Erwachsen werden
German Quarterlife Angst, Lesson 1
02.04.2009 12:56 Uhr
Ein alter NEON-Text von mir ist Schulbuchlektüre für Deutsch als Fremdsprache geworden. Vor allem aber lerne ich selber noch etwas über mich.
Ganz nüchtern “Ziel B2 – Deutsch als Fremdsprache” heißt das Buch Auch der Untertitel “Band 1, Lektionen 1-8, Niveau B2/1” hört sich eher an wie eine Fußnote in einer Doktorarbeit zum Gesamtwerk Immanuel Kants denn wie eine Einladung in das Abenteuer Deutschland. Aber vielleicht ist bereits dies als Botschaft gedacht an all die jungen Menschen außerhalb Deutschlands, die die deutsche Sprache erlernen wollen oder müssen: “Bei uns ist Genauigkeit wichtig! Und wehe euch, wenn ihr den Dativ statt des Genitivs nutzt!” Einzig die illustrierenden Bilder von aufgeweckten Gesichtern (die wahrscheinlich die Zielgruppe darstellen sollen), verbreiten etwas Lebendigkeit auf der Titelseite. Und der röhrende Hirsch oben rechts verweist wohl auf so etwas wie Selbstironie. Die einzelnen Kapitel kommen ähnlich jung-dynamisch daher und haben Titel wie “Verrückt”, “”Erwischt” oder “Risiko”.
Mittendrin: ein alter Text von mir (im Kapitel “Erlebt). Unter dem Titel “Mitten im Leben” schrieb ich vor einigen Jahren auf NEON über das Gefühl, mit 27 Jahren im Leben noch nichts wirklich erreicht zu haben (jetzt, vier Jahre später, sieht das natürlich ganz anders aus und ich tippe diese Zeilen am Rande des Pools meiner Villa in den Hollywood Hills, während Scarlett Johannson in der Küche gerade Eis zerkleinert für die nächsten Cocktails – aber das gehört nicht hierher). Es verlief wie immer: der Text fand ein paar freundliche Leser auf NEON, zog einige Kommentare von Gleichgesinnten nach sich und verschwand irgendwann in den Abgründen der Datenbank. Dort aber spürten ihn die wackeren Lektoren des Hueber-Schulbuchverlages auf, immer auf der Suche nach jungen “authentischen” Texten aus dem heutigen Deutschland für den Deutschunterricht.
Und da ist er nun, auf Seite 18, mein Text. Im Kontext “Lesen und darüber sprechen”. Und mit der Diskussionaufforderung versehen: “Wann ist man “erwachsen”? Sprechen Sie und sammeln Sie Ihre Kriterien im Kurs.”
Neben dem Text ist das Bild eines jungen Slackers mit langen Koteletten abgebildet, der auf einer Blumenwiese liegt und mit seinen blauen Augen verträumt in den sicherlich ebenfalls blauen Himmel über Deutschland schaut. Die Hand grübelt ans Kinn gelegt.
Nur zur Klarstellung: Ich bin das nicht! Und ich sah auch nie so aus. Doch gibt es mir zu denken, dass der Bildredakteur, der das Bild diesem Artikel zugeordnet hat, sich etwas gedacht haben mag wie “Ach, zu so einem Artikel passt sehr gut so ein Bild mit diesem verträumten Bubi, so sehen doch diese ganzen jungen Leute heute aus, die nichts rechtes studieren und dann auch nichts rechtes im Leben gebacken bekommen.” Von Oscar Wilde stammt der wie immer weise Satz: “Kein Mensch sieht so aus, wie er wirklich ist”. Ist meine Empörung über diese Bildwahl also nur die Bestürzung darüber, erkannt worden zu sein? Als der verträumte Bubi auf der Blumenwiese, der ich eigentlich bin?
Interessant sind auch die Fragen, die unter dem Text stehen: “Lesen Sie jetzt weiter und kreuzen Sie an: richtig oder falsch?”
- “Der Autor hat das Gefühl, dass er in seinem Leben schon etwas Besonderes erreicht hat”
Mein Stift zögert kurz, bevor er widerstrebend über dem “falsch”-Kästchen verharrt und dort ein Kreuz macht.
- “Er weiß nicht genau, wie sein Leben weitergehen soll.”
Abermals zögert mein Stift, bevor er ein Kreuz macht – diesmal im “richtig”-Kästchen. Aber richtiger wird es deshalb nicht. Das Gefühl.
Ähnlich geht es weiter mit der nächsten Fragen-Kategorie: “Wie werden folgende Punkte im Text gesehen: positiv oder negativ? Kreuzen Sie an.”
- “Wie beurteilt der Autor die Leistung der genannten berühmten Männer?”
Leicht. Mein Stift macht ein Kreuz bei “eher positiv”.
- “Wie beurteilt er seine eigene Leistung im Vergleich dazu?”
Hm. Widerwillig: “eher negativ”.
- “Wie beurteilt der Autor seine Aussichten, noch etwas Tolles zu leisten?”
OK, OK, IST JA GUT, HUEBER-SCHULBUCHVERLAG!
Ich hab ja verstanden: “Eher negativ”! Ich mache ein dickes, wütendes Kreuz
Interessieren würde es mich, einmal als stiller Beobachter an der Diskussion teilzunehmen, die das Schulbuch den Kursen vorschlägt. Fragestellung “Ein Einzelfall oder ein allgemeines Problem?”
Mögliche Wendungen, die ich jedem Lernenden der deutschen Sprache in diesem Kontext nur ans Herz legen kann:
- “Ich kann das gut verstehen, weil…”
- “Ich kann total gut verstehen, was der Autor meint.”
- “Dieses Gefühl kenne ich.”




Wenn du angemeldet bist, kannst du hier einen Beitrag zu diesem Text schreiben
Eintrag schreiben »
sophietrauer
RE: German Quarterlife Angst, Lesson 1armes pützel!!
großartig lakonisch.
02.04.2009 13:16 Uhr