
Wal-Kämpfer
06.11.2009 13:47 Uhr
Mochtest du den Artikel über PAUL WATSON und die Frage, wie weit Tierschutz gehen darf?
Herr Watson, ist Piraterie die richtige Antwort auf professionellen Walfang?
Ja. Wir sind Piraten des Mitgefühls und wir verfolgen die Piraten der Gier und des Profits.
Sie mögen es, ein Pirat zu sein, oder?
Ach, die Kinder mögen es. Seitdem wir dieses Logo mit dem Totenkopf haben, sind die Kinder verrückt danach. Piraten sind Individualisten. Wenn Sie sich die Geschichte der Meere ansehen, dann waren die Piraten letztlich sehr gut darin, ihre Forderungen und Grundsätze gegen Widerstände durchzusetzen.
Sie legen Wert darauf, dass es Ihnen nur um die Einhaltung von Gesetzen geht.
Ja.
Ein Pirat, der die Gesetze durchsetzt?
Ja.
Ihr Gesetz ist die »Weltcharta für die Natur« der Vereinten Nationen. Dieses Recht wollen Sie als Pirat und Walfangfänger durchsetzen.
Das ist es. Die Charta ist von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet worden.
Aber niemand sonst, kein Jurist und keine Regierung, glaubt, dass die Charta verbindlichen Charakter hat.
Das ist das Problem: Regierungen sind gut darin, zusammenzukommen und Vereinbarungen zu treffen. Aber dann ignorieren sie ihre eigenen Beschlüsse. Es geht nur darum, auf Konferenzen eine gute Figur zu machen. Von all den Dingen, die sie bei der UN-Konferenz 1992 beschlossen haben, wurde in meinen Augen nicht ein einziges umgesetzt. Das Kyoto-Protokoll? Bedeutungslos. Wie alles, was sie beschlossen haben. Wir von »Sea Shepherd« glauben, wir sollten diese Gesetze ernst nehmen. Ich habe die »Charta zum Schutz der Natur« einmal als Verteidigung vor Gericht in Kanada benutzt, nachdem ich spanische und kubanische Schleppnetzfischer von den Grand Banks vertrieben hatte. Wegen drei Anklagepunkten stand ich vor Gericht. Ich verteidigte mich mit der UN-Charta. Kanada hat eine Juraprofessorin geschickt, die ausgesagt hat, dass die Charta im kanadischen Recht keine Anwendung findet. Und der Richter fragte sie: »Hat Kanada das unterschrieben? « Und sie sagte: »Ja, ja, aber Kanada unterschreibt eine Menge Sachen.« Der Richter sagte: »Wenn Kanada das unterschrieben hat, dann werde ich die Jury anweisen, das in die Beurteilung einzubeziehen.« Ich wurde freigesprochen.
Die meisten Walfangoperationen finden in antarktischen Gewässern statt, die eigentlich teilweise von Australien kontrolliert werden sollten.
Ja, einige davon. In jedem Fall handelt es sich um ein Walschutzgebiet, das die Internationale Walfangkommission ausgewiesen hat. Diese Operationen sind Verstöße gegen den Antarktisvertrag sowie gegen das Washingtoner Artenschutzübereinkommen. Und obwohl der Raum geschützt ist, wird dort gejagt, trotz Walfangmoratorium. Total illegal! Wissen Sie was: Es gibt keinen Unterschied zwischen Japanern, die Wale jagen, und Wilderern, die in einem Nationalpark in Kenia Elefanten jagen ? außer dass die Wilderer arm und schwarz sind.
Wenn das so ist: Warum tut niemand außer Ihnen etwas dagegen?
Weil Japan ein großer wirtschaftlicher Bully ist, der allen den Arm umdreht und ihnen droht, ihre Waren nicht mehr zu kaufen. Japan ist ein großer Abnehmer von Uran aus Australien. Und Eisenerz. Und Aluminium. Die Japaner können jederzeit sagen: Wir gehen woandershin und kaufen unser Erz da, wenn ihr etwas gegen den Walfang tut. Und plötzlich sagen alle: Nun ja, vielleicht überlegen wir es uns noch einmal, sonst verlieren wir hunderte Millionen Dollar. In unserer heutigen Welt kommen die Interessen des Handels vor den Gesetzen der Umwelt. Oder den Menschenrechten. Warum sagen die USA: »Mit Kuba darf es keinen Handel geben, das ist ein kommunistisches Land«, aber China ist okay? Weil China Geld hat.
Wie groß ist die Walfangindustrie?
Wahrscheinlich um die 150 Millionen Dollar groß. Ein gejagter Wal kann eine Million wert sein. Ein Blauflossenthunfisch eine Viertelmillion. Das Absurde ist: Die Industrie der touristischen Walbeobachtung ist laut Schätzungen mehr als zwei Milliarden Dollar wert. Und die wird schließlich durch die Walfänger bedroht. Aber solange beide Walindustrien Geld verdienen, geht das Morden weiter.
Was tun Sie dagegen? Wie sieht Ihr Kampf aus?
Wir versuchen, die Walfänger zu stoppen. Und in den letzten Jahren haben wir es immerhin geschafft, ihre Fangquoten zu halbieren. Deshalb haben sie keinen Profit gemacht und jedes Jahr Geld verloren. Unser Ziel ist es, die japanische Walfangflotte zu versenken ? wirtschaftlich. Das funktioniert. Dieses Jahr haben wir 305 Wale gerettet. Letztes Jahr 500, im Jahr davor auch 500. Sie können ihre Quote nicht erfüllen und verdienen nichts. Das ist das Ziel: direktes Eingreifen. Wir jagen sie, halten sie auf, stören sie, bedrängen sie.
Es scheint Ihnen eine Menge Spaß zu machen, sie bloßzustellen.
Oh, ja. Das ist auch eines der Ziele.
Und Sie rammen Walfangschiffe.
Wir rammen niemanden. Jeder glaubt das, aber wir tun es nicht. Wir legen uns hinter das Fabrikschiff und blockieren den Zugang für die Jagdschiffe, die umladen müssen.
Ich habe Videos gesehen, auf denen Sie ein anderes Schiff rammen.
Das war kein Rammen, das war eine Kollision. Die Jagdschiffe müssen zum Entladen kommen und dabei kollidieren sie mit uns. Wir halten nur unsere Position und blockieren sie. Wir könnten gar nicht absichtlich ein Harpunenschiff rammen. Es ist schneller und manövrierfähiger als wir. Es muss schon selbst vor uns in Position gehen.
Auf vielen »Sea-Shepherd«-T-Shirts ist hinten eine Liste aufgedruckt, auf der es heißt: gerammte Schiffe, versenkte Schiffe.
Ja, wir haben in der Vergangenheit Schiffe gerammt, illegale Walfänger. Aber keine japanischen Walfangschiffe. Das ist nicht Teil unserer Taktik in der Antarktis. Wenn wir sie rammen würden, dann würden wir das zugeben.
Ihre Organisation »Sea Shepherd« ist eindeutig keine normale Protestorganisation.
Ich habe »Sea Shepherd« nicht als Protestgruppe angelegt. Wir protestieren nicht. Wir greifen gegen illegale Aktivitäten aktiv ein: Wir sind eine Antiwildereiorganisation. Deshalb sind wir auch nie wegen eines Verbrechens verurteilt worden. Wir sind keine Terroristen und keine Kriminellen. Wir haben nie jemanden verletzt, wir haben nie jemanden getötet. Wenn Leute uns Terroristen nennen, dann ist das eine Beschimpfung.
Sie nennen Ihre Strategie auch »aggressive nonviolence «?
Ja. Das ist es.
Wie soll das aussehen, »aggressive Nichtgewalt«?
Was ist Gewalt? Ich definiere Gewalt als das Zufügen von Verletzungen gegen den Willen eines lebenden Wesens. Wenn Sie ein Leben nehmen oder verletzen, dann ist das Gewalt. Nach dieser Definition kann man aber keine Gewalt gegen ein nicht lebendes Ding verüben. Gegen ein Schiff, ein Stück Metall, ein Gewehr - das ist keine Gewalt. Einer unserer Unterstützer ist der Dalai Lama. Er hat mir eine kleine Statue gegeben. Sie heißt Hayagriva. Ich habe gefragt: »Was bedeutet das?« Und er sagte: »Es ist die mitfühlende Seite buddhistischen Zorns.« Ich fragte: »Und was bedeutet das?« Und er sagte: »Wir wollen niemals jemandem wehtun. Aber manchmal, wenn andere die Erleuchtung nicht finden, erschreckt man sie so, dass sie Erleuchtung finden.«
Und das tun Sie?
Wir benutzen schwarze Schiffe und Piratenflaggen und Einschüchterung, um unsere Gegner zu Tode zu ängstigen. Aber wir tun ihnen nicht weh. Haben wir nie, werden wir nie. Wir haben eine einwandfreie Sicherheitsstatistik.
Aber Sie haben in der Vergangenheit Schiffe gerammt und Sie sagen auch in diesem Zusammenhang, dass es Gewalt gegen Sachen nicht gibt?
Das ist richtig, und ganz besonders, wenn diese Dinge illegal benutzt werden. Wenn ein Bankräuber in sein Fluchtauto springt und die Polizei rammt es - ist das Gewalt? Sie stoppen einen Kriminellen mitten in seinem Verbrechen und beschädigen sein Auto. Das ist nicht gewalttätig, solange niemand verletzt wird. Wir haben nie ein lebendes Wesen verletzt. Unser Schiff wird sogar vegetarisch geführt. Wir sind damit deutlich gewaltfreier als Greenpeace. Die haben immerhin tote Kühe und Hühner und Schweine an Bord. Vielleicht ist es in Ordnung, Fleisch zu essen, aber man kann nicht sagen, es sei gewaltlos.
Glauben Sie immer noch, dass Ihre Form von Umweltaktivismus ein guter Weg ist?
Ja, es ist die einzige Art, erfolgreich gegen den Walfang zu kämpfen. Wir können sagen: Weil wir dieses Jahr in die Antarktis gefahren sind, sind 305 Wale noch am Leben. Weil wir die Robbenjagd gestört haben, sind 67 000 Seehunde am Leben. Weil wir jenes gemacht haben, haben wir soundsoviele Haie gerettet. Wir können unsere Erfolge in Zahlen messen. Das ist befriedigend. Wir hängen keine Banner auf, wir protestieren nicht, wir greifen aktiv ein und haben direkten Einfluss.
Warum tun Sie es?
Weil es effektiv ist.
Ich meine, woher kommt der Wille?
Jemand muss etwas tun! Und ich kann die meisten Organisationen nicht verstehen, die nichts tun, außer Meetings abzuhalten, Petitionen zu schreiben, Konferenzen zu veranstalten und Banner aufzuhängen. Was soll das verändern? Die Leute werden nicht aufhören, Wale zu fangen, nur weil jemand ein Banner aufgehängt hat. Nicht, solange sie Geld verdienen. Sie werden auch nicht aufhören, weil jemand einen Brief geschrieben hat. Worauf sie reagieren, sind Gewinne und Verluste. Das Geschäft ist immer der Schlüssel für alles. Folge dem Geld! Wenn du kein Geld verdienst, kannst du deiner Tätigkeit nicht mehr nachgehen. Unser Ziel ist es sicherzustellen, dass die japanische Walfangflotte kein Geld verdient. Und in den letzten vier Jahren hat sie keines verdient. Sie hat von ihrer Regierung 164 Millionen Dollar an Subventionen kassiert. Das Ziel ist, den Druck aufrechtzuerhalten und sie weiter Geld verlieren zu lassen. Dann muss es enden. Es ist der einzige Weg. Boykotte können wirklich funktionieren - wenn der andere Geld verliert. Aber auch nur dann.
Was ist so besonders an Walen, dass Sie sie so wichtig nehmen?
Es ist nicht so, dass eine Spezies wichtiger ist als die andere, alle sind wichtig. Aber wenn wir die Wale nicht retten können, wie können wir dann irgendeine andere Art im Ozean retten? Wale sind die unglaublichsten und intelligentesten Lebewesen auf dem Planeten ? und wir rotten sie aus. Und wenn wir die Ozeane nicht retten können, können wir uns selbst nicht retten. Wenn die Ozeane sterben, sterben wir.
Es klingt vielleicht seltsam, aber wenn Wale so intelligent sind, warum können wir sie überhaupt bedrohen?
Weil sie keine Hände haben! Menschen begreifen Intelligenz als die Fähigkeit, die Umwelt mit den Händen zu beeinflussen und zu verändern. Wenn eine Art das nicht kann, gilt sie als nicht intelligent. Wir zerstören unseren Planeten. Das ist nicht besonders intelligent! Aber wenn man - wie wir Menschen - erst mal in der Position ist, Intelligenz selbst zu definieren, dann wirkt plötzlich sogar die Zerstörung der Erde normal.




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Lag
RE: Wal-Kämpfersiehe dazu mein Artikel "Farce in der Antarktis".
Ich habe Watson selber einige male getroffen und kann nicht behaupten, dass ich ihn zu meinen Freunden zaehlen wuerde.
Er hat unter serioesen Naturschuetzern ohnehin wenig Freunde, was primaer noch nicht mal an seinen Methoden (mittlerweile scheint er sich ja auf Stinkbomben verlegt zu haben), als vielmehr an seiner PR ohne Ruecksicht auf Fakten und Verluste liegt.
Scheint er ja immer noch so zu machen.
Vielleicht schreibe ich dazu noch mal einen eigenen Artikel. Diese Neon werde ich mir wohl wieder kaufen, das Interview interessiert mich.
14.09.2009 11:20 Uhr
plattenbau-beau
RE: Wal-KämpferMit Sicherheit viel Effekthascherei und Drumherumgerede im Bezug auf Gewalt. Dennoch schön, dass es "Sea Sheperd" gibt und gut etwas darüber zu lesen.
zum selber schauen:
http://www.seashep herd.org/
14.09.2009 13:55 Uhr
schwarzweiskarriert
RE: Wal-KämpferIch finde es auf der einen Seite gut, wenn generell Engagement gezeigt wird und mit Herzblut an die Sache heran gegangen wird - denn einige Wale und Delfine sind extrem gefährdet, wenn die Menschen nicht aufhören, deren Lebensraum und Nahrungsgrundlage zu vernichten oder sie immer noch zu jagen und zu töten.
Auf der anderen Seite finde ich es wenig effektiv, Schiffe zu rammen oder mit Stinkbomben um sich zu werfen. Andere Tierschützer mühen sich auf Konferrenzen ab oder ziehen effektive Kampagnen auf - diese Arbeit wird auf diese Weise einfach in den Schatten gestellt. Schade.
Tierschutz JA - aber glaubwürdig und seriös!
16.09.2009 15:07 Uhr
Lag
RE: Wal-KämpferHmmm.
Das Foto soll ja suggerieren, dass sich das Schlauchboot zwischen Wal und Whaler manoevriert.
Weder aber hat das Wurfgeschoss aus diesem Winkel eine Chance, den Walfaenger zu treffen, noch ist die Harpunenkanone besetzt. Genaugenommen wuerde ich sogar sagen, dass sie nicht geladen ist, also im Umkreis von zig Meilen kein Wal zu finden ist.
Das Bild luegt also.
18.09.2009 10:20 Uhr
Guelle
RE: Wal-KämpferAlso, ich bin kein Freund von Gewalteinsatz zum Durchsetzen von Zielen.
Aber ich kann das Vorgehen verstehen und ja, ich heiße es auch gut.
Steh ich zu.
Die Viecher sind so gut wie ausgerottet und sämtliche Reglements, die zum Schutz der Wale verabschiedet wurden, werden mit fiesen Tricks umgangen.
Wenns so keiner kapieren will, dass es nicht mehr lange dauert, bis die großen Tiere allesamt einfach weg sind, gibt's halt eins auf die Rübe.
Ich weiß, das ist jetzt militant, aber ich hab einfach kein Verständnis mehr für Walfang.
Der Job sollte derart unangenehm werden, dass die Jungs sich nach Alternativen umschauen müssen.
19.09.2009 10:11 Uhr
madre_de
RE: Wal-Kämpferstimme ich zu
solange wir in einer welt leben, in der profit nicht nur über tierleben geht, bin ich für "sanfte gewalt".
niemanden umbringen, obwohl es ja durchaus mal in den fingern juckt, aber "vergraulen" darf man.
von selbstdarstellern halte ich allerdings auch nichts.
und leider ist der walfang nur eine von tausenden baustellen.
19.09.2009 14:00 Uhr
anti_heldin
RE: Wal-KämpferIch find das sehr gut, dass es menschen gibt, die sich in uneigennützigen zielen engagieren. ich muss mich nur etwas beklagen über die unklare vorgehensweise der "piraten". da widerspricht sich vieles.
27.09.2009 16:51 Uhr