Liebe
Estelle
27.06.2008 14:00 Uhr
Eine Liebeserklärung.
I.
Estelle und ich verbrachten einen Gutteil unsere Jugend miteinander. Schon als wir noch in der Schule waren, schliefen wir schon miteinander. Sie bemerkte mich zuerst. Bemerkte mich ungefähr ein Jahr bevor ich überhaupt von ihrer Existenz erfuhr, obwohl wir im selben Stadtteil wohnten und unsere Elternhäuser keine zwanzig Minuten Fußweg voneinander entfernt liegen. Ich denke oft, wir haben uns zu früh getroffen, denn eines ist sicher: sie und ich, wir sind so unterschiedlich und gleichzeitig so von dieser Unterschiedlichkeit fasziniert, dass wir uns immer gefunden hätten, egal wann und wo.
II.
Nur der plötzliche Anfang und das lange Ende eines großen Glückes, wie es eine Liebe wie diese immer ist, eine Liebe, die einem in unserer Zeit beinahe schon unwahrscheinlich, wenn nicht gar lächerlich vorkommt, lohnen es, erzählt zu werden. Das Tagein – Tagaus des gemeinsamen Lebens, des Teilens, des langsam mehr und mehr Zusammenwachsens, wäre wohl nicht nur öde und leer – wer liest schon gern über das schrecklich ermüdende und für den, der nicht an ihm teilhat, grausam sinnentleerte Glück, dass sich zwischen zwei Menschen entspannt, die zusammengefunden haben? – sondern auch kaum zu beschreiben. Aller Alltag entzieht sich der Kunst. Zumindest der des Beschreibens. Doch selbst in den Bildern Edward Hoppers, des vielleicht größten Magiers des Zeigens des Alltäglichen, in diesen Tankstellen an irgendwelchen gottverlassenen Highways, diesen Straßeneckencafes bei Nacht, diesen halbleeren Zugabteilen, den Hotellobbys, leeren Räumen, sommerlichen Veranden, ohne Menschen oder mit welchen, die sich in den Räumen der Bilder selbst dann verlieren und Einsamkeit atmen, wenn sie eng beieinander stehen und sich zu unterhalten scheinen, meint man immer ein Geschehen, ein vorangegangenes oder bevorstehendes, erahnen zu können, eines, auf das der gezeigte Raum und das in ihm vorhandene Personal wartet oder wegen dem es gerade dort so und nicht anders ist. Natürlich kann das bei einem Bild nur Vermutung sein. Ein geschickter Kunstgriff des Malers ist es wohl auch. Jedes seiner Bilder, all diese so kunstvoll mit dem Pinsel erschaffene Alltäglichkeit, die man auf den ersten Blick zu sehen meint, beginnt sich tiefer und tiefer in eine Geschichte, eine Erzählung zu verstricken, desto länger man sie betrachtet. Vielleicht ertragen wir es nicht, den Alltag gezeigt zu bekommen und füllen deshalb die leeren Räume, die es um jedes gegenständliche Bild, gemalt oder photographiert, immer gibt, füllen wir dieses davor und danach mit einer Erzählung, die für jeden von uns eine andere ist. Die Erzählung, die aus dem Bild hervor kriecht, ohne dass dieses es eigentlich zeigen würde, ist unsere Erzählung, ist Teil unseres Lebens, unserer Erfahrungen, die wir, unabsichtlich, in diese Szenen des alltäglichen hineintragen.
III.
Ob Estelle wohl weiß, wo ihre Geschichte beginnt? Ich vermöchte es nicht zu sagen und werde es wohl auch nie können. Ob alles in der Stadt am großen Fluss, in der wir aufwuchsen, seinen Anfang nahm oder weit im Süden, am Meer, zwischen Menschen mit anderer Sprache, im Land, aus dem ihre Eltern einstmals kamen, um das Glück zu finden. Ob sie es wohl gefunden haben? Wenn man Estelle an einer Straßenecke lehnen und warten oder in einem Cafe, einer Freundin mit leuchtenden Augen und flinkem Mund von diesem und jenem erzählend, sitzen sieht sollte man meinen und hoffen, dass sie sehen, welch ein Glück sie haben. Ich selbst bin mir nicht einmal sicher, wo meine Geschichte beginnt. Am Platz meiner Geburt, an den Orten meiner Kindheit, früher, später, oder in dem Moment, an dem ich Estelle zum ersten mal wirklich ansah. Zumindest begann damals ein neues Leben für mich, ohne dass ich es bemerkt hätte.
IV.
Beginne ich am Anfang oder am Ende oder mit dem Moment, an dem der Alltag unerträglich zu werden begann? Nein. Man muss mit dem Ende oder dem Anfang beginnen. Der Moment des Umschlagens von Glück zu Unglück kann man nie bestimmen. Plötzlich ist es so. Plötzlich hat man Angst vor der Vertrautheit, vor dem alles voneinander Wissen, vor dem Zusammengewachsensein. Es hatte sich lautlos und unbemerkt von hinten an uns herangeschlichen und war ganz einfach da. Keiner von uns hätte sagen können wie oder warum es so gekommen ist und nie sehnten wir uns vielleicht mehr nacheinander oder liebten uns tiefer, als gerade in jener Zeit.
V.
Du sollst dir kein Bild von mir machen, sagte schon der Gott, der aus der Wüste kam. Für uns Menschen, unser Miteinander, unsere Verstrickungen, Liebschaften, für unseren Umgang miteinander trifft das erst recht zu. Man soll sich kein Bild machen von seinem Gegenüber. Oder: man sollte nicht, aber so sind wir nicht geschaffen und scheitern daran. Man macht sich immer ein Bild. Ein geschöntes oder verzerrtes, nur nie eines, dass der Wirklichkeit entspricht. Und um so besser wir jemanden kennen, um so deutlicher, statischer, verschiedener von der Person wird das Bild, dass wir uns machen, bis wir in unserem Gegenüber, kennen wir ihn nur erst gut genug, nur noch sehen, was wir sehen möchten oder was wir nie sehen wollten. Bei Estelle und mir war es zumindest so. Ich sah in ihr mehr, als sie war und überhaupt sein wollte. Sie in mir etwas, was ich nie sein konnte oder wollte. Eines Tages oder Nachts erschütterte die Wirklichkeit unsere Bilder voneinander. Erst zeigten sich Risse, feine, kleine, kaum erkennbare Haarrisse, dann wurden sie größer und mit jedem Beben bröckelten, barsten, zerbrachen unsere Bilder voneinander mehr und mehr. Zuletzt ertrugen wir kaum mehr, was wir sahen, denn es war nicht das, was wir sehen wollten, was wir zu sehen uns angewöhnt hatten. Das Ganze dauerte sicherlich ein Jahr, wenn nicht länger. Dann war es aus, musste es aus sein und doch: das neue Bild, das wir voneinander entwarfen, dieses mal ein wirklicheres, eines, dass die verflossene Zeit, unsere Entwicklung in diesen Jahren unserer Jugend akzeptierte, faszinierte uns immer noch. Fasziniert uns bis heute. Estelle würde das mir und sich gegenüber nie zugeben. Es würde ihr zu viel Angst machen.
VI.
Irgendwann waren wir derart miteinander verwachsen und ineinander verstrickt, dass wir uns vor dem Uns zu fürchten begannen. Wegen dieser Angst entfernten wir uns wieder voneinander, entfernten uns, bis wir in furchtbar kalter Entfernung voneinander erwachten und durch die Kälte und Leere des Alls, das zwischen uns gewachsen war, mit Augen und Armen, dem ganzen Körper versuchten hinüber zu gelangen, zurückzukehren zu dem, was einmal war, nur um uns durch diese verzweifelten Versuche noch weiter voneinander zu entfernen, bis wir uns, gegenüberstehend, miteinander redend, dem Anderen in die Augen schauend, kaum noch erkannten.
VII.
Ich verliebte mich in Estelle an einem Mittwochnachmittag. Ein Mittwochnachmittag im späten Frühling. Es war ein warmer Tag und ich muss gerade mein Abitur gemacht oder kurz davor gestanden haben. Die Schule hat mir nie genug bedeutet, als dass ich mir dies genauer gemerkt hätte.
Ich weiß nicht, ob ich ihr je von diesem Mittwochnachmittag erzählte, ob ich ihr sagte, wie ich, leicht berauscht – wir hatten einen Sekt geleert, wenn ich mich nicht irre – mit einigen Freunden von einer Schultheaterprobe in irgendeinem Auto zum nahen S-Bahnhof fuhr, um einen Happen zu essen, wie sie mit einer Freundin von der Bahn herkam, aus der Stadt oder wer weiß woher, mit einer viel zu großen schwarzen Sonnenbrille auf der Nase, schimmernder Milchschokaldenhaut, diese braunen, verwuschelten Haare, ihr kleiner Mund mit dem kühnen, rosigen Lippenwurf, ein knappes Häkelhemdchen über ihrem dünnen Körper, ein freundliches Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie mich sieht. Ich sah sie auch. Sah sie zum ersten mal als Frau, als möglichen Geschlechtspartner, als ein Wesen, welches ich lieben könnte. Und: da war es auch schon um mich geschehen. Am liebsten hätte ich sie an Ort und Stelle, einfach so, ohne Vorwarnung auf den Mund geküsst. Ich frage mich bis heute, wie das nun eigentlich vor sich ging.
VIII.
Ich war Estelles erster richtiger Liebhaber. Allerdings nicht der Erste, der mit ihr schlief. Darüber bin ich aber auch ganz froh. Die sexuelle Interaktion mit völlig unerfahrenen Mädchen ist auch so schon schwierig genug. Als wir es zum ersten Mal versuchten, versagte ich. Aus Angst ihr wehzutun, aus Angst, nicht zärtlich genug zu sein, aus Angst, sie könnte es bereuen – immerhin waren wir noch nicht sehr lang „zusammen“. Schrecklich, wie Teenager sich ausdrücken.
IX.
Als ich mich an jenem Mittwochnachmittag in Estelle verliebte, kannten wir uns schon eine ganze Weile. Sie war für längere Zeit mit einem Bekannten von mir liiert gewesen. Vielleicht hielt mich das davon ab, dieses wunderbare und hübsche Mädchen in ihr zu sehen. Vielleicht war sie aber auch noch nicht reif, war es noch zu früh für uns. Bis ich sie an diesem Tag, der so vieles verändern sollte, am Bahnhof traf, kam sie mir immer sehr mädchenhaft, sehr schüchtern, sehr zurückhaltend, unerfahren und, auf eine allerdings durchaus sympathische Art, naiv vor. Die Frau, die einmal aus ihr werden könnte, eine Frau, auf deren intime Bekanntschaft ich, wie mir schlagartig klar wurde, nicht verzichten konnte, sah ich erst an jenem Nachmittag unter ihrem lieben Lächeln hervorzwinkern. Aus diesem Mittwochnachmittag wurde eine lange gemeinsame Zeit.
X.
Wann Estelle entschloss, sich auf mich einzulassen, wann sie sich eingestand, mich zu lieben, wird für mich wohl immer ein Geheimnis bleiben. Zumindest musste ich mich erst sehr um sie bemühen, mich mehr bemühen, als je um ein anderes Mädchen, mit dem ich etwas hatte, aber ich kann äußerst hartnäckig sein, wenn ich etwas wirklich will. Und eines wusste und weiß ich sicher: ich wollte sie. Wollte sie sogar nur noch mehr, weil sie es mir nicht einfach machte. An einem Abend dann: Trinken, Tanzen, Lachen, Reden, all das eingebettet in wirbelnde Lichter, hunderte Stimmen, wummernde Bässe, schwitzende Körper. Der Rausch dieser Nacht endete in langen, ewigen, innigen, heißen, traurigen, schönen, verlorenen, süßen, saftigen, verzweifelten, andauernden, flirrenden, unbeschreiblichen, französischen, lieblichen, lustigen, neckenden, niedlichen, unbedarften, tastenden, fordernden, unvergesslichen Küssen. Auf dem Weg nach Haus, zurück in den Vorort, aus dem wir in die Tiefen der Nacht im Bauch der neonglitzernden Stadt geflohen waren, diesem endlosen Weg durch leere, verwaiste Straßen, fühlte ich mich derart glücklich, dass ich nicht traurig gewesen wäre, hätte man mir mitgeteilt, dass ich nun sterben müsste. Dabei war dies erst der Anfang einer Zeit, an die ich mich immer voller Freude erinnern werde.
XI.
Wie macht man das: zusammen wachsen, zusammen erwachsen werden, zusammen herausfinden, was man in und mit seinem Leben tun will oder muss? Ich traf zu irgendeinem Zeitpunkt unbewusst für mich eine Entscheidung. Sie wollte oder konnte diese nie mittragen. Ob sie zuviel Angst vor der Ungewissheit hatte oder einfach nicht gewillt war, sich ungefragt damit abzufinden, dass der, den sie liebte, einen Weg gehen wollte und musste, einen Weg, den sie – im Guten wie im Schlechten – hätte mitgehen müssen, oder ob das lebenslustige, leuchtende Mädchen in ihr, in das ich mich einmal verliebte und das zu verschwinden drohte, sich mit den letzten Kräften dagegen stemmte, dass dies, dass Ich nun alles gewesen sein sollte: ich weiß es nicht. Verstehen würde ich jede der Möglichkeiten.
XII.
Estelle beschloss, mich zu lieben, und Estelle beschloss, mich nicht mehr zu lieben. Vielleicht ist das heute immer so, zumindest aber sind die Frauen meist in der komfortableren Situation. Man wirbt um sie und sie sagen ja oder nein, man lebt mit ihnen und sie entscheiden wie und ob ihnen das passt. Feigheit muss man uns Beiden vorwerfen. Feigheit vor dem Aussprechen der eigenen Gefühle und Angst vor dem Verlust, der daraus hätte entstehen können. Was mir, im Nachhinein gesehen, an Estelle Angst macht, ist die grausame Rationalität, mit der sie ihre emotionalen Entscheidungen trifft. Es scheint so, als ob sie kalt und klar das Für und Wieder abwägen würde. Diese rationale Kühle steht am Anfang und am Ende unserer Zeit. Das seltsame dabei ist nur, dass Estelle ansonsten versucht, sich alles, insbesondere aber Dinge, die jeder außer ihr rational angehen würde, über ihre Emotionalität zu erschließen. Ich bin in dieser Beziehung das genaue Gegenteil von ihr. Ich kann nur emotionale Dinge emotional betrachten. Alles andere zerlege ich mit den grauen Windungen meines Hirns in seine Einzelheiten, während mein Herz schweigt.
XIII.
Unsere amour fou – denn das war sie und ist sie vielleicht sogar immer noch – endete auf dem Dach eines Hauses. Über uns funkelten die unzählbaren Sterne, um uns flatterte die warme Luft des Südens, von der Promenade unter uns wehte Gelächter heran und die Wellen klatschten gemächlich gegen die steinerne Kaimauer. Wir lagen nebeneinander und schauten hinauf in die unendliche Schwärze. Estelle weinte. Ich hatte mich noch nie so schlecht gefühlt. Alles in mir zog sich zusammen, meine Kehle war wie zugeschnürt. Das einzige, was mir durch den Kopf ging, was ich dachte: nein, nein, nein. Wir sprachen kaum. Unser Schweigen und unsere Hände, die sich ineinander verschlangen, uns über den unüberbrückbaren Abgrund zwischen uns noch ein letztes Mal verbanden, war die einzig noch mögliche, einzig denkbare Form der Kommunikation. Es ist schlimm, sagte ich irgendwann in die Stille hinein, dass der Himmel da oben sich spannt, die Sterne funkeln und uns eine wunderschöne Sommernacht umgibt. Es ist schlimm, sagte ich, dass sich die Welt, all das Leben und Treiben um uns herum so unbeteiligt zeigt, dass der Himmel sich nicht mit Wolken bezieht und seine Tränen auf uns fallen lässt. Es ist schlimm, sagte ich, dass Morgen die Sonne aufgehen und ein neuer Tag beginnen wird, als wäre nichts geschehen. Ich empfand das alles als unerträglich. Irgendwie hätte alles enden müssen… aber natürlich ist das Quatsch. Dann sprachen wir kein Wort mehr. Fühlten nur die Leere über und zwischen uns. Sehr viel später schliefen wir, Hand in Hand, ein trauriges, ein verzweifeltes letztes Mal nebeneinander ein.
XIV.
Objektiv betrachtet muss man Estelle wohl eher hübsch als schön nennen. Sie ist groß, von schlankem Wuchs, dunkel, von dieser mit Blässe gemischten Dunkelheit, die immer etwas geheimnisvolles zu haben scheint, mit einer etwas zu breiten Hüfte für den heutigen Geschmack, kleinen Brüsten und einem hübschen, knackigen, allerdings nicht gerade perfekten Hintern. Hübsch, aber nicht schön und doch liebte ich gerade jeden ihrer kleinen körperlichen Makel, die Estelle in ihrer Gesamtheit erst zu der für mich schönsten und begehrenswertesten Frau machten, der ich je begegnet bin. Wirkliche Schönheit, Perfektion also, kann man ohnehin nur bewundern und verehren. Lieben kann man sie nicht. Lieben kann man nur das unperfekte, das mit Makel behaftete, menschliche. Das bestechendste an ihrem Äußeren aber ist ihr Gesicht, auch wenn es den unwahrscheinlichsten Veränderungen unterworfen ist. An einem guten Tag, Estelle ist ausgeruht und gut gelaunt, oder wenn sie sich Mühe gibt, ihren Gegenüber zu bezaubern, wenn sie lächelt und ihre Augen diesen leuchtenden, lebendigen Glanz annehmen, verwandelt es sich von einem, zugegebenermaßen hübschen, slawisch angehauchten, vielleicht ein wenig zu glattem Gesicht mit dem kleinen runden Mund und der beinahe - Stupsnase darin und den niedlichsten, halb unter wuschelig braunem, länglichen, kaum gewellten Haar versteckten Ohren links und rechts zu einem, dass einem mit seiner Offenheit und aufblitzenden, beinahe frechen Schönheit den Atem rauben muss, wenn man den Reizen weiblicher Schönheit nicht völlig abgeneigt ist.
XV.
Estelle und ich zogen aus der Stadt am großen Fluss, in der unsere Geschichte ihren Anfang nahm, in eine andere Stadt, eine noch größere, eine an einem kleineren Fluss. Alle Städte, die ein gewisses Alter haben, so kommt es mir manchmal vor, liegen an einem Fluss oder sehen von ihren Hügeln, ob nun sieben oder weniger, aufs Meer hinaus. Keiner von uns kannte dort jemanden und wir hatten wohl auch kein Glück. Die wenigen Bekanntschaften, die Estelle machte, waren für sie enttäuschend, diejenigen, die ich machte, gefielen ihr zumeist nicht recht. Aber die uns umgebenden Menschen, unsere Freunde, das Verhältnis, was wir zu ihnen hatten, war vielleicht das sonderlichste an unserer Beziehung und zeigt wohl wie nichts anderes, wie unterschiedlich wir sind. Estelle mochte meine Freunde nicht und ich ihre auch nicht. Von einigen wenigen Ausnahmen kann man das so sagen. In der uns umgebenden Einsamkeit der Großstadt verfielen wir uns so mit Haut und Haaren, verfielen uns ganz und gar, konzentrierten uns in unserer Zweisamkeit zu sehr auf uns. Beinahe könnte man sagen, dass es eine Zeit lang ungesunde Züge annahm. In unserem Alter zumal. Vielleicht erwuchs daraus unser beider Angst. Diese Angst vor unserer Vertrautheit. Deswegen entfernten wir uns vielleicht wieder voneinander, obwohl wir das gar nicht wollten. Enden tat es dann damit, dass wir nur selten noch etwas gemeinsam unternahmen. Estelle fragte mich nicht, sagte, sie wolle ihren Freiraum, ich ließ ihn ihr und sie wollte mir meinen geben und kam nicht mit mir hier oder dort hin, zu Freunden, in die Berge oder sonst wohin.
XVI.
Wie kommt es dazu, dass man die Gegenwart eines über alles geliebten Menschen, mit dem man alles, Tisch und Bett, jeden Gedanken, jedes Geheimnis, teilte, dass man die Nähe dieses Menschen nicht mehr erträgt? Ich komme nicht umhin, mich das zu fragen, denn uns beiden ging es so, glaube ich. Dabei war es noch nicht einmal so, dass wir uns nichts mehr zu sagen gehabt hätten. Es war eher, dass wir glaubten, nichts mehr entdecken zu können, dass wir an den Bildern in unserem Kopf klebten wie Fliegen an diesen unappetitlichen, mit irgendeiner Art Klebstoff imprägnierten Fallen.
XVII.
Ob ich über dem Uns, dem Wir depressiv wurde, oder ob es – gleichzeitig – an allem und nichts lag, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich es wurde, dass ich Estelle damit gequält haben muss und dass es sie überforderte. Jetzt, wo sich die Schleier der Melancholie von meinen Augen gehoben haben und Estelle kein Teil meines Lebens mehr ist, bedauere ich es über alle Maßen, bedauere ich, dass ich ihr das antat. Damals habe ich das wohl nicht getan. Aber so scheint leider die Natur der Depression, des Überdrusses zu sein: nicht zu sehen, was da mit einem vorgeht.
XVIII..
Hätte es weitergehen können mit Estelle und mir? Nein. Es ist gekommen, wie es kommen musste. Und es war noch nicht zu spät. Wir reden noch miteinander. Es wäre ganz unmöglich für mich, sie nicht mehr zu mögen, nicht mehr mit ihr sprechen zu wollen, mit ihr zu lachen und diesen oder jenen Gedanken, dieses oder jenes Geheimnis mit ihr zu teilen. Nur Freunde, wie ich es hoffte, werden wir wohl doch nie werden können. Dafür standen wir uns zu nah, dafür verletzt uns zu vieles zu sehr.
XIX.
Ich liebe Estelle. Ich hasse Estelle. Ich vermisse Estelle. Ich träume von Estelle. Ich bemitleide Estelle. Ich beneide Estelle. Ich vertraue Estelle. Ich bewahre Estelle in meinem Herzen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.




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kleiner_Sputnik
RE: Estelleschön....
welch wndervolle beschreibung eines kusses in diesen liebevolle worten....
hach und der letzte absatz.... perfekt irgendwie!!!!
PS: kommt mir aber doch irgendwie sehr bekannt vor, kannte ich die schon in irgendeiner form???
26.06.2008 17:54 Uhr
murkel
RE: Estelledas kenn ich doch schon...
27.06.2008 04:18 Uhr
touchthesky
RE: Estelle"Auf dem Weg nach Haus, zurück in den Vorort, aus dem wir in die Tiefen der Nacht im Bauch der neonglitzernden Stadt geflohen waren, diesem endlosen Weg durch leere, verwaiste Straßen, fühlte ich mich derart glücklich, dass ich nicht traurig gewesen wäre, hätte man mir mitgeteilt, dass ich nun sterben müsste."
- diesen Satz werde ich mir ausschneiden und an meinen Kühlschrank pinnen.
wann kommt dein Buch;)...?
27.06.2008 12:25 Uhr
schauby
RE: Estelle"If I should die this very moment
I wouldnt fear
'Cause I've never known completeness
Like being here"
("Gorecki" 1996 / Louise Rhodes, Lamb)
29.06.2008 17:03 Uhr
Respect
RE: EstelleDas hat mir gestern meinen Feierabend versüßt.
Sehr gelungen.
27.06.2008 13:31 Uhr
PDK
RE: Estellemuchas gracias senorita!
:P
27.06.2008 13:32 Uhr
Respect
RE: EstelleIch bin entzückt, dass es auf Seite 1 ist. Eine gute Entscheidung.
Kleiner Tipp an alle, denen das "zu lang" erscheint: druckt es Euch aus und genießt es in aller Ruhe, es lohnt sich.
27.06.2008 14:22 Uhr
AnnaEcke
RE: EstelleWunderbar und wunderschön erzählt.
27.06.2008 15:03 Uhr
Kwenda.Mzuri
RE: EstelleWow!
27.06.2008 15:51 Uhr
resepese
RE: Estelleganz traumhaft schön =)
27.06.2008 16:02 Uhr
TrompeLeMonde
RE: Estelleganz großes kino. danke.
27.06.2008 16:56 Uhr
glowinthedarkstar
RE: Estellezauberschön, herr pdk. ich lass gleich mal ein sternchen da.
*empfehl*
27.06.2008 16:57 Uhr
zyniker123
RE: Estelle"Mehr gibt es dazu nicht zu sagen." - LOL
Mit dem richtigen Netzwerk kommt hier jeder Scheiß auf Seite 1.
27.06.2008 16:57 Uhr
touchthesky
RE: Estelle"jeder Scheiß"...
?
27.06.2008 17:13 Uhr
PDK
RE: Estelletja und einer muss immer nen dummen spruch machen, wie?
*lach
denn lies es doch nich du trottel.
27.06.2008 17:38 Uhr
Monta
RE: EstelleDie Stelle mit Hopper ist genial :)
27.06.2008 17:26 Uhr
MeltingPhoenix
RE: Estelleich kann nichts mehr dazu sagen..... wunderschön!
27.06.2008 17:33 Uhr
V.anilla
RE: Estellefind ich gut gelungen....=D
...estelle kann sich glücklich schätzen...
27.06.2008 18:23 Uhr
unicante
RE: Estelleirgendwie abgeklärt und dennoch grossartig.
27.06.2008 18:53 Uhr
Canadajojo
RE: Estelledu schaffst es so zu schreiben, dass mein kopfkino gleich anspringt und sich die schönen bilder einstellen...
danke!
Lg, die Jo
27.06.2008 18:57 Uhr
PiMPeRNiCKEL
RE: Estelleich habe selten einen grausigeren schreibstil erlebt in meinem bisherigen leben.
27.06.2008 19:22 Uhr
OpferMeinerGefuehle
RE: Estelleplükaso.
27.06.2008 19:28 Uhr
rolfradolfski
RE: Estelleab "das vermöchte ich nicht zu sagen" konnte ich nicht mehr weiterlesen, weil ich möchte nicht versagen
27.06.2008 19:41 Uhr
oneandall
RE: Estellewunderbare Liebeserklärung. Ganz intensiv.
Ich glaube kaum, dass jemals ein Fremder etwas von dem Geschriebenem Erfahren wird. Also insgesamt ein tolle Form die Geheimnisse des eigenen Herzens hinter einem undurchdringlichem Dickicht aus Worten für alle Aussenstehenden zu verbergen.
27.06.2008 19:43 Uhr
Freydis
RE: EstelleEndlich mal eine Liebesgeschichte, die sich zu lesen lohnt und die mich nicht langweilt!
Ich denke nur, es kann auch eine Chance sein, wenn die Bilder, die man sich vom anderen gemacht hat, langsam zerbröseln und der wirkliche Mensch zum Vorschein kommt. In der Zeit der Verliebtheit macht man sich ja immer Illusionen, erst danach entscheidet sich, ob man den anderen, so wie er wirklich ist, lieben kann. Ich erlebe diese Liebe als tiefer und echter.
Sicher ist es auch problematisch, wenn man so ausschließlich aufeinander bezogen ist. Dabei braucht es keinen riesigen Freundeskreis, einige gute Freund/innen reichen völlig aus, oder dem anderen mehr Freiheit lassen, was natürlich viel Vertrauen und diese tiefere Liebe voraussetzt.
Ich glaube immer noch daran, dass man es schaffen kann, wenn man wach bleibt und den anderen nicht als etwas Selbstverständliches , Alltägliches sieht. Aber niemand wird behaupten, dass das einfach ist.
27.06.2008 19:53 Uhr
Katthie
RE: Estelle"...zumindest aber sind die Frauen meist in der komfortableren Situation. Man wirbt um sie und sie sagen ja oder nein, man lebt mit ihnen und sie entscheiden wie und ob ihnen das passt."
Dazu gibts dann wohl auch nichts mehr zu sagen.
27.06.2008 21:25 Uhr
herzklappe
RE: Estelleja, die liebe ist ein seltsames spiel und alle versuchen es in worte zu fassen. hier gibt es doch diesen haufen an gruppen - warum nicht endlich mal eine "der-lore-roman"-gru ppe?
mein gott - liebesdinge. jede woche neue selbstreferenzielle besinnlichkeiten...
28.06.2008 11:08 Uhr
tanner
RE: EstelleSicherlich nett geschrieben und da der Artikel in Front steht, irgendwie bedeutungsvoll.
Aber ehrlich gesagt, gehen mir diese Liebesgeschichten "en masse" auf Neon doch auf den Senkel.
28.06.2008 11:15 Uhr
DS82
RE: EstelleRespekt vor diesem Text. Ganz großes Kino!
28.06.2008 17:27 Uhr
Dodi89
RE: EstelleWunderschön (:
Mehr gibt es dazu nicht zu sagen....einfach großartig...selten sowas schönes gelesen (:
29.06.2008 01:07 Uhr
sunnni
RE: Estelleein bisschen lang, ein bisschen durcheinander, fällt verdammt schwer zu lesen, so ging's mir... zieht sich, auch wenn schöne Stellen ab und an mal drin sind. sag ich.
29.06.2008 11:32 Uhr
girlswannabeher
RE: EstelleWow...das hast du wirklich schön geschrieben. Der letzte kleine Abschnitt gefällt mir fast am besten. Deswegen zitiere ich einfach mal. :)
>>Ich liebe Estelle. Ich hasse Estelle. Ich vermisse Estelle. Ich träume von Estelle. Ich bemitleide Estelle. Ich beneide Estelle. Ich vertraue Estelle. Ich bewahre Estelle in meinem Herzen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.<<
Ach...toll! *
29.06.2008 12:13 Uhr
schauby
RE: EstelleIm Bewusstsein, dass alles auch immer anders möglich ist, ist man Konstruktivist, wenn es um Nebensächliches geht. Und im Bewusstsein, dass alles immer weitergeht, ist man Fatalist, wenn es um Liebe und die Erfahrungen damit geht.
29.06.2008 17:17 Uhr
Sofya
RE: Estellevorletzter absatz: genau wegen dem letzten satz bin auch ich der meinung, dass freundesein nicht klappt und auch nicht sollte. schön kurz auf den punkt gebracht.
29.06.2008 19:03 Uhr
pachit
RE: Estelle"Vielleicht ist das heute immer so, zumindest aber sind die Frauen meist in der komfortableren Situation. Man wirbt um sie und sie sagen ja oder nein, man lebt mit ihnen und sie entscheiden wie und ob ihnen das passt."
Ich glaube nicht, dass das immer so ist heutzutage!
Schöner Text, wenn auch an einigen Stellen sehr in die Länge gezogen!
29.06.2008 22:57 Uhr
ben85
RE: EstelleWunderbar geschrieben.
Nicht diese übliche "du hast..." Geschichte die leicht zu schreiben sind.
Kompliment.
01.07.2008 10:44 Uhr
Malique
RE: EstellePuh, ich brauch jetzt erstmal 'nen starken Kaffee,
um wieder wach zu werden.
Stilblüten verteilt auf neunzehn(!) Absätze, das haut den stärksten Ranicki um.
Der letzte Absatz hätte auch gereicht, denn
"...mehr gibt es dazu nicht zu sagen."
Genau
02.07.2008 15:25 Uhr
pitcher
RE: EstelleWow! Ich bin wirklich begeistert!
Sehr schön geschrieben!
03.07.2008 10:41 Uhr
freddie
RE: EstelleSchön, sehr schön und so echt und wahr und gut und schön ;)
03.07.2008 22:51 Uhr
Pipifuchs
RE: Estelle" ...fühlte ich mich derart glücklich, dass ich nicht traurig gewesen wäre, hätte man mir mitgeteilt, dass ich nun sterben müsste. "
Amour fou, ♥
04.07.2008 16:02 Uhr
Effchen85
RE: EstelleIch finde es wünderschön wie du das alles beschrieben hast
Mir gefällt der Abschnitt über die Alltäglichkeit sehr.
Und der Mit dem Kuss ist echt super!
09.07.2008 22:55 Uhr
JimmySternchen
RE: EstelleKompliment, das ist wirklich wunderschön geschrieben, ich mag deinen Stil! allerdings hast du mir ein bisschen angst gemacht, ich bin gerade mit meinem freund in eine fremde stadt gezogen. . .
08.08.2008 21:07 Uhr