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Freundschaft


Neon-Logo Magazin-Text [Freundschaft] [Job] Ausgabe [Dezember 2009]

Ex und hopp

07.01.2010 16:20 Uhr

Jahrelang verbringt man mehr Zeit mit ihm als mit dem eigenen Partner. Dann ist er plötzlich RAUS AUS DEM JOB. Kann aus dem alten Lieblingskollegen jetzt ein echter Freund werden?

von michalis_pantelouris

Der Abschied wird noch einmal laut und nass. Alle trinken zu viel, irgendjemand weint vielleicht. Mit etwas Glück gibt es keine Rede, aber mit Sicherheit immer das Versprechen: Wir sehen uns bald. Wir gehen ein Bier trinken. Und obwohl alles anders ist, wenn wir plötzlich nicht mehr acht, neun oder zwölf Stunden am Tag zusammen im Büro sitzen, sondern in Büros an unterschiedlichen Enden der Stadt, obwohl dadurch wirklich alles anders ist, wird alles so bleiben, wie es war. Wir sind ein so gutes Team. Wir haben so viel zusammen durchgemacht, mein Bürokumpel und ich. Wir kennen uns so gut. Wir wissen so viel voneinander. Nicht umsonst lernen sich fast die Hälfte aller Ehepaare bei der Arbeit kennen, denn da lernt man sich richtig kennen. Nur: Was ist mit denen, die nicht heiraten? Was ist mit meinem Bürokollegen, der manchmal der einzige Grund war, warum ich nicht gekündigt habe; der mit mir gelacht hat und frustriert war; der mit mir gelästert hat und Pläne geschmiedet, wie man es eigentlich alles besser machen könnte und müsste. Jetzt ist er weg. Rausgeflogen. Hat gekündigt und geht zur Konkurrenz. Lasst uns das unbedingt feiern, laut und nass und fröhlich. Oder traurig, wenn alles nicht freiwillig war. Aber was wird nun aus mir?

Seien wir ehrlich: Arbeit ist das, was so schön sein könnte, wenn man keinen Chef hätte, keine Kunden oder keinen Kater - wenn man es ordentlich machen könnte und nicht so, wie es nun mal nicht anders geht. Am Ende ist es auch wieder nur wie Sex: spannend am Anfang und dann nur noch toll, wenn man es mit jemandem macht, den man mag und gut kennt. Wenn das zusammenkommt, ist das ein Geschenk. Um es zu kriegen, muss man freundlich sein, aber es gibt keine Garantie dafür. Es ist ein Geschenk. Und dann wird es einem weggenommen. Man findet eine oder einen, mit der oder dem Arbeiten Spaß macht - und dann feiert man irgendwann einen Abschied. Unweigerlich. Die Einsamkeit des Im-Büro-Verlassenen: Eigentlich ist sie schlimmer als die des verlassenen Liebhabers, denn der kann wenigstens darüber reden. Über zerbrochene Lieben kann man weinen, man kann zetern und schreien: das Arschloch, die doofe Schlampe, wie konnte ich nur. Der verlassene Liebhaber kann noch wochen- und monatelang heulen und Schnaps trinken deswegen. Aber wenn mein Bürokollege kündigt oder aus irgendwelchen unangenehmen Gründen gehen muss, dann ist es unangemessen, mehr dazu zu sagen als: Das finde ich scheiße. Einmal. Obwohl da jeden Tag ein Loch ist. Er fehlt. Obwohl er, wenn man dann anruft, nicht mehr richtig bei der Sache ist. Die alten Witze gehen nicht mehr so gut, als wären sie eine Fremdsprache und er ein bisschen eingerostet in ihrer Anwendung. Das Büro ist kein gutes Thema mehr, und es ist bizarr, wie wenig andere Themen wir tatsächlich haben nach all dieser Zeit. Sie war doch sehr an diese Arbeit gebunden, unsere Beziehung. An dieses Büro. Diese Typen hier. Das war unser Krieg und unser Schützengraben. Da haben wir Schulter an Schulter gekämpft, um im Bild zu bleiben. Aber kann es vielleicht sein, dass wir im zivilen Leben gar nicht zueinander passen?

Vielleicht sind wir weniger wie Forrest Gump und Bubba, der Shrimp-Mann, und mehr wie, sagen wir, Tom Hanks und der Typ, der Bubba gespielt hat? Ein tolles Paar, aber nur für diesen einen Film? Er heißt übrigens Mykelti Williamson, aber ich bin nicht einmal sicher, ob Tom Hanks das noch weiß. Exkollegen eben. Beste Freunde für gerade mal ein Projekt. Gibt es noch jemanden unter vierzig, dem das nicht bekannt vorkommt? Es ist immer schwer, wenn einer geht, denn entweder hat er es jetzt besser und lässt uns zurück in dem Elend, für das er offensichtlich zu gut ist. Das ist sein gutes Recht, aber hat er denn wirklich nur sein eigenes Wohlergehen im Kopf? Merkt er denn nicht, was er uns damit antut? Oder ist es ihm egal? Natürlich ist es unfair, so etwas auch nur zu denken, aber wie soll man es anders sagen: Wer freiwillig einen neuen Job antritt, der muss doch glauben, dass er besser ist als der alte. Als der, den wir immer noch machen. Noch schrecklicher ist eigentlich nur, wenn er Recht hat. Dann kommt zum Verlassensein auch noch der Neid. Aber wenn er rausgeflogen ist? Gegangen wurde? Dann wird es nur schlimmer: Denn von jetzt an wird jedes Gespräch zu der versteckten Anklage, dass wir immer noch für die Schweine arbeiten. Es führt kein Weg da ran vorbei: Während die Beziehung zu einem Bürokollegen das Beste sein kann, was es gibt - die Rettungsinsel, der nie versiegende Quell von Insiderwitzen -, ist der Exbürokollege eine schwierige Person. Vielleicht lohnt es sich gar nicht, auch nur zu versuchen zu retten, was einmal war. Aber da war doch so viel, oder nicht? Soll man das aufgeben, nur weil es schwierig wird? Wir alle arbeiten immer flexibler, müssen das auch, so will es der Markt, heißt es. Den Job wechseln, die Stadt, das Leben. Immer wieder. Auch die Kollegen. Die Menschen, die wir am häufigsten sehen, meist mehr als unsere Lebenspartner, wenn man die Zeit abzieht, die wir schlafen. Es ist ein Glück, wenn der oder die eine dabei ist, der den Unterschied macht zwischen gerne zur Arbeit gehen und sich hinzwingen. Vor allem, weil irgendwann nach dem sechsten oder achten Job in zwei Jahren die Energie ausgeht, sich in der Kette der Gesichter noch die Namen zu merken, diesen unendlichen Gänsemarsch an Gestalten in der Kantine, den nie versiegenden Schwall von Praktikanten, deren Nachnamen man zum ersten Mal liest, wenn sie zwei Tage nach ihrem Abschied eine Freundschaftsanfrage auf Facebook senden.

Vielleicht ergibt sich ja noch mal was. Wir ziehen ja eigentlich alle dauernd immer weiter. Man trifft sich doch immer zweimal im Leben. Und die Zeiten, in denen Menschen nur ein Leben hatten, sind längst vorbei. Ich bin ein Söldner, der perfekte moderne Arbeitnehmer. Allein in den letzten sechs Jahren fünfmal umgezogen und trotzdem noch regelmäßig in jeweils andere Städte gependelt. Tages-, wochen-, monatsweise. Zig Jobs, Büros und unzählige Kollegen. Zählige davon gut, ein paar davon super. Wenn ich es mir überlege, habe ich mehr großartige Menschen getroffen, als es nach der Gauss?schen Normalverteilungskurve möglich ist. Und wenn ich in der Stadt bin, dann versuche ich anzurufen. Wenn einer von ihnen in der Stadt ist, versucht er oder sie es manchmal auch. Aber in Zeiten von »morgens hin, abends zurück und dazwischen sehr viel S-Bahn« klappt es praktisch nie. Das ist kein Ersatz für das, was war. Es ist gut, eine Notfallbox voller Nummern zu haben, die man anrufen könnte, wenn man die Zeit hätte. Aber Leben ist nicht, was wäre wenn. Es ist das, was passiert, während wir mit einem Laptop und einem Handy unterwegs sind zum nächsten Job. Oder während wir einsam und verlassen in einem Büro sitzen, in dem wir letzte Woche noch zusammen ein Quiz veranstaltet haben zum Thema »Nenne mir drei Filme, in denen man eine Frau sieht, die auf dem Klo sitzt«.* Und plötzlich ist keiner mehr da, der es würdigen könnte. Das geht so nicht.

Die Tipps in der einschlägigen Literatur und auf den Karriereportalen sind eindeutig: »Halten Sie den Kontakt mit den Exkollegen«, egal ob man selbst geht oder der Kollege. Und manchmal sind die Tipps sogar ganz lebensnah. »So [durch den Kontakt] können Sie die eigene Neugier befriedigen, wie es dem Unternehmen ohne Ihre tatkräftige Unterstützung ergangen ist. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Ihre alte Firma auch zwei Wochen nach Ihrem Ausscheiden noch existiert - davon ist erfahrungsgemäß auszugehen«, steht zum Beispiel auf stepstone.de, einem Jobportal. Das ist lustig. Aber im Kern geht es eben immer um Karriere. Um Professionalität und das ganze andere Zeug, das man tun soll, um so schnell wie möglich der zu sein, der im Büro keine Freunde mehr hat. Es geht um die Zukunft. Nicht um jetzt. Nicht darum, ob man um eine Freundschaft kämpfen soll, die sehr gut und wichtig war, aber eben nur in dieser einen Situation. Sie wird, das muss mal klar sein, nie wieder so, wie sie einmal war. Genau wie es mit dem Mädchen aus dem Zeltlager nie mehr so war, mit den Jungs vom Zivildienstlehrgang und mit Menschen, mit denen man mal zusammen im Krankenhaus auf einem Zimmer lag. Während sich gleichzeitig erstaunlicherweise die Leute, mit denen man in einer Klasse war, niemals, niemals, niemals verändern. Was nur einen Schluss zulässt: Gemeinsam arbeiten ist - wie Urlaub, wie eine Krankheit, wie ein One-Night-Stand - eine Extremsituation. Nicht übertragbar ins wahre Leben. Es gibt Ausnahmen. Für mich jedenfalls. Ein paar. Obwohl vielleicht eher: ein Paar. Ein-, zweimal im Leben trifft man selbst im Büro eine oder einen, die oder der bleibt, ohne dass man heiratet oder auch nur daran denkt. Und merkwürdigerweise tut man eigentlich nicht viel dafür, sondern einfach das, was man sowieso vorhatte. Auf dem besoffenen Abschiedsfest, wenn man versucht, sich den Neid schön zu trinken zu echter Anerkennung, den Neid auf den neuen Job des anderen, wenn man die Einsamkeit noch nicht wahrhaben will, von der man nur ahnt, dass sie hinter dem Kater lauert, und wenn man dann Dinge sagt wie »Wir gehen aber bald mal was trinken« oder »Du kommst aber zur Afterparty vom Sommerfest noch ins Blabla«, da weiß man es eigentlich schon: Man macht es tatsächlich. Es ist nicht so, dass man es nicht auch schon bei all den anderen ernst gemeint hätte, die gegangen sind. Oder wenn man selbst gegangen ist und sich ganz sicher war, dass man mit Peter oder Paul oder Maria aber auf jeden Fall unbedingt befreundet bleibt, weil wie ginge es ohne sie. Es hat nie richtig funktioniert. Aber dieses Mal sitzt man eine Woche später im Biergarten zusammen, und es ist okay.

Ein Teil des Geheimnisses ist natürlich, dass man nicht nur, vielleicht sogar kaum über die Arbeit redet. Hat man wahrscheinlich vorher schon nicht. Wahrscheinlich ging diese eine Beziehung vorher schon über die Bürofreundschaft hinaus, ohne dass man es bewusst hätte sagen können. Aber wichtiger ist noch einmal etwas anderes: Arbeit. Es stimmt ja, Beziehungen brauchen Arbeit. Nicht nur den guten Willen. Irgendwann muss man anrufen. Irgendwann muss man sich hinsetzen und über Dinge reden. Manchmal muss man einfach über Dinge nicht reden müssen. Das Bizarre ist ja nur: In den Fällen, wo wir sie tun, diese Arbeit, fällt sie uns als Arbeit gar nicht auf. Sie geht von allein, weil sie genau das ist, was wir sowie so tun wollten. Wir wollten ja in den Biergarten. Mit ihm. Oder ihr. Genau hier sitzen und uns drei Filme einfallen lassen, in denen Tom Hanks Dinge mit einer Hand tut, für die man eigentlich zwei braucht.** Ja, so kann Arbeit sein. Nämlich genauso, wie wir uns Arbeit einmal vorgestellt haben, als wir uns zumindest auf die Richtung festgelegt haben, in die unser Job mal gehen sollte. Als wir uns vorgestellt haben, wie geil das alles sein würde. Zum Glück ist es anders gekommen. Wir bräuchten sonst die Freunde nicht.

von michalis_pantelouris


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Kommentare

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Lag

RE: Ex und hopp

Wenn man sich fragt "ob es sich lohnt", könnte ich schon kotzen.

So ne Frage stellt man nicht.
Entweder, es ist einem danach, man lädt sich zu Parties ein oder zieht mal auf ein Bier los.

Oder man läßt es.

13.11.2009 20:09 Uhr

Maximi

RE: Ex und hopp

Kann mich da anschließen.."ob es sich lohnt"..wie sich das schon ließt - zum kotzen - trifft es gut.

16.11.2009 14:47 Uhr

coronaria

RE: Ex und hopp

Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich "lohnen" nun vollkommen oder nur ein bisschen daneben finde... Den Gedanken hinter der Frage aber kann ich nachvollziehen: Es hat mich und meine "beste Ex-Kollegin" ein halbes Jahr, ein paar zermürbende Treffen, gemeinsames drüber lachen und am Ende wohl sogar Arbeit gekostet, eine normale außer-Arbeits-Freund schaft aufzubauen. Es hat sich gelohnt.

16.11.2009 15:19 Uhr

B.tina

RE: Ex und hopp

Es lohnt sich bestimmt, wenn der Kollegen einen lukrativen neuen Job hat.

16.11.2009 15:24 Uhr

coronaria

RE: Ex und hopp

Vielleicht ist sie deshalb mit mir befreundet...

Ich hab den lukrativen Job, sie ist nett und unterhaltsam. Haben wir beide was von.

17.11.2009 11:39 Uhr

LudwigMartin

RE: Ex und hopp


Wenn man die Privatnummer nicht hat und nicht einmal gemeinsam weg war, dann ist das ne recht theoretische Fragestellung.

16.11.2009 14:55 Uhr

lavish

RE: Ex und hopp

"lohnen" ist käse. wenn ich mit den leuten bei der arbeit gut klar gekommen bin und wir spaß hatten, dann werden die telefonnummern ausgetauscht und dann geht man einen heben. ich weiß gar nicht, was das thema eigentlich soll. völliger murkskram.

17.11.2009 17:48 Uhr

Timm_Klotzek

RE: Ex und hopp

Danke für das Feedback hier. Haben wir anders eingeschätzt, das Interesse an dem Thema "Übergang Kollege zu Freund". Reines Interesse, gar kein Versuch, euch umzustimmen: Habt ihr den Artikel im Heft eigentlich gelesen? Beste Grüße aus der Redaktion, Timm Klotzek

17.11.2009 20:41 Uhr

coronaria

RE: Ex und hopp

Ja, hab ich gelesen und ja, er war nicht mal so blöd. Also nicht mal ansatzweise so blöd wie der Artikel über Frauen und Dicksein zumindest. Auch wenn das ein zweifelhaftes Kompliment sein mag.

Aber irgendwie schein ich die einzige zu sein, die das Thema interessiert hat...

18.11.2009 15:34 Uhr

LudwigMartin

RE: Ex und hopp


Nicht gelesen. Auf die Kurzzusammenfassung recht pauschal reagiert, ausführlicher im dazugehörigen BBBF-Text.

Ich denke nur, entweder hat man es geschafft, auch mal außerhalb der Arbeit zu treffen - oder nicht.

Wenn nicht, dann wird es wohl selten sein, daß man etwas "fortführt", was es bis dato noch nicht gab. Wenn ja - warum sollte man damit aufhören?

20.11.2009 14:13 Uhr

Fiona_Brutscher

RE: RE: Ex und hopp

Es könnte doch durchaus sein, dass man erst merkt, dass man einen ehemaligen Kollegen gern mal wieder sehen würde, wenn man ihn nicht mehr jeden Tag in der Arbeit trifft. Ich hab schon oft mit netten Leuten zusammen gearbeitet, deren Privatnummer ich nie hatte, weil es schlicht nicht nötig war. Man sieht sich ja im Büro.

08.12.2009 16:12 Uhr



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