Freundschaft
Wann kommt der Wind
18.01.2009 12:47 Uhr
Ich bin wie ein Zugvogel. Ich lebe mal hier und lebe mal da. Ich kann gar nicht genau sagen warum, ich muss einfach...
Ich beginne anfangs mit Eifer ein kleines Nestchen zu bauen, nur um zu realisieren, dass ich eigentlich keines brauche, weil es mich schon wieder weiterzieht. Ich liebe diese Art der Freiheit. Ich liebe und ich hasse sie. Aber im Moment könnte ich nicht ohne sie sein. Ich brauche die Gewissheit, dass ich morgen sein kann wo immer ich will. Ich werde getrieben von einer Art Neugier, alles was ich nicht kenne zieht mich an wie ein Magnet.
Wenn ich einmal im Jahr zur Weihnachtszeit zurückkehre in das Land in dem ich aufgewachsen bin verfluche ich mich jedes Mal. Ich treffe alte, wahnsinnig vertraute Freunde wieder, ich lebe in vergangenen Geschichten, ich beneide all die zurückgebliebenen um die schönen, bürgerlichen und freundschaftlichen Kreise, die sie sich mit der Zeit wie kleine Burgen mit starkem Fundament aufgebaut haben. Ich bin für eine kurze Zeit als Gast in einem Leben, das sich warm anfühlt. Vertraut und sicher. Man wacht auf, verzehrt ein gemeinsames, biologisch absolut wertvolles Frühstück, diskutiert über die aktuelle politische Situation, geht spazieren, trinkt Unmengen von gutem Wein zu gepflegter Konversation, lässt die Nacht sterben und tanzt dazu und kehrt nicht zu spät und nicht zu früh heim ins warme Nestchen.
Jedes Mal breche ich in diese Idylle ein, mit meinen Geschichten in denen die Protagonisten kein Frühstück sondern einen schnellen Kaffee zur ersten Zigarette konsumieren, in denen einem immer die Menschen am nächsten sind, die gerade das zur Hand haben, was man selber braucht, in denen man manchmal den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht mehr erkennen kann, weil alles einfach ein Wochenende voller Musik und Party ist, wo man grundsätzlich nicht alleine nach Hause geht, aber immer alleine und mit schmerzendem Kopf aufwacht, wenn die Sonne wieder untergeht. Jedes Mal, wenn ich von diesem Dahinrasen erzähle, bekommen meine Zuhörer leuchtende Augen. Sie konsumieren mich wie einen Fernsehfilm, der vom Leben erzählt, dass es jenseits der eigenen Burgwände gibt. Was sie sagen ist etwas anderes als ihre Augen flüstern. Man bemitleidet die urbane Lebensweise, den Lebensstil der ausgebeuteten Kreativbranche, die Emotionslosigkeit der Partyszene, man räkelt sich am eigenen Kaminfeuerchen aus gutbürgerlicher, gepflegt linksradikaler Weltoffenheit und zitiert Standardmeinungen zur Lage der Nation, mit der man auf jeder Akademiker-Cocktailparty gut ankommen dürfte.
Ich als Besucher der nie zu lange bleibt beobachte das Treiben, und lege es so gerne in meiner Schublade für gescheiterte revolutionäre Träume und langsame Selbstaufgabe ab, in der früher oder später immer mehr meiner alten Freunde und Bekannten landen. Doch je näher der Tag meiner Abreise rückt, desto unsicherer werde ich. Vielleicht ist das ganze nicht der Fluch des Erwachsenwerdens, auch nicht der langsame Stillstand den ich sosehr fürchte.
Vielleicht ist das ganz einfach Glück.
Einsicht, Vernunft, das Erkennen von Tatsachen, denen man sich ohnehin nicht entziehen kann. Früher oder später wird man älter. Und dann möchte man ein Kaminfeuer haben, an dem man nicht alleine sitzen muss. Man will schließlich nicht zu jenen traurigen Gestalten gehören, die nicht erkennen dass sie eigentlich zu alt für einen Lebensstil sind, den sie vor 20 Jahren entdeckt haben und seitdem konsequent verfolgen.
Wenn ich an diesem Punkt angelangt bin, kommt meistens der Tag der Abreise. Ich warte auf mein Flugzeug, umarme nochmal Menschen, mit denen ich eine gemeinsame Vergangenheit habe, und von denen ich immer gedacht habe, dass sie mir so ähnlich sind. Ich spreche, wie immer, meine Einladung aus, mich in der jeweiligen Stadt in der ich gerade bin zu besuchen, und bekomme jedesmal diesen Seufzer als Antwort, der so Dinge beinhaltet wie .. man würde ja gerne, aber man muss noch dieses und jenes erledigen. Und ausserdem kann man nicht einfach so für ein paar Tage auf und davon, jemand muss doch die Katze füttern.
Während ich im Flugzeug sitze verwandeln sich diese Sätze für mich in große Steine, die an die Füße meiner alten Freunde gekettet sind, fast so, als könnte man dieses warme Leben das man sich zugelegt hat, nie wieder loswerden. Und ich komme zu der Erkenntnis, dass das ganze vielleicht für mich nie Glück heissen wird. Weil ich mein Gesicht zu trotzig in den Wind halte, um sofort loszufliegen, wenn er mir von Dingen erzählt, die mich losreissen von dem, was ich gerade habe, weil sie von neuen Entdeckungen, Erfahrungen und Geschichten erzählen, die ich nicht unentdeckt und unerlebt lassen kann.
Manchmal habe ich Angst. Vor Gewittern, vor Schneestürmen, vorm Alleinsein. Dann träum ich vom warmen Leben meiner Freunde und frage mich ob ich wohl mit dem Alter ruhiger werden kann, um irgendwann zu landen. Um ein Nest zur Abwechslung einmal fertig zu bauen, und tatsächlich einmal stillzusitzen.
Und dann kommt der Wind, und ich bin jedesmal so glücklich darüber, dass ich nur zwei Koffer brauche, um mein Leben einzupacken und weiterzuziehen.




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ehegal
RE: Wann kommt der Windmag ich sehr diesen text! kann dich irgendwie verstehen.
und der schönste satz ist eindeutig der letzte. würd gern mehr lesen von dir... =)
18.01.2009 12:57 Uhr
rantanplan23
RE: Wann kommt der Windfinde deinen text großartig...
wo bist du denn gerade?
24.01.2009 13:28 Uhr
Rote_Liebe
RE: Wann kommt der Windwow!
15.02.2009 01:49 Uhr