von Maßnahmen für die Sicherheit und Gesundheit von Mensch und Tier. Ohne diese Zertifizierungen (z.B. auch Nature Choice, BRC, IFS, Tesco Choice, ISO 9001 etc.) können Landwirtschaftsbetri ebe erst gar nicht mit ihren Produkten gelistet werden.
Jeder Leser, der letztendlich auch Konsument von Obst und Gemüse ist, sollte sich selbst einmal fragen, wann er nicht schon einmal an der Gemüsetheke gestanden hat und sich über die hohen Tomatenpreise beschwerte. Die Preispolitik ist ein hartes Geschäft und fängt beim Konsumenten an, der nicht bereit ist mehr als 2€ pro Kilo Tomaten zu bezahlen. Die Lebensmitteleinzelha ndelskette n schlagen in der Regel eine 150% Gewinnspanne auf den Einkaufspreis, so dass der Anbauer mit weniger als 0,80€ auskommen muss, z.T. sogar mit noch weniger, läuft der Vertrieb noch über einen Zwischenhändler.
Liebe Grüsse,
Nancy und Steffi
P.S.: Dein Text durchläuft eine widersprüchliche Linie: Es besteht ein großer Unterschied, ob man von Arbeitsbedingungen für Afrikaner in Spanien spricht, oder ob man den afrikanischen Gemüseanbau mit dem europäischen vergleicht
11.06.2009 09:52 Uhr
RedSonja
RE: Der Ernte Dankdanke für die ergänzenden informationen!
eine nüchterne darstellung der realitäten tut zur abwechslung richtig gut!
11.06.2009 10:06 Uhr