Film
Comichelden ohne Latex (I)
20.08.2004 19:01 Uhr
Zwischen den Medien Comic und Film herrscht immer mehr an Chancengleichheit – jüngst bewiesen in MX Obergs "Stratosphere Girl".
Die Liebelei zwischen den Medien Film und Comic entpuppt sich als robuster als erwartet. Sie blüht, sie wächst und gedeiht; lässt gar neue Triebe und Mischformen sprießen. "Kreuzungen", wenn man so will. Denn während Sommer für Sommer Marvel- und DC Comics für die große Leinwand recycelt werden, gewinnen Comicelemente im Film auch "fächerübergreifender" immer mehr an Aufmerksamkeit. Das Genre, das lange Zeit als infantil abgetan wurde, beginnt sich zu etablieren und erfreut sich immer größerer Akzeptanz.
Denn während Christopher Nolan, American Psycho Christian Bale in Batman verwandelt und die Vorbereitungen auf den inzwischen dritten Streich von X-Men auf Hochtouren laufen; während sich Tobey Maguire bereits zum zweiten Mal mühsam aus dem hautengen, rot-blauen Latex-Kostüm schält, das ihn als Spider-Man elegant über Hauswände gleiten lässt, und sich Halle Berry schwarze Gummi-Katzen-Hörnchen aufsetzt, um in Catwoman ihr Sexappeal unter Beweis zu stellen, erproben auch alternativere Filmemacher einen ernsthaften Umgang mit Comicelementen. Ang Lee beispielsweise, der letzten Sommer Kindheitserinnerungen auffrischte und Marvel-Riese Hulk mit Hilfe bekannter Comic-Splits neues Leben auf der Leinwand einhaucht oder Terry Zwigoff, der aus seiner Comic-Verehrung keinen Hehl machte und nach seiner Dokumentation über Comic-Zeichner Crumb seine charmant-skurrile Comic-Verfilmung Ghost World, angereichert mit Thora Birch und Steve Buscemi, auf die Reise schickte. Genre-Jongleur Tarantino streut Animes über Kill Bill, während Bergmann und Pulcini freudig mit Realitätsebenen jonglieren und nicht nur Real- und Comicraum vermischen, sondern gar ein und die selbe Figur in dreifacher Hinsicht auch sich selber treffen lassen: „Amercian Splendor“-Erfinder und Protagonist Harvey Pekar als reale Person, in Comic-Version und Harvey-Darsteller Paul Giamatti. Die beiden Medien Comic und Film erscheinen chancengleich, was sich auch in Stratosphere Girl abzeichnet, taucht MX Obergs Titelheldin doch in einem Manga-Abenteuer ab, das immer mehr an Animes-Charakter gewinnt. Die gezeichnete Welt gibt den Ton des Filmes an; beeinflusst die Stimmung. Die graphische Welt vermischt sich spielerisch mit dem Realraum, übergibt quasi an den Realraum, die beiden Kunstformen verschmelzen miteinander.
"In Comics ist alles möglich." stellt das Stratosphere Girl Angela, dargestellt von einer wahrlich schwebenden, elfenhaften Chloé Winkel, fest. "Und in jedem Comic gibt es einen Helden. Helden machen nur, was sie für richtig halten. Es wurde Zeit, ein paar Dinge in meinem Leben zu ändern. Ich wollte selbst ein Held werden" beschließt die 18-Jährige und bricht als Hostess zu einem Abenteuer nach Tokio auf. Ähnlich Lost in Translation fühlt auch Angela sich verloren in der fremden Welt. Dies jedoch sind die einzigen Parallelen zwischen Sofia Coppolas und MX Obergs Tokio-Abenteuer, stolpert Obergs Heldin doch schon weiter in einen undurchsichtigen Strudel aus Macht, Geld und Sex und versucht, dem Verschwinden eines Mädchens auf die Spur zu gehen. Die Geschichte gewinnt immer mehr an Animes-Charakter – bis Oberg plötzlich die Notbremse zieht und seine Superheldin auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Nichtsdestotrotz bleibt das wunderbar schwebende, schwerelose Gefühl, das MX Oberg mit Michael Mieke an der Kamera einzufangen vermag. "Also trinken wir auf das Stratosphere Girl!" heißt es an einer Stelle im Film. Das machen wir. Und MX Oberg macht es hier.
THE STRATOSPHERE GIRL
D 2003. Regie: MX Oberg
Mit Chloé Winkel, Jon Yang, Rebecca Palmer, Tuva Novotny u. a.
Verleih: Rapid Eye Movies. 85 Min.




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