Musik
»Das Berühren der Menschen ist immer eine Frage des Momentes.«
27.08.2004 09:53 Uhr
Thomas Dörschel von Virginia Jetzt! über das Anfängersein, musikalische Veränderungen, gute Popsongs, die positive Wirkung von Schmerz & echte Ideale.
"Die einzige Freude auf der Welt ist das Anfangen. Es ist schön, zu leben, weil Leben Anfangen ist, immer, in jedem Augenblick."
Konfrontiert mit jenem Zitat des italienischen Schriftstellers Cesare Pavese (1908-50), nickt Thomas Dörschel, Saitenmann, Tastenmann und Mann der Worte und Töne bei Virginia Jetzt! euphorisch:
Das ist unser Album, genau das! Der Albumtitel ist ja eigentlich erst durch das Lied "Weil wir Anfänger sind" entstanden, das wir immer "Anfänger" abgekürzt haben. In dem Stück geht es darum, dass Du in Beziehungen immer wieder Anfänger bist. Also nicht nur in jeder neuen Beziehung, sondern auch, weil Du ständig mit Alltagskämpfen und Dingen des Partners konfrontiert wirst, die Du nicht vorhersehen kannst. Es ist eine große Kunst, eine Beziehung aufrecht zu erhalten. Dadurch sind wir darauf gekommen, dass man ständig immer wieder Anfänger ist, in ganz vielen Dingen.
Wart Ihr während der Aufnahmen zu Eurem zweiten Album auch Anfänger?
Ja, denn wir wollten einiges anders machen, als beim ersten Album - z.B. von diesem "Von guten Eltern"-Rock wegkommen. Das sind Stücke, die uns schon noch Spaß machen, wenn wir sie live spielen, aber zu unseren Lieblingsliedern zählen wir sie nicht. Es wäre total einfach gewesen, sowas noch mal zu machen. Wir wollten vor allem deswegen davon weg, weil die erste Platte größtenteils über solche Stücke identifiziert wurde - "Das Beste für alle" und "Angekommen" und sowas. Und dass da aber noch andere drauf waren wie "Die Musik von hier nach dort", was ich für das beste Stück auf "Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!" halte, ist ein bisschen untergegangen. Aber genau das waren für uns die zukunftsweisenden Stücke. Eine Art von Popmusik zu machen, die ernsthaft ist und bei der man nicht im Refrain auf den Verzerrer treten muss, damit das Stück aufgeht. Wenn man dann versucht, von Mechanismen, die man gut beherrscht, wegzukommen, dann kommt man sich immer erstmal wie ein Anfänger vor, weil man etwas ausprobieren muss, was man nicht kennt. Da steht man im Proberaum und denkt sich: Eigentlich würde ich jetzt gerne auf den Verzerrer treten, aber das will ich nicht machen - ich will nicht, dass es noch mal so läuft, wie bei einigen Stücken früher. Sondern ich will es irgendwie auf eine intelligentere Art und Weise schaffen. Und dann stehst Du wieder da, wo Du vor ein paar Jahren warst, als Du z.B. noch nicht wusstest, wie man einen Song kompakt macht. Immer, wenn man etwas zum allerersten Mal macht, ist man ein Anfänger. Und deswegen passt der Titel sehr gut zum Album, zu uns persönlich.
Macht man sich unangreifbar, wenn man sich selbst als "Anfänger" betitelt?
Wenn Du den "Anfänger" lieferst, bietet das den Leuten schon eine Angriffsfläche. Auch wenn das platt erscheinen mag, aber die sagen: "Genau, hör Dir diese Platte an – das sind Anfänger!" Also man nimmt mit dem Titel nicht unbedingt Wind aus den Segeln. Das war beim ersten Album, "Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!" genauso. Da haben Leute auch einerseits gesagt: Vor denen muss man keine Angst haben, die sind so harmlos. Andere haben gesagt: Ja, ich habe Angst vor Virginia Jetzt!.
Du hast gerade schon ein bisschen erzählt, was sich musikalisch verändert hat. "Hier zu sein" ist musikalisch sehr überraschend. Oder auch "So viel mehr", der Hidden Track.
Viele, die das Album schon kennen, sagen: "‚So viel mehr’ ist doch ein super Stück, warum versteckt ihr das?" Aber dieses Frank Sinatra-Robbie Williams-‚Swing when you’re winning’-Ding sticht von der Stimmung her total heraus, deswegen ist es ein Hidden Track.
"Hier zu sein" war eine Überraschung, ja. Als wir das im Proberaum anfingen, hatte es einen Touch von Neil Young zu "Harvest"-Zeiten. Aber ich war damit sehr unzufrieden. Und dann haben wie einen Rhodes reingenommen...
Inwiefern seid Ihr das zweite Album anders angegangen?
Unser Ziel war, ein Album zu machen, das eine gewisse Größe hat. Das haben wir in Teilen geschafft – ich finde, "Spurlos verschwinden" hat vom Produktionstechnischen her eine unglaubliche Größe – aber nicht durchziehen können.
Ich hatte mal den Vorschlag gemacht, dass Mathias und ich zehn Alben zusammenstellen, die wir groß finden und die für unser Album Pate stehen sollen. Da wäre z.B. "Achtung, Baby!" von U2 dabeigewesen. Am Ende von "Spurlos verschwinden" ist ja auch so eine The Edge-Gitarre. Ich habe mir genau überlegt, wie The Edge seinen Sound erreicht. Depeche Mode wären auch noch dabei gewesen. Und wahrscheinlich eine The Cure-Platte, "Disintegration", weil sie von der Stimmung her perfekt ist. Um zu zeigen, dass man so eine Stimmung auf einer Platte von Anfang bis Ende halten kann. Das finde ich beim Albummachen wichtig, weil alles andere nur ein Sammelsurium von Songs ist.
Bekommt man als Songschreiber Distanz zu einem Stück, sobald es veröffentlicht ist?
Ja, aber schon beim allerersten Mal, wenn ich jemandem ein neues Stück vorspiele. Ich verliere natürlich an Nähe, aber die geht auch nie komplett verloren.
Woran liegt das? Ist das Selbstschutz?
Dass man an Nähe verliert?
Oder an Distanz gewinnt, ja.
Man verliert an Tugenden und gewinnt an schlechten Eigenschaften - gut eigentlich!
Ich weiß nicht, ob das Selbstschutz ist. Ich glaube, es ist doch mit allem im Leben so, was man mit anderen Menschen teilt, dass es dann weniger Bedeutung für einen selbst bekommt. Deswegen fällt es ja auch so vielen Menschen schwer, ihren Musikgeschmack mit der Masse zu teilen. Sie wollen immer, dass der beste Freund und die beste Freundin die gleiche Platte mögen, damit man jemanden zum Austauschen hat, aber sie wollen nicht, dass zwei Millionen die gleiche Platte lieben.
Das ist doch eigentlich Quatsch.
Ja, das ist auch Quatsch. Aber es ist eben die Angst, nicht mehr etwas Besonderes zu haben. Und damit nicht mehr besonders zu sein, auf eine gewisse Art und Weise. Ich finde das auch sehr eitel, aber es ist leider so.
Theodor W. Adorno (1903-1969) hat nicht nur Philosophie und Psychologie, sondern auch Musikwissenschaften studiert und "Die Philosophie der neuen Musik" geschrieben. Darin hat er u.a. zu erklären versucht, was einen Song erfolgreich macht, was ein Song – er nannte das damals natürlich noch Schlager – besitzen muss, damit er ankommt. Adorno ist zu dem Schluss gekommen, dass ein guter Popsong latente oder offene Bedürfnislagen des Publikums treffen muss und somit eine Art Ersatzbefriedigung für das real Versagte darstellt.
Da hat er nicht ganz unrecht. Aber in der heutigen Zeit ist das ziemlich hinfällig, zumindest, was den erfolgreichen Popsong betrifft. Ich glaube nicht, dass ein "Dragostea Din Tei" latente oder offene Bedürfnisse des Publikums bedient.
Möglicherweise das Bedürfnis nach einer gewissen Fröhlichkeit? Die vermissen doch heutzutage viele.
Vielleicht hat Adorno dann auch bei diesem Beispiel recht...ich hoffe eigentlich nicht. Weil ein "Dragostea Din Tei" stumpf ist und nichts bedeutet. Ich habe in Musikwissenschaften gelernt, dass das Bedürfnissewecken bei einer erfolgreichen Komposition gar nicht so viel ausmacht. Sondern eher Marketing. So unschön das auch ist.
Wenn den erfolgreichen Popsong zu einem unschön großen Anteil Marketing ausmacht, was macht dann nun den wahren guten Popsong aus?
Dass er Dich berührt, egal wo. Ob im Herzen oder in der Hüfte. Obwohl mir ja im Herzen immer noch lieber ist.
Glaubst Du, dass deutsche Texte besser funktionieren, weil man mit bestimmten Worten direkt Situationen und Erinnerungen assoziiert?
Das glaube ich nicht. Die Kunst ist einfach, Worte zu finden, die jeder sofort versteht, auch wenn er sie im Alltag nicht gebrauchen würde, weil die Fantasie oder was auch immer dazu fehlt. Es kann jeder in seinem Alltag "Ich liebe Dich" sagen und tut das irgendwann, des öfteren in seinem Leben. Aber das so in einem Lied zu tun ist selten gut, da es durch die Schlagermusik verheerend abgenutzt ist. Und so versucht man, Dinge anders auszudrücken. Es ist nicht gerade die kreativste Höchstleistung der Welt, aber nur als Beispiel: "Du hast Sterne im Gesicht" [aus "Dreifach schön"]. Ich habe festgestellt, dass das total angenommen wird, sobald mal ein Ausdruck etwas abweicht – denn so wird es ja auch interessanter. Wenn man Goethe liest oder Morgenstern, wie schön ist das denn manchmal? Oder wie schön ist Kästner?
Hast Du ein Lieblingsgedicht von Kästner?
"Sachliche Romanze", das könnte ich Dir jetzt auch aufsagen. Ich habe das sogar mal vertont und ein Lied daraus gemacht, vor Jahren.
"Das ganz normale Leben" beginnt mit der Zeile "Diese Zeit hat keinen Namen und keine echten Ideale". Was sind für Dich echte Ideale?
Ideale, die man nicht aufgibt, weil man Kompromisse eingehen muss. Wer sich mit 18 sagt, er will nicht mit 25 im Beruf versauern und keine Perspektive mehr haben und das dann doch tut, der hat seine Ideale echt verloren und nicht geschafft, sich selbst zu reflektieren über die ganze Zeit und auch dahin zu gehen, wo's weh tut.
Aber jemand, der das tut, weil er eine Familie gründet und so an etwas anderem gewinnt, den meine ich damit gar nicht. Sondern jemanden, der aus Bequemlichkeit sich treiben lässt und aufgibt - und da gibt's ne ganze Menge. Leute, die sich fertig machen lassen von diesem Alltagsscheiß, von dieser schlechten Politik, von diesen schlechten Nachrichten und dieser schlechten Wirtschaft, die irgendwie gerade alles bestimmt.
Im "Du musst dahin, wo's weh tut"-Prinzip könnte man auch eine Verbindung zum Titel Eures Debüts sehen – denn ein Mittel gegen Angst ist ja, genau das zu tun, wovor man Angst hat.
Genau. Und ein Mittel gegen Schmerz ist doch, dahinzugelangen und zu gucken, ob es wirklich weh tut, ob man es wirklich nicht schafft. Ich gehe auch gerne dahin, wo's weh tut. Aber nicht im psychischen Sinne, sondern im physischen. Mich hat der Zahnarzt immer gelobt. Er konnte bei mir machen, was er wollte – ich hatte ganz schlimme Zähne, auch immer noch – der hat Sachen mit mir gemacht, Dinger rausgeholt aus meinem Mund und ich hab dabei keine Miene verzogen. Noch ein Beispiel: Ich bin kein Exhibitionist und habe auch kein Interesse an Überlebenscamps. Aber wenn z.B. allen kalt ist, dann denke ich manchmal 'jetzt schock ich alle' – allein schon, um die Kälte zu überwinden – und entkleide mich obenrum. Es wird dann auf einmal unglaublich kalt, aber diese eine Minute Kälte ist nichts gegen die Wärme, die ich spüre, wenn ich mich wieder anziehe.
Es geht generell einfach darum, etwas zu riskieren im Leben und sich nicht aus Bequemlichkeit treiben zu lassen.
Welche Band hat Dich musikalisch sozialisiert?
Ganz wichtig waren Tocotronic. Vorher habe ich Musik relativ oberflächlich betrachtet, aber diese Band hat mir ein Gefühl für Musik vermittelt. Sie hat mich berührt.
Wahrscheinlich auch stark auf inhaltlicher Ebene, oder?
Klar, aber auch musikalisch.
Viele Menschen können mit Tocotronic nichts anfangen.
Mir geht es so mit den Smiths. Ich habe mich mit denen zwar mal ein bisschen beschäftigt, aber das Berühren der Menschen ist – und das ist ja genau das, was Adorno gesagt hat – immer eine Frage des Momentes. Und eine Frage, die von vielen sozialen Aspekten beeinflusst wird. Also nicht nur von den eigenen, sondern von der ganzen Gesellschaft. Und Tocotronic sind zu einer Zeit gekommen, als Jugendliche orientierungslos waren, als sie keine Idole mehr hatten. Und genauso war das auch damals bei den Smiths, bei denen aber auf eine politischere Art und Weise. Das Interesse für alles, was mal wichtig war – Häuser besetzen, gegen Atomkraft sein und so – hatte in den 80er Jahren ja sehr stark abgenommen. Die Leute hatten dennoch das Bedürfnis, tanzbare Popmusik zu hören, die aber trotzdem einen kritischen Aspekt hatte. Das haben die Smiths ihnen gegeben. Mir aber zum Beispiel nicht, denn ich hatte diesen Moment einfach nicht. Aber bei Tocotronic.
Wichtig waren für mich natürlich auch Ben Folds (Five), keine Frage, das ist ja unüberhörbar. Und auch Singer/Songwriter ganz stark – Randy Newman, Billy Joel.
Ich habe mir gerade einen iPod zugelegt, damit ich nicht immer die ganzen CDs mit auf Tour nehmen muss. Ich musste mich bislang immer für 10-15 Platten entscheiden, die ich mitnehme. Aber dann will ich auf Tour meistens genau die hören, die ich gerade nicht dabei habe...
Was hältst Du von iTunes?
Das ist ein Supermarkt. Aber dieser Supermarkt wird in der nächsten Zeit auch vielen Musikern helfen. Die Leute, deren Interesse für Musik darüber hinausgeht, das Lied, das gerade im Radio läuft, zu besitzen, die gehen in den Laden und kaufen sich eine CD. Ich habe auch kein Interesse an vielen Files, die einfach nur virtuell für mich da sind. Ich habe nur insofern ein Interesse an gebrannten CDs, als dass ich mir von einer Band mal ein Bild machen kann und dann entscheide, ob ich mir die Original-CD kaufe. Aber die Leute, die vielleicht ein bisschen frustriert sind, weil sie zu bequem geworden sind, in einen Laden zu gehen und sich eine Single zu kaufen, die gehen jetzt eben zu iTunes. Das finde ich okay.
Seit einiger Zeit läuft auf den Musiksendern der Videoclip zu Eurer neuen Single, "Ein ganzer Sommer". Ihr habt in Portugal gedreht, wieder mit Benjamin Quabeck. Worum geht's in dem Video?
Wir unternehmen eine kleine Odyssee ins Niemandsland, um die Beziehung von Nino, unserem Sänger, zu Grabe zu tragen. Die ist eigentlich schon tot, aber noch nicht in seinem Kopf.
Als symbolische Handlung, sozusagen?
Ja. Und das geht auch nirgendwo anders, als an dem Ort, an dem er das größte Glück mit ihr erlebt hat - in dieser Grotte in Portugal. Wir sind anfangs mit dem Auto unterwegs, stellen es ab, laufen durch Kornfelder, über Berge, durch Flüsse, ich verletze mich, die anderen haben auch Risse im Gesicht, wir ticken so ein bisschen aus. Also es wird auch die psychische, nicht nur die körperliche Belastung deutlich. Und am Ende kommen wir an der Grotte an, Nino nimmt die Fotos und Briefe von ihr aus seinem Rucksack und wirft sie ins Meer. Verabschiedung. Gut. Jetzt ist er endlich befreit!
Ich finde es ganz hübsch, dass der Text eben nicht eins zu eins umgesetzt wurde. Am Anfang war ich dagegen, weil ich es zu platt fand, genau das Gegenteil von dem, was der Text sagt, zu machen. Aber im anderen Fall wäre Nino am Schluss erschüttert und das ist er gerade nicht. Er freut sich ja und klatscht mit Mathias am Ende ab: Jetzt haben wir's geschafft. Und das fand ich wiederum ganz gut.
Wie war es, in Portugal zu drehen?
Es war hart. Möchte ich auch ungern noch mal machen, auch wenn ich so auf Schmerz stehe...
Vier Tage in Portugal, diese unglaubliche Hitze und Benjamin ist niemand, der einfach mal eben acht Stunden am Tag dreht. Sondern von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Ihr habt vor kurzem Alanis Morissette supportet.
Die ist unglaublich professionell und langweilig. Ich hab mir den Scherz erlaubt, die Effektgeräte ihres Gitarristen zu fotografieren. Unglaublich. Der Gitarrist ist auch der "musikalische Leiter" der Band. Überhaupt die Tatsache, dass eine Band einen musikalischen Leiter hat, finde ich sehr strange. Diese Oberprofessionalität bringt dann natürlich auch eine gewisse Unlebendigkeit mit sich. Er hat z.B. vor dem Konzert alle Musiker zusammengetrommelt und noch mal erklärt, wie's läuft: "Da machen wir heute mal ein bisschen anders und da musst Du besser spielen..." und so weiter.
Im September spielt Ihr ein paar Russland-Konzerte im Auftrag des Goethe-Institutes.
Wir haben jahrelang gebettelt, dass uns das Goethe-Institut mal irgendwohin einlädt. Das wollten sie nie. Liegt aber auch daran, dass man irgendwie halbwegs bekannt sein muss, damit das Goethe-Institut das macht. Und jetzt wurden wir gefragt. Wir wollten ja eigentlich gerne mal nach Amerika, Afrika, Thailand oder so. Nun, jetzt eben Russland. Das wird, glaube ich, echt spannend. Mia. waren letztens da und haben erzählt, dass die Kids dort auf jeden Fall nicht hinterm Mond leben, wie man vermuten könnte. Sondern, dass sie natürlich auch Internet haben, sehr informiert und interessiert sind. Die kennen z.B. The Notwist, das finde ich super. Ich glaube, die sind hungrig und wollen einfach eine Rockshow sehen. Und da werden wir unser Bestes geben. Wir werden auf jeden Fall auch ein oder zwei Stücke auf Russisch singen. Wahrscheinlich ein Traditionelles und "Der Himmel über Berlin".
Ihr hattet auch alle Russisch in der Schule, oder?
Wir haben's alle gelernt. Oder sagen wir's mal so: Wir hätten es lernen können. Ich hatte 7 Jahre Russisch, aber ich kann wirklich nicht viel. Ich kann mich mit keinem Russen verständigen, außer auf Englisch.
Was ist die größte Illusion, die man als Nichtinvolvierter vom Musikbusiness hat?
Oder haben sich die Vorstellungen, die Du früher davon hattest, bewahrheitet?
Dass man damit richtig reich wird, würde ich gerne als Illusion heranziehen, aber das ist auch Quatsch, denn so Leute wie Xavier Naidoo sind richtig reich. Also was jetzt das Finanzielle betrifft, an menschlichen Aspekten hoffentlich auch.
Letztens wurden Rammstein interviewt und es ging um das Fanverhalten hier in Deutschland. Und die haben gesagt, dass sie es äußerst seltsam finden, dass sie bei der ECHO-Verleihung über den roten Teppich laufen können und keine Sau interessiert sich für sie, die Journalisten, Fotografen und Kamerateams wenden sich sogar eher ab. Aber in São Paolo können die gar nicht einfach über die Straße gehen, da werden sie von Fans verfolgt.
Die Tatsache, dass es in Deutschland nur winzige Ansätze von Startum gibt, finde ich gut. Das, was man aus Amerika kennt und von dem man annehmen könnte, dass es hier auch so ist, ist eben nicht so.
Glaubst Du, man bekommt ein anderes Bewusstsein von sich selbst, wenn man viele Interviews gibt - weil man sich ja durch die Fragen immer wieder selbst reflektieren muss?
Ich habe sehr viel an Selbstvertrauen und Selbsterkenntnis in den letzten zwei, drei Jahren gewonnen. Aber ich weiß jetzt nicht, ob das daran liegt, dass man ständig im Bus sitzt, von A nach B fährt und extrem viel Zeit hat, über sich – und auch über Interviews - nachzudenken oder ob das auch in dem Moment passiert, in dem man Interviews gibt.
Warum darf man Eure Tour im Herbst auf keinen Fall verpassen?
Das wird die größte Rock-Show aller Zeiten! Das wird wirklich gut. Wir machen eine Show mit Umziehen!
Nein! Aber auch hoffentlich mit attraktiven Kostümen?
Das wird sich herausstellen. Wir haben ganz viele Ideen. Mal sehen, was wir davon umsetzen können. Wir sind eine Band, die sich ungern einfach auf die Bühne stellt und spielt. Manchmal muss man das tun, aber wir machen uns zum Beispiel sehr viele Gedanken über Licht oder auch darüber, was wir anziehen. Auch wenn es bei uns keinen Kleidercodex gibt und ich letztendlich noch immer angezogen habe, was ich will, ist es aber trotzdem immer das Minimum, Mathias, der auf der anderen Seite der Bühne steht, zu fragen, was er anziehen wird.
Damit sich die Farben nicht beißen.
Ja. Und ich will da zum Beispiel auch kein Schwarz-Rot-Gold haben. Was Nino in der Mitte anhat, ist egal, aber wenigstens Mathias und ich sprechen uns ab, damit die Symmetrie stimmt. Aber das ist nur der Anfang.
***
15 gute Gründe, warum man sich "Anfänger" von Virginia Jetzt! unbedingt anhören sollte:
01|"Das ganz normale Leben" sollte jeden morgens erfolgreich aus dem Bett holen. Oder aus einem Stimmungstief. Das ist Energie, Motivation, der Soundtrack zum Zupacken und Neuanfangen. "Man kann sicher nicht behaupten, dass es besser wird, wenn es anders wird, aber anders muss es werden, wenn es gut werden soll." Besitzt außerdem einen unfassbar schönen Mittelteil, bei dem die Zeit still steht und das Herz seine Augen öffnet. Ganz weit. Vielleicht der tollste Titel auf "Anfänger".
02|"Liebeslieder" wegen der Zeile "Jeder Schmerz hat einen Rhythmus, jedes Seufzen einen Takt". Auch wegen des New Order-Basses. Und weil das Stück versteht, mitreißt, nachdenklich ist, ohne verzweifelt zu sein. Weil es von der Schwierigkeit erzählt, die richtigen Worte zu finden. Und dabei genau die richtigen Worte wählt.
03|"Du musst dahin, wo's weh tut" allein schon deswegen, weil dieser Song Passivität und Lethargie keine Chance lässt. Weil er Mut macht, Relationen in neuem Licht erstrahlen lässt und verdeutlicht, dass es schon ein unerwartet großer Gewinn sein kann, überhaupt ein Risiko einzugehen. Zudem: Dieses Gefühl im Bauch, das die Gitarre am Anfang auslöst. So eine Kombination aus Verliebtsein und Freiheitsgefühl. Wahnsinn.
04|"Ein ganzer Sommer", ganz einfach weil: wunderschön. Und weil die "Blitz"-Stelle so einen charmanten Touch von Phil Spector hat. Aber auch wegen der Stelle, die man aus dem Videoclip als den "unter-Wasser-Part" kennt und der tatsächlich auch ohne Video genau so klingt. Bei 2:53.
05|"Der Himmel über Berlin" ist das traurig-schönste Lied seit langem. Nur Klavier und Ninos sanfte Stimme. Einsamkeit in Großbuchstaben, die lückenlos von der Erinnerung an eine gemeinsame Zeit umrandet sind. Wer da nicht schlucken muss und dann plötzlich einen salzigen Geschmack auf den Lippen hat, muss ein Eisklotz sein.
06|"Spurlos verschwinden" ist so groß und weit wie ein amerikanischer Naturpark!
07|"Wahre Liebe", weil's ein riesiger Ohrwurm ist und daran appelliert, den utopischen Erwartungen den Maulkorb anzulegen. Wer immer nur auf die "Wahre Liebe" wartet und sie in seiner Fantasie jeden Tag noch ein bißchen schillernder und hollywoodromantischer ausmalt, verpasst die tollsten Menschen! Die sind nämlich viel öfter da, als man denkt, man muss sie nur sehen.
08|"Weil wir Anfänger sind" beginnt mit düsterem Klavier, so groß und mächtig, wie der Kölner Dom. Dann setzt ein Streichorchester ein, das Blur zu Zeiten ihrer "Think Tank"-Aufnahmen in Marrakesch entliehen sein könnte. Tolle Dramaturgie. Muss man nicht nur deswegen unbedingt hören, sondern auch wegen 3:02-3:10. "Wir müssen ganz tief tauchen zu den allertiefsten Stellen, wo kein Licht ist." Eine der gesanglich schönsten Stellen auf "Anfänger".
09|"Hier zu sein", weil es die größte musikalische Überraschung der Platte ist. Weil man sowas von Virginia Jetzt! niemals erwartet hätte. Sehr relaxt, groovend, soulig. Und dann die zweite Überraschung: leichtes Westcoast-Feeling beim Refrain!
10|"In der Finsternis", weil dieses Stück eine äußerst ausgefeilte dramatisch-musikalisch-textliche Symbiose ist. Auch wegen der hilfreichen Erkenntnis "Wenn alles nur etwas heller wär', so verstehe ich, in der Finsternis wird alles deutlicher." Und wegen des tollen Basses. Und weil alles auf ein wahnsinniges Crescendo hinausläuft, das sofort an den Bombast der Manic Street Preachers erinnert. Ein Stück wie ein Gefühl, das immer stärker wird. Ein gutes Gefühl, das viel Macht hat. Selbstbewusstsein, Gewissheit, Freiheit. Übrigens: Wie auch das letzte Stück des Debüts eine Verbeugung vor Thomas Bernhard.
11|"So viel mehr", der Hidden Track, auf den man fast 10 Minuten warten muss. Aber dann! Eine Swing-Klavier-Nummer! Mit Bläsern! Und ooh-ooh-ooh! Von Frank Sinatra über einen beeindruckenden Mittelteil, der an Billy Joel in der 70ern erinnert, über Coldplayeskes wieder zurück zu Sinatra. Auch wegen der kurzen Sprecheinlage eines waschechten Kölners hörenswert. Und das ist - kein Scherz! - Virginia Jetzt!-Fan Wolfgang Niedecken (BAP). Außerdem eine Ode an das Tourleben und den großen glücklichmachenden Moment zwischen Band und Publikum.
12| Virginia Jetzt! sind reifer und musikalisch vielseitiger geworden. Und berührender denn je. Wer nur "Mein sein" oder "Von guten Eltern" kennt, wird überrascht sein.
13|Nie war es einfacher, ein Cover selbst nachzustellen!
14|Musik und Texte bieten tatsächlich einen Soundtrack für jede nur erdenkliche Situation.
15|Weil Anfangen das Schönste und Spannendste im Leben überhaupt ist. Und man das "Anfänger" auch anhört.
***
DIE SINGLE mit dem Blitz und dem Donner
Virginia Jetzt! | "Ein ganzer Sommer" (Universal)
inkl. 2 Non-Album-Tracks (u.a. "Zwischen allen" - ein großartiges Stück, das Virginia Jetzt! schon auf ihrer Herbst-Tour 2003 live präsentiert haben)
VÖ|16.08.04
DAS ALBUM mit dem Victoryzeichen
Virginia Jetzt! | "Anfänger" (Universal)
Limited Edition inkl. live-EP
VÖ|30.08.04
DIE TOUR mit Umziehen
15.10.04 | Rostock - Mau
16.10.04 | Hamburg - Molotow
17.10.04 | Bremen - Tower
18.10.04 | Kassel - Schlachthof
19.10.04 | Essen - KKC
20.10.04 | Köln - Gebäude 9
21.10.04 | Frankfurt - Nachtleben
22.10.04 | Bielefeld - Kamp
23.10.04 | Magdeburg - Projekt 7
28.10.04 | Regensburg - Alte Mälzerei
29.10.04 | A-St.Pölten - FM 4 Tour
30.10.04 | A-Graz - FM 4 Tour
31.10.04 | A-Feldkirch - FM 4 Tour
01.11.04 | Freiburg - Jazzhaus
02.11.04 | Heidelberg - Karlstorbahnhof
03.11.04 | CH-Zürich - Abart
04.11.04 | CH-Bern - Isc
05.11.04 | CH-Basel - Musikkaserne
06.11.04 | Karlsruhe - Substage
11.11.04 | Münster - Skaters Palace
12.11.04 | Erlangen - E-Werk
13.11.04 | München - Backstage
14.11.04 | A-Wien - Szene Wien
16.11.04 | A-Salzburg - Rockhouse
17.11.04 | Stuttgart - Röhre
18.11.04 | Dresden - Starclub
19.11.04 | Berlin - t.b.a.
25.12.04 | Elsterwerda - Elbe-Elster-Halle




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schauby
RE: »Das Berühren der Menschen ist immer eine Frage des Momentes.«hab kurz die randnotiz von adorno gestreift zum thema, was brauch ein hitsong?
that's it - so einfach und wie treffend.
alle musik ist sehnsucht,
egal wie bisweilen verschroben und einfältig.
27.08.2004 19:33 Uhr
skaven
RE: »Das Berühren der Menschen ist immer eine Frage des Momentes.«ina, ein schönes und informatives interview. gut auch mit den integrierten links. ich stehe drauf, wenn ein bissche persönliches über die band rüberkommt, wie du weißt. ;-)
mein senf zum album aber ist nicht so süß. mein geschmack ist es nur bedingt. die selbstgezogenen vergleiche zu young und u2 - ich weiß nicht. die single hat mich enttäuscht.
27.08.2004 21:14 Uhr
Augenblick
RE: »Das Berühren der Menschen ist immer eine Frage des Momentes.«Ich hab jetzt richtig Lust auf dieses Album bekommen...erstmal noch n bisschen was über ie Band rausbekommen, und dann mal schauen.
Liebe Grüße!
28.08.2004 18:29 Uhr
Emanuel
RE: »Das Berühren der Menschen ist immer eine Frage des Momentes.«Das ist ja höchst interessant:
Auch Herr Dörschel hat (noch) keinen Zugang zu den Smiths...wir sind nicht alleine.
Aber gute Fragen, haste jut jemacht! Sowas müsste doch eigentlich auch mal in die Printversion kommen.
29.08.2004 23:38 Uhr
Andreas_Reitz
AnfängerIch fand "Die Musik von hier nach dort" auch das beste Stück auf dem alten Album. Mit dem neuen konnte ich mich anfangs nur schwer anfreunden, jetzt gefällt es mir richtig gut. Es ist ein bisschen subtiler als das erste. Die Single "Ein ganzer Sommer" hat mir am Anfang gefallen, mittlerweile nervt sie ein wenig, weil sie so oft und überall gespielt wird, freue mich also schon auf die 2. Single. Bin gespannt welches Lied das sein wird. Mir gefällt im Moment "Du musst dahin, wo's weh tut" am besten.
Sehr informatives Interwiew. Hat mir geholfen einen besseren Zugang zu der CD zu finden.
31.08.2004 13:25 Uhr
ina-simone
RE: »Das Berühren der Menschen ist immer eine Frage des Momentes.«Freut mich sehr, dass Dir das Interview beim Entdecken von "Anfänger" geholfen hat! Denn eigentlich ist das ja der ganze Sinn von Interviews - Musik besser verstehen und greifbar zu machen; den Background für das zu bieten, was man dann doch kaum mit Worten beschreiben kann.
Die zweite Single wird, soviel ich weiß, "Das ganz normale Leben" und das halte ich auch für eine ganz großartige Wahl. Wie schon erwähnt: vielleicht der tollste Song auf "Anfänger".
31.08.2004 15:03 Uhr
Andreas_Reitz
RE: »Das Berühren der Menschen ist immer eine Frage des Momentes.«Toll dass du so schnell antwortest. Freut mich dass das die nächste Single wird. Hätte jetzt zwar mehr auf Track 2 oder 3 getippt, weil da besonders die Melodien im Ohr bleiben, aber der erste gefällt mir auch sehr gut besonders vom Text her. Mir gefällt eigendlich das ganze Album bis auf "Wahre Liebe", das ist mir zu 'Schlagermäßig'.
31.08.2004 15:18 Uhr
penny-lane
RE: »Das Berühren der Menschen ist immer eine Frage des Momentes.«das konzert in heidelberg war der hammer.
einfach lieb diese jungs.
01.12.2004 19:20 Uhr