Film
"Ein Mädchen, das aus einer anderen Sphäre zu kommen schien ..."
20.08.2004 19:00 Uhr
MX Oberg über sein "Stratosphere Girl", gezeichnete Welten und Inspirationsquellen.
<b>Comicelemente finden Einzug im Independentfilm. - Sie gehen so weit, dass Ihre Protagonistin für ihr Abenteuer in der gezeichneten Welt lebt; dass die Ebene des Gezeichneten - für den Film - mehr Bedeutung erhält als die "Realität". - Und Mangas und Animes nicht bloße Begleiter des Filmes sind, sondern maßgeblich die Stimmung beeinflussen. Wieso haben Sie sich für die "Comicwelt" entschieden?
Ich wollte von der Leidenschaft einer jungen Comic-Zeichnerin erzählen, die sich so ihre eigene Welt erschaffen kann - und von den Abenteuern, die sie erlebt, als sie ein Verbrechen "nachzeichnet".
Was fasziniert Sie an Mangas? Woher kommt der Zugang zu Mangas und Animes?
Mein Interesse galt eigentlich eher den europäischen "Arthouse"-Comics, Leuten wie Moebius. Der Stil, den wir im Film benutzen, ist ja auch eher den französischen und belgischen Zeichnern zuzuordnen.
Sind Sie Comic-Fan oder machten Sie nur mit Stratosphere Girl einen Ausflug in dieses Medium?
Ich bin kein echter Fan oder Kenner, aber bei mir gab es verschiedene Phasen, in denen ich doch viel Zeit mit Comics verbracht habe: als Kind z.B. mit Asterix , dann als Jugendlicher mit den "richtigen", oben genannten Comics, bis schließlich zu den Mangas, die ich aber eigentlich erst während der Vorbereitung zu diesem Film kennengelernt habe.
Worin besteht der Vor- und worin der Nachteil, wenn man mit dem scheinbar grenzenlosen Medium des Graphischen arbeitet, in dem alles möglich ist?
Wir mussten uns sehr genau überlegen, in welchen Sequenzen wir die Zeichnungen benutzen wollten, wo sie die Geschichte unterstützen und am wirkungsvollsten sind, denn diese Skizzen sind sehr aufwending anzufertigen, wenn sie zum Realbild passen sollen.
Ihre Protagonistin, Angela, lobt zu Beginn an Comics, dass in ihnen alles möglich ist. Und dass es in jedem einen Helden gibt. Und Helden nur machen, was sie für richtig halten: "Es wurde Zeit, ein paar Dinge in meinem Leben zu ändern. Ich wollte selber ein Held werden." Wieso war es für Angela an der Zeit (gedanklich) zu fliehen?
Ich glaube, dieses Gefühl - nach Beendigung der Schule - noch nicht genau zu wissen, wo man eigentlich hingehört, das kennen viele. Angela stürzt sich ja gleich auf der Abi-Feier in ein Abenteuer, macht eine Menge Erfahrungen und kehrt damit nach Hause zurück. So hat sie sich selbst zu einer Heldin gemacht.
Der eigentliche "Auslöser" der Geschichte ist der Junge, den Angela kennen lernt, DJ Yamamoto. Ziemlich spät in der Geschichte kehrt das "Love Interest" auf die Leinwand zurück ...
Der Junge, Yamamoto, bleibt ja ziemlich rätselhaft, eigentlich bis zum Schluss, sodass man beinahe glauben könnte, er sei auch eine Figur, die Angela sich erschaffen hat (und schließlich wiederkehren läßt), um all die "Prüfungen" zu bestehen.
Welchen Zugang haben Sie zur asiatischen Kultur? War Ihre Arbeit an Stratosphere Girl ein erster Berührungspunkt?
Ich hatte mich vor diesem Projekt nie wirklich mit Asien beschäftigt. Mir war auch klar, dass dies kein Film über Japan und dessen unglaublich vielfältige Kultur werden würde, sondern eine kurze, eher oberflächliche Reise nach Tokyo, aus der Sicht einer jungen Frau aus dem Westen.
Die Assoziation zu Lost in Translation kommt unweigerlich, auch wenn die beiden Filme in völlig verschiedene Richtungen tendieren: Junge Frauen in Tokio, die noch nicht recht wissen, was sie in der fremden Umgebung mit der vielen Zeit oder: mit sich anfangen sollen. Stört es Sie, wenn derartige Vergleiche gezogen werden?
Da es nur sehr wenige Filme von westlichen Regisseuren gibt, die in Tokyo spielen,werden natürlich schnell Vergleiche gezogen. Wir hatten gleichzeitig mit Frau Coppola gedreht, wussten also auch, dass die Filme kurz hintereinander herauskommen würden. Sie war unglaublich freundlich und kollegial zu uns, gab mir sogar ihr Drehbuch zu lesen (sie sah unsere Produktion eh nicht als ernsthafte Konkurrenz), und als ich feststellte, dass es außer der Stadt eigentlich keine Gemeinsamkeiten gab, war ich auch froh.
Wie wurde dieser großartige Titel geboren? Oder anders gefragt: Was ist zuerst entstanden und hat das andere ergeben? Die inhaltliche Filmidee oder Titel?
Beim Schreiben brauche ich einen Titel, sei es auch nur ein vorübergehender. Als ich die Figur der Comic-Zeichnerin entwickelt hatte, schwebte mir eine "ätherische Schönheit" vor, ein Mädchen, das aus einer anderen Sphäre zu kommen schien.
Wie sind Sie auf die entzückende Chloé Winkel gekommen?
Die Frau, die unser Casting gemacht hat, hat sie an einem Schultheater in Brüssel entdeckt. Bei den Probeaufnahmen hat sie uns überzeugt, weil sie eine interessante Aura hat und obendrein ein Gesicht, das durchaus einem Comic entsprungen sein könnte.
Der "Mafioso", der zwielichtige Geschäftsmann, Kruilmann, ist kein asiatischer Typ, sondern ein europäischer Geschäftsmann. Aus welchem Grund?
Tatsächlich hatte ich bei meiner Recherche in Tokyo das Gefühl, dass all die Männer aus dem Westen, die dort ihre Geschäfte machen, etwas Merkwürdiges, Zwielichtiges hatten - und das wollte ich unbedingt übernehmen.
Mit Unter der Milchstraße und Ein todsicheres Geschäft schufen Sie skurril-originelle Komödien, mit Stratosphere Girl wechseln sie nun ins Thriller-Fach. Was liegt Ihnen persönlich mehr?
Ich hab diese Filme ja im Abstand von je drei Jahren gemacht. In solchen Zeiträumen entwickelt man sich natürlich, und jetzt bin ich an den Punkt gekommen, an dem ich auch mal "ernsthaftere" Stoffe machen möchte.
Was ist Ihre "Inspirationsquelle"? Und: Nach Vorbild High Fidelity: Haben Sie "Top5" an "Lieblingen"?
Bei mir ist der Auslöser zu einer Geschichte oftmals ein ganz vage Idee. Im Stratosphere Girl habe ich zwei verschiedene Stories, an denen ich gearbeitet hatte (die fiktive Comic-Zeichnerin und die wahren Erlebnisse einer Hostess) miteinander verwoben. Ich mag einige Filme von Nick Roeg, die frühen Polanski- und Scorsese Filme, natürlich auch Lynch und Wong Kar-Wai.
Die Paradefrage: Was darf als nächstes von Ihnen erwartet werden?Arbeiten Sie bereits an einem neuen Projekt?
Ich schreibe zur Zeit an einer wirklich starken Liebesgeschichte, einem Drama und entwickele gleichzeitig mit zwei Co-Autoren eine Komödie, die die Leute überraschen wird ...




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