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Musik


Neon-Logo Magazin-Text [Musik] Ausgabe [April 2004]

»Es ist ein Kunststück, frei zu sein.«

01.04.2004 17:14 Uhr

Helge Schneider hat seinen ersten ernsten Film gemacht: »Jazzclub«.

von Michael_Ebert

<b>Herr Schneider, Sie sind ein Frauenheld. Sie haben vier Kinder von drei Frauen. Kaum ein Konzert, nach dem Ihnen nicht todschicke Blondinen nachstellen. Wie betören Sie Frauen?
Sie wollen ja nur mein Rezept! Also gut: Ich bin einfach ein offener Typ. Außerdem vermeide ich Herrenparfüm und achte darauf, mich gelegentlich zu rasieren. Aber nicht zu doll. Vielleicht liegt es auch nur an meinem Schneider.

Auf der Bühne kostümieren Sie sich und schneiden Grimassen. Privat überraschen Sie mit einer alten Lederjacke von Ihrem Vater und ernster Jazzmusiker-Attitüde. Das kommt gut an?
Ich sehe auch auf der Bühne gut aus. Und wenn ich eine Frau wäre, würde ich mir nachschauen.

Warum?
Na, man sieht mir wohl an, dass ich zuverlässig, pünktlich, häuslich bin … nein! Es ist die Fantasie. Geschichten erzählen können. Und ich bin ein freier Mensch. Worin äußert sich diese Freiheit?Es war mir immer wichtig, irgendwie anders zu sein. Gegen Vorschriften muss ich grundsätzlich verstoßen. Ich habe immer schon angezogen, was ich wollte – nicht um aufzufallen, sondern um meine Freiheit zu demonstrieren. Freiheit ist das Allerwichtigste. Viele Menschen spielen ja eine Rolle. Ich bin der, der ich bin. Auf der Bühne trage ich eine Perücke – nicht um anders zu sein, sondern um dem Publikum zu zeigen: Guck mal hier, was ich kann! In dem Einerlei von Beton und exakt geraden Bäumchen in der Welt ist es ein Kunststück, sich wirklich frei zu machen.

Wie äußert sich diese Freiheit im wirklichen Leben?
Na ja, beim Zählen lass ich die Sieben aus. Elf und Dreizehn auch. Die Siebzehn zähle ich auch nicht. Wenn Leute an mir vorbeilaufen, halte ich die Luft an, damit ich nicht krank werde. Ich geh nie in die Kinofilme, die alle anschauen. Mein Steuerberater sagt, ich ticke nicht richtig, weil ich mich noch nie finanziell abgesichert habe.

Sie haben einmal erklärt: »Ich könnte mir gut vorstellen, in einem Harem zu leben.«
Kann ich mir vorstellen. Aber bitte ohne Stress.

Aber würde Vielweiberei den Stress nicht potenzieren?
Nicht solange jeder jedem die Freiheiten lässt, die man vor der Beziehung auch hatte.

Strengen Frauen Sie an?
Nur die Doofen, so Tussen.

Wen meinen Sie mit Tussen?
Frauen, die ihr Leben im Döschen haben wollen, die Sicherheit brauchen und geheiratet werden müssen. Und dabei ihre eigene Persönlichkeit und Kreativität hintanstellen.

In Ihrem Film »Jazzclub« gibt es nur eine wesentliche Frauenrolle – Jacqueline, die Gattin ihres Film-Egos Teddy. Sie ist sehr unsympathisch …
Finde ich nicht. Sie ist nur von Erwartung geprägt. Sie wartet auf ihr Glück, dass ihr Teddy als Jazzmusiker aber nicht geben kann. Er ist ja eigentlich mit seiner Musik verheiratet.

Glauben Sie, dass es viele Tussen unter den Frauen gibt?
Was ich in meinem Film zeige, ist die Realität! Die Welt ist noch ganz schön weit entfernt von wahrer Emanzipation. Und die Emanzipation ist stark zurückgegangen in den letzten Jahren.

Wo geht es hin?
Zurück zur Tusse. Zur abhängigen Frau des Herrn Sowieso, der den ganzen Tag arbeitet. Wenn ich Werbung sehe und Filme und Videoclips, dann stelle ich eine Regression fest: Die Zeiten, in denen Frauen für ihre Unabhängigkeit gekämpft haben, sind vorbei. Heute kämpfen sie mehr für ihre Figur.

Sind Sie mit oder ohne Partnerin glücklicher?
Mal so, mal so. Es ist für mich nicht notwendig, eine Frau an meiner Seite zu haben. Aber oft denkt man dann doch: Schade, dass sie jetzt nicht da ist.

Haben Sie eine Freundin?
Ich bin indirekter Single.

Wie schwer ist es, mit Ihnen zusammen zu sein?
Ich hab’s leicht mit mir. Wie führt man eine glückliche Beziehung? Menschen können sich nur selbst glücklich machen. Man sollte keine Erwartungshaltung aufbauen in einer Partnerschaft. Zusammenleben funktioniert nicht, wenn einer fordert: »So und so sollst du für mich sein!« – dann kann der andere eigentlich schon gehen. Dann wird es keine Überraschungen mehr geben in dieser Beziehung. Man sollte nicht versuchen, durch die Existenz eines anderen Menschen glücklich zu werden.

Zu einer glücklichen Beziehung gehört Vertrauen.
Mangelndes Vertrauen ist das Grundproblem der meisten Beziehungen. Wenn man nicht vertraut, gibt es Angst, enttäuscht oder verlassen zu werden. Wer Angst hat, verlassen zu werden, fordert Sicherheiten, und in der bürgerlichen Gesellschaft besteht diese Sicherheit darin zu heiraten. Obwohl das die Angst auch nicht nehmen kann.

Waren Sie immer treu?
Nein, ich hatte immer mal wieder nebenher eine Freundin und ich hatte auch Probleme damit. Aber letztlich misst sich Treue nicht daran, ob man auch andere Menschen lieb hat. Treue ist: füreinander da sein, wenn man den anderen braucht. Oder, nee, noch besser: zueinander stehen. Und da bin ich sehr verlässlich.

Um nicht zu Hause bei seiner Frau bleiben zu müssen, ist Teddys Ausrede in »Jazzclub« die Jazzmusik.
Teddys Leben ist die Musik. Trotzdem: Jazz ist natürlich auch eine Spitzenausrede, um den Abwasch nicht machen zu müssen. Im wahren Leben muss ich ihn aber trotzdem machen. Ich hab keine Spülmaschine.

»Jazzclub« ist manchmal sehr traurig. Auch auf der Bühne sind Sie nicht mehr so aufgedreht. Wollen Sie nicht mehr lustig sein?
Doch. Aber ich habe einen melancholischen, anspruchsvollen Film gemacht. Ich zeige die Realität. Humor kann man nicht abfragen. Ich kann nicht auf einen Knopf drücken, und dann kommt ein Witz aus der Schublade gesprungen. Das Leben ist auch nicht so. Ich möchte immer etwas machen, das aus der Tiefe kommt. Dass ich heute weniger kostümiert auf die Bühne gehen kann als früher, ist von langer Hand vorbereitet – über Jahrzehnte hinweg! Erst mal auffallen. Wenn man dann bekannt ist, kann man realistischer werden. Mein Traum war früher immer, auf die Bühne zu kommen und nur zu erscheinen, nichts machen zu müssen, und alle klatschen und gröhlen. Manchmal ist es auch wirklich so, aber dann will ich doch wieder Klavier spielen, singen und dazu Quatsch machen.

In »Jazzclub« hat die Hauptfigur Teddy verschiedene Jobs, er schläft kaum, seine Frau ist furchtbar, es regnet viel … die Aussage des Films: Das Leben ist sauschwer.
Ist ja auch so. Das Leben ist schwer durch die Zwänge, die der Mensch sich auferlegt. Wie wir leben, ist völlig unnormal: In einem Getriebe aus Milliarden Rädchen ist jeder von uns nur der Bruchteil eines Zahnrades. Wir sind verdammt zu funktionieren. Das ist nur mit Humor zu ertragen.

Wie reduzieren Sie Alltagszwänge?
Ich übe jeden Tag nur zehn Minuten am Klavier. Dann spiele ich 20 Minuten an der Carrera-Bahn. Was gemacht werden muss, mache ich schnell. Und ich vermeide es, reich zu werden, indem ich das Geld, das ich verdiene, schnell wieder ausgebe.

Teddy ist Fischverkäufer, Zeitungsausträger, Vorleser, Jazzmusiker und Callboy. Welchem dieser Berufe haben Sie sich schon gestellt?
Ich war Prospektausträger, bei Regen ist das echt ein Scheißjob. Fische hab ich nicht verkauft, aber Orgeln, in der Musikabteilung bei Neckermann. Vorleser war ich auch schon. Callboy noch nicht. Ich war Straßenfeger und Gärtner.

Wie vermeiden Sie, ein unglücklicher Mensch zu werden?
Keine Ansprüche stellen. Was man machen will, sollte man tun. Nicht denken, dass für dein Leben jemand anders zuständig ist als man selbst. Wenn etwas nicht klappt: nicht dran zerbrechen.

Es ist schwierig, ohne Erwartungen durch das Leben zu gehen.
Nein! Das ist gut! Nehmen wir an, ich gehe hier aus dem Haus und werde von einer Frau angerempelt. Wir trinken einen Kakao, finden uns nett und abends gehen wir ins Bett, und auf einmal ist die schwanger. Weil ich keine Erwartungen an diesen Tag hatte, wäre das ein Schicksalsschlag, den ich akzeptieren würde.

So kommen Sie zu Ihren vier Kindern.
Genau! Ich habe vier Kinder von drei Frauen – andere haben fünf Kinder von vier Frauen! Sie sehen: Es gibt noch viel zu erleben!

Was ist der Sinn des Lebens?
Ich bin nicht befugt, Ihnen die Antwort zu geben.
Bitte.
Na gut! Spaß machen.


Helge Schneider wurde am 30. August 1955 in Mülheim an der Ruhr geboren und verlässt die Stadt seither unerklärlicherweise nur, um auf eine seiner vielen Tourneen zu gehen. Mit fünf Jahren erhielt er bereits Klavierunterricht – inzwischen spielt er auch Saxophon, Gitarre, Bass, Panflöte, Schlagzeug, Trompete, Akkordeon, Orgel und Klarinette. Die Schule verließ er nach der 9. Klasse, eine Ausbildung als Bauzeichner brach er ab. Schneider schlug sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben, ehe er nach einer Sonderbegabtenprüfung am Duisburger Konservatorium einen Studienplatz für eine klassischer Klavierausbildung erhielt. Seine Alleinunterhalterkarriere begann 1984 bei der Weihnachtsfeier eines örtlichen Tischtennis-Vereins. Von da an konnte es nur noch steil aufwärts gehen. Als selbst ernannte »singende Herrentorte« führte er (wider Willen) die Spaßgesellschaft der 90er Jahre an, schrieb Hits wie »Fitze Fitze Fatze« und »Es gibt Reis, Baby«. Schneider ist bis heute Geschmackssache: Die einen finden ihn bodenlos komisch, andere können mit seinem Humor überhaupt nichts anfangen. Sein Jazz-Spiel, das er bei Konzerten je nach Laune ausdehnt, ist dagegen anerkannt großartig. Helge Schneider hat etliche Alben aufgenommen – schon das erste hieß »Seine größten Erfolge« (1990), das erfolgreichste »Es gibt Reis, Baby!« (1993). Zudem hat er im vergangenen Jahr am Schauspielhaus Bochum sein Theaterstück »Mendy, das Wusical« inszeniert, im Herbst soll ein weiteres folgen. Sein neuer Film »Jazzclub« kommt Anfang April ins Kino. Außerdem erscheint bei KiWi der fünfte »Kommissar- Schneider«-Krimi: »Aprikose, Banane, Erdbeer«. Ab Juni will Schneider wieder auf Deutschlandtournee gehen. Titel: »Ich bin Euer Clown«.

von Michael_Ebert


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Kommentare

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BigK

RE: »Es ist ein Kunststück, frei zu sein.«

-> Wenn Leute an mir vorbeilaufen, halte ich die Luft an, damit ich nicht krank werde.

ich muß gestehen, ich mach das auch gelegentlich

28.02.2005 22:54 Uhr

schurkin

RE: »Es ist ein Kunststück, frei zu sein.«

ja, auch ich laufe manchmal in U-Bahnen blau an und bin kurz vor dem erstickungstod!

helge ist der held UND die schenke, in der jazzclub teilweise gedreht wurde, wurde letztes jahr dicht gemacht. ein herber verlust für die menschheit!!!!

14.06.2005 00:08 Uhr

Lohengrin.Held

RE: »Es ist ein Kunststück, frei zu sein.«

helge ist der größte;

04.04.2005 14:40 Uhr

bob_rooney

RE: »Es ist ein Kunststück, frei zu sein.«

Ja, Helge regelt!
Allerdings ist das Interview ja wohl heftig nachgeschrieben worden! Jeder, der Helge ein paarmal hat reden hoeren, weiss, dass er nicht so eine Schriftsprache von sich gibt. Wenn Helge redet, merkt man noch, dass er vorm und beim Reden nachdenkt!

18.08.2005 02:15 Uhr



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