Fühlen //

Liebe

//

Single-Leben


Neon-Logo Magazin-Text [Single-Leben] Ausgabe [Juli 2006]

Sag jetzt nichts

27.07.2006 16:54 Uhr

Hunderte von Büchern geben Ratschläge, worüber wir beim ersten Flirt reden sollen. Müssen wir überhaupt reden? Ein Besuch bei einer QUIET PARTY.

von michele_roten

Erinnert ihr euch an das Gefühl, wenn ein winzigklein zusammengefaltetes, klebriges Zettelchen mit eurem Namen drauf seinen Weg durch die Bankreihen der Klasse fand, und darin stand etwas von der Freundin am anderen Ende des Raumes? Man schrieb zurück, setzte den Zettel wieder in Umlauf, er wurde unter dem Tisch weitergereicht, auf dem Boden weitergescharrt, und irgendwann kicherte die Freundin.

Auch heute schreiben wir uns noch. Mails. SMS. Was alle diese Beispiele gemeinsam haben: räumliche Entfernung und persönliche Nähe. Schrift ist ein Medium, das eingesetzt wird, um Distanzen zu überwinden. Doch wozu Briefe schreiben, wenn die Distanz nur persönlich, aber nicht räumlich ist? Überwindet sie auch da den Graben? Konkret: Wenn man ganz viele, einander unbekannte Leute in einen Raum schmeißt, ihnen verbietet, miteinander zu reden, ihnen dafür einen Stapel Papier und einen Kuli in die Hand drückt und viel Spaß wünscht – werden sie Spaß haben? Werden sie persönliche Nähe aufbauen?

»La Villa« heißt der Club in der Nähe des Arc de Triomphe in Paris. Hier werden alle zwei Wochen sogenannte »Quiet Partys« veranstaltet. Die Idee kommt natürlich aus den USA: Zwei New Yorker, der Künstler und Unternehmer Paul Rebhan und der Musiker Tony Noe waren davon genervt, dass sie jeden Samstagabend mit Schreien verbrachten: laute Musik, klingelnde Handys, Sirenen, der Stadtverkehr. Ja, wir Großstadtmenschen lechzen nach Momenten der Stille, und wenn wir dabei noch Leute? die große Liebe? Sexpartner? Kennen lernen können, würde der Stift doch nur so über das Papier jagen, oder? Darum geht es auf einer »Quiet Party«: Dating für gelangweilte Großstadt-Single.

Datingpartys brauchen immer ein möglichst neues Motto. Das ist seit jeher so, denn mit einem spannenden Motto lässt sich die simple Tatsache kaschieren, warum man hingeht: weil man auf herkömmlichem Wege niemanden kennen lernt. Also heißt das Deckmäntelchen mal »Speeddating«, mal »SMS-Partys«, und hier heißt es eben »Quiet Party«. Aber warum ist es denn so peinlich, auf Datingpartys zu gehen? Leute kennen zu lernen ist ja wirklich nicht so einfach. Und nur die allerwenigsten werden auf offener Straße angesprochen und gefragt: Willst du mit mir gehen? Was, wenn die Bekannten der Bekannten durchforstet sind und man feststellen muss, dass nix dabei ist? Und außerdem: Ist nicht jede normale Party schlussendlich so etwas wie eine Datingparty? Die meisten bleiben zu Hause, sobald sie eine Beziehung haben – das zumindest spricht dafür. Der Unterschied bei Datingpartys ist eigentlich ja nur, dass man nicht damit rechnen muss, eine Frau könnte einem plötzlich ihren Drink ins Gesicht schütten, weil man ihren Freund angegraben hat. Am Eingang des »La Villa« zahlt man 10 Euro Eintritt (ein Getränk ist inbegriffen), bekommt ein Namensschild angeklebt, Papier und Stift, kennst du das Prinzip? – Ja, halt einfach nicht reden, sondern schreiben, oder? – Genau, von sieben bis neun, ab neun le DJ fait exploser les watts, der Dance Floor ist eröffnet. Bis 23 Uhr. Viel Spaß!

Das Licht im großen Saal ist gedimmt, die kleinen Tische sind schon gut besetzt. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa 35, ohne die beiden aufgebrezelten Frauen in der Ecke wär’s wesentlich niedriger. Menschen in After-Work-Outfits sitzen ein bisschen ratlos herum, in kleinen Gruppen wird leise getuschelt, ein Wächter kommt, legt den Finger an die Lippen und macht Schschsch. SCHSCHSCH! Echot es über die Tische. Kichern.

Ein Kamerateam verteilt Zettel, auf denen steht: »Dürfen wir dich filmen?« Sie verfolgen einen jungen Mann, der im Scheinwerferlicht sitzt und etwas irritiert umherschaut. Ich setze mich an den letzten freien Tisch, der Mann am Nebentisch lächelt mir zu. Er greift zum Stift, ich denke: Oje. Eine der beiden älteren Frauen trägt einen Zettel quer durch den Raum zu einem jungen Mann, stöckelt grinsend zur Freundin zurück. Mein Tischnachbar legt ein Papier vor mich hin. Los geht’s. Flirten auf Schriftlich.

Bonsoir, wie geht’s? Gut und dir? Auch gut, bist du das erste Mal hier? Woher kommst du? Berlin. Aha o.k., ich rede also mit einer Deutschen? Dein Französisch ist perfekt! Früher konnte ich mal zwei Wörter Deutsch aneinanderreihen!! Reden tun wir ja eh nicht … und ich bin Schweizerin, wohne aber in Berlin. Bist du von hier? Und was sind die beiden Wörter? Ja, aus Colombe. Also Deutsche/Schweizerin was für eine Mischung! Fantastique! (Guten Tag.) + (lieb … ). Bist du hier für weivkx, vlxcie? Meine Güte, hat der eine Sauklaue. Und eine Rechtschreibung! Die Fehler seh sogar ich, und mein Französisch ist mehr als angestaubt. Was heißt weivkx, vlxcie? In Frankreich, bist du hier in den Ferien?? Nein. Arbeit. Sprichst du Englisch? O.k., Englisch, ein bisschen. Aber dein Französisch war gut!! Was magst du an den Quiet Partys? Warum bist du hier? Ich mag die Stille (about calme). Was machst du so im Leben? Studentin, Journalistin. Und du? Journalistin, c’est good! Ich studiere Wirtschaft. Bist du das erste Mal in Paris? Nein, das zweite Mal. Schreibt man das so? Si senora!!

Eine Hand legt einen Zettel vor mich hin, sie gehört einem jungen Mann in Lederjacke.

Hallo, du wirkst nachdenklich? Ich bin Fabien und mein Kuli klemmt ein bisschen. Aber das kommt. (Hoffe ich.) Woher bist du? Hallo Fabien! Ich heiße Michèle und wohne in Berlin. Bist du das erste Mal hier? Soll ich dein Französischlehrer sein? Bist du Deutsche? Bist du für die Schule hier in Frankreich? Oder Arbeit? Du machst nicht viele orthografische Fehler. Ich war schon ein paar Mal hier. Ich mag die Idee. Ich bin Schweizerin. Ja, sei mein Französischlehrer! Pack den Rotstift aus! Ich bin arbeitshalber hier … was machst du beruflich?

Inzwischen geht’s auch weiter mit meinem Tischnachbarn:

How long time to stay?? Bis morgen. Morgen reist du ab??? Tomorrow you live?? Ja, schade, denn ich mag Paris.

Die Geräuschkulisse einer Bibliothek: Papierrascheln, Kulikratzen, Räuspern. Aber schummriges Licht, Drinks, Rauch. Ei hoch. Ich nicke. Ein paar Sekunden später gibt er mir ein Papier: n Mann mit Halbglatze steht vor mir, lächelt, zeigt auf den Platz neben mir und zieht die Augenbrauen

Bonsoir! Bonsoir! Steckst schon tief in der wejkfi, wie ich sehe … Was heißt wejkfi? Arbeit. Meine Schrift ist schrecklich. Dafür ist mein Französisch nicht so gut. Warum nicht so gut? Ich sehe keinen einzigen Fehler! Uuuh …Merci! Was arbeitest du?Ich rede! Viel, bhfh am Telefon … jweisfjk du es?Was heißt bhfh? Oft. Und jweifjk? Erraten. Ach so. Ähm … Telefonist? Kaufmann. Und du?Ich studiere und schreibe. Weißt du, was es für Wetter ist?Du meinst wie spät?

Ein kleines Zettelchen wird vor mich hingelegt, als ich aufschaue, sehe ich den Absender nur noch von hinten: schwarze Anzughosen, weißes Hemd. Von denen gibt’s verdammt viele hier. Er schreibt: Es-tu ludique? Ludique? Ich frage die Halbglatze.

Äh, ja. Da fragt mich einer, ob ich ludique bin. Was heißt denn das? Verspielt. Nein, ich weiß nicht, wie spät es ist. Bist du verspielt? Ich wär wohl nicht hier, wenn nein.

Auch mein Tischnachbar bleibt wacker am Ball:

Ich dachte, Berlin ist interessanter in dieser weodslfck Domäne!! Was? weodslfck? Domäne? Versteh ich jetzt nicht. O.k. Mais I think Berlin (move) night no???Was? O.K. Sprichst du ein bisschen Französisch oder nicht?? Ich kann es nicht lesen!!! O.k. Mein Englisch ist nicht sehr gut, Great Problem No??? Überhaupt kein Problem!!! Berlin la nuit c’est animée?? (Fiesta)OUI!!!

Diese Frage- und Ausrufezeichenwut wird mir irgendwie unheimlich. Ich wende mich einem anderen Zettel zu, der schmeichelhaft beginnt:

Hallo, ich bin Claude und frage mich, was eine Frau wie du hier macht. Wie meinst du denn das jetzt? Das hast du doch nicht nötig, oder? Wow … ist das dieser französische Charme, von dem so oft gesprochen wird? Vielleicht, aber ich meine das völlig ernst. Seltsam, das hier. Vor allem ist’s ganz schön stressig! Mir tun die Finger weh. Bist du das erste Mal hier? Ja, und ich weiß nicht, ob ich noch mal komme. Immerhin hast du mir geantwortet. Sag mal: Wirst du von denen bezahlt? No offense. Von denen, die die Party organisieren, meinst du? Nein! Du? Ich? Nein! Ich will Leute kennen lernen. Hast du Freunde hier? You are lovely!!!

Auch Fabien hat geantwortet:

Ich arbeite als CUSTOM OFFICER. Hast du an diesen Abenden Leute kennen gelernt? Ja, ich hab zwei Mädels kennen gelernt, wir sehen uns ab und zu. Wir sind aber nur Freunde ...

Und der Tischnachbar lässt nicht locker.

O.k. Michèle. Was sind deine Hobbys? Ich hab keine Hobbys. Du? Sport. (I like sport usually.) I’m a referee!! Magst du Sport??Wo Schiedsrichter? Fußball? Arbitre. Welcher Sport?Fußball.

Inzwischen liegen etwa fünf angefangene »Gespräche« vor mir, ich bin im Stress. Welches ist von wem? In normalen Mund-zu-Mund-Situationen unterhält man sich meistens nur mit einer Person, zumindest, wenn man diese erst kennen lernt. Andererseits ist dieser Austausch in der Regel auch gehaltvoller als die Kritzeleien der Quiet Party. Oder ist es die gnädige Flüchtigkeit des Gesprächs, die uns glauben lässt, dass wir Schlaueres quatschen beim Flirten? Sowieso: Flirten. Zum Flirten gehört doch auch Gucken – hier werden kaum Blicke getauscht. Man liest oder man schreibt.

Plötzlich geht die Musik an. Verschreckt schauen alle hoch. C’est finit la silence? Die Menschen im Raum wirken peinlich berührt, Zigaretten werden angezündet, man sieht sich um, schaut sich die Brieffreunde verstohlen etwas genauer an, ganz so, als ob die neue Geräuschkulisse ein Dämmerlicht wäre, in dem man geschützter, unauffälliger gucken kann als vorhin in der Stille. Die Cliquen finden wieder zusammen. Einige, die allein gekommen sind, setzen sich zu den Schreibpartnern, andere bleiben alleine. Der charmante Claude, der sich zu mir gesetzt hat, lächelt mich an: Wo macht man jetzt weiter mit dem Gespräch? Er sagt: »Eine seltsame Party. Aber wenn man viel arbeitet, ist es schwierig, Leute kennen zu lernen.« Er hat eine sehr hohe Stimme. Ich zucke zusammen und sage, »ja, da hast du Recht.« Der DJ legt Fetenhits auf, Dragostea Din Tei, Barry White, Sean Paul, ein paar Leute tanzen ausgelassen, singen mit, es ist gerade mal halb zehn und sehr hell für eine Party.

Kehren wir zurück zur Frage, ob Schrift auch persönliche Distanz zu überwinden vermag. Die Antwort ist jein: zunächst ja, längerfristig nein. Die Hemmschwelle, jemandem einen Zettel mit der Botschaft »Hallo, wie geht’s« in die Hand zu drücken, ist viel geringer als die, hinzugehen und zu sagen: »Hallo, wie geht’s.« Der Austausch danach aber läuft mündlich doch wesentlich geschmeidiger als in Schriftform.

Und will ich wirklich jemanden kennen lernen, von dem ich als Erstes weiß, dass er eine grandiose Rechtschreibschwäche hat? Raus in das wunderbare, geheimnisvolle Getöse der nächtlichen Großstadt.

von michele_roten


Anzeige

Kommentare

Wenn du angemeldet bist, kannst du hier einen Beitrag zu diesem Text schreiben

Eintrag schreiben »



Artikel


Sehen


Fühlen


Wissen


Freie Zeit


NEON täglich


Webticker

Reise


Lieblingsorte