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Neon-Logo Magazin-Text [Liebe] [Internet] Ausgabe [November 2009]

Digitale Eifersucht

22.12.2009 14:38 Uhr

Was will die blonde Nutte eigentlich auf deiner Freundesliste? Facebook, StudiVZ und MySpace sind Quellen des MISSTRAUENS. Und verwandeln ganz normale User in Überwachungsfanatiker.

von NEON

Auf MySpace kann man Fangruppen gründen, Freunde treffen, Videos posten, - und seine große Liebe zerstören. Elaine hat das sicher nicht absichtlich getan, es ist ihr einfach so passiert. Und manch mal wünscht sie sich, sie hätte sich an die Regeln gehalten, nicht das destruktive, sondern das kommunikative Potenzial des Quellcodes genutzt. Natürlich hat Elaine, 21 Jahre alt, Medienwissenschaftsstudentin, hin und wieder ein Urlaubsbild gespostet oder eine Freundesanfrage verschickt. Lange Zeit war das aber nur die Tarnung für eine ganz andere Aktivität. »Jedes Mal, wenn ich mich eingeloggt habe, bin ich auf das Profil von Lukas, meinem damaligen Freund, gegangen und habe geschaut, wer ihm alles geschrieben hat«, sagt Elaine. »Wenn ich irgend ein Mädchen gesehen habe, das neu in der Freundesliste war, bin ich total durchgedreht. Letztlich ist die Beziehung auch an meiner Eifersucht gescheitert.«

Als Risiken und Nebenwirkungen des Webs wurden bisher identifiziert: Profilneurosen, Exhibitionismus und Voyeurismus, Gewaltvideos, die Raubkopiererei und die Bombenbaupläne von Al Kaida. Es gibt aber eine viel größere Gefahr: amourösen Argwohn. Viel schneller als Computerviren breitet sich die Eifersucht in den sozialen Netzwerken aus. Face book, StudiVZ und MySpace verbinden Menschen - und entzweien Paare: Wer sind eigentlich diese Röhrenhosenfans, welche die Frau, die man über alles liebt, mit verblüffender Regelmäßigkeit in ihre StudiVZ-Freundesliste aufnimmt, sobald sie einmal alleine ausgegangen ist? Was soll der Kommentar»Machen wir das jetzt öfter?«, den der eigene Lebenspartner auf die Facebook-Pinnwand einer völlig unbekannten Ponyträgerin geschrieben hat? Was um alles in der Welt ist »das«? Hat der was mit ihr?

In England und den USA gibt es schon die ersten »Facebook-Scheidungen« - die Ehepartner hatten im Profil ihres jeweiligen Gefährten belastendes Seitensprungmaterial gefunden. Und die kanadische Psychologin Amy Muise, die für ihre Doktorarbeit mehr als dreihundert Web-2.0-User befragt hat, glaubt: »Facebook vergrößert die Eifersucht von Paaren. Sogar Menschen, die sich als nicht eifersüchtig bezeichneten, werden es, wenn sie erst einmal ein Web-2.0-Profil haben.«

Laut einer Ipsos-Umfrage aus dem Jahr 2006 halten fast achtzig Prozent aller Deutschen Eifersucht für legitim. Dreizehn Prozent machen Dinge, für die sie sich später schämen, und lesen zum Beispiel heimlich die SMS des Partners. Natürlich ist Eifersucht eine anthropologische Grundkonstante, die schon lange vor Erfindung des Internets existierte. Schon immer haben Menschen nach versteckten Liebesbriefen und verräterischen Lippenstiftspuren auf Hemdkrägen gesucht (und anschließend höf liche Duelleinladungen verfasst). Nur: Um heimlich im Tagebuch der Gattin lesen zu können, muss man erst das Schloss der Schreibtischschublade aufbrechen. Facebook aber ist ein offenes Tage- bzw. Nächtebuch. Schon auf der eigenen Startseite werden alle Freundschaftsanträge, Kommentare und Statusmeldungen des Partners aufgelistet, eine digitale Akte, deren Detailliertheit vermutlich sogar die Stasi begeistert hätte. Man muss schon sehr großes Vertrauen in den Partner haben (oder sehr gleich gültig sein), um angesichts dieser Informationsfülle niemals misstrauisch zu werden und weiter zu klicken.

Wenn eine Beziehung zu Ende ist, beginnt die Eifersucht erst richtig. Jeder wird schon mal die Exbeziehungen und Exaffären gegoogelt und die betreffenden Facebook-Profile analysiert haben. Ist er wieder »in einer Beziehung mit ?«? Wie sieht die neue Freundin im Urlaub auf Ibiza aus? Die digital-nostalgische Tour kann unterhaltsam sein - oder quälend.

Als die Beziehung von Christian Stein in die Brüche ging, sah er seine ehemalige Freundin im analogen Leben überhaupt nicht mehr, in den digitalen Welten dafür umso öfter. »Alles, was ich überhaupt noch von ihr wusste, wusste ich über das Internet.« Früher, als das Internet noch ein geheimes Militärinstrument war, trennte man sich, ging sich, so gut es ging, aus dem Weg, und nach einem halben Jahr war es Zeit für das erste Treffen. In einem neutralen Café erzählte man sich, was man im letzten Jahr erlebt hatte, berichtete vielleicht davon, dass man jetzt wieder jemand habe. Das mag schmerzhaft gewesen sein - war aber ein einmaliges Ereignis und ging vorbei.

Im Internet finden diese Postbeziehungstreffen jeden Tag und jede Stundestatt. Für Christian wurde es zur Alltagsroutine, die Profilseite der Ex zu besuchen, Partyfotos auszuwerten oder mögliche Liebhaber zu identifizieren. Jeder fremde Mann, der auf der Seite seiner ehemaligen Freundin schrieb, wurde von ihm als neuer Freund interpretiert. Jeder Profilbesuch war so niederschmetternd, als hätte er seine Ex knutschend in einem Club gesehen. Dabei hatte er nur den Kommentar gelesen: »Wollen wir morgen wieder an den See, war schön.« Auch Elaine litt vor allem unter der Uneindeutigkeit der Nachrichten: »Es reichte schon, dass Lukas einer Freundin "Danke" an die Pinnwand schrieb. Sofort habe ich mich gefragt: "Wofür bedankt der sich eigentlich?"

Die Facebook-Psychologin Amy Muise hält die Ambivalenz der Kommentar- und Meldungsschnipsel für einen Eifersuchtsgenerator: »Gerade weil die Nachrichten im Web 2.0 so kurz und ohne erklärenden Kontext sind, kann ein ganz unschuldiger Satz zweideutig wirken. Das führt dann dazu, dass man nachforscht und noch mehr zweideutige Informationen bekommt. Die Eifersucht und das daraus resultierende Interesse an Information werden zu einem sich selbst verstärkenden Prozess.« Mit nur einem Mausklick wird aus dem Kommunikations- und Selbstdarstellungsmedium Facebook ein Spionagetool. Um Persönlichkeitsanalysen von vermeintlichen oder tatsächlichen Nebenbuhlern zu erstellen, muss man keinen Detektiv beauftragen, sondern kann sich einfach durch das Profil des amourösen Konkurrenten klicken. Ein Informationsoverkill. Vielleicht erfährt man ja, dass die Zielperson dreckige Witze mag, was gefährlich ist, weil darauf auch der eigene Boyfriend steht. Und warum ist die blöde Nutte eigentlich Mitglied in unzähligen Filmfanclubs? Geht sie etwa gerne ins Kino? Etwa auch mit IHM? Womöglich sollte man keine Zeit damit verschwenden, sich vor den Spionageversuchen von Google oder Wolfgang Schäuble zu fürchten. Vielleicht ist schon längst der eigene Freund zum Hobbyprofiler mutiert, der nicht mit altmodischen Detektivutensilien wie Wanzen oder Fernrohr arbeitet, sondern mitdem Internet und dem Web 2.0 modernste Technologie nutzt.

Irgendwann reichten Elaine die Informationen, die sie auf legalem Weg über ihren Freund bekommen konnte, nicht mehr aus. Heimlich beobachtete sie ihn, als er sein Passwort eintippte, und merkte sich die Buchstabenkombination. Von nun an konnte sie sogar auf seine persönlichen Nachrichten zugreifen. »Das habe ich aber nur gemacht, wenn ich wirklich einen starken Verdacht hatte.« Als Elaines Freund herausbekam, dass sie ihm hinterherschnüffelte, forderte er eine Beziehungspause und eine Internetsperre. Das funktionierte ein paar Wochen, dann wurde Elaine rückfällig. »Ich hatte sogar noch mein altes SchülerVZ-Konto, nur weil Lukas das auch hatte. Ich habe es einfach nicht geschafft, mich da abzumelden, weil ich ihn dann nicht mehr hätte kontrollieren können.«

Elaine hat aus dem Scheitern ihrer Beziehung gelernt. Ihren neuen Freund überwacht sie gar nicht mehr - allerdings macht er es ihr auch leicht: »Der ist eh so gut wie nie bei StudiVZ.« Auch Christian Stein hat irgendwann eine mentale Sperre aufgebaut, die ihn daran hinderte, das Profil seiner Exfreundin zu betrachten. Seine neue Liebe ist nicht aktiv im Web 2.0. Und Christian sagt, dass er sehr froh darüber sei.

Die Psychologin Amy Muise hält die virtuelle Abstinenz für die effektivste Form der Eifersuchtsbekämpfung: »Die meisten Paare sind dafür aber nicht bereit. In diesem Fall ist es wenigstens hilfreich, offen darüber zu sprechen, was man auf Facebook liest undschreibt.« So verhindere man zumindest die schlimmsten Missverständnisse. Sophie Gibblin, 20, Modestudentin aus Reading in England, kann sich noch genau an die se Mischung aus Wut und Verzweiflung erinnern, als sie sich durch die Trophäensammlung ihres Exfreundes Paul klickte. Irgendwann dachte sie: »Was du kannst, kann ich schon lange.« Sophie flog von London nach Berlin, die Stadt der billigen Partys und einsamen Menschen mit Sneakers und HJ-Frisur. Bei jeder Eroberung, jedem Kuss und jeder Umarmung ließ sie sich von ihren Freundinnen fotografieren. Paul, daheim in England, beobachtete Sophie bei ihrer Loslösung. Seine Eifersucht war unermesslich. Er antwortete mit noch mehr Knutschbildern, worauf wieder Sophie reagieren musste.

So hätte das noch ziemlich lange weitergehen können. Aber plötzlich stellten Sophie und Paul fest: Wenn es sie beide so verletzte, den anderen feiern und lachen zu sehen, dann war die Trennung nicht richtig. Der Schmerz, den die digitalen Partydokumentationen erzeugt hatten, reichte aus, damit sich beide trafen, küssten, entschuldigten und wieder ein Paar wurden. Sophie sagt: »Als ich die Bilder auf Face book gesehen habe wusste ich: Niemand soll ihn haben können, nur ich.«

von NEON


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Kommentare

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Rayon

RE: Digitale Eifersucht

Yo, mir wird schon ganz schwummrig in diesem Teufelskreis aus Eifersucht und digitaler Onanie.

Wird dieser Artikel mir helfen können?

17.10.2009 13:03 Uhr

MisterGambit

RE: Digitale Eifersucht

wieso fasst er ihr auf dem foto an den bauch?

17.10.2009 13:10 Uhr

Renance

RE: Digitale Eifersucht

Hahahah MIster Gambit scheint die Quintessenz erfasst zu haben :)

In der Tat ein Teufelskreis, wahrscheinlich ein Symptom der Unsicherheit oder einfach des Verliebtseins...

19.10.2009 13:33 Uhr

kleinestuktuk

RE: Digitale Eifersucht

hm leider trifft man das ja nunmal oft an....aber noch schlimmer finde ich es, alles so digitalisiert zu sehen...sprich, selbst die stimmung in diversen communities zu veröffentlichen...we n interessiert es denn bitte ob ich nun müde bin weil mein wecker fünf minuten früher klingelte, oder ob ich hellwach und aufgedreht bin ???

20.10.2009 21:06 Uhr

frl_smilla

RE: Digitale Eifersucht

Eifersucht ist immer ein brutaler Bullshit. Ist doch bums, ob offline oder online.

20.10.2009 21:11 Uhr

sailor

RE: Digitale Eifersucht

Ich schließe mich meiner Vorschreiberin an...

21.10.2009 13:51 Uhr

maderchen

RE: Digitale Eifersucht

dieser artikel hat eins zu eins wiedergegeben, was ich seit langer zeit gedacht habe...die gemeinheit dabei ist allerdings, dass er es nicht beenden wird

21.10.2009 16:24 Uhr

lukasg

RE: Digitale Eifersucht

Danke NEON, ich habe mich jetzt erstmal im SchülerVZ abgemeldet. Im Prinzip macht es doch eh keinen Sinn.
Manchmal hab ich mir sogar schon genau das gleiche gedacht, dieser Artikel hat mir allerdings den Anstoß gegeben...

21.10.2009 21:56 Uhr

maihoernchen

RE: Digitale Eifersucht

Ohjee....auch ich fühle mich ertappt.
Aber da mein Freund in Südamerika wohnt, bleibt mir leider gar keine andere Möglichkeit um ein bisschen mehr über sein Leben zu erfahren!!!
Ok Das klingt auch ziemlich deprimiert.

23.10.2009 11:09 Uhr

runner_ch

RE: Digitale Eifersucht

Ich bevorzuge, das Handy meiner Partnerin in einem Moment der Unachtsamkeit zu entwenden und auf verdächtige SMS' zu überprüfen...

25.10.2009 10:41 Uhr

MelodieScandaleuse

RE: Digitale Eifersucht

Ich hab selten sowas dummes gelesen.

27.10.2009 17:23 Uhr

lamb74

RE: Digitale Eifersucht

meine neue freundin und ich haben einfach vereinbart uns nicht zu "adden" - ruhe im karton!

02.11.2009 14:34 Uhr



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