
Friends auf Französisch
01.09.2005 17:40 Uhr
Die Serie »Friends« und steigende Mieten haben in Paris einen WG-Boom ausgelöst. Um den passenden Mitbewohner zu finden gibt es nun WG-PARTYS.
Wie viele guten Ideen ist auch diese hier ganz einfach: »Bevor 40 Kandidaten durch unser Badezimmer trampeln und danach alle brav behaupten, dass sie nie rauchen, gruppenkompatibel sind und gerne den Müll runterbringen, treffen wir uns lieber und unterhalten uns an der Theke mit den Leuten, die uns sympathisch sind.« Das sagt Delphine, 26 Jahre alt, Stylistin. Sie ist gemeinsam mit ihrem Freund Laurent hier. In den Händen halten sie Fotos ihrer 90-Quadratmeter-Wohnung im Norden von Paris. Sie stehen in der Bar »Freedom« gemeinsam mit über 150 anderen jungen Menschen und suchen nach einem Mitbewohner.
Hinter der Theke steht Fred, 36 Jahre alt, ein rundum sympathischer Nordfranzose. Nach seinem Informatikstudium in Minneapolis ist er Ende der neunziger Jahre nach Paris gekommen. Er suchte ewig nach einer Unterkunft – wenn überhaupt mal eine Wohnung frei war, war sie unfassbar teuer. Eigentlich wollte er am liebsten mit anderen zusammenwohnen wie in den USA. Aber das Konzept WG war in Frankreich noch nicht recht angekommen. Fast die Hälfte aller Pariser wohnt allein, so wie es das Klischee vom Pariser Existenzialisten will – der Rollkragenpulliträger, der nach hitzigen Diskussionen im Straßencafé einsam filterlose Zigaretten raucht. In der Realität sieht das allerdings weniger cool aus: Einsamkeit ist in der französischen Hauptstadt ein großes Thema. Und das Alleinsein ist in einer riesigen, manchmal anonymen Großstadt, die gleichzeitig offiziell als romantisch gilt, nicht gerade einfacher.
Dass es eine einfache Lösung für dieses Problem gibt, sprach sich in Frankreich erst herum, als die Fernsehserie »Friends« 1997 mit großem Erfolg anlief. Plötzlich gab es einen WG-Boom, der bis heute anhält.
Fred reagierte schnell auf den neuen Trend, organisierte Partys, bei denen Menschen sich kennen lernen konnten, und baute schließlich eine Webseite für WG-Interessierte auf. Und als die Mietpreise vor zwei Jahren noch einmal kräftig anzogen, plante Fred die erste WG-Party in einer Studentenbar. Bereits an diesem Abend fanden Dutzende ein neues Zuhause. Die Zeiten der improvisierten Treffen in Studentenkneipen sind inzwischen vorbei. Jeden ersten und dritten Donnerstag im Monat steht eine Schlange hoffnungsvoller Menschen vor dem »Freedom« – ein schicker Club mit weichen Sesseln und gedämpftem Licht in einer Seitenstraße der Champs Elysées. Die Besucher tragen Baggypants und Umhängetaschen oder Anzug und Krawatte. Am Eingang sitzen zwei Mädchen mit Dauerlächeln und kleben Wohnungsanbietern ein rotes A wie »Appartement« auf die Brust. Die Suchenden tragen einen Aufkleber mit ihrem Vornamen und dem bevorzugten Stadtteil. Zusätzlich hängt jeder Gast eine kurze Personen- und Wohnungsbeschreibung an die »Wall Of Fame« gleich neben der Bar.
Die Hierarchie ist klar: Die »A«-Träger sind die Könige des Abends – sie haben eine Wohnung. Alle anderen drängeln sich, mehr oder weniger um Anstand bemüht, um sie herum. Es geht zu wie bei einem Schlussverkauf. Mitwohnen in Paris kostet zwischen 250 und 800 Euro, je nach Viertel und Raumgröße. Anbieter und Suchende kommen zusammen, tauschen sich hastig aus und machen einen Handel – oder eben nicht. Deutliche Aussagen sparen Zeit. Cyrille, 37, aus Süd-Paris zum Beispiel, ist frisch geschieden und sucht eine »ausschließlich männliche WG«. Unter den aufgeregten Gästen finden sich Pendler aus der Provinz, Studenten und Zugezogene. Gut ein Viertel der Interessenten sind Nichtfranzosen: Amerikaner, Deutsche, Italiener. Sie haben kein Geld, keine Zeit oder keine Nerven, eine eigene Wohnung zu suchen und zu mieten.
Die Partys sind der schnellste Weg, um in Paris ein Dach überm Kopf zu finden – durchschnittlich dauert es drei Wochen. In dieser Stadt will das was heißen. Zudem spart man sich Immobilienagenturen, die Gebühren verlangen, und muss keine fünf Monatsmieten als Kaution hinterlegen.
Laura, 22, gerade zurück aus Peking und ohne festes Gehalt, findet an der »Wall Of Fame« keine Wohnung, die ihr wirklich gefällt. Also beschließt sie, sich mit den nettesten Suchern zusammenzutun und gemeinsam eine Wohnung zu finden. Eine Stunde später hat sie drei junge Männer an Land gezogen, die nun im Halbkreis um sie herum stehen und händefuchtelnd Rat halten. Alle vier fotografieren sich gegenseitig mit ihren Handys und verabreden sich für kommenden Samstag zur Wohnungssuche.
Giada, Kunststudentin aus Bologna, ist der Liebe wegen nach Paris gekommen. Mittlerweile hat sich ihr Freund von ihr getrennt, aber sie will trotzdem bleiben: »Nirgendwo lebt es sich besser mit Liebeskummer als in Paris.« Melanie ist Journalistin, trägt Männerhut und geflochtene Zöpfe. Sie hofft, Gleichgesinnte zu treffen und Zeit zu sparen. Wie die meisten, die heute hier sind, ist sie überzeugt, dass die Wohnung Nebensache ist: »Was zählt, ist der Mitbewohner.«
Wie es sich für eine anständige Pariser Abendgesellschaft gehört, ist auch ein Psychologe anwesend. »Schließlich gibt es allerlei Ängste zu überwinden, wenn man sich für eine Wohngemeinschaft entscheidet«, sagt Vincent Guilloux. Er ist Psychotherapeut, Profi in Sachen WGs und steht im »Freedom« für Fragen zur Verfügung. Die am häufigsten gestellte ist: »Wie erkenne ich, wer als Mitbewohner zu mir passt?« Vincents Tipp ist schlicht: schon auf der Party ehrlich miteinander kommunizieren. Den anderen sehen, hören, riechen. Fühlen, ob es passt. Jean-Baptiste, 21, und Christophe, 23, zum Beispiel lieben alte Filme, tragen modische Vollbärte und haben eine große Wohnung an der Place de la République. Mit denen könnte man sofort Bier trinken. Und ja, man sieht ihnen an, dass der Abwasch wochenlang liegen bleibt. Stimmt auch. Deshalb suchen sie mit charmantem Grinsen »ein Mädchen oder einen ergebenen Jungen«.
Mit WG-Erstlingen macht der Psychologe auch mal Rollenspiele: Wie sage ich meinem Mitbewohner, dass es nicht okay ist, wenn er meine Klamotten anzieht? Was muss ich akzeptieren? Wo sind meine Grenzen? Für Guilloux sind Wohngemeinschaften eine ausgezeichnete Vorbereitung für spätere Zweierbeziehungen. Damit meint er nicht, dass es klug ist, mit Mitbewohnern anzubandeln – eine extrem bescheuerte Idee, wie die Alltagsweisheit sagt. Dennoch herrscht auf den Partys eine bestimmte Erwartungshaltung. Die Augenkontakte, das gegenseitige Abchecken … es herrscht die Atmosphäre eines Singletreffs. Nicolas, 32, trägt einen Anzug und das Gesicht eines Seriendarstellers. Er ist Aktienberater und sucht eine Mitbewohnerin, die für 450 Euro seine Wohnung und »eventuell mehr« mit ihm teilen darf. Mit Hingabe wendet er sich Hélène zu, die eine Kurzfassung ihres Lebenslaufes herunterrattert und dann mit gesenkten Augenlidern seine Einladung auf ein Glas Wein annimmt.
Hinter der Bar steht ein strahlender Fred. Mehr als 200 Leute drängeln sich an diesem Abend auf seiner Party, zwei Kamerateams sind da, überall wird heftig diskutiert. Manchmal reicht eben schon ein Aufkleber, damit Menschen sich näher kommen.
Hinter Fred steht ein Mann in einem senfgelben Samtjackett, allein. Er geht auf die 60 zu und trägt ein gut gebügeltes Hemd. Auf seinem Aufkleber steht »Jacques«, und er sagt, er sei 48. Er sagt auch, dass er Schauspieler sei …»oder eigentlich Komparse«. Man möchte ihn sofort an die Hand nehmen und mit ihm einziehen, nur damit er nicht mehr zwischen den anderen Leuten stehen muss, die durch ihn hindurchsehen wie Schüler durch ihre Lehrer auf dem Pausenhof. Früher hat er mal in einer 68er-»Anti-Atomkraft«-WG gewohnt, dieses Gruppengefühl möchte er wiederfinden. »Alle behaupten, sie wollen aus finanziellen Gründen zusammenziehen. Aber in Wirklichkeit sind wir doch hier, weil wir die Nase voll haben vom Alleinsein«, sagt er. Schließlich fragt er eine schöne Frau, ob sie nicht vielleicht nach einer Wohnung suchen wollen. Sie freut sich. Wahrscheinlich hatte sie auch Sorge, einsam zu bleiben.




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sonnenkind87
RE: Friends auf Französischgibt's so was wirklich? ist ja unglaublich!
kann mir aber schon vorstellen, dass das super hilfreich ist. Vor allen Dingen für Studenten aus dem Ausland, die sich dort erstmal zurecht finden können.
Guter Text.
23.10.2005 17:45 Uhr
Annemie
RE: Friends auf FranzösischFred ist Nordfranzose? Kein Wunder dann, dass er nett ist. Nordfranzosen sind eigentlich immer nett = meine Freunde. :-))
23.10.2005 18:34 Uhr
Nilsun
RE: Friends auf FranzösischEcht ne tolle idee. Es gibt soviele Menschen die es schwer finden WG Mitbewohner zufinden.
Wäre also gar nicht so dumm das auch mal hier zu lande zu machen.
Schöner Text.
Grüße vom Nil
09.01.2006 11:00 Uhr
jk282
RE: Friends auf Französischaaaaalso in münchen gibts sowas auch - und das wird mein nächster anlauf in dieser scheiß-teuren stadt mit mehr menschen als wohnungen vielleicht doch in diesem jahr noch ein neues zimmer in einer wg zu finden. druckt mir die daumen, ich glaub schon nicht mehr dran...
oder vielleicht hat ja einer was für mich???
27.03.2006 00:42 Uhr
paaaula
RE: Friends auf Französischalso ich bin gerade eigentlich in paris und ich wuerde dort echt gerne mal hingehen.... hat jemand die genaue adresse denn ich glaube die champs elysees hat viele seitenstrassen :/
danke waer supernett
13.04.2006 13:49 Uhr