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Kazoom!

20.10.2006 17:11 Uhr

Marsch durch die Innovationen: Der Kolumnist macht jetzt auch einen auf Web 2.0. Ob das gut geht?

von Marc_Deckert

Manchmal denke ich, diese Seite sollte eine Web-2.0 -Applikation sein. Das wäre wirklich saupraktisch. Würden meine Chefs mal wieder drängeln, wo die Kolumne bleibt, könnte ich mich einfach im Stuhl zurücklehnen: »Sorry Jungs. Die wird gerade von der kollektiven Intelligenz des Web fertig geschrieben.«

Allerdings müsste ich dann erst mal einen hipperen Namen für die Seite finden. Vielleicht »Kazoom«. Oder »Bazookr«. Und ich selbst würde zu »Marcster«. Das Leben als Kolumnist 2.0 (oder doch »Deckr«?) wäre der feuchte Traum eines faulen Schreibers. Ich würde eigentlich den ganzen Tag nichts anderes tun als meine Freunde zählen. Listen von Lieblingsliedern erstellen. Die Tapete verbessern. Und am Ende würde mir ein greiser australischer Medienmagnat 20 Milliarden Euro geben, einfach so. Vielleicht würde ich dafür auch etwas für ihn tun. Zum Beispiel, ihm alles über meine Freunde verraten. Das fände aber gar niemand schlimm.

Niemand weiß ja so genau, was das »Web 2.0« eigentlich ist. Nur eins steht fest: Es ist entschieden cooler als 1.0. Deswegen möchte auch jeder dabei sein. Und es gibt nicht mehr nur ein Web 2.0. Es gibt auch Werbung 2.0, Marketing 2.0, Lunch 2.0 (wer’s nicht glaubt, bitte googeln). Selbst Tim Berners-Lee, der Erfinder des »World Wide Web«, sagte neulich, er blicke nicht mehr durch. Sicher, Wikis und Blogs seien eine super Sache. Aber Interaktivität, Vernetzung, neue soziale Räume – all das seien doch schon haargenau die Ideen des Web 1.0 gewesen. Leider hörte ihm niemand zu, als er das sagte. Die Leute waren viel zu beschäftigt, Botschaften an ihre Freunde 2.0 zu schicken und Meerschweinchenfotos auf

»Flickr« zu posten. Neulich rief ein bekanntes deutsches Versandhaus bei mir an. Sie fragten, ob NEON nicht einen Artikel über ihre Website schreiben wolle, wo sich eine Menge voll eingebundener »User« in einer echten »2.0-Umgebung« tummelt. Das ist ja ein Ding, dachte ich. Ich tippte die Adresse der Seite in meinen Browser, und es erschien: die Website eines deutschen Versandhauses. Man konnte Sofas, Schnellbrater und Kinderfahrräder anklicken. Faszinierend. Ich sagte, wir melden uns wieder.

Mancher wird sich fragen, was die kleinliche Nörgelei soll. Ich geb’s ja zu: Insgeheim habe natürlich auch ich bloß Angst, den Zug zu verpassen. Als letzter 1.0-Mensch das Licht auszumachen. Ein Kolumnenschreiber ohne zählbare Freunde. Ohne Soundfiles. Ohne Tapete. Ohne Risikokapital. Manchmal träume ich wirklich schlecht, weil mir klar wird, dass Kolumnenschreiber Gutenachtgeschichtenopas für Leute mit zu viel Zeit und pathologisch langer Aufmerksamkeitsspanne sind. Ich wälze mich hin und her und stelle mir vor, wie eine Gruppe von Anthropologiestudenten in 1000 Jahren zufällig meine Gebeine ausgräbt und der Professor ruft: »Wunderbar, ein typischer Vertreter der Generation 1.0. Achten Sie nur auf die merkwürdige Schädelform. Er hatte keine Überlebenschance.«

Weil das nicht passieren soll, wird sich auf diesen Seiten zukünftig einiges ändern. Ich werde hier leider sehr viel Marketingkram über »ständiges Betastadium«, »die Macht der Blogosphäre« und »die Klugheit von Massen« erzählen müssen. Ich weiß, das ist langweilig, aber sorry, dafür werde ich wirklich sehr viel Geld bekommen. Und diese Kolumne wird künftig jeden User nach ein paar Daten fragen. Und sie wird dein Haus aus dem Weltall betrachten. Ehrlich, es tut mir leid, aber das Web 2.0 ist nun mal ein Arschloch.

von Marc_Deckert


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Kommentare

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theflipper

RE: Kazoom!

Großartig! Endlich sagt das mal jemand. Die "neue Interaktivität" ist mir absolut zuwider. Habe das Gefühl, dass der soziale Status mittlerweile über die Freundeszahlen bei myspace, studivz. und ähnlichen Bekanntenportalen definiert wird. Dabei ist es im Prinzip doch entweder nur der verzweifelte Versuch, irgendwie Aufmerksamkeit zu erhaschen, oder aber, bei diesem ganzen Freunde-Ge"adde", sein Selbstwertgefühl zu steigern und darüber hinwegzutäuschen, dass man die meisten Menschen doch eh aus den Augen verloren hat - oder nie richtig kannte. Meine guten Freunde muss ich nicht mittels eines Computers treffen.
Gruselig, und vor allem unehrlich, die Menschen, die sich in den Myspace-Welten hunderte Freunde anlachen. Gruselig, das die Web2.0-Möglichkeiten Hinz und Kunz dazu aufrufen, sich und ihr langweiliges Leben in noch viel langweiligere virtuelle Wohnzimmer zu verfrachten. Gruselig, dass jedes Urlaubsfoto zwingend im World Wide Web abgeladen werden muss.

21.10.2006 17:28 Uhr

dollesweib

RE: Kazoom!

Gruselig, dass manche Leute sich vor Dingen gruseln, mit denen sie selbst leben und die sie sogar zu ihrem Vorteil nutzen...wenn du verstehst was ich meine.
Du schreibst hier deinen Kommentar in einem, mehr oder weniger, "langweilig(n) virtuelle(n) Wohnzimmer"!
Wie kann man denn etwas so verteufeln, wenn man selbst mittendrin ist!?
Zugegeben, dein Profil scheint etwas leer und ungenutzt, aber selbst das macht ne Aussage über dich. Allein die Wahl von deinem Nickname gibt möglicherweise etwas über dich preis.
Bin mir nur noch nicht ganz sicher ob du eher ein Delfin, ein Spielautomat oder gar ein Sänger bist... :-)

25.10.2006 23:52 Uhr

KrankeSchwester

RE: Kazoom!

ich stimme für 'bazookr'.
hachja, so langsam werdsch n richtiger fan der kolumne Oo.

26.10.2006 17:29 Uhr

Klosterman

RE: Kazoom!

neeee... der Kazoom artikel war scheiße... die 3 artikel davor wahren viel geiler...
Wo bleibt Bizzaro Superman oder die lustigen Eisbären...

Deckert schreibt echt super, aber Kazoom is fürn Arsch...

30.10.2006 16:19 Uhr



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