Gesellschaft
SATT
11.06.2009 12:06 Uhr
„Essen ist mein Hobby.“ Was damals, als ich Kind war, noch so lustig klang—heute ist es zum makaberen geflügelten Wort geworden. Ich schäme mich.
Ich kämpfe- gegen die Pfunde. Ich kämpfe gegen ein bewusstes und unbändiges maßloses In-Sich-Hinein-Stopfen. Manchmal. Bis zum beinah Platzen. Über den Punkt hinaus. Satt zu sein, aufhören, wenn es soweit ist, das scheint unmöglich.
Denn manchmal ist es kein Genuss mehr. Hunger schon gar nicht.Vieles esse ich aus Verlangen. Lust. Süßes, weil ich eben noch Herzhaftes hatte, dann wieder umgekehrt.
So krank wie meine Nachbarin über mir bin ich nicht; da haben Magersucht und Bulimi über zwei Jahrzehnte ein Menschenleben ruiniert. Sie hat nicht die Wahl; die Sucht treibt sie zu den Ritualen. Als wir noch Kontakt hatten, als ich frisch ins Haus gezogen war, da hat sie mir in ihre Welt aus Fressen und Kotzen, in ihr Elend, einen kurzem Einblick gewährt. Rituale, die sich täglich mehrmals wiederholen, ein ewiger Kreislauf ins Verderben. Abwenden musste ich mich. Um mich selbst zu schützen- denn diese Krankheit lässt die Betroffenen über Leichen gehen.
Noch habe ich die Wahl, esse ich oder lass ich es. Es scheint so einfach. Die Nahrung erhält den menschlichen Körper in Funktion. Hinterher übergebe ich mich auch nicht. Ich bin nur übersatt. Voll. Fühle mich nicht minder elend.
Ich bin dick. Aber bin nicht hässlich. Ja, ich finde mich sogar hübsch. Aber besser hab ich mich schon gefühlt mit 20 kg weniger. Das letzte Mal hab ich gute 12kg abgenommen, die sind jetzt auch wieder drauf. Ich bin unzufrieden und das merkt man mir auch an. Es muss etwas geschehen. Mit den Weight Watchers hatte ich so gut und gesund abgenommen. Bis ich letztes Jahr dann nicht mehr hin ging. Eine Ausrede war schnell da.
Schließlich kostet es eine Menge Geld. Und meine Tochter wollte gerne Klavier lernen...peng, aus, das war es dann.
Kurz vorher hatte ich meinen Freund kennen gelernt. Es war nicht die Liebe auf den ersten Blick, aber er berührt mich dennoch tief. Er mag mich, wie ich bin. Obwohl er sehr sportlich ist und eher auf den athletischen Frauentyp steht, wozu ich nun mal nicht wirklich gehöre. Oft kann ich gar nicht nachvollziehen warum er mich überhaupt will. ( rein menschlich gesehen; denn ich bin launisch, laut, ungehalten, rege mich ständig auf, holterdipolter,....schlimm )
Er hat so unglaublich viel Geduld- und schon alles versucht, um mich zu motivieren. Er steht zu mir, wo ich selbst nicht mal zu mir steh. Ich seh mich selten auf Bildern, weil ich die Fotografin bin-- und weil ich mich nicht ertrage.
Unsportlich war ich nicht. Nicht ganz. Erst mit Ende Zwanzig fing ich an mit Walking, das tat mir gut. Ich steigerte mich. Anfangs lief ich immer mit meiner jüngsten Tante, später wurde das Walking zum Jogging, oder eine Stunde durchschwimmen, ich war stolz auf mich. Und sogar morgens um kurz nach Fünf war ich unterwegs; heute komme ich nicht mehr aus dem Bett um die Zeit. Das Joggen ist selten geworden. Schleppe wieder über achtzig Kilo mit mir herum. Das merken die Knie. Es fällt schwer. Die Spirale beginnt allmählich wieder. Ich sollte mehr Schwimmen gehen. Bewegung ist der Schlüssel zum Wohlbefinden. Ich weiß das. Ich halte mich nicht mehr aus.
Handlung ist aller Prozess Anfang...Verdammt, ich weiß das nur zu gut. Machen, nicht labern.
Sulen in Selbstmitleid. Hervorragend, wie immer also. Wie kann man nur so unbeherrscht sein?!
Mein Freund sagt: es sind immer dieselben Verhaltensmuster. Da musst Du nur ausbrechen. Er kann meine Handlungen nicht verstehen. Er kennt das gar nicht: Er ist immer so beherrscht. Aber er ist er, und ich bin und bleibe ich. Und ich bin beinah ungesund impulsiv. Und immer diese Wut in mir; soviel Aggression. Ich geh zum Yoga, und es kann mich für die 90min. Ganz gut runter bringen, aber danach....
Vorsicht Explosionsgefahr! Unerträglich. Und dann geht es wieder zur Beruhigung von Schokolade oder den Tiefkühlschrank bis hin zur Fressnarkose und führt zu Unwohlsein und Schlaf-Unfähgkeit.
Manchmal graust es mir schon davor, und man kann sich zwar bei den Mitmenschen für das ungehaltene Verhalten entschuldigen, aber ich weiß, dass es irgendwann so viel wird; dann sterben Gefühle. Will ich es soweit kommen lassen?!
Brauch ich eventuell professionelle Hilfe? Habe da schon oft dran gedacht. Sicher ist das Einiges in meinem Köpfchen, was man mal gerade rücken sollte. Schlag mit dem Dampfhammer. Feste druff.
Ich bin eigentlich sehr kreativ, ich kann wundervolle Dinge schaffen. Damit muss ich auch mal wieder anfangen.
Ich will mich doch wieder lieb haben.
Ich will wieder so richtig leben.
Ruhen in mir selbst.
Und endlich satt und zufrieden sein.




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Pinzepu
RE: SATThuhu!
Schwester, du bist nicht die einzige, der es so geht. Und ich denke, dass bei uns das Essen irgend eine Art Schutzmechanismus ist, weil wir mit irgend etwas anderem im Leben nicht klar kommen und das Essen da so eine Art Schutz gibt. Man frisst sich einen Panzer an...Genau weiß ich es auch nicht. Ob ein Psychologe hilf? Na schaden kann's definitv nicht. Vielleicht würdest du auch ruhiger, wenn du einen Sport findest, wo du dich auspowern kannst. Ich empfehle Handball oder Volleyball. :)
12.07.2009 11:49 Uhr
quatzat
RE: SATTIch hatte hier nicht kommentiert, weil mir das Thema eigentlich zu heikel ist, aber:
"Ob ein Psychologe hilf? Na schaden kann's definitv nicht."
Das einzige was da hilft ist die Beschäftigung mit den seelischen Ursachen.
Alles andere ist nur die Bkämpfung der Symptomatik.
12.07.2009 11:55 Uhr
die.sturm
RE: SATT
Ihr habt beide Recht; es gibt eine Ursache.
Ich denke sogar, dass ich sie kenne.
Ich arbeite daran, aber es wird mein Leben- vor allem meine Beziehung nocheinmal radikal verändern- ich bin auf einem guten Weg!!!
Als Jugendliche hab ich sogar mal Handball gespielt, mit mäßigem bis gar keinem Erfolg;)
Werde Hanteltraining, Jogging und Schwimmen intensivieren.
Und die Couch könnte ich ja ausprobieren.
Danke, es ist schön, wenn man verstanden wird.
12.07.2009 12:30 Uhr
latentneurose
RE: SATT
Manchmal bedarf es unkonventioneller Methoden um eine Änderung herbeizuführen, auch wenn dies zunächst auf Unverständnis stoßen mag.
Will sagen: vielleicht legst du deinen Schwerpunkt zunächst einmal auf andere Interessengebiete, statt dich mit den Ursachen zu befassen.
Zu überlegen wäre, was dir Freude bereitet, sei es Musik und Konzerte, Kino, Sport, Wandern, Abende mit Freunden, Reisen... da fällt dir sicher was ein.
Später, mit etwas Abstand, kannst du die Ursachen sicher besser nachvollziehen.
12.07.2009 12:54 Uhr
quatzat
RE: SATT
word!
12.07.2009 12:58 Uhr
Matsumoto
RE: SATT
Hm,
wenn Dir das Schreiben hilft, nur zu.
Ich hoffe nur, dass deine Tochter von dem Gejammer verschont bleibt...
12.07.2009 14:15 Uhr
die.sturm
RE: SATT
Ja, es hilft.
Ich verstehe es als meine Art von Ventil, um die Dinge zu verarbeiten und raus zu lassen.
Meine Texte sind Momentaufnahmen.
Damit meine direkte Umwelt eben NICHT so sehr vollgejammert wird;)
12.07.2009 14:38 Uhr
RE: SATT
Jo, und ich empfehle mal gar nichts...
Du machst das schon.
12.07.2009 14:52 Uhr
RE: SATT
wunderschön... wenn du so schön formulierst, ist es kein Wunder, dass du gerne tief berührt wirst :)
02.11.2009 17:16 Uhr
RE: SATT
...danke, leider hat es bis jetzt noch nicht funktioniert, aber ich jogge wieder-- auch schon viel wert!!
03.11.2009 08:08 Uhr