Gesellschaft
Lücken im Geschichtspuzzle
01.12.2008 08:29 Uhr
Solange die Aufarbeitung der Geschichte emotional verläuft, werden die Jungen sie nie ganz verstehen.
„Wer die Geschichte nicht kennt, ist verdammt sie zu wiederholen.“ So oder so ähnlich lautet ein viel zitiertes Sprichwort meist älterer Personen, die den nachfolgenden Generationen teils mahnend, teils ratend ein Stück von ihrer Weisheit mit auf den Weg geben wollen. Doch was haben wir, die Jungen, davon, wenn die Aufarbeitung der Geschichte nur lückenhaft geschieht? Wenn Emotionen große Lücken in das Puzzle der Historie reißen oder ein Ausfüllen gar unmöglich machen?
Gestern widmete sich die „ARD“ der Landshut-Entführung. Mit Spielfilm, Talkrunde und Dokumentation. Wirklich was wissen, tun wir nicht. Die Mängel am Film wurden uns von verschiedenen Menschen im Anschluss bei Anne Will erklärt, die damals selbst dabei waren. Die Diskussionsrunde selbst beschäftigte sich mit allem ein bisschen, mit nichts ausreichend. Und wieder einmal kam die Debatte auf, ob die Täter zu sehr in den Fokus gerückt werden. Die sachliche Aufarbeitung der Fakten im Anschluss war ganz nett. Da sie aber als Grundlage für den Film diente, verlief die Suche nach neuen Informationen vergebens.
Natürlich ist es kompliziert, eine fünftägige Entführung in 90 Minuten zusammenzufassen. Und natürlich ist es schwer, ein Gleichgewicht zwischen dem Leiden der Geiseln und den Beweggründen der Täter zu schaffen. Oder geht es darum gar nicht? Denn würde das Gleichgewicht die Realität widerspiegeln? Die Wahrheit wird den nachfolgenden Generationen, die aus der Geschichte lernen sollen, verborgen bleiben, solange diese nicht distanziert und sachlich aufgearbeitet wird. Doch ist das so gut wie unmöglich. Denn diejenigen, von denen wir die meisten Fakten und den Blick aufs Detail bekommen können, sind unmittelbar und subjektiv beeinflusst. Wer live dabei war, kann unmöglich neutral Bericht erstatten.
Der Film „Mogadischu“ ist nur ein Teil des in diesem Jahr verstärkt behandelten Themas RAF. Im Kino war die Verfilmung des „Baader-Meinhof-Komplex“ von Ex-Spiegelchefredakteur Stefan Aust zu sehen. Und auch hier die gleichen Reaktionen: Bettina Röhl, die Tochter der Terroristin Ulrike Meinhof, kritisierte Martina Gedeck als Fehlbesetzung. Diese erzählte ebenfalls bei Anne Will von der „sanften und unnachgiebigen Stimme“ ihres Rollenvorbilds. Kollege Moritz Bleibtreu räumte ein, dass es sich auch nur um einen Film handle, der der Unterhaltung diene. Und Autor Aust kam eher ins Gespräch, weil in diesem Jahr erst er aus dem Magazin und zum Filmstart Farbbeutel gegen sein Haus geworfen wurden.
Müssen wir uns also von der Wahrheit, von Distanz und Objektivität verabschieden, wenn wir eine Vergangenheit verstehen wollen, die sich nicht ausgraben, vermessen und im Museum ausstellen lässt? Oder gibt es diese Wahrheit gar nicht? Sind es falsche Kriterien und Erwartungen? Müssen wir warten, bis alle Befangenen verstorben sind, um unbeeinflusst Geschichtsaufarbeitung zu betreiben? Oder ist es unsere Aufgabe, aus all den gefärbten Bildern ein klares zu erstellen? Sammeln, mischen, selektieren.
Eines jedoch zeigt die Diskussion um die RAF: Die Menschen lernen dazu. Die Generation, die heute den Deutschen Herbst aufarbeitet, hat ihrerzeit die Eltern angeklagt, die Nazi-Vergangenheit totzuschweigen. Fehler, Lücken und Emotionen verzerren jetzt ihre eigene Geschichte. Um die zu verstehen, um aus ihr zu lernen, brauchen wir also einen guten Filter. Vielleicht schaffen wir es noch nicht, den zu entwickeln. Aber es ist eine Chance. Eines Tages werden unsere Kinder und Enkel nach Al Kaida und dem „Krieg gegen den Terror“ fragen...




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