
Hauptsache dagegen
01.02.2004 15:48 Uhr
Die Protestbewegung Attac wird immer größer. Doch kommt sie auch voran?
Sehr demokratisch. Offen für alles. So läuft das bei Attac-Deutschland. Und sehr, sehr langsam. Ein bödes Gefühl, wenn man schnell etwas verändern will. Eine andere Welt ist möglich – da sind sich alle Redner einig. Nur welche wollen wir eigentlich? Manchmal liegt es, trotz allem, eben doch in der Luft: das Gefühl, dass man die Welt aus den Angeln heben kann. »Die größten Streiks seit fünfzig Jahren«, ruft Kerstin, rote Haare, rote Wangen, »passieren gerade bei uns in Österreich.« Klatschen und Jubel im Saal. Als nächstes kommt Sandra von Attac Deutschland, breiteSchultern, laute Stimme, ans Mikrofon. »Die Menschen haben überall die Schnauze voll«, sagt sie. »Auf unserer Demo in Berlin kamen viele spontan mit. Anwohner, Spaziergänger, Hausfrauen aus dem Supermarkt. Fünfmal mehr als geplant.« Noch mehr Klatschen. Noch mehr Jubel. Dann wird, nicht zum ersten Mal heute, der Tag der Tage beschworen: jener 15. Februar vor einem Jahr, an dem alle hier Versammelten zum Demonstrieren gegen den Irak-Krieg aufgerufen haben und am Abend im Fernsehen verfolgen konnten, wie viele Menschen ihnen tatsächlich gefolgt waren: fünfhundertausend in Berlin, zweieinhalb Millionen in Rom, eine Million in Barcelona, 1,7 Millionen in London. Giovanni aus Mailand ruft den Gesinnungsgenossen im Zelt »Mumbai» beschwörend die Formel der Einheit zu: »Unsere Gemeinsamkeiten sind stärker als unsere Differenzen.«
Momentaufnahmen, die eine grassierende Stimmung einfangen. Diese hier stammen vom Europäischen Sozialforum in Paris, das im vergangenen November stattfand, mit 600 Diskussionsveranstaltungen und 50 000 Teilnehmern aus aller Welt. Es könnte auch eine Versammlung von streikenden Studenten in Deutschland sein, das Treffen einer Attac-Konferenz in Russland, eine Aktionsgruppe der Entwicklungsländer gegen die nächste Welthandelskonferenz. So viel läuft falsch in der Welt. So viele Menschen denken heimlich oder schon ganz offen, dass es wie bisher nicht mehr weitergehen kann – auch solche, denen es selbst im Moment noch relativ gut geht. Und die Aktivisten der Bewegung, die Vordenker und Organisierer und Antreiber, sie spüren das in jeder Sekunde: Respekt, Bewunderung, Zustimmung schlägt ihnen entgegen. Das Gefühl treibt sie an, Teil von etwas Größerem zu sein, Keimzelle einer Bewegung, die den Planeten verändern könnte. Anti-Globalisierung hieß das bis vor kurzem, das war der gemeinsame Nenner. Inzwischen sagen sie lieber »Alterglobalisierung«, alternative Globalisierung: Das ist mehr als nur Ablehnung des Bestehenden. Eine andere Welt ist möglich. Nur: Welche hätten wir denn gerne? Bloß keine richtige Partei werden »Wir wissen sehr genau, wie es nicht funktioniert «, ruft Christiane mit französischem Akzent, und die Münchner Attac-Gruppe, im »Eine-Welt- Haus« zum monatlichen Plenum versammelt, nickt zustimmend. »Unsere Analyse der Missstände ist scharf. Jetzt müssen wir aber auch sagen, wie es stattdessen funktionieren soll.« Die distinguierte Dame, um die 50, ist Attac-Urgestein – schließlich wurde die Bewegung, ursprünglich eine Lobbygruppe für die Einführung der Tobin-Steuer gegen internationale Finanzspekulanten, in Frankreich erfunden. Auf Christianes Tagesordnung steht das so genannte Attac- Positionspapier »Wege zu einer Alternativen Weltwirtschaftsordnung«, hier nur »Awwo« genannt. Wollte man böse sein, könnte man es als eine Art Parteiprogramm bezeichnen, allerdings will Attac um keinen Preis eine Partei sein. Dennoch soll am Ende drinstehen, wie multinationale Großkonzerne in die Schranken gewiesen, die neoliberale Wirtschaftsideologie entmachtet, eine gerechtere Welt geschaffen werden kann. Entwürfe gibt es schon, »auch zum Runterladen als PDF oder RTF«, wie der unvermeidliche Computerspezialist aus der linken Ecke einwirft. Die müssen nun diskutiert werden. Die Münchner Gruppe soll, wie alle Ortsgruppen, Änderungsvorschläge formulieren, an die Bundesebene weiterreichen, wo diese dann diskutiert, geändert, nochmals diskutiert und irgendwann, nach vielen Monaten, so Gott will, vielleicht tatsächlich beschlossen werden.
Geheimrezept für weltweite Vollbeschäftigung So läuft das bei Attac in Deutschland. Sehr demokratisch. Offen für alles. Und sehr, sehr langsam. Stellt man sich vor, dass da draußen Millionen von Unzufriedenen warten, die möglicherweise durchschlagende Aktionen sehen wollen, möglichst sofort – dann kann man schon nach fünf Minuten leicht kribbelig werden. Was der Abend zeigt, ist dann vor allem dies: Jeder hier hat ein persönliches Hobby – My Own Private Wirtschaftstheorie. Die Männer sind allesamt überzeugt, den Stein der Weisen gefunden zu haben: die Formel für globale Gerechtigkeit oder auch das Geheimrezept, das endlich weltweite Vollbeschäftigung erlaubt. Die Frauen suchen eher den Konsens. Typen werden erkennbar: der aufmüpfige Opa mit dem trotzigen Charakterschädel; der ernste Jüngling, der in allen Köpfen nur »neoliberale Scheiße« wähnt; die aggressive junge Frau, die alles Gesagte in Frage stellt; die stille junge Sphinx, die gar nichts sagt, aber irgendwie sehr interessant wirkt; und die über 40-Jährige im bauchigen Wams, im öffentlichen Dienst beschäftigt, im Denken gewerkschaftsnah. Es scheint nicht darum zu gehen, konkret etwas zu erreichen – aber jeder darf mal was loswerden. In der Gruppe wirkt das therapeutisch. Gerät man zufällig in die Nähe eines konsensfähigen Gedankens, vielleicht gar einer Formulierung, die man in das Papier einbringen könnte, findet sich garantiert wieder jemand, der eine rhetorische Handgranate dazwischen wirft: »Bevor wir hier was zum Wachstum sagen, müssen wir doch erst mal überhaupt den Begriff genau definieren.« Danach geht, sehr voraussehbar, alles von vorne los. Die Kraft der Bewegung ist fragil. Sie muss auf allgemeine, aber diffuse Gefühle vertrauen: Die Sehnsucht nach Frieden, die Angst vor GeorgeW. Bush und dem nächsten amerikanischen Wahnsinnsplan, die Sorge um den Job, das Gefühl, dass man keiner Regierung mehr trauen kann. Das funktioniert auch noch. Wird man aber einen Schritt konkreter, reißen uralte Gräben zwischen verfeindeten Lagern auf, die man noch immer in Fundamentalisten und Realisten unterteilen kann. Eine beliebte, aber auch intern umstrittene Fundamental-Forderung ist die nach dem Nullwachstum: Weil der herrschende Imperativ der Weltwirtschaft, Wohlstand, Arbeitsplätze und Profite durch Wachstum zu schaffen, langfristig in der Vernichtung des Planeten mündet, muss das Wachstum abgeschafft werden. Das Ergebnis: ein Stillstand, bei dem nur noch von Reich nach Arm umverteilt würde. Ein radikales Modell, bei dem selbst Attac-Realos ein bisschen Angst bekommen. Sie wollen ein anderes, ökologisch und menschlich verträglicheres Wachtstum. Vorerst aber stehen beide Forderungen einfachnebeneinander. Das schließt niemanden aus: Wir sind ja so viele, und wir mögen uns alle. Es verhindert aber auch, dass man in eine der beiden Richtungen konkret etwas unternehmen könnte. Radikalisierung oder Mäßigung? Hinter dem euphorischen Gefühl, dass die Veränderung der Welt gerade jetzt beginnen muss, lauert Ratlosigkeit. Das sieht man auch auf globaler Ebene in Paris. Da spricht zum Beispiel ein Mann wie Walden Bello, 58, ein Philippino mit scharfen Gesichtszügen und intellektueller Aura. 2003 hat er den Alternativen Nobelpreis gewonnen, aber wirklich verehrt wird er hier für seinen Einbruch in der Weltbank im Jahr 1981. Mehr als 3000 Seiten Geheimdokumente hat er damals entwendet und höchstpersönlich aus der Zentrale des Bösen geschmuggelt. Diese Informationen, als Buch publiziert und in den philippinischen Widerstand eingeschleust, trugen unmittelbar zum Sturz des Diktators Marcos bei – einer der frühesten Triumphe der Antiglobalisierungsbewegung. Hier allerdings will er vor allem eine Botschaft loswerden: »Ein zweites Vietnam« wünscht er den Amerikanern im Irak. Der Jubel der Zuhörer ist gewaltig. Wut und Radikaliserung liegen in der Luft – wie viele Rote-Kreuz-Mitarbeiter dabei mit dran glauben müssen, spielt offenbar keine Rolle. Aber schon der nächste Sprecher, Attac-Gründer Bernard Cassen aus Frankreich, ein Mann mit dem Charme eines ergrauten Mathematikprofessors, ruft dann zur Mäßigung auf: »Unsere Ideen haben noch keine Mehrheit. Wir wollen keine Macht gewinnen. Wir wollen überzeugen. Bringen wir den Nachbarn auf unsere Seite. Den Arbeitskollegen. Mehr können wir nicht tun.«
So geht es hin und her. Jede Gruppe darf ihre eigenen Veranstaltungen machen – und dort, wo die jungen Leute sind, die Mädchen mit den verwegenen Baretts, die Jungs mit den in Wolle gepackten Rastalocken, da hängen schon mal blutrote Banner mit der Aufschrift »Revolution sofort!« Wie bei der »Jeunesse Communiste Revolutionaire«, den jungen revolutionären Kommunisten. Die Polizei braucht sich allerdings keine Sorgen zu machen – konkrete Umstürze werden nicht geplant. Ein hagerer Rotschopf von der schottischen Socialist Party: »Wir haben genug vom Kapitalismus. Wir brauchen eine massenhafte Radikalisierung!« Eine Art spanischer Rasputin mit Rauschebart und scharfem Mittelscheitel: »Dies ist ein Wendepunkt. Wir könnten eine wahrhaft revolutionäre Bewegung werden.« Endlose Beschwörungen, endlose Statements von Mini-Funktionären, die sich vor allem selbst gern reden hören. Jeder hier ist Delegierter von irgendwas, und alle wollen Führer sein. Nur die Masse, die sie führen könnten, die ist nirgends zu sehen. Wollte man gemeinsame Aktionen beschließen, die über eine Großdemonstration hinausgehen, würde alles sofort auseinander fliegen – Spaltung liegt in der Luft. Sie läuft, beinah exemplarisch, zum Beispiel mitten durch den polnischen Attac-Stand. »Die Idioten, die hier vom Kommunismus schwärmen,« sagt Lukasz, 24, »haben keine Ahnung, wovon sie reden. Wir hatten den Kommunismus, und er war scheiße.« Sein Kumpel aber, der neben ihm vor einem großen Che-Guevara-Poster sitzt, widerspricht sofort: »Glauben Sie dem kein Wort. Der ist auf dem falschen Trip.«
Was in diesem Chaos klar wird, ist vor allem das, was fehlt: ein Bewusstsein dafür, wie man ganz normale Menschen – also jene zum Beispiel, die man für Anti-Kriegs-Demonstrationen mobilisieren kann – zu weitergehenden politischen Aktionen motivieren könnte. Eine Entscheidungsstruktur, die schnell und präzise agieren kann – mindestens so schell wie die Gegner: Regierungschefs, Vorstände internationaler Großkonzerne, Ideologen des Profits. Eine Konzentration auf das sofort Machbare, im Gegensatz zu revolutionären Träumereien. In ihrem Bestreben, möglichst groß und konsensfähig zu sein, sind die neuen sozialen Bewegungen in den westlichen Wohlstandsgesellschaften erstarrt. Man muss ziemlich lange suchen, bis man Gegenmodelle findet, die praktische Erfolge vorweisen können, nicht nur rhetorische Umarmungen durch die Politik (selbst Jacques Chirac verkündet inzwischen überall, dass er für eine andere Globalisierung kämpft). Paradoxerweise (aber vielleicht auch logischerweise) gibt es sie dort, wo Kriegsgegner und Globalisierungskritiker auf den härtesten Widerstand treffen, wo der Feind am mächtigsten ist: in den USA.
New York, West 57th Street, vierter Stock. Das Ostküsten-Büro von MoveOn.org. Hier laufen die Fäden einer Organisation zusammen, die Politiker in Washington gerade sehr drastisch daran erinnert, was es bedeutet, Volksvertreter zu sein. Der Raum ist ein Machtzentrum – vor allem aber ist er winzig: drei Meter lang, zweieinhalb Meter breit, knallgelbe Wände, ein kleiner Schreibtisch, ein Notebook, ein Bett, das fast die ganze Bodenfläche einnimmt – wer sich darin herumwälzt, verbrennt sich leicht mal am Heizungsrohr. Hier wohnt und arbeitet Eli Pariser, 22. Und, so unvorstellbar das klingt, wenn man ihm in seinem Kabuff gegenübersitzt – hier verändert er Amerika. Mehr als 1,90 Meter groß, bärtig, höflich – aber keine auffallende Führergestalt.
Etwas sehr Bestimmtes und leicht Gehetztes strahlt er aus – ein Mann, der eigentlich tausend Dinge gleichzeitig tun müsste, der schon wieder hunderte von E-Mails im Rückstand ist in seinem großen Plan. Eli Pariser kämpft, zusammen mit nur einer Handvoll von Helfern, mit der Waffe des Internets.
Millionen von Aktivisten können mit Mails nerven Die Schlagkraft von MoveOn.org beginnt mit dem »Action Forum« auf www.actionforum.com. Dort posten die mehr als zwei Millionen Online- Aktivisten, die sich mit ihrer E-Mail-Adresse und ihrem echtem Namen registriert haben, welche Vorgänge in Washington sie gerade am meisten verärgern – und Vorschläge, was man dagegen tun könnte. Ideen, die große Zustimmung erfahren, wandern dabei ganz nach oben. Im Mai letzten Jahres, nur als Beispiel, löste ein Plan der »Federal Communications Commission« (FCC), er amerikanischen Medienaufsichtsbehörde, große Wut aus. Er sollte, knallhart vorangetrieben von der Bush-Regierung, noch mehr Machtkonzentration in den Händen weniger Zeitungsund Fernsehunternehmer erlauben. Ein weiterer tödlicher Anschlag auf Meinungsvielfalt. Die USMedien wirken schon jetzt oft wie gleichgeschaltet – weswegen sie zu dem Plan auch hübsch schwiegen. Genau hier aber beginnt die Wirksamkeit von MoveOn.org: Eine Mail geht an die zwei Millionen Aktivisten, die danach die FCC und alle Volksvertreter in Washington mit hunderttausenden von Faxen und E-Mails bombardieren, aber auch, elektrisch getimt, mit Anrufen. Einmal jede Minute, bei jedem Volksvertreter, klingelt das Telefon – bis zu 400 000mal an einem Tag. Gleichzeitig wird ein Spendenaufruf lanciert, der hundertausende von Dollars einbringt, um Werbespots und Anzeigen zu finanzieren. Andere Organistionen schließen sich an, schließlich können auch die offiziellen Medien den Aufruhr nicht länger ignorieren. Und am Ende der Aktion steht manchmal sogar ein Sieg: Im September stimmte der US-Senat mit deutlicher, parteiübergreifender Mehrheit gegen die FCC-Pläne, ein Gericht in Philadelphia untersagte ihre Umsetzung. Die Lobbyisten des großen Geldes sind, an einer Front wenigstens, vorerst gestoppt.
»Worauf ich nicht die geringste Lust habe«, erklärt Eli Pariser, offiziell »Direktor für Internationale Kampagnen« bei MoveOn.org, »ist es, ein Teil der großen, uralten linken Märtyrergeschichte zu werden. Wir haben für das Gute gekämpft und verloren – das hören wir seit hundert Jahren. Und ich bin es einfach leid. Moveon.orghandelt vom Gewinnen – mit ganz konkreten Aktionen.«Vor drei Jahren war der Indierock-Fan, Sohn jüdischer Sixties-Aktivisten, noch genau wie die jungen Radikalen in Paris. Damals schlug er sich gern mit Polizeikräften bei Treffen von Weltbank und Währungsfonds herum. Im April 2000, bei einer dieser Konfrontationen in Washington, überfiel ihn jedoch eine bittere Erkenntnis. »Ich fühlte mich«, erzählt er, »als würde ich in einem uralten Stück mitspielen, in dem jeder Satz schon festgeschrieben ist, das schon tausendmal aufgeführt wurde und nie etwas bewirkt hat. Räuber und Gendarm, ohne Sinn und Zweck. Es wurde höchste Zeit, etwas Neues zu probieren.«
Nicht demokratisch – aber sehr effektiv Die Erleuchtung kam ungeplant. Am Tag nach den Attacken vom 11. September, damals noch am College in Boston, fürchtete Pariser eine fatale Eskalation der Gewalt und stellte eine Online-Petition ins Netz, die »Mäßigung und Zurückhaltung « von der US-Regierung forderte. Den Link schickte er an dreißig Freunde und bat sie, ihn ebenfalls weiterzuschicken. Wenige Tage später hatte er bereits 300 Antwortmails im Postfach, Reporter aus aller Welt riefen an – ein rumänischer Journalist erzählte zum Beispiel, er habe die Mail bereits von fünf Freunden erhalten. Nach sieben Tagen brach der Server zum ersten Mal zusammen – da hatten bereits 120000 Menschen aus 190 Ländern unterschrieben. »Es war nicht zu übersehen«, sagt Pariser, »dass diese Art von Aktion eine gewaltige Kraft entfalten kann.« Seitdem hat er sich mit Mitstreitern aus dem Silikon Valley zusammengetan, die seit 1998 ähnliche Aktionen machen. Gemeinsam haben sie neuartige technische Tools wie den Anruf-Koordinator entwickelt, Prominente wie Jack Black, Michael Moore oder Michael Stipe als Unterstützer gewonnen – und Millionen von Dollars an Spendengeldern gesammelt. »Wir sind die größte politische Bewegung in Amerika seit dem Vietnamkrieg«, sagt Pariser. »Aber nicht das Internet selbst ist cool – es sind die Dinge, die wir damit bewegen können.«
Die Botschaft des Erfolgs ist denn auch weniger eine technische als eine organisatorische. Move-On.org schafft es, zwei Millionen Menschen direkt anzusprechen und zum Handeln zu motivieren. Diese Mailadressen sind eine Quelle der Macht in der Hand von vielleicht vier Leuten. Es gibt keinerlei Gremien, keinerlei lokale Strukturen und Funktionäre, kein Delegiertensystem. Das ist nicht demokratisch, erlaubt es aber, Aktionen innerhalb weniger Tage, ja sogar innerhalb von Minuten zu beschließen. Und: Die Führer der Bewegung sind trotzdem nur so mächtig wie ihre letzte E-Mail. Wenn sie nicht auf ihre Mitglieder hören oder Aktionen vorschlagen, die niemanden zum Mitmachen inspirieren, sind ihre Adressen nichts wert. Sie haben daher auch keine übergreifende Ideologie, keine größere Vision einer völlig neuen Weltordnung. Es geht eher darum, konkrete Gesetze zu verhindern – oder bestimmte Abgeordnete zu stärken, die etwa gegen den Krieg gestimmt haben. Gerade das kann allerdings sehr effektiv sein. So ist ein neues, faszinierendes Zusammenspiel von Volkswillen und »Leadership« entstanden, wie die Amerikaner sagen – ein Beispiel, das Schule machen könnte. Das schmale Bücherbord in Eli Parisers New Yorker Kämmerchen zeigt eine Vorliebe für große Epen – Orwells »1984«, Don DeLillos »Underworld «, David Foster Wallace Riesenschinken »Infinite Jest«. Wenn er nach 18-Stunden-Tagen erschöpft vor dem Notebook zusammensinkt, denkt er gern an die epische Dimension des eigenen Schaffens: »Wir sind so viele. Es geht um so viel. Ich brauche mir nur vorzustellen, was wir erreichen können – und schon bekomme ich einen Adrenalinrausch, der mich weiter vorantreibt. « Manchmal, denkt man da, liegt es eben doch in der Luft: das Gefühl, dass man die Welt aus den Angeln heben kann – und zwar sofort.
Attac Deutschland: Münchener Straße 48, 60329 Frankfurt. Tel.: (069) 90 02 81-10, EMail: info@attac.de, Internet: www.attac.de
Buchtipp: »Attac: Was wollen die Globalisierungskritiker? «Von Christiane Grefe, Mathias Greffrath und Harald Schumann. Rowohlt-Berlin-Verlag, 12,90 Euro
MoveOn.org hat die Webadresse – richtig geraten – www.moveon.org
- - MoveOn.org
- - attac




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Annemie
RE: Hauptsache dagegenHallo Tobias!
Die Organisation Attac wird gleichzeitig immer größer und immer langsamer? Das hat zumindest EINE positive Seite: dass endlich mehr Menschen von der Bedrohung der Globalisierung Notiz genommen haben und ihre Kritik allein durch die weiter steigende Mitgliederzahl zum Ausdruck bringen.
Es ist unfair, die Gruppe derart "verwirrt" darzustellen. Und vor allem ist es unfair, sie als Prügelknaben auf Großdemos gegen die Globalisierung (wie sie jetzt ist) dastehen zu lassen. Den ersten Punkt glaube ich dir nur bedingt. Neben den übereifrigen Idealisten gibt ja auch diejenigen, die realistisch mit der Situation umgehen und konstruktive Vorschläge haben (wie du erwähnt hast). Und gerade die sollte man nicht unter "ferner liefen" verbuchen. Dass die demokratischen Strukturen allerdings gerade für die Realisten hinderlich sind, ist wohl richtig.
Die Attac-Organisation als prügelnde Masse darzustellen ist falsch. Sicherlich, du hast es überspitzt beschrieben, aber es ärgert mich trotzdem. Vereinzelt werden Gewaltaktionen möglicherweise von Attac-Aktivisten angezettelt, aber grundsätzlich spricht sich die Organisation genau gegen diese Gewalt aus. Die allermeisten Demos von Attac verlaufen friedlich. Und bei Demos wie in Genua a. 2001 ist es sehr fraglich, wer für die Gewaltaktionen verantwortlich ist - hier sollte man Attac keine gewalttätigen Handlungen unterstellen.
Die Vorstellung, Attac könnte so vorgehen wie Eli Pariser, gefällt mir. Aber zwischen Attac und MoveOn.org gibt es doch einige Unterschiede. Und zwar nicht nur, dass den Globalisierungskriti kern die demokratische Struktur wichtig ist.
Eli Pariser ist direkt betroffen von Entscheidungen, die von der Regierung seines Landes getroffen werden. Dagegen die Globalisierung, wie sie von Weltbank, WTO und führenden Wirtschaftsmächten betrieben wird: sie betrifft uns zwar auch, aber vor allem eben sogenannte Dritte-Welt- oder Schwellenländer. Privatisierung, Liberalisierung und freier Devisenhandel sind hierzulande noch Stichworte, die eher positive als negative Vorstellungen hervorrufen. Den allermeisten von uns geht es ja gut! Und noch viel zu wenig Menschen ziehen eine Verbindung zwischen ihrer (vielleicht schlechten) Lebenssituation und der Globalisierung. Darauf muss erstmal aufmerksam gemacht werden. Die Organisationen dahinter sind kaum greifbar, weil sie in den Medien sogut wie nicht präsent sind. Auf die Supermacht USA degegen ist ständig alle Aufmerksamkeit gerichtet.
Gezielte Aktionen per Internet etc. sind eine gute Option, aber könnten sie von Attac vor diesem Hintergrund genauso erfolgreich betrieben werden wie die von Eli Pariser?
Nicht vergessen werden sollte, dass die Globalisierungskriti ker eine solidarische und gerechte Welt zum Ziel haben - das ist bei aller Realitätsnähe und einem Blick für das Machbare trotzdem idealistisch. Die Organisation setzt sich nicht nur für lokale, sondern für globale Veränderungen ein. Das würde eine riesige Veränderung hervorrufen, die vermutlich viel Zeit braucht - wenn sie denn überhaupt stattfindet. Attac verfolgt das noble Ziel einer besseren Welt. Ohne Idealisten keine mutigen Ideen, ohne diese Ideen keine richtungsweisenden Änderungen. Zugegeben, schneller wäre besser, aber im Kontext des Globalen ganz schön schwierig.
08.04.2004 18:10 Uhr
Tobias_Kniebe
RE: Hauptsache dagegenAnnemie,
Ich weiß nicht, ob du mir glauben wirst, aber es war keineswegs von Anfang an mein Plan, Attac als "verwirrt" darzustellen. Nur war das eben, als ich an mehreren Treffen, Versammlungen etc. teilgenommen habe, wirklich mein Eindruck. Vielleicht kennst du es anders, und ich habe an den falschen Orten gesucht. Und wenn du genau liest, behaupte ich an keiner Stelle, Globalisierungsgegne r wären eine prügelnde Masse. Wollte ich auch nicht mal suggerieren...
Sehr recht hast du mit dem Hinweis auf die Schwierigkeit, globale Veränderungen herbeizuführen - aber genau dieser Widerspruch ist mir bei Attac auch dauernd aufgefallen. Attac will einfach alles: Mehr Geld und Sozialleistungen für die Menschen hier zuhause, und ein besseres Leben für die gesamte Dritte Welt. Und niemand muss auf irgendwas verzichten - außer vielleicht ein paar Großkapitalisten. Klingt gut, oder?
15.04.2004 19:29 Uhr
Annemie
RE: Hauptsache dagegentobias,
dass mit der "prügelnden Masse" habe ich wohl mehr hineingelesen. Du schreibst es nicht direkt, das ist richtig, aber du hast es ansatzweise suggeriert, auch wenn du es nicht wolltest (Walden Bello, "Wut und Radikaliserung liegen in der Luft – wie viele Rote-Kreuz-Mitarbeit er dabei mit dran glauben müssen, spielt offenbar keine Rolle.").
Meine Meinung ist, man kann Idealisten demontieren, oder man kann ihren Traum ernst nehmen. Ich habe ehrlich gesagt bisher überhaupt keine Erfahrungen mit Attac gemacht. Allerdings habe ich mich bereits intensiv mit der "Globalisierung" und damit auch theoretisch mit Attac beschäftigt. Und in einem Punkt muss ich der Organisation recht geben: es muss sich was ändern. Lach sie aus oder nimm ihre Kritik ernst. Das letzte erscheint mir sinnvoller. Trotz aller Unoraganisiertheit und Strukturschwächen. Zudem ist Attac eine immer größer werdende Organisation, auf die sich dementsprechend viele Augen richten. Und das ist auch schon sehr viel wert.
Was ich an deinem Beitrag wirklich gut finde, ist die Alternative, die du vorstellst. Wie ist es möglich effektiver zu arbeiten, um Menschen weltweit auf das Problem der Globalisierung hinzuweisen? - Wie ich in meiner ersten Antwort bereits beschrieben habe, erscheint mir die Vorgehensweise von Eli Pariser für Attac nicht besonders glücklich. Aber immerhin ist es eine Alternative, die man ausprobieren sollte.
[Im Übrigen kann ich auch ein Buch empfehlen, dass sich wirklich gut mit dem Thema auseinandersetzt: von Joseph Stiglitz "Die Schatten der Globalisierung". Stiglitz hat als Chefökonom bei der Weltbank gearbeitet und den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten. In seinem Buch erhält man einen wirklich guten Einblick hinter die Kulissen der Globalisierung. Er demontiert das Vorgehen von IWF und Weltbank - aus gutem Grund.]
Es ist doch die Frage, wo ich anfange zu kritisieren. Sicher, du stellst eine alternative Vorgehensweise dar, und das ist gut und richtig so. Es ist auch wichtig auf "Mängel" hinzuweisen, damit genau diese dann beseitigt werden können. Aber was mir in deinem Artikel wirklich so ganz und gar fehlt ist das ernstnehmen der Ziele, die schon sehr wichtig sind. Du hast recht: es können nicht alle mehr haben und niemand im Gegenzug verzichten. Aber es gibt viel zu viele Menschen auf dieser Welt, die wirklich nichts haben. Und Attac ignoriert das nicht. Außerdem handelt es sich bei denen, die verzichten sollen, nicht lediglich um eine paar Großkapitalisten. Der Grundgedanke von Attac, die Tobin-Steuer einzuführen, wäre äußerst vernünftig. Wenn nur alle mitmachen würden. Aber macht ja keiner. Weil man dann ja abgeben müßte. Ist schade. Attac braucht gute Alternativen. Schlag doch mal deine vor....
16.04.2004 19:34 Uhr
uggawugga
RE: Hauptsache dagegenallgemein zum Thema Welt/Globalisierung usw.
Ich finde es schade, dass sich ein allgemeines Gleichgültigkeitsgef ühl eingeschlichen hat, was um einen Drumherum passiert.
Es muss wirklich erst ganz katastrophal sein, bis die Hälfte der Menschheit ihre Augen, dass erste Mal aufmachen.
Viele Meckern und wettern, aber was hilft es, wenn sich die Menschen nicht einig sind!?(sind wir zu faul, zu gemütlich geworden?)
Gibt es wirklich keinen anderen Weg, als zu warten, bis alles um einen herum zusammenbricht?
Geld, scheint schon so eine gewaltige Macht über uns erlangt zu haben, dass wir es nicht mehr wagen aus unseren Schneckenhäusern heraus zu schauen. (Es ist nicht nur das Geld alleine, es gibt auch noch jede Menge anderer Faktoren)
Wir haben uns daran gewöhnt in einer Traumwelt zu leben, so sehr, dass wir von dort nicht mehr weg wollen.
Und während wir Zuhause fern schauen und glauben bescheid zu wissen, geht draußen die Welt unter...
das kann’s doch irgendwie nicht sein!
Gruß
Ugga
21.05.2004 11:11 Uhr
organic2000
RE: Hauptsache dagegenklar dagegen! wie lange soll es so auf dieser welt weitergehen? wer hoch steigt fällt tief...die westliche welt wird es nicht leicht haben in den nächste jahrzehnten. nicht nur politisch.
gleiches recht und gleicher lebensstandard für alle! dafür steht attac für mich. und dafür lohnt es sich zu kämpfen, egal auf welcher ebene. und je mehr menschen mitmachen und sich nicht mehr von politik und wirtschaft verarschen lassen, desto eher lassen sich die angestrebten interessen durchsetzen.
26.05.2004 19:07 Uhr
Avail
RE: Hauptsache dagegenIch habe mir jetzt sowohl den Text von Tobias als auch einige Antworten durchgelesen.
Es wurde einiges geschrieben, Dinge mit denen ich übereinstimme und Dinge, von denen ich mich lieber etwas distanzieren würde.
Ich denke aber, dass ein Problem von Attac, in meinem Augen das größte, ein wenig untergeht.
Attac hat die letzten Jahre viele Mitglieder gewinnen können, doch wollen diese Mitglieder auch alle das gleiche?? viele sind dabei, weil sie glauben sich beteiligen zu müssen, bezahlen ihre Mitgliedsbeiträge und halten sich ansonsten aber zurück...naja, besser als nichts.
Bei denjenigen, denen man das Wort "Aktivisten" zuschiebt, gehen leider die Meinungen, bzw. die Ansichten sehr weit auseinander. Was Attac wirklich fehlt denke ich, ist eine klare Linie. Es gibt einfach zu viele unterschiedliche Ansichten und zuviele unterschiedliche Beweggründe warum jemand Attac beitritt.
Trotzdem finde ich, muss es jemand geben, der versucht dem entgegenzutreten, was auf Dauer nicht nur die 3. Welt immer weiter verarmen lässt, sondern auch dafür sorgen wird, dass in den sogenannten Industriestaaten die, die sowie nichts haben, weiter benachteiligt und ausgenutzt werden.
14.07.2004 08:19 Uhr
SeiShonagon
RE: Hauptsache dagegenDer auslösende Artikel dieser Diskussion ist meiner Meinung nach grundsätzlich erst mal korrekt. Darin geht es sicherlich nicht darum Attac oder irgendeine andere vergleichbare Organisation nicht ernst zu nehmen. Attac ist eine interessante Bewegung mit dem zuvorderst richtigem Ziel, die Unzufriedenen, die Veränderung Wünschenden und die Verlierer der Entwicklung allesamt abzuholen und ihnen ein neues Zuhause zu geben. Doch Attac muss sich - nachdem sie ja durchaus als konsolidiert anzusehen sind - fragen lassen, was fangen sie mit all dem gesammelten "Material" an? Wofür nützen sie diese Bündelung? Was setzen sie wirklich in Gang? Und da muss die ehrliche Antwort leider lauten - nicht viel bis gar nichts. Natürlich kann ich zu jedem x-beliebigen Thema aus einem Pool von Mitgliedern und Unterstützern eine Protestaktion organisieren. Ist das dann schon das Endergebnis? Warum spüle ich mich selbst (als Organisation) so weich, bis die Decke, die ich darstellen will, wirklich über jeden Hintern passt - mit dem Ergebnis, dass ich nach allen Ecken und Enden gezerrt werde und eine "Schlagkraft" gegen Null tendiert. Warum ist es "undenkbar", die noch vorhandenen demokratischen Möglichkeiten unserer westlichen Gesellschaften so einzusetzen, dass man in relevanter Ebene eingreifen kann - sprich eben eine Partei zu gründen und den eingesammelten Menschen beim letztendlich einzig verbliebenen Einflußinstrument der Wahl eine Alternative zu verschaffen? Wir werden keine Revolutionen kreieren, also schaut euch doch um, wie wir unsere als richtig erkannten Ziele anders erreichen. Dazu bedarf es eben eines nächsten Schrittes - zu dem scheint man sich allerdings nicht entschließen zu können.
15.07.2004 12:37 Uhr