Sport
Was ist der Berlin Marathon?
20.09.2009 10:45 Uhr
Ein Massenevent? ein Sportereignis? Ich habe heute herausgefunden, was es für mich bedeutet und würde am liebsten alle Menschen umarmen.
Es ist 9:34. Sie schlagen auf Töpfen und Blechtrommeln. Manche haben eine Rassel dabei. Sie haben ihre Kinder mitgebracht. Immer mehr Menschen kommen an den Straßenrand. Ein Sonntagmorgen im September. Die Blätter sind noch grün, es könnte auch ein Sommertag sein, doch der frische Wind erinnert an das Ende des Jahres. In einer halben Stunde ist es soweit. Der Kenianer Haile Gebsrelassie wird hier an der Kreuzung Yorckstraße Mehringdamm vorbei laufen. Es soll der fünfte Folgesieg werden, wünschen sich seine Fans. Noch keiner hat es jemals geschafft die 42 Kilometer unter zwei Stunden zu laufen. Haile arbeitet daran. Zwei Stunden, drei Minuten und 59 Sekunden ist der Weltrekord. Den hat er aufgestellt. Insgesamt gehen bereits über 20 Weltrekorde auf sein Konto. Der Berlin-Marathon zählt zu den größten Laufveranstaltungen der Welt. Eine Millionen Menschen lockt er in die Hauptstadt. Ich stehe hier an der Kreuzung, komme gerade vom türkischen Bäcker. Als ich die Leute jubeln höre, werde ich hellhörig. Noch sind die Rollstuhlfahrer zu sehen, die vor dem Laufmarathon am Brandenburger Tor gestartet sind. Manchmal ist minutenlang niemand auf dem Asphalt. Dann ist es ruhig. Doch wenn ein Sportler über die Straße prescht, klatschen die Zuschauer am Wegesand in die Hände und jubeln den rot angelaufenen Sportlern zu. Das fasziniert mich. Na klar werden Vereine, Gewerkschaften, Arbeitskollegen und sonstige Marathoneingefleischte hier stehen, um ihre Kollegen und ihr Event zu feiern. Doch ich merke, dass dieses Fest auch ganz gewöhnliche Menschen anzieht, die wenig oder keinen Zugang zu diesem Sport haben. Leute wie mich. Sie stehen hier am Rand. Einige bestimmt stundenlang, bis zum letzten Läufer, der am späten Nachmittag hier durchhecheln wird. Ein paar Meter weiter stimmen sich Musiker ein in einer Band, die sich vor dem Yorckschlösschen, einer urigen Kreuzberger Eckkneipe formiert. Sie werden singen und musizieren, für ein Publikum, das keinen Applaus spenden wird. Denn die Bühne gehört diesmal nicht den Musikern, sondern den Sportlern, von denen viele keine im eigentlichen Sinne sind. Jeder kann beim Marathon mitmachen. Unabhängig von Verein, seinem Alter, Geschlecht, sozialen Status, Herkunft, Glauben, Körpergröße, Gewicht oder Parteibuch. Hier schwitzen der Vorstandschef neben dem Hartz IV Empfänger um die Wette. Der Berlin-Marathon ist das demokratischste Event der Welt. Doch was ist eigentlich mit uns, denjenigen, die am Rand stehen. Was ist denn eigentlich unsere Motivation? Ich kann es mir nicht so recht erklären. Es ist eine Faszination, die von der Straße heute ausgeht.
9:57 Uhr.Es wird laut. Haile kommt in einer Gruppe von etwa zehn Spitzenathleten vorbei gelaufen Es geht ganz schnell. Vielleicht 10 Sekunden lang kann man einen Blick auf den Superstar werfen, dann ist er auch schon wieder aus dem Blickfeld verschwunden. Wär ja auch blöd, wenn es anders wäre.
Dann wird es wieder kurz ruhig und dann kommt die nächste Traube Spitzenläufer. Alle sind dunkelhäutig. Sehr dunkelhäutig. Kaum ein hellhäutiger ist dabei.
10:07 Die ersten Frauen kommen an. Auch sie sind offensichtlich aus Afrika oder aus einem Land, wo Weiße zur Minderheit zählen.Wir feuern sie an. In der U-Bahn werden Menschen, die so dunkel sind wie diese Spitzensportler, noch zu oft mit befremdlichen Blicken gemustert. Hier feiern wir sie. Irgendwie sonderbar.
Der Jubel und das Gemisch aus Freudenschreien, Pfeifen und Zurufen lässt mein Herz aufgehen. Ich komme zu dem Entschluss, dass die Zuschauer tatsächlich einfach nur da sind, weil sie die Menschen auf der Straße anfeuern wollen, unterstützen. Völlig selbstlos. Ohne die Frage zu stellen: Was bekomme ich dafür?
Ich klatsche auch in die Hände und schreie „Bravo“ und feure fremde Menschen an, nach denen ich mich normalerweise auf der Straße noch nicht mal umdrehen würde.
Und ich merke, dass ich – in dem Moment – an dem ich sie feiere, eigentlich mich selbst zelebriere. Es ist der Applaus an die Menschheit, die trotz aller Unterschiede, Konflikte, Vorurteile und Kriege doch zusammengehört. Mir schießt es plötzlich in die Augen, weil es mich überwältigt. Das Gefühl von Einigkeit. Das letzte Mal, als ich so etwas ähnliches gefühlt habem war zur Fußball WM in Berlin. Es ist so wunderschön, jeder Mensch kann daran teilhaben. Er muss sich einfach nur heute an die Straße stellen, über seinen eigenen Schatten springen und sich für Menschen freuen, die einen Sport ausüben, der so simpel ist, dass sie ohne Fouls, ohne Schiedsrichter und Spielregeln auskommt. Es geht darum, zu laufen, einfach nur laufen und nicht aufgeben. So simpel wie dieser Sport auch sein mag, so stark erinnert er an die Urkräfte, die uns Menschen ja von den anderen Lebewesen abhebt. Wir haben Willenskraft und können Laufen. Jeder von uns kann das. In jedem von uns steckt ein Teil von diesem Marathon. Ich lasse die Tränen aus meinen Augen kullern. Ich habe heute ein Gefühl kennengelernt, das ich nur als Wort kannte. Frieden. Es ist so einfach. Jeder kann Teil daran haben. Dazu braucht er noch nicht mal eine Rassel oder eine Blechtrommel.




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