Liebe

Gelegenheit macht Liebe
19.10.2006 19:34 Uhr
»Never fuck the office« – Finger weg von den Kollegen – ist eine prima Regel, die in der Praxis leider noch nie funktioniert hat.
Philip hat sich blöd verliebt, muss man sagen, aber schlau verlieben geht ja nicht. Da zumindest sind sich die Forscher einig: Ein paar Gehirnteile legt die Liebe einfach lahm, zum Beispiel solche, die zum Lösen komplizierter Aufgaben nötig wären. Was auch immer das ist, das Verlieben, es ist nie klug. Irgendwie wissen das alle. »Wo die Liebe hinfällt«, sagt man dann und zieht die Schultern hoch als Zeichen, dass man es niemandem übelnehmen darf, in wen er sich verliebt. Mit einer Ausnahme. »Never fuck the office«, nie im Büro, heißt das bei An gestellten, und »never screw your own crew« bei Chefs. Es ist der einzige Ort, wo nach Ansicht der meisten die Liebe nicht hinfallen darf: auf den Schreibtisch. Die Liebe ist niemals schlecht, außer da, wo wir den größten Teil unserer wachen Zeit verbringen – bei der Arbeit. Philip hat sich in Nele verliebt, die er feuern könnte, denn Philip ist ihr Chef. Er könnte sie natürlich auch befördern, zumindest hätte er Einfluss darauf, aber das wird wohl noch eine Weile warten müssen, denn sie hat sich auch in ihn verliebt. Und nun sähe es so aus, als würde er Nele bevorzugen, weil er mit ihr im Bett war. Und wer kann schon wissen, ob das nicht auch stimmt? Philip ist, sagt er selbst, hoffentlich immer noch Profi, aber nicht mehr objektiv. Er hat irgendwie ein schlechtes Gewissen deswegen, das schon, aber nüchtern betrachtet hat er nichts falsch gemacht, findet er. Und natürlich ist er sehr verliebt. Das heißt auch: Philip hat lange nichts mehr nüchtern betrachtet.
Wenn es eines Tages alle in der Firma wissen, dann wird jeder sagen, er hat das gleich gespürt, dass da was ist zwischen den beiden. Aber noch wissen es die anderen nicht. Deshalb nennen wir sie hier auch Philip und Nele. Egal, wie die beiden in Wirklichkeit heißen: Sie arbeiten zusammen in einer Abteilung einer Plattenfirma, seiner Abteilung, und so groß ist der Laden nicht. Sie arbeiten nicht so nah beieinander, dass sie sich sehen könnten. An den meisten Arbeitstagen müssen sie beruflich kein Wort wechseln und sie sind beide so cool, dass sie nicht alle zehn Minuten aus erfundenen Gründen zum anderen ins Büro rennen müssen, um sich zu sehen. Aber irgendwann kommt es raus, weil alles rauskommt. Philip hat Angst vor dem Tag, nur ein bisschen, aber Angst. »Das Komische ist, dass wir hier eine gute Gemeinschaft haben, in der alle viel voneinander mit kriegen. Es sind nicht alle Freunde, aber von der Stimmung her eine Mannschaft. Wenn ich in jemand anderen verliebt wäre, jemand von draußen, dann würden sich wahrscheinlich alle für mich freuen.« Für Nele ist es noch ein bisschen schwieriger: »Philip ist zum Glück ganz beliebt, aber natürlich wird hier auch gelästert. Ich finde das nicht schlimm, aber ich stelle mir vor: Irgendwann wissen es alle, und dann denken sie pa nisch: Scheiße, was hab ich der alles erzählt?«
Rund vierzig Prozent aller Ehen finden sich über die Arbeit, sagen Statistiken, und wenn man die Arbeit als alles fasst, was mit dem Job zu tun hat, also Kunden, Kollegen aus anderen Firmen und ähnliches, dann sind es mehr als die Hälfte. In Wahrheit hat »never fuck the of - fice« nie funktioniert, und es bezog sich so wieso vor allem auf Chefs, die ihre Finger von ihren Sekretärinnen lassen sollten. Aber trotzdem sind die Zahlen auf den ersten Blick irrwitzig hoch. Gibt es in der Freizeitgesellschaft wirklich keinen besseren Ort, um die Liebe zu finden als ausgerechnet den am wenigsten sinnlichen – das Büro?
»Es war überhaupt keine Liebe auf den ersten Blick«, sagt Sandra. Sie hat sich in einen Kollegen verliebt, in der Kantine eigentlich und auf dem Weihnachtsfest tatsächlich. Oder so. Oder eigentlich noch viel früher, aber man kann es auch vielleicht so genau gar nicht sagen, und das ist wahrscheinlich auch schon der größte Teil des Geheimnisses, denn was der Arbeitsplatz jedem anderen Treffpunkt voraus hat, ist Zeit. Man trifft sich hier jeden Tag ausführlich und, wie die Arbeitspsychologin Karin Ammann feststellt, die zu dem Thema das Buch »Gelegenheit macht Liebe« geschrieben hat, rasiert.« Für Liebe auf den zweiten Blick muss es den zweiten Blick ja erst mal geben.
Für Sandra und ihren Freund ist das kein Problem: Sie arbeiten in unterschiedlichen Abteilungen eines großen Verlages, niemand war eifersüchtig, als ihre Liebschaft herauskam, und »nützen tun wir uns beruflich eh nichts.« Aber die Fallen waren ihnen schon bewusst. Sie haben erst mal auch niemandem etwas gesagt, bis sie sich sicher waren, dass es das Risiko wert ist. Und dazu raten auch alle Personalberater.
»Es geht auch eigentlich niemanden etwas an«, sagt Philip. Jedenfalls nicht, so lange seine Entscheidungen nicht davon gefärbt werden, obwohl Entscheidungen von Chefs natürlich auch davon beeinflusst werden, ob ihr Hund gerade gestorben ist, und das geht auch niemanden etwas an. Im Grunde ist man ja dafür Chef, um Entscheidungen zu treffen, die man nicht begründen kann, denn sonst bräuchte man die Autorität gar nicht, um sie durchzusetzen. Wie auch immer: Es ist vertrackt, wenn Privates und Berufliches vermischt werden. Wobei: Gibt es diese Trennung heute überhaupt noch? Wohnen wir nicht alle halb im Büro/der Agentur/der Firma? Sind nicht unsere Kollegen eigentlich auch das, was früher mal die Clique war?
»Das Problem«, sagt Sandra, »ist eigentlich nicht, dass wir zusammen sind. Es gibt nur einige Kollegen, die mit uns beiden befreundet sind, die sagen: Ihr dürft euch nie wieder trennen!« Ein Rosenkrieg über Kopierer und Hauspostkisten hinweg macht ein Büro zur Hölle für alle, die in Reichweite sind. Und führt oft dazu, dass mindestens einer von beiden gehen muss, wenn nicht freiwillig, dann findet sich ein Grund. Niemand kann sich so eine Stimmung lange leisten, keine Firma, kein Chef.
»Ich weiß nicht, ob einer von uns beiden gehen muss«, sagt Philip, »vielleicht irgendwann. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Das geht doch erst ein paar Wochen«. Es wird geduzt hier, und alle sind Kumpel, da war es nicht außergewöhnlich, dass eine ganze Gruppe von ihnen zusammen Fußball geguckt hat. Und dann gefeiert. Und dann war es plötzlich keine Gruppe mehr. »Ich fand sie immer schon gut«, sagt er, »aber ich hätte ewig gebraucht, das zu zugeben«. Es war auch wenig Druck da. »Es war ja nicht so, dass ich sie jetzt ansprechen musste, oder sie ist weg. Ich habe sie ja jeden Tag gesehen und das auch genossen.« Wenn er sie»angenehm herausgeputzt: geduscht, gekämmt, nicht gekannt und in einem Club gesehen hätte?
»Dann hätte ich sie nicht angesprochen. Weil ich nie Mädchen in Clubs anspreche.« Aufgefallen wäre sie ihm schon. Sie fällt auf. Und sie flirtet. »Das hat sie im Büro immer gemacht.« Wenn morgen rauskommt, dass sie vergeben ist, dann werden sich ein paar Jungs zurückgesetzt fühlen. »Es wäre sicher einfacher, wenn wir nicht zusammenarbeiten würden. Abgesehen von der Tatsache, dass wir uns wahr scheinlich nie kennen gelernt hätten.« Für Nele grenzt das Ganze sowieso an ein Wunder: »Wie unsexy ist denn das eigentlich, mit seinem Chef ins Bett zu gehen! Total bescheuert. Aber da müssen wir jetzt durch.«
Es gibt tausende goldene Regeln. Die vielleicht wichtigste ist, dass man keine Kollegen einspannen darf: keine Botengänge, um Streit zu klären, keine Spionage, auch nicht Riesenüberraschungen zum Geburtstag, zu denen das ganze Büro genötigt wird. Den Ball schön flach halten, niemand will an fremden Liebesgeschichten teilhaben, während er selbst arbeiten muss. Im Büro verliebt sein kriegt ganz schnell einen Ruch von »auf Firmenkosten ficken«, und das macht alle neidisch.
Aber eigentlich sagt einem das alles der gesunde Menschenverstand, den man nur gerade nicht hat, wenn man frisch verliebt ist. »Zusammenreißen« ist deshalb noch so eine Regel, und die ist schwieriger einzuhalten, als viele meinen. Hunderte Filme im Internet beweisen, dass es viel mehr Überwachungskameras gibt, als die meisten Angestellten glauben. »Never fuck IN the office« ist sicher eine gute Selbstbeschränkung. Alles andere eigentlich nicht: Alle einschlägigen Studien belegen, dass glückliche Menschen produktiver sind, weil sie sich mehr engagieren. Mädchen, die sich in ihren Mathelehrer verlieben, können sogar besser rechnen – natürlich auch, weil sie sich plötzlich dafür interessieren. Aber der Rückhalt und die positive Grundstimmung des Verliebtseins lassen die meisten Menschen Alltagsaufgaben mit mehr Schwung angehen.
»Wir waren einmal essen«, erzählt Philip, »es sollte so etwas wie unser nachgeholtes erstes Date sein. Es war für uns beide komisch, dazusitzen, schick und fein und so, weil wir nicht genau wussten, worüber wir uns unterhalten sollen. Wir kannten uns für ein erstes Date viel zu gut. Ich glaube, wir wollten beide lieber nach Hause und eine Pizza aufbacken. Vielleicht sind wir langweilig, aber ich glaube eher, wir lassen viel Unsinn einfach weg.«
Wer zusammenarbeitet, der kennt sich in der Regel gut: unter Stress, im Umgang mit anderen Menschen, müde, abgekämpft, erfolgreich, wütend, was auch immer. Es ist nicht belegt, aber oft wahrscheinlich tatsächlich besser als ein Partner, der nur Abende und Wochenenden abkriegt. Das muss nicht zwingend gut sein für eine Beziehung, aber schlecht ist es sicher nicht, wenn sich beide füreinander entscheiden, obwohl sie sich kennen. »Und man darf bei dem ganzen Gerede um Liebe am Arbeitsplatz eines nicht vergessen«, sagt Sandra, »auf jedem blöden Bauernhof haben Paare zusammengearbeitet, über Generationen, und das ging auch irgendwie gut. Wirklich schlimm ist doch, wenn du dich nicht verliebst.«




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Timon
RE: Gelegenheit macht Liebeheeeey? habt ihr meine Idee abgekupfert?!?! ^^
http://flickr.com/ photos/sel f_fulfilling/sets/13 44158/
21.10.2006 11:56 Uhr
Timon
RE: Gelegenheit macht Liebehttp://flickr.com/ph otos/self_ fulfilling/sets/1344 158/
21.10.2006 11:58 Uhr
blueturtle
RE: Gelegenheit macht Liebeheee....?
page not found....
24.10.2006 10:38 Uhr
jamare
RE: Gelegenheit macht LiebeIch habe meinen Freund auch am Arbeitsplatz kennengelernt. Jedoch hat es niemand mitbekommen dürfen, weil die Leute eine Beinträchtigung der Arbeit befürchteten und überhaupt etwas bescheuert waren. So haben wir uns knapp ein Jahr lang "verstecken" müssen: Im nachhinein muss sich sagen, dass es sehr spannend war (so ähnlich wie "Schellekloppe") aber auch SEHR anstrengend. ABER - und dass muss ich abschließend noch erwähnen - es hat sich gelohnt! Wir arbeiten beide nicht mehr in der Agentur und seit knapp zwei Jahren zusammen.
24.10.2006 17:46 Uhr
HHanna
RE: Gelegenheit macht LiebeEin toller Artikel, schade das die Kollegen nicht auch immer zusammen kommen, selbst wenn die anderen Kollegen die beiden gern als Paar sehen würden!
24.10.2006 21:19 Uhr
Amator
RE: Gelegenheit macht LiebeEin schöner Artikel!
Die meisten Leute müssten einfach nur offener mit einer solchen Sache umgehen. Es wird leider immer noch wie ein absolutus Tabu behandelt, dabei kann es so oft gut gehn...
25.10.2006 10:08 Uhr
Fr1zzo
RE: Gelegenheit macht LiebeIch hatte mich damals auch in eine Kollegin verliebt. Sie sich in mich. Kein Wunder, dass das leicht passiert, man sieht sich täglich, lernt sich kennen.
Nun, bei mir hats leider nicht funktioniert und es gab einen Rosenkrieg. Das war schon heftig.
Die anderen Kollegen haben erst da mitbekommen, dass wir ein Paar waren.
Ich habe 2 Monate später die Firma gewechselt, weil es einfach nicht mehr ging.
26.10.2006 12:46 Uhr
Puck83
RE: Gelegenheit macht LiebeIch glaube, dass so eine Beziehung mit mir nicht gut gehen könnt. Wenn ich meinen Partner 24 Stunden am Tag sehe.
Außerdem bin ich extrem ehrgeizig und mit nem "Mitarbeiter" zu Hause, würde dieses wohl zum Zweit-Büro werden.
26.10.2006 18:03 Uhr
morigan
RE: Gelegenheit macht LiebeGrundsätzlich habe ich kein Problem damirt, wenn sich Paare am Arbeitsplatz kennenlernen und dann zusammenbleiben. Der Spaß hört für mich aber auf wenn es da um Vorgesetzten und "Untergebenen" geht, da die Gefahr doch sehr groß ist, dass einer den anderen unter Druck setzt.
Wie es in dem Artikle auch geschrieben wird ist es fast unmöglich, gewisse Dinge nach wie vor objektiv zu betrachten. Gerade bei Gehaltserhöhungen oder, im schlimmsten Fall, bei Kündigungen stelle ich mir das weiter Vorgehen in der Beziehung unheimlich schwierig vor.
Aber man kann ja niemandem vorschreiben in wen er/ sie sich verlieben soll und in wen nicht.
26.10.2006 20:25 Uhr
Lovescully
RE: Gelegenheit macht LiebeIch als Azubi, er als mein Betreuer. So haben wir uns kennen und lieben gelernt. Das ist jetzt 1 1/2 Jahre her.
Nach Feierabend reden wir nicht mehr über die Arbeit, wir wissen ja, was der andere macht und was es für Probleme gibt.
Bis jetzt wissen auch nur Kollegen, die auch gute Freunde von uns sind von uns. So lange ich die Ausbildung mache, soll das auch so bleiben. Das Gerede würden wir wohl beide nicht ertragen.
Aber ich finde es schon hart ihn 9h am Tag an mir vorbeilaufen zu sehen, mit ihm Besprechungen zu haben und zum Mittag zusammen zu sitzen. Eigentlich würde ich einfach nur gern sein Hand nehmen, in zwischen Tür und Angel einen Kuss geben und (wie es andere Kollegenpaare machen) auf der Firmenstandleitung zu telefonieren und zu fragen, wer denn heute einkaufen geht.
27.10.2006 14:09 Uhr
la_stagiaire
RE: Gelegenheit macht Liebena. wie passend. bin bin gerade selbst mittendrin. es ist noch nichts passiert, obwohl wir beide wissen, da geht was! dennoch können wir uns beide das nicht leisten- ich azubi- er chef- sowas geht halt nicht. also lassen wir es dabei. verstehen tn wir uns ja ganz gut.
doch der weg bis hierhin, das zu verstehen und zu verdauen. wieviele blicke fielen und tränen flossen. man will es und es geht nicht.
mein buch ist in planung...
28.10.2006 11:10 Uhr
bestmen
RE: Gelegenheit macht Liebeliebe am arbeitsplatz ist eigentlich nichts schlimmes,nur wenn der arbeitgeber(ein großer schwedischer textilhersteler und verkäufer)eine art kodex hat,der nirgens steht und für führungskräfte gilt ist es schon schwierig,mit einer kollegin eine beziehung zu führen.uns wurde damals gedoht das wir beide dann in der firma nichts mehr zu suchen hätten oder einer die filiale wechseln muß!das dumme war, ich war ihr abteilungsleiter.jed enfalls gab es viel streß sodaß wir gesagt haben,wir sind kein paar mehr um ruhe zu haben.hat auch geklappt.in wirklichkeit waren wir heiß verliebt.arbeitskoll egen die ihre liebe für sich entdeckt haben,sind viel motivierter und haben mehr spaß.so fing ich an meine loyalität der firma gegenüber sehr in frage zu stellen.es hat uns sehr geärgert.
29.10.2006 19:08 Uhr
supasabs
RE: Gelegenheit macht LiebeIst mir selber auch so gegangen. Man kann es über Jahre vor seinen Kollegen geheim halten. Blöd nur, dass die eigenen Chefin auch auf ihn scharf war. Wenn es der Chef ist (war bei mir nicht der Fall) sollte man von Anfang an mit offenen Karten spielen. Dann gibt es, wenn es raus kommt auch, nicht die peinliche Situation, dass jeder mal scharf nachdenkt, was man demjenigen der die Beziehung hat ev. erzählt hat bzw. wissen dann alle gleich woran sie sind.
26.11.2006 19:55 Uhr