Musik

Dein ganz privater DJ
20.10.2006 16:29 Uhr
Menschen, die gern Musik kaufen, aber nicht wissen welche, werden von der Musikindustrie »Schläfer« genannt. INTERNETRADIOS könnten sie jetzt wecken.
Frisch entdeckte Lieblingslieder sind wie neue Beziehungen. Sie verursachen zuerst ein tolles Gefühl. Dann lässt die Wirkung nach. Der schlimmste Fall: Sie fangen an zu nerven. Deshalb – zumindest bei Musik ist das so – braucht man ständig Nachschub.
Doch woher soll der kommen? Neue Seiten im Netz wollen die Suche nach guter Musik revolutionieren. Es sind intelligente Suchmaschinen wie Gnoosic (www.gnoosic.com). Im Browserfenster erscheint eine Seite mit einfachem Prinzip: Man gibt die Namen von drei Lieblingsbands ein. Das System schlägt dann Gruppen vor, die einem auch gefallen könnten, zehn Mal hintereinander. Indem man beim Hören entscheidet »gefällt mir«, »gefällt mir nicht«, werden die Vorschläge von Gnoosic immer besser, die Suche genauer.
Wie das System funktioniert? »Künstliche Intelligenz«, sagt Erfinder Marek Gibney. Dahinter stecken die Vorlieben der User, die das Experiment bereits gemacht haben – zusammengehalten von Algorithmen. Statt künstlicher handelt es sich also eher um eine kollektive Intelligenz: Je mehr Leute das System benutzen – desto besser funktioniert es. Die Ergebnisse kann man sich auf einer Landkarte anzeigen lassen: Da liegt Roots Manuva neben TTC, Madonna neben Kylie Minogue.
Nach ähnlichem Muster funktioniert www.last.fm. Hier kann man ein Programm herunterladen, das die heimische Musiksammlung in die Auswertung mit einbezieht – jedes Mal, wenn man ein Stück abspielt, übermittelt die Software Titel und Künstler an einen Server in London – so gewinnt last.fm einen immer genaueren Einblick in den individuellen Musikgeschmack und spielt bald nur noch Lieblingstracks ab. Anders gestrickt ist www.pandora.com. Auch hier lautet die Einstiegsfrage: »Lieblingsband?« Die Seite legt daraufhin einen Radiosender mit ähnlichen Künstlern an. Pandora reagiert ebenfalls auf Bewertungen der Hörer, allerdings beruhen die Vorschläge auf einer Analyse der musikalischen Zutaten. »Portishead« zum Beispiel besteht aus elektronischen Wurzeln, Downtempo-Einflüssen, dynamischer Frauenstimme und »trippigen Soundscapes«. Hunderttausend Songs sind so mit Etiketten beklebt. Und das funktioniert: Pandora trifft wirklich genau den Geschmack. Es lassen sich auch verschiedene Lieblingsband-Radios anlegen. Überraschungen wie bei Gnoosic, das Hip-Hop-Fans auch lustige Punkbands nahelegt, sind aber selten. Und nach zehn Minuten bittet einen das System leider, sich registrieren zu lassen. Bislang sind nur US-Postleitzahlen zugelassen – allerdings können die Adressen nicht überprüft werden.
Zukunftsmusik ist »Renommee Agent«, das es nur für Kunden gibt, die Musik kommerziell nutzen. Das Prinzip der intuitiven Musiksuche soll jedoch bald auch für normale Hörer umgesetzt werden, sagt Agent-Gründer Rene Herzer. Unter www.renommee.net kann man sich ansehen, wie es funktioniert: Musik ist hier mit Farben, Worten und Bildern assoziiert. Lust auf den Klang von kühlem Blau, Weltraum oder kleinen Tieren? In der »Mood«-Suche bewegt man den Cursor über Farbflächen, die nach Farben wie Rot (»warm«) oder Blau (»kühl«) und nach Themen eingeteilt sind. Davon stehen an die 70 zur Wahl, die zu konkreten Musikvorschlägen führen: Traum- und Märchenwelten verlinken etwa zu einem Ambientsong, der »Räume der Konzentration und Entspannung « aufbaut.
Für Gnoosic-Erfinder Gibney ist das alles erst der Anfang. »Demnächst bekommen wir Elektrokabel in den Kopf gerammt. Dann sondiert die Maschine da rum und führt uns durch wunderbare Welten.« Spätestens dann werden wir uns nach dem guten alten Plattenladen zurücksehnen. Und nach Zufall und Chaos, die dort regierten, nach bunten Plattenhüllen und echten Menschen, die uns schon so manchen Glücksgriff beschert haben.




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