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Justiz & Verbrechen


Neon-Logo Magazin-Text [Justiz & Verbrechen] Ausgabe [November 2009]

Heimgesucht

22.12.2009 15:56 Uhr

Ein sizilianisches Dorf leidet unter MYSTERIÖSEN BRÄNDEN. Lava, Hexenwerk, Brandstiftung? Sicher nicht, sagen die Behörden. Eher schon: geheime Militärversuche.

von Tobias_Zick

Ab und zu gehen nachts plötzlich die Rauchmelder los, wie eine Erinnerung daran, dass ihr Dorf nie wieder ein ganz normales Dorf sein wird. Dann wissen sie, dass es noch da ist; das, was sie hier nur »il fenomeno« nennen, das Phänomen, weil es viel Konkreteres auch heute, fünfeinhalb Jahre nach Beginn, nicht zu benennen gibt. »Mit Außerirdischen hat das Ganze jedenfalls nichts zu tun«, sagt Nino Pezzino, »bleibt uns mit dem Unsinn weg. Warum sollten sich irgend welche Marsmenschen ausgerechnet mit uns anlegen wollen?«

Nino Pezzino, Ende vierzig, markige Augenbrauen, die melierten Haare gegelt, sitzt auf der Terrasse vor seinem Haus in der Via Mare, einer Sackgasse zwischen Bahngleisen und Strand an der Nordküste Siziliens. Bis vor gut fünf Jahren war er Arbeitersohn, Versicherungsmakler, Familienvater und Hausbesitzer, einer, der es im armen Süden Italiens einigermaßen zu etwas gebracht hat. Heute kennen ihn Italiens Fernsehzuschauer als »den mit den seltsamen Bränden«. Die Sonne brennt, das Meer schlägt mineralwasserklare Wellen auf die Kiesel am Strand, im Dunst zeichnen sich schemenhaft Alicudi und Filicudi ab, zwei der äolischen Inseln. Irgendwo aus der Richtung dieser Vulkaninseln kommt es, haben die Experten gesagt. Irgendwo aus dem Norden. »Wir leben hier wie auf gepackten Koffern«, sagt Pezzino, sein Blick schweift übers Meer, »wer garantiert uns, dass es nicht jederzeit wieder losgehen kann?«

Es begann Mitte Januar 2004: Draußen stürmt es, die See ist aufgewühlt, Winter in Sizilien. Bei Ninos Vater glühen die Kabel des Verteilerkastens durch. Ein Kurzschluss, denken sie, sie lassen den Verteilerkasten austauschen. Am nächsten Tag schmort ein Kabel des Boilers durch. Dann die Kabel von Kühlschrank, Fernseher, Stehlampe. Bei einer Nachbarin geht der Stromzähler in Flammen auf. Die Elektrizitätswerke nehmen die Häuser der Via Mare vom Netz, stellen einen Generator auf - der Spuk geht weiter. Sie schalten den Strom ganz ab. Der neue Stromzähler der Nachbarin geht wieder in Flammen auf. Ohne dass er ans Stromnetz angeschlossen wäre. In Nino Pezzinos Badezimmer schmoren die Kabel des Spiegelschranks durch, bei seinem Schwager Salvatore glüht der Lichtschalter in der Mansarde durch, setzt das Abdecktuch auf einem Fass voll Olivenöl in Brand. Bei einem weiteren Nachbarn fängt der Stromzähler Feuer, das Plastikgehäuse schmilzt in Sekunden in sich zusammen. Aus Lichtschaltern, aus Verteilerkästen züngeln Flammen. Unter dem Putz fressen sich Flammen an den Stromleitungen entlang. Eine Klimaanlage brennt.

Nino und seine Verwandten schlafen in ihren Autos, wechseln sich schichtweise ab; einer bleibt jeweils wach, patrouilliert mit dem Feuerlöscher. Es ist irgendetwas mit der Eisenbahn, denken sie. Sind die Brände nicht immer dann ausgebrochen, wenn kurz vorher oder nachher ein Zug vorbeifuhr? Canneto liegt an der Hauptstrecke Palermo- Messina. Jeden Tag fahren Dutzende Züge direkt hinter den Häusern vorbei; die Via Mare steht eingezwängt zwischen Bahnschienen und Meer. Nachdem die Brände auch nach mehr als zwei Wochen nicht aufhören, will der Bürgermeister das Dorf evakuieren. Nino Pezzino brüllt ihm entgegen: »Hier wird niemand evakuiert! Die sollen alles stoppen, die Eisenbahn außer Betrieb setzen. Es reicht, basta!« Seine Stimme überschlägt sich.

Das italienische Fernsehen sendet Aufnahmen der Bewohner von Canneto, wie sie sich an diesem Winternach mittag in ihren Mänteln und Mützen auf die Glei se stellen, um den Zugverkehr zu blockieren. Die Behörden versprechen, neue Messgeräte zu schicken. Am nächsten Tag qualmt es aus dem Inneren der Matratze in Salvatores Schlafzimmer. Die Sprungfedern glühen. »Lasst uns hier abhauen«, sagt er zu seiner Frau und den beiden Söhnen. Sie laufen weinend aus dem Haus. Die Bewohner der Via Mare ziehen für ein halbes Jahr in das einzige Hotel im Ort, es steht am Hang oberhalb ihrer Straße, von den Balkonen aus können sie zuschauen, wie ihre Häuser belagert werden von Feuerwehrleuten, Zivilschützern, Wissenschaftlern, Journalisten. Techniker der Elektrizitätsgesellschaft reißen alle Stromleitungen aus den Wänden, verlegen neue.

Die Zeitungen drucken erste Hypothesen ab: »Geothermische Energie« habe sich unter Canneto gesammelt, die Luft über der Erdoberfläche ionisiert und dadurch elek trische Entladungen hervorgerufen. Kurz darauf erklären andere Wissenschaftler die Theorie für nicht haltbar: Für sizilianische Verhältnisse sei es unter Canneto absolut ruhig; keinerlei Anzeichen für vulkanische Aktivität. Ein Feuerwehrmann sagt in die laufenden Fernsehkameras: Die meisten Brandspuren seien »mehr oder weniger auf Mannshöhe«.Doch der Verdacht auf Brandstiftung verliert sich schnell. Die Brände gehen weiter, auch während das Dorf von Polizei und Feuerwehr belagert ist. In der Via Mare beginnt die Schuhsohle eines Polizisten zu schmoren. Ein Feuerwehrmann, der auf einem Metallstuhl vor Ninos Haus sitzt, bekommt einen Stromschlag in den Hintern.

Eine Psychologin von der Zivilschutzbehörde diagnostiziert bei mehreren der Bewohner eine posttraumatische Belastungsstörung. Sie fürchten, sie werden ihre Häuser nie wieder beziehen können. Das Haus von Nino Pezzinos Familie war das erste der Via Mare; sein Vater, Straßenbauarbeiter, hat es eigenhändig aufgebaut; während er auf der Baustelle schaffte, schleppte seine Frau den Sand dafür vom Meer herauf. Nino Pezzino ernennt einen Ingenieur aus einem Nachbarort zum persönlichen Berater. Der produziert hunderte von Seiten voll miteigenen Theorien: Die Sturmfluten im vergangenen Winter hätten den Boden unter der Via Mare erodiert; der Strom aus der Erdung der Bahn sammle sich in der Erde an und bilde elektrostatische Felder. Zudem sei durch die starken Stürme die Oberleitung verbogen, die Stromabnehmer der Züge machten deshalb im Vorbeifahren kleine Sprünge, dadurch seien »Energiequanten« in Richtung der Häuser abgefeuert worden. Er beschimpft die vom Staat beauftragten Wissenschaftler; offenbar hätten sie keinen blassen Schimmer von moderner Quantenphysik.

Der Leiter der Zivilschutzbehörde erklärt die Ausführungen des Ingenieurs für unhaltbar: Die Bahnanlagen seien gründlichst überprüft worden. Keine Anzeichen für Anomalien. Viel plausibler sei die Theorie eines Physikprofessors aus Norditalien: Außergewöhnlich starke Sonnen stürme hätten eine der oberen Atmo sphärenschichten ionisiert, dadurch seien elektromagnetische Wellen, woher auch immer sie kommen, wie durch ein Brennglas ausgerechnet auf das winzige Canneto di Caronia gelenkt worden. Nachdem es mehrere Wochen lang ruhig ist, heben die Behörden die Evakuierung auf. Nun werden sie wohl die Ursache gefunden haben, denkt Nino Pezzino. Sie werden uns nie verraten, was es war, aber jetzt haben sie es wohl behoben. Sie kehren zurück in ihre Häuser, streichen die Wände, kaufen neue Lampen. In einer Nacht im Oktober geht ein stählernes Schuhregal in Flammen auf. Nino Pezzino und seine Frau schlafen wieder im Auto. Plötzlich hören sie mitten in der Nacht aus dem Haus seiner Eltern ein lautes Scheppern und Klirren, dann den beißenden Geruch von Parfüm. Im Badezimmer ist der Spiegelschrank heruntergefallen; die Stromleitung zur Lampe darin hat zu schmoren begonnen und die Plastikaufhängung schmelzen lassen. Sie zerren die alten Leute aus den Betten, raus auf die Straße. Der Spuk geht weiter. Bei manchen Autos öffnen und schließen sich von allein die Zentralverriegelungen. Auf Handydisplays erscheinen wirre Zeichenfolgen. Wasserrohre bersten. Das Navigationsgerät im Auto von Ninos Vater geht in Flammen auf. Tote Hunde, Kaninchen und Hühner werden gefunden. Eine Klopapierrolle, die in die gefüllte Badewanne gefallen war und mit Wasser getränkt ist, beginnt zu brennen.

Nino Pezzino brüllt in die Runde der betreten dreinschauenden Wissenschaftler, Feuer-wehrleute und Journalisten: »Wo sind eure Techniker? Was wir hier erleben, ist geballte Inkompetenz! Das Einzige, was ihr hervorgebracht habt, sind Erklärungen wie "Mannshöhe"! « Canneto wird ein zweites Mal evakuiert. Die Carabinieri kleben DIN-A4-Zettel an die Türen: Gebäude unter Beschlag. Ein rot-weißes Plastikband wird vor die Einfahrt zur Via Mare gespannt, dahinter steht ein Polizeibus mit der Aufschrift »Mobile Wache«. Wer jetzt in sein Haus will, um frische Handtücher oder Unterhosen zu holen, muss sich von den Carabinieri geleiten lassen. Bis an die Klotür kommen die Polizisten mit. Nach Canneto di Caronia kommen jetzt Geophysiker, Strahlenphysiker, Vulkanologen. Experten der Umweltbehörde, des Militärs, der Geheimdienste.

Nino Pezzino wird nach Rom eingeflogen, in die großen Talkshows des italienischen Fernsehens; einmal sitzt er auf dem Weg vom Flughafen zum Fernsehstudio im Taxi mit der berühmten Schauspielerin Anna Falchi. Unterdessen schickt die Marine des italienischen Militärs ein Forschungsschiff, es wird für mehrere Wochen vor Canneto stationiert. Aus Rom meldet sich der prominente Exorzist Gabriele Amorth, ihn wundert gar nichts: Satan und seine Geister, erklärt er, verfügten über enorme Mächte. Er bietet seine Dienste an; die Bewohner von Canneto winken ab. »Den Teufel gibt es«, sagt Ninos Mutter, »aber warum sollte er mein Haus in Brand stecken?«

Eine dänische Fernsehjournalistin spricht in die Kameras der italienischen Kollegen: »Es überrascht uns, dass in diesem sizilianischen Dorf niemand an Übernatürliches glaubt. Wir sind ein bisschen enttäuscht.« Der Bürgermeister scherzt, all das sei wohl die Rache des Himmels dafür, dass die Bewohner ihn, einen Kommunisten, gewählt haben. Nach einem halben Jahr wird die Evakuierung wieder aufgehoben. Canneto und das Meer davor bleiben rund um die Uhr überwacht von einem engen Netz aus Radargeräten, Antennen, Infrarotkameras, Spektrometern. Die Bewohner richten sich wieder ein; kaufen neue Möbel, renovieren die Wohnungen. Während Ninos Schwager Salvatore im Obergeschoss die Wände streicht, sieht er aus einem Feld Rauch aufsteigen. Ein kleiner Brandherd im Gestrüpp. So geht es die folgenden Tage weiter, immer zwischen zwölf und ein Uhr mittags. In den Häusern bleibt es ruhig. Die verbrannten Geräte stapeln sich heute beschlagnahmt in einer Garage der Carabinieri: zusammengeschmolzene Gehäuse von Stromzählern, Lampen mit verschmorten Kabeln, ein Plattenspieler mit einer geschmolzenen Schallplatte darauf. Ein stinkendes Hühnerei mit einem seltsamen Loch.

Die Ermittlungsakten liegen in einer Rumpelkammer im Justizgebäude von Mistretta, einem Bergstädtchen im Landesinneren. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen gegen Unbekannt eingestellt. In den Dutzenden von Aktenordnern bündeln sich Obduktionsberichte von tot aufgefundenen Hühnern, Vernehmungsprotokolle, eineAuflistung von mehr als zweihundert Einzelphänomenen, Studien und Dossiers über Kugelblitze, über Elmsfeuer, über neuartige Waffensysteme der Amerikaner: Plasma- und Impulswaffen, »Space-Based High Energy Laser «, »Tactical High Energy Laser«. In italienischen Zeitschriften wird aus einem als geheim klassifizierten Behördendokument zitiert: »Geheime militärisches Tests« sind darin als eine mögliche Ursache für die Phänomene von Canneto genannt, es ist von unbekannten Flugobjekten die Rede. Geheime Militärversuche?

2003 berichteten internationale Zeitungen, die USA planten, im Irakkrieg neue Waffensysteme an zuwenden; auf der Basis von »High Power Microwaves «, hochenergetischen Mikrowellen. Francesco Venerando, Leiter der Zivilschutzbehörde von Sizilien, ist ein Mann mit ruhiger Stimme, getönter Brille und Seitenscheitel. Er hebt die Schultern. »Was wir mit Sicherheit ausschließen können«, sagt er, »sind natürliche Ursachen. Ebenso die Eisenbahn, die Mobilfunkmasten, das Stromnetz. Was wir wissen, ist: Es handelt sich um elektromagnetische Impulse von nicht natürlicher Herkunft, vermutlich aus nördlicher Richtung. Niemand kann mit Sicherheit ausschließen, dass dahinter industrielle Aktivitäten stecken, vielleicht auch zu militärischen Zwecken. Aber die genaue Quelle konnten wir leider nicht ausmachen.« Warum das? Er drückt die Handflächen zusammen. »Die sizilianische Regionalregierung hat uns den Etat gestrichen. Wir mussten die Ermittlungen einstellen. Es ist wirklich beschämend.« Vielleicht doch Spinnerei? Brandstiftung? Er schnauft. »Die Bewohner von Canneto sind Opfer, Leidtragende einer schwerwiegenden Situation. Sie zu beschuldigen, ist, gelinde gesagt, unverantwortlich.« Zur Zeit sind die einzigen außergewöhnlichen Vorkommnisse in Canneto gelegentliche Feueralarme: Die Rauchmelder gehen los, auch wenn keine Spur von Rauch in Sicht ist. Ein Hinweis auf elektromagnetische Strahlung. Inzwischen ist es Routine, wenn nachts der Alarm losheult: aufstehen, ausschalten, weiterschlafen.

Aber wer weiß, wie dauerhaft die Ruhe ist? »Was auch immer noch passiert«, sagt Nino Pezzino und schaut aufs Meer, »wir bleiben hier. Welche Alternativen haben wir auch? In die Stadt ziehen, die Häuser verkaufen? Wer würde denn ein Haus in dem Dorf mit den mysteriösen Bränden kaufen wollen?«

von Tobias_Zick


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Glen

RE: Heimgesucht

Verdammt, der Artikel lässt mich nicht mehr los. Es würde mich wahnsinnig machen, dort zu leben und nicht heraus zu bekommen, was dort eigentlich abläuft! Ein toller, interessanter Artikel!

19.10.2009 20:55 Uhr



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