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Erwachsen werden

Erwachsen werden
Kathrin Hartmann

Heimat im Kopf

18.08.2006 10:30 Uhr

Die Globalisierung stiehlt Orten ihre Identität, weil sie die Welt gleich macht. Unsere Heimat ist nicht mehr die, in der wir groß geworden sind.

von Kathrin_Hartmann

Ich hab eine alte Ansichtkarte, sie ist aus den 70er Jahren, coloriert und mit gezacktem Rand, „Schöne Grüße aus Wallenhausen“. Zu sehen ist ein kleines Dorf mit einer kleinen Barockkirche und alten Bauernhäusern, einmal von ganz nah, einmal ein bisschen weiter weg, einmal ganz weit weg mit Wiesen und Feldern im Vordergrund. Wallenhausen ist kein besonderes Dorf. Es hat keine besonderen Sehenswürdigkeiten und keine besondere Geschichte. Nur meine: Es ist mein Heimatdorf.

Ich habe die Ansichtskarte als Kind im Tante-Emma-Laden gekauft, als es noch einen dort gab und die Bilder der Wirklichkeit entsprachen. Heute ist das Dorf voll mit diesen neuen Einfamilienhäusern, die aussehen wie aus einem Bausparkassen-Spot und genau so in jedem Ort stehen; mit ihren riesigen Familienpanzern fahren deren Bewohner zum Einkaufen ins nächst gelegene Einkaufszentrum. Der schöne Blick vom Feld ist verstellt von einem riesigen Stall aus Beton, in den Vorgärten wohnen keine Gartenzwerge mehr, stattdessen tummeln sich dort Scheußlichkeiten aus Terracotta und Gips.
Natürlich hat sich mein Heimatort verändert. Aber nicht nur, weil Zeit vergangen ist, sondern auch, weil dem Ort die kulturelle Identität abhanden gekommen ist. Früher waren Orte definiert durch ihre Architektur, Menschen, Dialekte, Geschichten und Traditionen. Diese Grenzen waren die Voraussetzung für Identität. Doch die Globalisierung macht die Welt gleicher. Es gibt keinen abgeschotteten Kleinstkosmos mehr, der Zugehörigkeit garantiert, denn dieselben Waren und Medien und Moden überall hinkommen, jedenfalls in Deutschland.

Edgar Reitz, Autor und Regisseur der Fernsehtrilogie „Heimat“ sagt: „In Zeiten der Globalisierung ist Heimat ein zeitlicher Begriff.“ Er ist verortet in der Kindheit und steht für die ersten prägenden Erlebnisse und sinnlichen Erfahrungen. Heimat ist mehr als der Ort, der tatsächlich existiert. Sie ist das, wofür der Ort im Rückblick steht – er ist Projektionsfläche und aufgeladen mit Emotionen. Auch wenn sich der Ort verändert, bleibt Heimat unvergänglich. Man überträgt seine Erinnerungen auf das noch Vorhandene, auf Selbstverständlichkeiten, die eine Gefühl der Vertrautheit und Zugehörigkeit auslösen.
Wenn ich die Landstraße entlang nach Wallenhausen fahre und hinter dem ersten Hügel den Kirchturm sehe, der vor einer Wand aus Wald steht, dann habe ich immer noch das wohlig sichere Gefühl, das dort das Ende der Welt ist. Ich reiße mich sogar darum, den Garten meiner Eltern zu gießen, weil ich das plätschernde Wasser, das sich mit Wortfetzen aus den Nachbargärten mischt, plötzlich als angenehm vertraut wahrnehme. Ich liebe es, in der kleinen alten Wirtschaft im Nachbardorf zu sitzen, den Leuten zuzuhören, wie sie sich im Dialekt meiner Kindheit unterhalten. Das selbst gebraute Bier schmeckt nur unter den Kastanien dort so köstlich - nach Heimat.

Wie hat sich Deine Heimatort verändert? Und was ist für Dich trotzdem Heimat geblieben?

von Kathrin_Hartmann


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Kommentare

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Pamina

RE: Heimat im Kopf

Schöner Artikel! Und ein Thema, das mich zunehmend beschäftigt: Die Erinnerung ist ja bekanntlich das Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Darum bleibt das Zuhause unserer Kindheit oft auch wesentlicher Teil unserer Heimat. Auch wenn uns das oft erst viel später bewusst wird. Ich selbst bin in meinen ersten 20 Lebensjahren 10 mal umgezogen, an andere Orte, ins Ausland und zurück. Meine Heimat ist, wie du richtig schreibst, in meinem Kopf, wo sonst.

Schade finde ich es dagegen, dass viele Orte, die ich neu kennenlerne, sich so verdammt ähneln: Überall dieselben Coffeeshops, dieselben Designerlabels auf den Prachtstraßen, dieselbe Kunst in den Museen. Alles schön, alles gleich. Die Neugier bleibt auf der Strecke - und ich lieber zu Hause...

18.08.2006 13:32 Uhr

RedSonja

RE: Heimat im Kopf

tjsa. der ort wo ich geboren wurde ist nun wieder meine heimat. bis ich vielleicht eine in berlin gefunden habe. aber bis dahin ists ncoh was befürchte ich, wenns überhaupt wird.

nach 8 umzügen in vierund aus vier ländern ist da nichts mehr mit heimat, außer eben da, wo noch meine mutter lebt. da mach ich jetzt jedes jahr 2-3mal urlaub .. vom ausland hab ich genug.

und ich verschicke immer stolz postkärtchen aus meinem dorlf

18.08.2006 14:03 Uhr

Stacheligel

RE: Heimat im Kopf

mit orten verbinde ich keine heimat, eher mit menschen an den orten. aber auch die menschen lösgelöst von ihren orten. für mich ist heimat immer da, wo ich ich selbst sein kann.

18.08.2006 19:22 Uhr

Coogar

RE: Heimat im Kopf

Heimat ist für mich ein sehr relativer Begriff, bin auch zig Mal umgezogen, schon in der Kindheit, habe deswegen nicht wirklich eine enge Bindung an einen bestimmten Ort.
Aber abgesehen davon finde ich es trotzdem schade, wenn gemütliche heimelige Ortschaften ihren Charakter verlieren.

25.08.2006 11:39 Uhr

Saha

RE: Heimat im Kopf

Ganz banal; Heimat ist da, wo große grüne Wiesen sind und es ein bisschen nach Kuh riecht.
Heimat ist kein Ort- Heimat ist ein Gefühl.

25.08.2006 13:49 Uhr

zzebra

RE: Heimat im Kopf


Heimat ist für mich dort, wo ich mich Zuhause fühle, egal wie lange und wo. Das kann der Kamm einer Düne sein oder ein Bungalow im Urlaub, eine Tasse Kaffee in Ruhe und Stille an einem Ort, der zur Unwichtigkeit degradiert wird, oder ein Gedanke, eine Idee, die mir Erdennähe bringt. Die Mär vom heimatlichen Kindheitsschema greift bei mir nicht. Die Anwesenheit gewisser Menschen bereitet mir allerdings das größte Heimatgefühl. Vielleicht fühle ich mich deswegen oft sehr unwohl in Gesellschaft.

zz.

25.08.2006 13:56 Uhr

ninasofie

RE: Heimat im Kopf

Für mich ist meine Heimat mein kleines Dorf, auch wenn ich mir oft wünsche, in der Stadt zuleben. Da gibt es einfach mehr möglichkeiten.... aber irgendwie brauche ich dann auch immer diee Dorfidylle. ich denke mein dorf leibt immer meine heimat, auch wenn ich mal in die stadt ziehe.

25.08.2006 14:19 Uhr

brot

RE: Heimat im Kopf

wenn ich schlaf und träume und dabei den ort erkenne, an dem fliege liege etc. , dann ist es meist die kleine stadt, in der ich kind war.
heimat ist der ort, in dem die meisten träume führen. also.


ich habe größte zweifel, wie sinnvoll es ist, auch hier schon wieder die globalisierung anzuführen. völlig misverstandener sündenbock. wahrscheinlich sollte man das fernsehen abschaffen, damit alle ihre identität bewahren. und massenproduktion auch und den wohlstand gleich mit. dafür dann feldarbeit für jeden, damit er weiss was seine heimat ist. zeit verändert, mit oder ohne globalisierung.

25.08.2006 16:18 Uhr

Maryjay

RE: Heimat im Kopf

Heimat ist, wo das Herz weh tut.

25.08.2006 20:59 Uhr

uschi_fisch

RE: Heimat im Kopf

Immer im Kopf!
Es kann ein Mensch sein der mich grüßt, obwohl ich ihn gar nicht kenne.
Es kann ein Geruch oder eine Musik sein, die mir vertraut sind. Die mich an etwas erinnern, dass ich gern habe.
Und es ist ganz sicher da, wo ich mich mir selbst ganz nah fühle, im heute und jetzt, in meinem Ursprung bin.

25.08.2006 23:36 Uhr

Berneaux

Heimat ist dort, wo man sich am wohlsten fühlt

"Es gibt keinen abgeschotteten Kleinstkosmos mehr, der Zugehörigkeit garantiert"...

Meiner Meinung nach schön, dass es so ist. Man sollte die Globalisierung doch bitteschön auch als Bereicherung sehen und anerkennen. Dieses eher kleinkrämerische Abschotten vom Rest der Welt, weil man sich "seine Identität" nicht nehmen lassen möchte, hat leider etwas mit diesem schrecklichen und unbegründeten Patriotismus zu tun, der seine Existenz damit rechtfertigt, die eigene Nation, die eigene Stadt, das eigene Dorf rangmäßig immer über alle weiteren der Welt zu stellen und damit den Unmut der Anderen zu provozieren. Dadurch sucht jede Art von Patriotismus grundsätzlich auch nach Feindbildern und tut der Weltgemeinschaft natrugemäß alles andere als gut. Des Weiteren frage ich mich, was eine "garantierte Zugehörigkeit" darstellen soll. Der persönliche Lebensstil, die persönliche Überzeugung und das eigene Denken und Empfinden werden ohnhin nicht dadurch beeinflusst, dass sich Äußerlichkeiten eines Ortes verändern. Wenn ich weiterhin der Überzeugung bin, Menschen so leben lassen zu müssen, wie sie es für sich selbst am richtigsten empfinden, dann muss ich auch damit Vorlieb nehmen, dass sich Häuser, Gärten, Straßen und Orte dahingehend verändern, dass sie nicht mehr unbedingt nach meinem Geschmack geprägt sind. Aber auch das gehört eigentlich zu weltlicher Toleranz, die ich bei einem aufgeklärten Menschen der Neuzeit voraussetze.

27.08.2006 13:47 Uhr

zwischenmenschlich

RE: Heimat im Kopf

der artikel ist toll. hab anschließend viel drüber nachgedacht.
ja, heimat. meine stadt ist eine schöne stadt und ich habe wirklich nichts gegen sie einzuwenden. ja, ich hänge sogar sehr an ihr. das dorf, in dem ich wohne hingegen macht mich wahnsinnig. jeder, der 18 jahre in ein und dem selben winzigen ort verbracht hat, wird das vermutlich nachvollziehen können. aber dennoch: es ist schön zu wissen, dass es trotz allen schnellen veränderungen im leben einige dinge nie ändern werden. die turmuhr gehört dazu, der geruch von kuhmist im sommer und diese absolute stille im winter.
heimat besteht für mich aus zwei komponenten: aus gefühlen und dingen, mit denen man diese gefühle füllen kann.
es gibt aber einen punkt, an dem man all das gar nicht mehr haben will. an dem die welt nach dir ruft und du sofort bereit bist, deinen wanderrucksack zu packen und ihrem ruf zu folgen. ich bin an diesem punkt. und in wenigen monaten werde ich meinen rucksack packen und diese stadt verlassen. in der französischen ferne werde ich wohl vieles vermissen, nicht nur den kuhmist.
ich habe wikipedia bemüht und weiß jetzt, dass es dort sogar drei sehr alte turmuhren gibt. keine wird sein wie diese hier, das steht fest. aber ich werde diese andere stadt vermutlich genauso lieben können wie meine eigene, wenn ich es bloß zulasse.

30.09.2006 16:02 Uhr

franza

Heimweh

Seit drei Jahren lebe ich im Ausland der Liebe wegen, starte da beruflich auch gerade einen Neuanfang und muss ständig Entscheidungen treffen und eine gute Figur vor anderen machen. Komme ich dann zweimal im Jahr "nach Hause" in mein sächsisches 500-Seelendorf, heule ich meistens vor Freude - es ist nun mal der persönlichste Platz der Welt. Ich kenne das gut, diese Bindung an Objekte, Häuser, Landschaft: der vertraute Hang, der besondere Geruch nach Gras oder Schnee, der Kirchturm, den ich von weitem auftauchen sehe ... Heimat hat mit Geborgenheit zu tun. Und somit auch viel mit nahestehenden Menschen. Das ist die andere Seite. Kaum zur Tür herein, bist du wieder Kind deiner Eltern. Das nervt zuweilen, tut aber gleichzeitig unglaublich gut. Einfach mal wieder für nichts mehr verantwortlich sein ... ein bisschen im Haushalt helfen, die alten Bücher vorkramen, endlich wieder dazugehören ... Ganz wichtig auch: Die alten Kontakte mit vertrauten Menschen, die man von kleinauf kennt. Die Wiederbegegnung mit der Wärme. Im Sommer war ich auf einem ganz klassischen Dorffest mit Bierzelt und allem, was dazugehört. Da haben mich einige Leute mit grossem Hallo begrüsst und umarmt, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Wir haben zusammen gefeiert und ich konnte mal wieder richtig sächsisch reden. Das war ein richtiges Glücksgefühl.

11.10.2006 13:14 Uhr

SONNE54

Gruppenzwang

... es ist erschreckend, wie oft ich mich dabei ertappe, dass die NEON die Themen aufgreift, die mich derzeit beschäftigen. Jeder geht heutzutage für lange Zeit ins Ausland. "Du musst Auslandserfahrungen sammeln". Nur was ist, wenn man nicht der Typ dazu ist? Ich möchte spontan in meine Heimat fahren können und nicht ewig vorher einen Flug buchen müssen. Ich denke, man kann auch ohne Auslandserfahrung Karriere in Deutschland machen. Es ist wie ein neuer Hype - DIE AUSLANDSERFAHRUNG. Jeder sollte für sich selber herausfinden, ob er geeignet ist für eine andere Kultur. Lasst Euch nicht zwingen! Ich schätze meine Heimat sehr und werde irgendwann dahin zurückkehren.

19.10.2006 19:04 Uhr



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