Familie
Bademantel Of Destruction.
08.02.2010 20:36 Uhr
Fünfundzwanzigjahre. Du sagst das immer so, als wären die Worte miteinander verschmolzen.
Als könntest du sie nicht mehr voneinander trennen. Doch musstest du erkennen, dass sie nun wieder auseinander gehören und die fünf keiner sechs mehr weichen wird.
Ja gut, diese Zahl, sie ist schon schwer nachvollziehbar, erinnere ich mich gerade mal an meine letzten zwölf. Betrachtet man Beziehungen, die nach vier Jahren bereits heiser keuchend einen Dauerlauf rennen, ohne jemals genug Puste für das Ziel zu haben. Bedenkt man die Erinnerungen, die sich vor dir wie ein weiter See erstrecken, auf dem du, falls er überhaupt irgendwann zufrieren kann, immer wieder einbrechen wirst.
Du hast so hübsch ausgesehen, viel besser als sonst, als ich den Raum betrat. Ihr habt gemeinsam am Tisch gesessen. Euch angeschaut. Irgendetwas war falsch. Ein beklemmendes Schauspiel im Wintergarten. Winter. Er war eingebrochen. Du auch.
Geglaubt hab ich es erst, als ich vor ihrem Haus stand, mit seinem Auto in der Auffahrt. Links oben brannte Licht. Rotlicht. Anstatt die Dekokugeln aus dem Vorgarten direkt in dieses Fenster zu schmeißen stand ich rauchend an der Grundstücksgrenze. Ruhig. Dreimal klingelte ich, ohne damit zu rechnen, dass Jemand öffnet. Ich hoffte auf Scham, auf Reue, auf ein schlechtes Gewissen, oder wenigstens auf einen Interruptus ihres vermutlich stattfindenden Coitus. Doch dann öffnete sie die Tür. Gönnerhaft lächelnd. In einem gelben Bademantel. Keine sarkastische Bemerkung, keine Träne war sie von diesem Moment an wert. Wie ein anständiges Kind zog ich sorgsam die Schuhe aus und wartete auf ihn im Flur. In diesem fremden Haus. Nur um ihn ein letztes mal fest anzuschauen. Für dich. Für mich. Für unsere einstige Familie.
Es war absehbar, will ich sagen. Dich an die Hand nehmen, wie einer dieser Vergangenheitsgeister bei der Weihnachtsgeschichte, um dich durch unsere Zeit zu führen. Dir zu zeigen wie unglücklich du warst. Einsamer als jetzt. Mit dir den Schmerz,wie mit meinen Freunden einst, wegtrinken und dir dabei zusehen, wie dir Fremde in Kneipen Anerkennung in dein auslaufendes Selbstbewusstseinsfass stopfen. Dir eine Wohnung hier beim mir suchen. Mit dir tausend bunte Zettelchen mit all seinen schlechten Eigenschaften beschreiben und sie quer im Haus verteilen. Mit dir ein Café aufmachen, indem du dich entfalten kannst. Dein eigener Boss bist. Seine Anzüge, die noch zu Hause hängen zunähen. Uns über ihre alberne Dauerwelle lustig machen. Einen Monat in unser Refugium nach Italien fahren. Ihn ignorieren. Dich auffangen.
Das wird nichts.
Du hast es nicht kommen sehen, hast du gesagt. Die Vergangenheitsreise zu lang und schmerzhaft für dich. Du bist einsam. Jetzt noch einsamer. Du trinkst allein, doch dein Schmerz sitzt nicht in der Blase. Er wird nicht ertrinken. All die Fremden mit ihren Korken bleiben aus, denn du fühlst dich zu alt in Kneipen. Läufst weiter aus. In der Wohnung hier bei mir wirst du nie dein Bett aufschlagen, zu stark ist die Bindung an das Haus. Unser Haus. Die bunten Zettel liegen verteilt zu Hause herum, doch farbenblind ziehst du an ihnen vorbei. Unser Café wird wohl nie einen einzigen Gast begrüßen können, denn du wirst weiter mit ihm arbeiten müssen, bis zu letzten Cent die Schulden tilgen. Die Anzüge die noch zu Hause hängen, können auch ruhig zugenäht werden. Es sind die, die er bewusst da ließ. Er wird sie nicht mehr holen. Unsere guttuenden, gehässigen Worte über ihre Frisur können wir gern pausenlos herausbrüllen. Ihn werden sie nicht interessieren. Schliesslich ist es jetzt seine Dauerwelle. Und selbst in unser Refugium willst du nicht mehr. Sie waren dort, aßen unsere Pasta, auf unserem Campo, in eurem Bett.
Und zu gern würd ich Ihn ignorieren, wirklich. Doch zu viel Blut steckt in mir. Seins.
Ohnmächtig. Selbst auffangen musst du dich allein. Ich werd ihn nicht ersetzen können. Dazu fehlt mir nicht nur der Bauch und der Bart. Aber festhalten werd ich dich weiterhin. So lange bis du nicht nur Fünfundzwanzigjahre sondern auch Ohnmächtig auseinander schreiben kannst. Und mit dem "Ohn" schmeissen wir dann ihr linkes oberes Fenster endlich ein.




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AnnaEcke
RE: Bademantel Of Destruction.Der tolle Titel hat mich zum Lesen verführt.
Der Text gefällt mir wegen einiger guter Bilder, die eindrücklich sind, aber den Inhalt nicht überladen.
06.02.2010 14:18 Uhr
sailor
RE: Bademantel Of Destruction.Schön...
08.02.2010 12:05 Uhr
tschak
RE: Bademantel Of Destruction.der titel ist genial, der text natürlich deprimierend und angemessen stockend, schlägt sich wacker bis zum ende, das schließlich ganz gut zum bademantel of destruction paßt. in diesem sinne, fight fire with fire!
08.02.2010 15:25 Uhr
ilofi
RE: Bademantel Of Destruction... sehr, sehr schön
08.02.2010 15:34 Uhr
Tim123
RE: Bademantel Of Destruction.Autsch.
Ein schön geschriebener Text, aber ein schmerzender Inhalt und eine noch schmerzendere Rolle, in die Du Dich da begibst.
25 Jahre sind eine lange Zeit. Darin wird viel passiert sein. Weisst Du von allem? Kannst Du jemals von allem wissen? Kannst Du wirklichem die Ehe Deiner Eltern objektiv betrachten? Darüber urteilen?
Und vorallem: solltest Du das wirklich tun? Du bist Tochter. Nicht Freund oder Freundin Deiner Mutter oder Vater. Das kannst weder Ehepartner noch Freund/in ersetzen, ohne Deine eigene Beziehung zu Deinen Eltern als Tochter für immer aufs Spiel zu setzen. Das gilt nicht nur für Deine Vaterbeziehung, sondern vorallem für Deine Mutterbeziehung.
Mein Tipp: tröste den, der getröstet werden muss, aber halte Dich sonst raus. Urteile nicht über das Ende einer Ehe, die nicht Deine ist. Du hilftst sonst Deiner Mutter nicht und Dir auch nicht.
08.02.2010 15:37 Uhr
Cyro
RE: Bademantel Of Destruction."25 Jahre sind eine lange Zeit. Darin wird viel passiert sein. Weisst Du von allem? Kannst Du jemals von allem wissen? Kannst Du wirklichem die Ehe Deiner Eltern objektiv betrachten? Darüber urteilen?"
Natürlich ist (ver)urteilen schlecht.
Aber:
Ich sehe in dem Text den Versuch selber mit der Situation klarzukommen. Ich finde den Weg o.k., der Mutter eine Freundin sein zu wollen und emotional klar kommen zu wollen. Nicht aus Selbstaufgabe, sondern auch für sich selbst.
Objektiv kann wohl niemand eine Ehe beurteilen, noch nichtmal die Ehepartner selbst, und das niemals ausschliesslich nur ein Teil die Sache vergeigt, sollte auch klar sein.
Zu sagen: "Er ging fremd, also ist er Schuld" ist mir zu billig, und der 21jährigen Autorin hoffentlich auch. Es gibt sicher eine Vorgeschichte und ... ach, was soll's.
Trotzdem, wenn Tochter und Mutter nun gemeinsam die Phasten der Trauer durchmachen, incl. einer riesigen Wut auf den Vater, dann kann das doch heilsam sein. Zumindest wenn diese Phase irgendwann auch vorüber geht.
08.02.2010 17:55 Uhr
WesCadle
RE: Bademantel Of Destruction.Es ist ein Text.
Aber Danke, für die vielen Gedanken.
08.02.2010 18:02 Uhr
apfel_saft
RE: Bademantel Of Destruction."Und vorallem: solltest Du das wirklich tun= Du bist Tochter. Nicht Freund oder Freundin Deiner Mutter oder Vater. Das kannst weder Ehepartner noch Freund/in ersetzen, ohne Deine eigene Beziehung zu Deinen Eltern als Tochter aufs Spiel zu setzen."
Natürlich. Wie wahr das ist. Aber genau das ist so schwer. Natürlich ist man das Kind der Eltern, man sollte den Bruch nur objektiv beurteilen. Doch wenn er durch das Betrügen eines Partners, in dem Fall Elternteils mitverursacht wird, ist genau das das schwerste. Auch wenn es vielleicht falsch ist, aber man kann nicht objektiv bleiben, man kann das dem anderen Elternteil nur schwer verzeihen, auch, wend du dich da eigentlich gar nicht einmischen solltest.
24.02.2010 22:23 Uhr
B.tina
RE: Bademantel Of Destruction.Das habe ich beim Lesen auch gedacht.
08.02.2010 16:03 Uhr
Blutsfraeulein12
RE: Bademantel Of Destruction.Ich mag deinen Schreibstil.
Irgendwie abgeklärt, aber trotzdem voller Bilder, die Gefühl wiederspiegeln.
08.02.2010 15:47 Uhr
benedictsmutter
RE: Bademantel Of Destruction.So lange bis du nicht nur Fünfundzwanzigjahre sondern auch Ohnmächtig auseinander schreiben kannst. Und mit dem "Ohn" schmeissen wir dann in ihr linkes oberes Fenster endlich ein.
YEAH!
08.02.2010 15:55 Uhr
soislbagger
RE: Bademantel Of Destruction.destruction of bademantel
08.02.2010 16:07 Uhr
sun-chan87
RE: Bademantel Of Destruction.Wieder eine dieser Ehegeschichten, in der beide wissen dass es nicht mehr funktioniert, aber erst eine andere Frau auftauchen musste, um wirklich ein Ende zu setzen?
Schön geschrieben.
08.02.2010 16:16 Uhr
schauby
RE: Bademantel Of Destruction.Es bieten sich andauernd Möglichkeiten schwierige Beziehungen zu beenden, die wahren Probleme indes lösen sich damit selten.
09.02.2010 03:44 Uhr
03ich88
RE: Bademantel Of Destruction.sehr bildhaft geschrieben. 25 Jahre sind 1/4 Jahrhundert, Erinnerungen, Schmerz, Freude, Glück, Trauer. Die Geister der Weihnacht zeigen auch die Zukunft. Ist sie in 25 Jahren so anders? Danke.
08.02.2010 21:55 Uhr
Zimtsternschnuppe
RE: Bademantel Of Destruction.Danke. Bei mir wars letztes Jahr, nach 23 Jahren.
Besonders der letzte Absatz hat mir gut getan.
08.02.2010 22:42 Uhr
Picou
RE: Bademantel Of Destruction.ging/geht mir genauso!
08.02.2010 22:59 Uhr
coronaria
RE: Bademantel Of Destruction.Schöne Sätze. Wie dieser:
"Winter. Er war eingebrochen. Du auch."
Gefällt mir.
09.02.2010 11:03 Uhr
TochterAusElysium
RE: Bademantel Of Destruction.bääähm!
das sitzt.
sehr sehr schön. sehr sehr tief.
irgendwie ist es wohl die angst jedes kindes – auch grundlos – dass eltern sich entlieben. ich wünsch mir, dass das nie passiert. und euch alle kraft der welt.
09.02.2010 16:40 Uhr
frl_smilla
RE: Bademantel Of Destruction.Also, ich mag den auch.
Hab ihn heute Mittag gelesen und mal sacken lassen.
Läuft sehr gut rein.
Nüchtern und sprachlich nix auszusetzen.
Achtung, ich mach jetzt mal was, was ich -- glaube ich -- noch nie gemacht habe:
*thumbs up*
09.02.2010 16:49 Uhr
TriangleWalks
RE: Bademantel Of Destruction.Es geht nicht nur um dich. Es geht um sie, um ihn, um deine Mutter. Du, ich, wir sind Nebendarsteller. Es ist schwer für alle. Für ihn besonders und für deine Mutter erst recht. Das wissen wir. Schon oft erlebt. Du zum ersten Mal, anmaßend. Es tut weh, die wichtigsten Menschen in seinem Leben verletzt, traurig, getrennt zu sehen. Es ist ein neuer Abschnitt, Lebensabschnitt. Denn darum geht es, um sein Leben. Seine Entscheidung für ein Leben mit ihr, nicht gegen ein Leben mit dir. Undankbar.
Nächtliche Besuche. Die Dreistigkeit schlechthin.
Aus diesem und wie wir wissen auch aus anderen Gründen, sollten sich vielleicht ausnahmslos alle in dieser Geschichte einmal schämen.
09.02.2010 22:56 Uhr
WesCadle
RE: Bademantel Of Destruction.Anmaßend. Bemerkenswert, dass du das sagst.
10.02.2010 14:43 Uhr
Hidiho
RE: Bademantel Of Destruction.Beeindruckend und erdrückend zugleich. So kann es sich wohl anfühlen, wenn die Eltern sich trennen, wenn die Kinder keine Kinder mehr sind. Ich war 6, mir blieb diese Reflexion erspart....
12.02.2010 18:18 Uhr
Junger_Faust
RE: Bademantel Of Destruction.konnte den text nicht genießen, da er mir wie eine schwulstiger tumor auf einer guten idee vorkommt.
25.02.2010 12:21 Uhr