Reise
Die Fünfte Schöne
26.11.2007 10:47 Uhr
Über Chiles landschaftlichen Reichtum vergisst man schnell, dass dieses Land auch arm ist. Aber - wie fühlt sie sich eigentlich an, diese Armut?
Ich bin nicht arm. Wenn ich zuvor an Armut dachte, habe ich mir immer vorgestellt, dass die Tragik darin liegt, kein Geld zu haben, jeden Peso dreimal umdrehen zu müssen und sich nichts leisten zu können. Sobald Nahrung und Unterkunft vorhanden sind, so dachte ich, könne man sich doch wenigstens einigermaβen im Leben einrichten. Mittlerweile glaube ich, dass es nicht unmittelbar der Mangel an Geld ist, der das Armsein so grausam macht. Schlimmer ist die physische und psychische Bedrängung, die mit der Armut einhergeht.
Die Siedlung Quinta Bella (die „Fünfte Schöne“) im Stadtteil Recoleta gehört nicht zu den ärmsten Vierteln Santiago de Chiles. Dennoch empfiehlt es sich nicht, nach Einbruch der Dunkelheit alleine durch die Población zu spazieren und so manchem Taxifahrer entgleisen die Gesichtszüge, sobald er in die Siedlung einbiegt. Ein Deutscher, der die Fünfte Schöne unbedarft betrachtet, würde wohl zu dem Schluss kommen, dass es sich hierbei um eine ausgebaute Schrebergartenkolonie handelt: Kleine, flache Lauben aus Holz, mit teils liebevoll gepflegten Gärten, säumen bereits geteerte Straßen und kleinere Passagen. Auf den ersten Blick ist die Siedlung eine kleinbürgerliche, etwas herunter gekommene Schönheit. Dass die Häuser, die nach außenhin so wohnlich aussehen, aus Platten verschiedensten Materials der Marke „Eigenbau“ zusammengesetzt sind, sieht man erst bei einem Blick hinter die Fassaden. Dann erscheinen die Lauben oft nicht besser, als die Hütten eines Bauspielplatzes. Die Wände der eng verschachtelten Behausungen sind so dünn und unisoliert, dass ich die ersten Nächte dachte, Fremde seien in unser Haus eingedrungen. Doch es handelte sich lediglich um unsere Nachbarn ringsherum. Unser Lieblingsnachbar nutzt seine Nächte übrigens dazu, sich nach Herzenslust auszurotzen und auszurülpsen.
Das Haus von Gaby, in dem ich wohne, gehört zu den schönsten und größten der Siedlung, wie Gaby selbst berechtigterweise betont. Wir bewohnen augenblicklich zu sechst etwa 60m2, wobei der größte Raum, das Wohn- und Esszimmer, unbenutzt bleibt. Jetzt im Sommer spielt sich das Leben in der Küche, dem Hof, dem Bad, den beiden Schlafzimmern und dem Flur ab. Neben meinem steht noch ein weiteres Bett in jeweils einer Nische am Ende des Flurs. Dies bedeutet, dass ich außer dem viel frequentierten Klo keine Möglichkeit habe, mich in einen Raum mit Tür zurückzuziehen. Auch wenn ich mich einmal für einen Augenblick hinlege, dauert es zumeist keine fünf Minuten, bis irgendjemand – ohne anzuklopfen, wie auch! – angeschossen kommt: um mich etwas zu fragen, um mit mir zu reden oder um etwas aus dem Gemeinschaftsschrank zu holen, der sich ebenfalls in meiner Nische befindet. Die Flucht in einen inneren, vorübergehenden Autismus bleibt ebenfalls verwehrt, da die liebenswerte und rührend fürsorgliche Gaby über einen nur allzu menschlichen Fehler verfügt: Sie redet vom Aufstehen bis zum Schlafengehen und das ohne Punkt und Komma. Ihre neunjährige Enkelin Daniela, die während der Ferien bei ihrer Abuelita wohnt, steht ihr da in nichts nach. Es ist schwierig, adäquat auf einen Wortschwall zu reagieren, von dem ich zum einen, wegen des starken chilenischen Dialektes, nur die Hälfte verstanden habe und während ich mich zum anderen gerade darauf konzentriere, vielleicht ein paar Sachen zusammenzupacken. Nicht selten ist es vorgekommen, dass bis zu drei Leute gleichzeitig auf mich eingeredet haben, während ich eigentlich mit etwas ganz anderem beschäftigt war. Wo kann ich mal die Tür zu machen?! Die einzige Gelegenheit des Tages, ungestört zu sein, war während des Yogas. Denn eines hat Gaby verstanden: die komischen Verrenkungen, die ihre Mädchen dort im Hof machen, muß man in Stille absolvieren und streng ermahnt sie Daniela, uns nicht dabei zu stören! Die Nachbarschaft, von der Gaby bis auf Ausnahmen gar nichts hält („Diese Leute!“), denen sie aber mit furchtsamer, respektvoller Höflichkeit begegnet, kommentieren oft und gerne, was diese deutschen Gringas dort schon wieder hinter Señora Gabys Gartenzaun treiben. Peinlich genau achtet Gaby darauf, mit welchen Kindern ihre Enkelin spielt. Einige ältere Mädchen, Gangführerinnen, haben Daniela und ihre Großmutter beschimpft. Vor einigen Wochen ist ein Block weiter jemand erstochen worden.
Der Hauptumschlagsplatz für Drogen in der Quinta Bella befindet auf dem kleinen Pfad, der an der rechten Seite unseres vielleicht 30m2 messenden Hofs entlang führt. Mickrige, zittrige Gestalten warten dort auf den Kauf ihres nächsten Schußes, der häufig direkt an Ort und Stelle verabreicht wird. Zu anderen Zeiten warten Dealer mit Markenklamotten und dicken Goldketten auf Kundschaft. Am Wochenende, fahren die reichen Kids in ihren blitzeblank polierten Jeeps und Pickups vor. Gaby hat Angst. Und wir beobachten durch die Gitterstäbe des Gartenzauns staunend das Spektakel, das uns dort geboten wird. Dann erscheint der Hof mit seinem Dach aus prallgefüllten Wein und seinen prächtigen Blumen wie eine unwirkliche Insel der sicheren Behaglichkeit im Ozean der Realität. Die Szenerie ist surrealistisch. Bis heute konnte ich mich noch nicht entscheiden, auf welcher Seite des Zauns sich eigentlich die Zootiere und auf welcher sich die Zoobesucher befanden.
Ab Einbruch der Dunkelheit, wenn sich die Hitze unter der Smoggglocke legt, bis tief in die Nacht hinein wird auf der Straße gesessen, gegessen, gelacht, gespielt, geredet, geschrien, gelebt. Drei verschiedene Basslinien, die aus drei verschiedenen Häusern dröhnen, kämpfen mit der Waffe der Lautstärke um die Vorherrschaft in der Fünften Schönen. Der Geschenkrenner für die lieben Kleinen, die zugleich Quelle und Anlaß jeder Menge Gebrülls sind, war dieses Jahr ein laut ratterndes Mini-Elektroauto, das beim Fahren Melodien mit dem Charme monophoner Handyklingeltöne von sich gibt. Um ein Uhr liege ich dann endlich in meinem Bett. Gegen den Lärm, der von der Straße durch die ungedämpften Pappwände bis zu mir in meine Flurnische dringt, kommen auch Oropax nicht an. Meine Muskeln sind angespannt, alle meine Sinne aufmerksam und mein Geist hellwach. Die Geräusche sind unübersichtlich, unbekannt und ungleichmäßig. Mein Körper ist fluchtbereit; jeden Moment könnte das Mammut über die nicht vorhandene Türschwelle kommen und mich angreifen. Der Schlaf wird leicht, kurz und von wirren Träumen begleitet sein. Morgen wird sich dieser Tag voller Anspannungen wiederholen. Und übermorgen und überübermorgen und...
Weil ich nicht arm bin, habe ich die Wahl und verlasse die Fünfte Schöne, den Ort der ewigen Beklemmung. Ich bin erleichtert, dass sich meine Agressionen, für die sich kein Ventil finden ließ, und die der Zustand des Gefangenseins auf dem Präsentierteller nach nur drei Wochen in mir hervorgerufen hat, bald legen werden. Zurück lasse ich Gaby und Daniela, die wohl aufrichtigsten und liebevollsten Menschen, denen ich jemals begegnet bin. Mit meinem riesigen Rucksack, in dem sich mehr Werte befinden, als einige meiner ehemaligen Nachbarn je besitzen werden, durchschreite ich ein letztes Mal den Spießroutenlauf in meiner Straße der Quinta Bella. Sie heißt Justicia Social – „Soziale Gerechtigkeit“.




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pseudointellektuell
RE: Die Fünfte SchöneTrotz der Traurigkeit ein sehr schöner Text.
Ich hab auch gehört, dass es total schwierig sein soll in Favelas (oder "schwierigen" Gebieten) zu schlafen und die Straßenkinder- jugendlichen - menschen entwickeln ganz eigene Schlafmethodern.
Aufgrund des Schlafmangels ist auch ein Kontakt mit ihnen oft schwierig und manche sind teilweise aggressiv.
03.02.2006 18:36 Uhr
deernaufreisen.de.vu
RE: Die Fünfte SchöneVielen Dank!
Dass der Schlafmangel so ein bekanntes Problem ist, wusste ich gar nicht. Hast Du dazu noch mehr Infos, Lesetipps etc.?
04.02.2006 23:24 Uhr
Lageorhynchus
RE: Die Fünfte SchöneDer Schlafmangel dürfte noch das geringste Problem sein. Meines Wissens ist Klebstoffschnüffeln in den Favelas sehr verbreitet.
Die Schilderung der fünften Schönen klingt aber für Südamerika noch recht moderat. In Venezuela gibt es Slums, wo sich NIEMAND reintraut, der nicht da wohnt:
Seit nach einer Schlammlawine Hilfskräfte nicht mehr lebend von einer Rettungsaktion herauskamen, geht da keiner mehr rein. Egal, was passiert.
Schon tagsüber an der falschen Stelle mit dem Auto auf der stinknormalen Autobahn liegenzubleiben, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich - und wer nachts an einer roten Ampel hält, handelt fahrlässig.
Freunde von mir haben dort im Auto immer die Pumpgun griffbereit, andere haben Raubüberfälle nur mit Glück überlebt.
Ich kann jedem nur raten, in diesen Ländern nur mit äusserster Vorsicht unterwegs zu sein und auf den Rat freundlicher Locals zu hören.
18.07.2006 18:04 Uhr
Ninjita
RE: Die Fünfte Schöneund dazu kommen die anderen Extreme, die extrem Reichen Viertel, in dem jedes aus das andere an Pools und Hausangestellten übertrumpft.. diese Viertel liegen meist in hoher Lage über die gesamte Metropole schauend und das Hoheitliche Gefühl schint nicht fern
04.02.2006 11:10 Uhr
FlowerPower
RE: Die Fünfte Schöneich glaube ich bleibe lieber in den normalen vierteln in denen zwar keiner im reichtum badet man aba auch nicht um sein leben fürchtet sobald die sonne untergeht... ich habe viel armut gesehen da ich einen freund viel bei seiner arbeit begleitet habe und war oft schockiert aber auch erstaunt wie glücklich die leute trotz ihrer armut sind
12.03.2006 19:41 Uhr
RapaNui
RE: Die Fünfte SchöneOh mann, das war wirklich depressiv... konnte mich schon etwas in deine Situation reinversetzen, sehr gut umschrieben...
Wo liegt das denn genau, dieses "Quinta Bella"? Womöglich im ärmerem Süden oder Westen der Stadt?
Hoffe das sich unter der Regierung von Bachelet die Situation weiter bessert. Lagos hatte schon einen relativ guten Job gemacht, aber es fehlt noch viel, bis es auch den ärmsten gut geht. Die Hoffnung ist jedoch da, das können Leute bestätigen die vor 10 Jahren mal dort waren und dann wieder heute.
04.04.2006 14:15 Uhr
BugBanana
RE: Die Fünfte SchöneSuper Text, ich lese auch fleißigst auf deiner Homepage mit. Du schreibst sehr schön und auch noch zu einem interessanten Thema.
Welche Erkentnisse hast du aus der Reise mitgebracht? Wird sich in deinem Leben irgendetwas ändern?
Danke für den Text!
19.07.2006 19:13 Uhr
Boogieman79
RE: Die Fünfte SchöneDanke für diesen Text - für mich geht es im Dezember nach Chile - special thanks!!!!
14.05.2007 12:12 Uhr