Gesellschaft
Paradoxie der Isolationsgesellschaft
12.01.2009 16:41 Uhr
Deutschland 2009: Eine Gesellschaft schottet sich ab. Von ihren Mitmenschen. Von ihrer Umwelt. Doch zeigt sie sich weiter kommunikativ.
Szene in einem Linienbus: Auf vier in einer Reihe und quer zur Fahrtrichtung gelegenen Sitzplätzen befinden sich drei Personen neben mir, zwei etwa zwölfjährige, blonde Mädchen und ein vielleicht 25-jähriger Mann mit vermutlich nordafrikanischer Abstammung. Ihnen gemein sind die weißen Kabel, die aus ihren Ohren zu wachsen scheinen und in ihren Händen entweder in einem iPod, MP3- oder MP4-Player enden. Klar, denke ich, sie schotten sich ab, wollen nicht angesprochen werden. Und deutlicher könnte es niemand der Außenwelt mitteilen.
Doch diese drei sind nicht die einzigen im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Unzählige Menschen laufen mittlerweile mit Stöpseln im Ohr durch die Weltgeschichte. Beim Joggen mag die Musik sogar noch den Lauftakt unterstützen. Doch in der Uni, während der Arbeit, in Cafés?! Nicht nur, dass dies alles soziale Kontexte sind (sei es die Kommilitonin, sei es der Kollege oder sei es die Kellnerin) und somit die Frage nach Höflichkeit nicht nur von Knigge-Besessenen gestellt werden darf. Auch zerstört diese Form der Abschottung Errungenschaften der Menschheit: Sprache und Kommunikation.
Zur technischen Entwicklung der Kommunikationsmedien, die im Fernseher gipfeln, stellt der Sozialphilosoph und Schriftsteller Günther Anders fest: „Da uns die Geräte das Sprechen abnehmen, nehmen sie uns auch die Sprache fort.“ Ist die Isolation also bloß eine Konsequenz daraus? Haben wir als „Solisten des Massenkonsums“, wie Anders anprangert, verlernt mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Und um bloß nicht in die Gefahr zu kommen, doch in eine Unterhaltung gezogen zu werden, stecken wir uns Knöpfe ins Ohr. Als Ersatz für ein Plakat oder ein Shirt mit der Aufschrift: Sprich mich nicht an!
So ganz kann es das nicht sein. Denn andere Menschen, ebenfalls mit Knopf im Ohr, scheinen umso kommunikativer. Es ist der Trend zum Head-Set, der mittlerweile schon fast Alltag geworden ist. Und doch erschrecken die meisten, wenn hinter ihnen jemand unvermittelt anfängt – in der Regel lauter als nötig – loszusprechen. Immer und überall erreichbar, jederzeit kontaktfreudig. So sieht die andere Seite der Gesellschaft aus. Doch es ist ein und dieselbe Gesellschaft.
Und nicht nur, dass sie sich paradoxerweise einerseits in die Isolation flüchtet und andererseits neue Medien zur pausenlosen Kommunikation freudig nutzt. Auch scheinen Intimität und Privatsphäre an Bedeutung zu verlieren. Was sonst selbst in den eigenen vier Wänden und allein nur flüsternd durch den Hörer drang, wird heute mitten in der Einkaufspassage laut und deutlich in ein kleines schwarzes Mikrophon wahlweise in der Hand oder am Revers gebrüllt. Womit gleichzeitig die umstehenden 25 Leute über die persönlichen Probleme von jedermann informiert werden.
Und dies ist eindeutig Kommunikation. Nicht nur gemäß Paul Watzlawicks Credo, nicht kommunizieren zu können. Frei nach Friedemann Schulz von Thun verfügt jede Botschaft über eine Wirkungsseite beim Empfänger – ob sie nun vom Sender so gemeint ist oder nicht. Wer aber Liebeskummer, Ärger über Arbeitskollegen oder Angst vor einer Krankheit mit seinem Intimus bespricht, beabsichtigt vermutlich eher gar keine Dritten zu erreichen. Und wer von anderen so gar nicht erreicht werden will, schreckt damit auch denjenigen ab, der vielleicht nur freundlich einen Bekannten grüßen möchte.
Wo also steht die kommunikative Isolationsgesellschaft im 21. Jahrhundert?




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oceaneyes
RE: Paradoxie der IsolationsgesellschaftHm, das ist mir zu sehr der übliche Kulturpessimismus. Wetten, dass bei der Erfindung des Telefons auch alle gejammert haben, der menschliche Austausch und die Briefkultur gehe sicher bald verloren?
13.01.2009 12:11 Uhr