Sehen //

Politik

//

Krieg und Militär

Krieg und Militär
amadeus3000

Ein schöner Sonntag in Auschwitz

25.04.2005 22:31 Uhr

Vergangenheitsbewältigung war selten wichtiger als jetzt. Doch gehen wir dieses Thema richtig an? Hier ein kleiner Augenzeugenbericht:

von amadeus3000

Die Sonne scheint, es ist ein wenig frisch aber dennoch ein angenehmer Herbstag.
Es ist als ob nichts die Stimmung trüben könnte, nicht einmal Auschwitz.

Ein paar Blümchen hier, ein paar da, die Sonne wärmt das Lager und die Barracken spenden Schutz vor dem Wind. Angenehm ist es, und man fühlt sich dennoch schuldig.
Schuldig dafür dass Auschwitz nicht berührt wie es soll; unwirklich erscheinen die Verbrechen aus vergangener Zeit, unmöglich könne solche hier begangen worden sein. Die Erinnerung ist beinahe verblasst, verschollen im Schleier der Geschichte.

Und Auschwitz hilft nicht diese Schleier zu lüften. Zu sehr erscheint es als Tourismusort, echte Beziehungen zu dem Ort fehlen, man ist nicht schockiert, hier am Grabe einer Million Menschen.
Das Gefühl was bleibt ist Schuld, Schuld dafür dass man nicht dort schockiert ist wo man es sein sollte. Nahezu unbekümmert schlendert man durchs Lager, genießt die Sonne und kein Schatten trübt das Herz. Einen schönen Sonntagnachmittag könnte man hier verbringen, wie in einem Freilichtmuseum, wäre da nicht unser Gewissen.

Doch dann hört man Stimmen, schwach, alt und dennoch von einer Kraft, einem Mut der seinesgleichen sucht. Man lauscht, wird angezogen von dieser zittrigen Stimme. Es ist die Stimme der Zeitzeugen welche uns innehalten lässt, sie bringt uns die Schrecken der Vergangenheit zurück. Die Stimmung trübt sich, und trotz der Sonne wird es eisig kalt. Ungläubig hört man von den Verbrechen die ihnen widerfahren sind. Die Vergangenheit wird Gegenwart, Auschwitz wird real, sogar an einem Sonntagnachmittag.
Man bewundert diese Menschen, welche rastlos waren, ehe sie an den Ort zurückgekehrt sind, der ihnen alle Freiheiten genommen hatte. Tief ist Auschwitz mit ihren Opfern verwurzelt: Verlassen uns die Zeugen wird die Erinnerung an Auschwitz weiter verblassen bis hin zur Randnotiz in Geschichtsbüchern.

Doch trotz allem, Auschwitz verändert einen, hinterlässt Spuren die unmöglich zu verwischen sind. Man spürt dass man von nun an wohl immer den Mut finden muß um weiterzumachen und sei es bloß aus Respekt gegenüber den Opfern welche damals den Mut besaßen weiterzuleben und ihn jetzt besitzen gegen die Vergessenheit zu kämpfen und dies bis zu ihrem letzten Atemzug.

von amadeus3000


Anzeige

Kommentare

Wenn du angemeldet bist, kannst du hier einen Beitrag zu diesem Text schreiben

Eintrag schreiben »

Rosa

RE: Ein schöner Sonntag in Auschwitz

*

25.04.2005 23:28 Uhr

Mint

RE: Ein schöner Sonntag in Auschwitz

Dein Artikel erinnert mich an U2, "Sunday, blody Sunday".
Wunderbare Melodie; man nimt das Grauen erst im Kontext war.
Ich war zwar noch nie in Ausschwitz, kann mir aber durchaus vorstellen mich dort ähnlich zu fühlen.

Leider haben das Ruinen, bzw. solche Orte so an sich. Was dort einmal passierte, was einmal Gegenwart war, ist nicht mehr.
Geschichte wird dann oft zu Geschichten, Schauermärchen, aber eben nicht Stein des Gedankenanstosses.

25.04.2005 23:36 Uhr

frau.s.in.k.

RE: Ein schöner Sonntag in Auschwitz


ich war inzwischen 2mal bei schrecklich kaltem wetter in auschwitz. und kenne dieses unwirkliche gefühl..

man denkt "das es doch hier teilweise so normal aussieht." und die ehemaligen baracken lassen noch kaum noch die schrecklichen ereignisse spüren.

es ist als liegt ein eigenartiger frieden über diesen ort. aber wenn man genau hinschaut, dann erzählt er, was er gesehen hat...

26.04.2005 09:20 Uhr

Ninka

RE: Ein schöner Sonntag in Auschwitz

@frau.s.in.k.
Ich war an einem kühlen, regnerischen Oktobertag in Auschwitz und habe zunächst auch gar nichts gespürt. Alles war so unwirklich. Erst im Museum konnte ich ahnen, was in diesem Lager einst passierte. Als ich danach wieder über das Gelände lief, habe ich es nicht als Frieden empfunden, der über dem Ort liegt. Ich fand die Stille unerträglich und musste feststellen, dass es stimmt: "In Auschwitz singen keine Vögel".

26.04.2005 13:18 Uhr

greatbritain

RE: Ein schöner Sonntag in Auschwitz

geschichte lebt durch ihre zeitzeugen und ist so in der gegenwart präsent. kaum nachvollziehbar ist die schuld, die die noch lebenden opfer des holocaust verspüren, weil sie überlebt haben.

sie sehen es als ihr pflicht diese schuld zu sühnen, in dem sie gegen das vergessen ankämpfen und diese pflicht und verantwortung sollten wir als übernächste generation annehmen - gegen das vergessen und für die erinnerung zu kämpfen.

der satz eines französischen überlebenden haftet mir bis heute noch im gedächtnis: "ich habe keine tränen mehr um die vielen toten zu weinen. ich habe nur die frage "warum?" im kopf. ich suche heute und werde es bis zu meinem tod tun, nach einer antwort. ich werde es wohl nie verstehen. und meine pflicht ist es, alles zu tun, damit sich niemand mehr ein "warum?" stellen muss."

26.04.2005 10:28 Uhr

ChriztianE

RE: Ein schöner Sonntag in Auschwitz

Hmm, ich war in Berlin am WE, und auch wie Mint sagt: Man nimmt das Ganze erst im Kontext war ...

26.04.2005 10:42 Uhr

Antaios

RE: Ein schöner Sonntag in Auschwitz

Hmm Auschwitz wird wohl nie ein Randnotiz im Geschichtsbuch sein. Was hast du bitte für Geschichtsbücher?

Nett geschrieben. Macht mich aber nicht wirklich betroffen.

Dein Gewissen? Was meinst du damit... das ist irgenwieschon eine abgedroschene Phrase die in diesem Zusammenhang nur noch eklektizistisch wirkt.

Keiner kann sich vorstellen, was da wirklich abgelaufen ist und Mitleid bringt den alten Menschen auch nichts.

Ich kenne Auschwitz nicht, dafür Dachau und Natzweiler. Ich weiß bis heute nicht was der Besuch dort bringt, denn die scheinbar aufkommende Betroffenheit bringt nichts.

Die Deutschen beschäftigen sich zu sehr mit sich und ihrer Betroffenheit als sich gedanken darüber zu machen, wie man ein System, das Menschen wir Rudolf Heß hervorbrachte ändern kann. Denn ich glaube, dass das heute genauso möglich wäre wie damals. Hier und überall. Uns sind freilich nur die deutschen Täter bekannt.

Ich bin sechsundvierzig Jahre alt und Mitglied der NSDAP seit 1922, Mitglied der SS seit 1934; Mitglied der Waffen-SS seit 1939. Ich war Mitglied ab 1. Dezember 1934 des SS-Wachverbandes, des sogenannten Totenkopfverbandes.
Seit 1934 hatte ich unausgesetzt in der Verwaltung von Konzentrationslagern zu tun und tat Dienst in Dachau bis 1938; dann als Adjutant in Sachsenhausen von 1938 bis zum 1. Mai 1940, zu welcher Zeit ich zum Kommandanten von Auschwitz ernannt wurde.
Ich befehligte Auschwitz bis zum 1. Dezember 1943 und schätze, dass mindestens 2.500.000 Opfer dort durch Vergasung und Verbrennen hingerichtet und ausgerottet wurden; mindestens eine weitere halbe Million starben durch Hunger und Krankheit, was eine Gesamtzahl von ungefähr 3.000.000 Toten ausmacht. Diese Zahl stellt ungefähr 70 oder 80 Prozent aller Personen dar, die als Gefangene nach Auschwitz geschickt wurden; die übrigen wurden ausgesucht und für Sklavenarbeit in den Industrien des Konzentrationslagers verwendet. Unter den hingerichteten und verbrannten Personen befanden sich ungefähr 20 000 russische Kriegsgefangene (die früher von der Gestapo aus den Gefängnissen der Kriegsgefangenen ausgesondert waren); diese wurden in Auschwitz den Wehrmacht-Transporte n, die von regulären Offizieren und Mannschaften der Wehrmacht befehligt wurden, ausgeliefert. Der Rest der Gesamtzahl der Opfer umfasste ungefähr 100.000 deutsche Juden und eine große Anzahl von Einwohnern, meistens Juden, aus Holland, Frankreich, Belgien, Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, Griechenland oder anderen Ländern.

26.04.2005 13:51 Uhr

kreidefresser

RE: Ein schöner Sonntag in Auschwitz

Gut geschrieben...
Jeder hat seine eigene Methode des Gedenkens. Für mich persönlich sind Ruinen Ruinen, alte Häser sind alte Häuser und Gedenkstätten sind Orte an denen andere (feinfühligere Menschen als ich) eine Verbindung zur Vergangenheit aufbauen können. In Auschitz war ich nie, an meinem einzigen Besuch in einem ehemaligen Arbeitslager in einem lediglich in einem kleineren KZ im Rahmen eines Schulausflugs habe ich ausnehmend Erinnerungen übler Art. Nicht das ich erwartet hatte mich dort wohl zu fühlen, im Gegenteil, ich war schockiert davon, wie wenig beeindruckt ich war. Es stellte sich kein Schaudern ein, kein Schreck war spürbar. Ich hab mich ganz krank gefühlt, so als fehle mir das Organ, welches meine Mitschülern- ganz so wie dir den Schrecken in die Glieder fahren ließ. Dunkel und ganz und gar ohne Stolz erinnere ich mich daran, dass ich meine Hilflosigkeit unter Zynismus versteckte. Auch das war meinem Wohlbefinden nicht zuträglich. Erst viel viel später und in einem völlig anderen Zusammenhang wurde mir klar, dass diese Art von Trauer – du nennst sie Vergangenheitsbewält igung – nichts anderes als eine durch und durch egozentrische Beschäftigung des „sich-selbst beim Trauern beobachten“ ist. Es steht dem eigentlichen Anliegen, der Beschäftigung mit den Opfern, der Reflexion der Umstände, die dazu geführt völlig im Wege, und letztendlich der Konsequenzen für das eigene Leben, falls es solche gibt und geben kann.

Tom

PS:
@Antaios: Wahrscheinlich meintest du Rudolf Höß?


05.05.2005 08:32 Uhr

ernstfriedrich

RE: Ein schöner Sonntag in Auschwitz

Ich war mit 13 mit meinem Onkel in Bergen-Belsen
und fühlte mich nicht sehr berührt von dem was ich dort sah. Ich war wohl noch zu jung.
1 jahr später schaute ich mir die Wehrmachtsaustellung an und war zutiefst getroffen, so das ich dann auch gegen die Nazisidioten demonstrierte die gegen die Ausstellung demonstrierten.

25.05.2005 17:17 Uhr

juhulia

RE: Ein schöner Sonntag in Auschwitz

Ich war bis jetzt in Natzweiler (Frankreich) und später noch Dachau. Mich hat das schon geschockt, aber mir gings auch (vor allem in Dachau) wie dir Tom; man fühlt sich nur krank und bedrückt, und den Mitschüler(innen) laufen die Tränen runter. Vielleicht liegt so scheinbare Unterkühltheit an eigenen Erlebnissen, die einen anders trauern machen. Könnte ich glaub von mir so behaupten.

Ich glaube aber auch, wir heute können uns das Ausmaß eines Krieges garnicht vorstellen. Wir werden dermaßen überschüttet und erdrückt von nüchternen Zahlen, Gedenktagen und Mahnmalen. Wo bleibt da der Platz für die Trauer und die eigenen Gedanken?

15.11.2005 16:28 Uhr

Michou

Dachau

Ich war bis jetzt noch nicht in Auschwitz, aber diese Lager haben dieses Gefühl an und in sich... man spürt, daß dort großes Leid geschah, auch wenn es nicht in konkreten Bildern greifbar sein mag.

Bei solchen Bsuchen kommen mir schreckliche Bilder in den Kopf, die meine Familie in der damaligen Situation zeigen. Das wird einem ganz, ganz anders... ich spüre dort unglaubliche Leere und Verlust.

25.06.2006 17:34 Uhr



Artikel


Sehen


Fühlen


Wissen


Freie Zeit


NEON täglich


Webticker

Reise


Lieblingsorte