Internet

Macht Internet dumm?
20.11.2008 14:39 Uhr
Wird unser Gehirn durch ÜBERMÄSSIGE INTERNETNUTZUNG umstrukturiert? Verlieren wir wegen Google intellektuelle Fähigkeiten? Die Thesen des Technologiekritikers Nicholas Carr sind umstritten - hier kann man sie selbst prü fen: indem man zum Beispiel versucht, seinen langen Text konzentriert zu lesen.
Supercomputer HAL fleht um sein Leben: »Dave, hör auf. Bitte. Lass es sein, Dave. Bitte.« Doch gegen Ende von Stanley Kubricks »2001: Odyssee im Weltraum« bleibt Astronaut Bowman unerbittlich. Gerade noch wäre er beinahe von HAL getötet worden, nun unterbricht er, ruhig und ganz kühl, Schaltkreis um Schaltkreis, die HALs künstliches Gehirn mit Energie versorgen. »Dave, mein Gedächtnis schwindet. « HAL fühlt sich verloren. »Ich spüre es.« Ich spüre es auch schon. Die letzten Jahre überkam mich häufig das Gefühl, dass jemand in meinem Gehirn herumpfuscht, meine neuronalen Muster neu justiert, mein Gedächtnis um programmiert. Mein Verstand verschwindet nicht wirklich - aber er verändert sich. Und am stärksten spüre ich das, wenn ich lese. Früher fiel es mir ganz leicht, mich in ein Buch zu vertiefen oder einen langen Zeitungsartikel von vorne bis hinten durchzulesen. Ich hangelte mich an Argumenten entlang, ließ mir etwas erzählen, verfing mich in seitenlanger Prosa. Dazu kommt es kaum noch. Nach zwei, drei Seiten schweife ich ab, werde unruhig und verliere schließlich den Faden. Mein eigensinniges Hirn wehrt sich gegen den Text.
Konzentriertes Lesen, früher ein Genuss, wird für mich zum Kampf. Ich ahne, woran das liegt. Mehr als ein Jahrzehnt bin ich nun online, suche und surfe und trage bei zur großen Datenbank namens »Internet«. Für mich als Autor ist das Web auf den ersten Blick ja auch ein Gottesgeschenk. Recherchen, die früher Tage gedauert und mich in dunkle Bibliothekskeller und Archive geführt hätten, erledige ich heute innerhalb von Minuten. Ein paar Stichworte bei Google, ein paar Klicks auf Hyperlinks, und ich finde den Fakt oder das Zitat, nach dem ich gesucht habe. Auch in meiner Freizeit schlage ich mich durchs Dickicht des Datendschungels, lese und schreibe E-Mails, scanne Überschriften und Blogs, schaue Videos, höre Podcasts oder springe wild von Seite zu Seite - denn ganz im Gegensatz zu wissenschaftlichen Fußnoten verweisen Links ja nicht nur auf andere Arbeiten, nein, sie schleudern mich regelrecht in deren Richtung.
Nicht nur für mich ist das Internet zum universalen Medium geworden, zum wichtigsten Informationskanal, der meine Augen, meine Ohren und sehr direkt auch meinen Verstand bedient. Der unmittelbare Zugriff auf schier unermessliche Datenmengen bietet fraglos viele Vorteile. Vielleicht ist er sogar ein Segen. Aber diese Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen. Bereits in den 60er Jahren machte der Theoretiker Marshall McLuhan darauf aufmerksam, dass Medien niemals passive Informationskanäle seien. Sie unterfüttern unser Denken, so McLuhan, aber sie beeinflussen auch die Art, wie wir denken. Und das Internet, so scheint es, raubt mir die Fähigkeit zur Konzentration. Mein Verstand erwartet inzwischen von mir, dass ich ihm Informationen auf die gleiche Weise zuführe wie das Internet. In einem konstanten Strom kleiner Häppchen. Früher tauchte ich ein in den Ozean der Worte.
Nun springe ich von Welle zu Welle, als säße ich auf einem Jetski. Als ich meine Überlegungen verschiedenen Freunden schilderte - zumeist aus dem Literaturbetrieb - hörte ich ganz ähnliche Erfahrungen. Je mehr Zeit meine Bekannten im Web verbringen, desto schwieriger fällt es ihnen, sich auf lange Texte zu konzentrieren.
Auch Blogger berichten von diesem Phänomen. Scott Karp, der einen Blog über Onlinemedien führt, hat kürzlich gestanden, dass er überhaupt keine Bücher mehr lese. »Auf der Uni war ich ein Bücherwurm«, schreibt er, »was ist nur mit mir passiert?« Dann spekuliert er: »Vielleicht hänge ich ja gar nicht vor dem Bildschirm, weil sich mein Leseverhalten geändert hat - vielleicht hat sich mein Denkverhalten geändert?«
Krieg und Frieden
Vor kurzem sprach ich mit Bruce Friedman, einem Fachmann für den Einsatz von Computern im medizinischen Bereich: »Mein Denken findet manchmal in regelrechtem Stakkato statt - als würde ich online verschiedene Quellen heranziehen und von Fenster zu Fenster springen «, sagt er. »Einen Wälzer wie ?Krieg und Frieden? könnte ich gar nicht mehr lesen. Ganz einfach, weil ich nicht mehr dazu fähig bin. Sogar Blogposts überfliege ich nur noch, weil ich eine solche Informationsmenge gar nicht mehr konzentriert verarbeitet kriege.« Persönliche Eindrücke beweisen natürlich gar nichts, und noch sind wissenschaftliche Studien abzuwarten, die umreißen, wie das Internet unser Bewusstsein beeinflusst. Eine jüngst veröffentlichte Untersuchung des University College London über das Suchverhalten im Internet lässt jedoch zumindest darauf schließen, dass wir uns in einem fundamentalen Umbruch befinden, was Lesen und Schreiben betrifft.
Die Wissenschaftler haben fünf Jahre lang die Logbücher von Computern ausgewertet, an denen das Verhalten von Benutzern zweier Suchmaschinen aufgezeichnet wurde, über die man Zugriff auf Zeitschriftenartikel, E-Books und andere schriftliche Quellen erhält. Die Forscher erkannten Muster im Leseverhalten, die sich mit »überfliegen« am treffendsten beschreiben lassen. Die User sprangen von Quelle zu Quelle und kehrten kaum einmal zurück zu einem bereits geöffneten Artikel. Typischerweise lasen sie Seiten nicht ganz durch, bevor sie zur nächsten Quelle sprangen. Hin und wieder speicherten sie zwar einen langen Artikel, was aber noch lange nicht heißen musste, dass sie ihn später tatsächlich auswerteten. Die Autoren der Studie fassten zusammen:
»Es ist offensichtlich, dass die User online nicht im klassischen Sinn lesen. Es entstehen neue Formen des Lesens. Titel, Inhaltsverzeichnisse und Zusammenfassungen werden benutzt, um schnell Erfolge zu erzielen. Es scheint sogar, als würde das Internet genutzt, um klassisches Lesen zu vermeiden.« Weil immense Textmengen im Internet direkt abrufbar sind und sich SMS zur allgegenwärtigen Kommunikationsform entwickelt hat, lesen wir heute vielleicht sogar mehr als noch vor zwanzig Jahren, als das Fernsehen Medium der Stunde war. Aber wir lesen offensichtlich anders. »Wir sind nicht nur, was wir lesen«, sagt Maryanne Wolf, Psychologin und Autorin, »wir sind auch, wie wir lesen.«
Wolfs Sorge ist, dass jene Effizienz und Unmittelbarkeit des Lesevorgangs zur Folge haben könne, dass wir Informationen lediglich noch entschlüsseln - sie aber nicht mehr vollständig verinnerlichen. Unsere Fähigkeit zur Interpretation könnte verkümmern. Lesen, so Wolf weiter, sei keine instinktive Handlung. »Es ist nicht in unseren Genen verankert wie das Sprechen.« Unser Geist müsse erst lernen, Symbole - also auch Buchstaben - in verständliche Sprache zu übersetzen. Hierbei spielen Medien und Technologie eine wichtige Rolle. Sie helfen uns bei der Entwicklung von neuronalen Schaltkreisen im Gehirn. Experimente zeigen, dass Leser zeichenbasierter Sprachen (zum Beispiel des Chinesischen) andere Verknüpfungsmuster bilden als Leser von Sprachen, die auf dem Alphabet basieren (etwa dem Deutschen). Die Auswirkungen erstrecken sich über weite Teile des Gehirn bis in Bereiche für kognitive Grundfähigkeiten wie das Gedächtnis oder die Interpretation von audiovisuellen Reizen. Daraus lasse sich schließen, dass der Gebrauch des Internets andere Schaltkreise erzeugen werde als das Lesen von gedruckten Büchern.
Nietzsches Kurzmitteilungen
1882 kaufte Friedrich Nietzsche eine Schreibmaschine, genauer gesagt eine Schreibkugel, eine Erfindung des Taubstummenlehrers Hans Rasmus Johan Malling-Hansen. Nietzsches Augen waren inzwischen sehr schlecht geworden, und es bereitete ihm zusehends Mühe, auf ein Blatt Papier zu starren. Oft plagten ihn Kopfschmerzen, und er musste beim Schreiben kürzer treten. Er fürchtete gar, es ganz aufgeben zu müssen. Doch eine Zeit lang rettete ihn die Maschine über die Runden. Noch einmal strömten die Worte regelrecht aus ihm direkt aufs Papier. Verschiedene Freunde aber bemerkten, dass sein bereits reduzierter Stil einer telegrammartigen Prosa wich. »Sie scheinen über diese Maschine zu einer neuen Ausdrucksweise zu finden«, schrieb ihm ein befreundeter Komponist und verwies darauf, dass die Qualität seiner eigenen Arbeit auch von »der Qualität von Stift und Papier« abhänge. »Sie haben Recht«, erwiderte Nietzsche und schrieb seinem Sekretär: »Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.«
Das menschliche Hirn ist fast grenzenlos formbar. Früher war die Wissenschaft der Meinung, das Geflecht von Milliarden Neuronen erstarre, sobald der Mensch das Erwachsenenalter erreiche. Dies wurde von Hirnforschern mittlerweile widerlegt. James Olds, Professor für Neurologie, behauptet sogar, der Geist eines Erwachsenen sei »noch äußerst formbar«. Nervenzellen würden routinemäßig alte Verbindungen abbrechen und neue Netzwerke bilden. »Das Hirn«, so Olds, »wird laufend umprogrammiert und ändert seine Funktionsweise. « Im gleichen Maß, in dem wir intellektuelle Technologien einsetzen - also Werkzeuge, die unseren Geist unterstützen und nicht allein als Verlängerung des Körpers dienen - werden wir auch von den Technologien beeinflusst. Wie Nietzsche.
Ein anderes schlagendes Beispiel ist die Einführung der mechanischen Uhr im 14. Jahrhundert. »Sie machte die menschlichen Reaktionen unabhängig von Auf- und Untergang der Sonne«, so der Philosoph Lewis Mumford. »Das Messen von Raum und Zeit wurde zum integralen Bestandteil eines Kontrollsystems, das der westliche Mensch über den gesamten Erdball ausdehnte.« Aber diese Erfindung nahm dem Menschen auch etwas weg. Er gehorchte nun der Uhr. Er aß, arbeitete und schlief von nun an, wenn das mechanische Ticken ihm suggerierte, dass es Zeit dafür sei. Er vernachlässigte seine natürliche Wahrnehmung. Diese neue Technologie wirkte sich auch auf unsere Selbstwahrnehmung aus. Bald sprachen wir davon, dass unser Gehirn »wie ein Uhrwerk« funktioniere.
Und heute, im Softwarezeitalter, vergleichen wir die Funktionsweise unseres Gehirns dementsprechend mit der eines Computers. Die handfesten Auswirkungen aber, so weiß die Neurologie, reichen weit tiefer als nur in den Sprachgebrauch. Aufgrund der Formbarkeit des Gehirns verändern wir uns auch auf einem biologischen Level. Das Internet fungiert inzwischen als unsere Uhr, als unsere Landkarte, als unsere Schreibmaschine, unser Taschenrechner, Telefon, Radio und Fernseher. Das Internet schluckt und verändert andere Medien in seinem Sinn. Es fügt ihnen Links und blinkende Werbetafeln hinzu und reiht sie ein in den Reigen all der anderen Medien, die es absorbiert hat. So bimmelt es, weil wir eine E-Mail bekommen, während wir die Überschriften auf einer Zeitungswebsite durchforsten. Unsere Aufmerksamkeit ist geteilt, unsere Konzentration unterwandert. Das endet nicht am Bildschirm.
Weil sich die Menschen an das hektische Medienpatchwork schnell gewöhnt haben, müssen andere Informationskanäle aufrüsten, um die veränderte Erwartungshaltung des Publikums zu befriedigen. Das Fernsehen lässt Ticker durchs Bild laufen und wirbt mit bimmelnden Pop-ups. Magazine und Zeitungen kürzen die Textlängen, stellen Zusammenfassungen neben die Artikel und umwerben den Leser mit schnell konsumierbaren Infohäppchen. Sogar die altehrwürdige »New York Times« oder der »Spiegel « arbeiten zunehmend mit Textanrissen. Alte Medien haben keine Wahl, als nach den Regeln des neuen Mediums zu spielen.
Die eine beste Methode
Noch nie hat ein einzelnes Kommunikationssystem derart viele Rollen in unserem Leben gespielt und Einfluss auf unser Denken genommen, wie es das Internet heute tut. Doch wie genau werden wir umprogrammiert? Etwa zur selben Zeit, zu der Nietzsche seine Schreibmaschine kaufte, betrat ein junger Mann namens Frederick Winslow Taylor eine Stahlhütte in Philadelphia. Er trug eine Stoppuhr bei sich. So begann eine Serie von Experimenten, die darauf abzielten, die Effizienz der Fabrik zu erhöhen. Unter Zustimmung der Eigentümer stellte er eine Gruppe von Arbeitern zusammen, ließ sie auf verschiedene Maschinen verteilen und stoppte die Zeit für jeden Hand griff.
Am Ende ließ Taylor jeden einzelnen Vorgang in eine Vielzahl kleiner Schritte aufteilen und probierte diese in verschiedenen Reihenfolgen aus. So entstanden präzise Anweisungen, eine Art Algorithmus, wie jeder einzelne Arbeiter im Optimalfall vorgehen sollte. Die Angestellten maulten und beschwer ten sich, dass sie nur mehr als Automaten dienten. Aber die Produktivität des Betriebs explodierte förmlich. Mehr als einhundert Jahre nach Erfindung der Dampfmaschine hatte die industrielle Revolution also ihre Philosophie gefunden. Taylors Choreografie - sein »System«, wie er es nannte - wurde von Firmeneignern in den gesamten USA und bald in der ganzen Welt übernommen. Die Fabrikanten nutzten seine Erkenntnisse für maximale Geschwindigkeit, maximale Effizienz und maximalen Output. Millionen von Jobs wurden reorganisiert. Das Ziel, so Taylor in seinem Standardwerk
»Die Grundsätze wissenschaftlicher Betriebsführung« von 1911, war es, für jede Arbeit »die eine beste Methode« zu finden, zur Anwendung zu bringen und somit langfristig wissenschaftliche Standards anzuwenden, wo früher chaotische Verhältnisse herrschten. Als sein System breite Anwendung fand, prophezeite Taylor, dass es nicht nur Umstrukturierungen im industriellen Bereich nach sich ziehen, sondern die Gesellschaft verändern werde. Er entwarf eine Utopie der perfekten Effizienz, in der nicht mehr der Mensch, sondern das System an erster Stelle stehen müsse. Taylor begleitet uns bis heute, und sein System dient nach wie vor als ethische Grundlage der industriellen Herstellung. Und nun, da Computeringenieure weite Teile unseres intellektuellen Lebens beeinflussen, erstreckt sich Taylors System auch auf unseren Verstand. Es trifft auf die Maschine Internet - entworfen für die effiziente Sammlung, Übermittlung und Manipulation von Informationen. Und ganze Legionen von Programmierern suchen nach der einen besten Methode, nach dem perfekten Algorithmus.
Eine künstliche Intelligenz
Das Google-Hauptquartier in Kalifornien - der »Googleplex« - ist die Kathedrale des Internets, und die dort praktizierte Religion heißt Taylorismus. Google, so sagt Chairman Eric Schmidt persönlich, ist eine Firma, die versuche, »alles zu systematisieren«. Täglich werden hier Terabytes von Daten gesammelt, die genaue Rückschlüsse auf das Userverhalten zulassen und herausfinden, wie wir Informationen finden und auswerten. Die Algorithmen werden laufend perfektioniert. Google sieht seine Aufgabe darin, »die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen«. Man wolle die »perfekte Suchmaschine« entwickeln, die erkenne, »was der Nutzer meint«, und die genau jene Ergebnisse anzeige, »die er sich wünscht«. Google sieht Informationen als Rohstoff, der wie in einer Mine abgebaut und industriell verarbeitet werden kann. Das menschliche Denken soll dadurch immer effizienter werden. Aber wo soll das enden? Sergey Brin und Larry Page, die Gründer von Google, machen keinen Hehl aus ihren Ambitionen. Ihre Suchmaschine soll zur künstlichen Intelligenz werden, einem modernen HAL, der mit unseren Gehirnen in Verbindung steht. »Die ultimative Suchmaschine ist so schlau wie ihr Nutzer - oder schlauer«, wird Page zitiert. In einem Interview mit »Newsweek « sagte Brin sogar, dass die Menschheit doch »viel besser dran« wäre, wenn die gesammelten Informationen der Welt direkt mit dem Hirn verbunden wären - oder einem künstlichen Gehirn, das die Fähigkeiten des menschlichen überträfe. Vergangenes Jahr verkündete Page vor Wissenschaftlern, dass Google tatsächlich an einer künstlichen Intelligenz arbeite. Und zwar »im großen Maßstab«.
Dieses Ziel ist naheliegend und erstrebenswert - jedenfalls für Mathematiknerds, denen Unmengen von Forschungsgeldern und eine Armee von Programmierern zur Verfügung stehen. Eric Schmidt will »Probleme lösen, an die sich noch niemand herangetraut hat.« Und die Erschaffung einer künstlichen Intelligenz ist die größte anzunehmende Herausforderung für diese Art des Entdecker geistes. Die Annahme, wir alle seien »besser dran«, wenn unser Hirn ersetzt würde, ist im besten Fall beunruhigend. Sie unterstellt, dass unsere Intelligenz Ergebnis eines mechanischen Prozesses sei, einer Serie von Einzelschritten, die isoliert, gemessen und optimiert werden können. In dieser Weltanschauung ist kein Platz für Innehalten oder Nachdenken. Doppeldeutigkeit wird nicht als Bereicherung begriffen, sondern als Programmfehler, der weg muss. Doch das Gehirn ist kein alter Computer, der eine größere Festplatte braucht. Die Idee aber, dass unser Verstand wie ein Prozessor arbeiten soll, ist in der Struktur des Internets nicht nur bereits verankert - sie ist Grundlage seines Wirtschaftssystems. Je hektischer wir durchs Web surfen, je mehr Links wir anklicken, desto mehr Informationen kann Google über uns sammeln - und gezielt Werbebotschaften entwickeln. Es liegt also im ureigenen Interesse des Konzerns, dass wir viele Spuren hinterlassen, und das Letzte, was die Firma will, wäre, dass wir genüsslich auf einer Website verharren oder länger nachdenken. Unsere Rastlosigkeit ist Googles Geschäft.
Wir Pfannkuchenmenschen
Immer wenn eine neue Technologie glorifiziert wird, entsteht eine Gegenbewegung, die das Schlimmste befürchtet. Der Buchdruck etwa sorgte für Wehklagen. Der italienische Humanist Hieronimo Squarciafico befürchtete »intellektuelle Faulheit« durch die breite Verfügbarkeit des gedruckten Wortes. Andere hatten Angst, dass religiöse Autoritäten untergraben würden und Aufruhr die Folge sei. Clay Shirky von der New York University merkt dazu an, dass »viele Argumente, die gegen den Buchdruck angeführt wurden, durchaus stichhaltig« waren, manche gar »prophetisch«. Allerdings seien die Schwarzmaler nicht fähig gewesen, die positiven Folgen, ja die Segnungen der Erfindung abzusehen. Vielleicht werden diejenigen Recht behalten, die uns Internetkritiker als Nostalgiker verspotten. Vielleicht entspringt unseren hyperaktiven, datenverstopften Köpfen ein Zeitalter von Entdeckertum und Weisheit. Aber Lesen nutzt nicht nur unserer Bildung, sondern ist mit der Ausbildung unserer Intelligenz verknüpft.
»Lesen ist untrennbar mit Tiefen denken verbunden «, so Maryanne Wolf. Verlieren wir diese Ruheinseln oder verschütten wir sie unter »content«, dann werden wir, wie es der Regisseur Richard Forman ausdrückt, zu »Pfannkuchenmenschen«: immer breiter. Dafür immer platter. Ich kriege die Szene aus »2001« nicht aus dem Kopf. Was sie so verwirrend macht, ist die emotionale Reaktion des Computers auf die Demontage seines Hirns. Seine Verzweiflung. Sein kindliches Flehen. »Ich habe Angst.« Er fällt in einen Zustand totaler Unschuld zurück. Und während HAL von seinen Gefühlen überwältigt wird, geht Astronaut Bowman mit derselben Emotionslosigkeit zu Werke, die alle Menschen in diesem Film auszeichnet. Eine geradezu roboterhafte Effizienz. Ihr Denken und ihr Handeln scheinen von einem Drehbuch vorgezeichnet, als folgten sie den Befehlen eines Algorithmus. In der Welt von »2001« sind Men schen die Maschinen, und ausgerechnet ein Computer erweist sich als der humanste aller Beteiligten. Hierin liegt die Essenz von Kubricks düsterer Vision. Wenn wir uns auf Computer verlassen, um die Verbindung zur Welt zu halten, dann wird unser Verstand schwinden und einer künstlichen Intelligenz weichen.
Zum Autor:
Nicholas Carr ist prominenter Kritiker des Internethypes. Bekannt wurde er durch sein Buch »Does IT matter?« und seinen Blog roughtype.com.




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Spade_D_Masters
RE: Macht Internet dumm?Woha, da bin ich ja mal gespannt...
*sabber*
...oooh ich muss ja auf Antworden drücken
*Monitor begrapsch*
...was? Achso, die Maus!
13.09.2008 01:19 Uhr
Sturmkind
RE: Macht Internet dumm?Ich habe bestimmt drei Minuten über diesen Eintrag gelacht... sehr geil.
19.09.2008 14:23 Uhr
ratzefatze
RE: Macht Internet dumm?selbstbestimmung? schön, dass wir nicht mehr die wahl haben und uns unfrei entscheiden können~! Wir sollten entscheiden!
13.09.2008 02:12 Uhr
Sternenglut
RE: Macht Internet dumm?ich merke auch, dass das denken rastloser wird, man diese häppchen an informationen sucht. ob das nun durch das internet geschieht, oder nicht viel mehr am erwachsenwerden liegt, weiß ich nicht genau. als jugendlicher konnte man eben in ruhe ein buch lesen wenn man mit den hausarbeiten fertig war. heute hinterfragt man alles: gönnt man sich diese intellektuelle pause, oder les ich nich lieber ein buch zum studium/was mir im job was bringt? zusätzlich bin ich nach der arbeit meist so schlapp, dass ich mich einfach vom tv berieseln lassen will und nichts anderes. sorgen lassen einen eben auch weniger in die welt der bücher untertauchen.
was ich sagen will: man selektiert informationen stärker, wird ungeduldiger. eigentlich schade, weil doch gerade diese tage im dunklen bibliothekskeller toll waren, nun aber einfach nicht mehr drin sind.
das meine gedanken dazu. und noch etwas zur gestaltung des texts, ich zitiere auf s. 88: "unsere aufmerksamkeit ist geteilt, unsere konzentration unterwandert". danke, genau das dacht ich auch, als mich während des lesens zwei riesengroße portraits zweier menschen abgelenkt haben... ob nun gewollt oder nicht, ich fands nervig. das war mein senf hierzu.
16.09.2008 22:10 Uhr
emily_fliegt
RE: Macht Internet dumm?ich fand den artikel an sich gut. und ich denke dass ein großes stückchen wahrheit darin liegt. ich fand ihn nur einen tick zu lang. wobei ich jetzt nicht weiß ob es daran liegt dass meine aufnahmefähigkeit vergoogelt ist oder die eine oder andere passage mir teilweise etwas redundant vorkam. aber alles in allem und unterm strich ein sehr interessantes thema.
17.09.2008 15:44 Uhr
nicht-yin
RE: Macht Internet dumm?oh oh mein senf hier.
ich denk ich werd auf jeden fall mal texte im interenet zu ende lesen. das mach ich eigentlich nie.
17.09.2008 16:19 Uhr
NeonBlond
RE: Macht Internet dumm?jaaaaa, auf jeden fall. meist macht man doch nur irgendeinen mist. ich gucke mir fotos von irgendwelchen leuten bei facebook an und hänge bei neon herum. das internet ging letzte woche nicht und ich habe sechs bücher gelesen, war im museum, habe zwei filme gesehen und einen reiseführer durchgearbeitet.
jetzt geht es wieder und ich, äh, ja.
dieses mal kurz bei google gucken bringt doch zu nichts. meist beschäftigt man sich mit irgendeinem thema nur oberflächlich uuuuuuund wenn sich irgendwelche aus der ''internetgemeinde'' darüber aufregen und das sind ja meist diese pestbebeulten blog-armleuchter, heißt das schom mal gar nichts.
18.09.2008 23:39 Uhr
Surecamp
RE: Macht Internet dumm?Oh je, war ja klar dass der Artikel vom Schütte übersetzt wurde....ja nee, ist ne Frechheit dass wir gezwungen werden vorm Computer zu sitzen, gezwungen werden Google zu benutzen (ooh, böse böse Menschen die unsere harmlosen Benutzerdaten sammeln und dann angepasste Werbungen einblitzen lassen, voll böööööööööse) und dass wir mit Gewalt vom Bücherlesen abgehalten werden....
Wir werden auch gezwungen das Auto zu nutzen und werden gezwungen zu rauchen. Da muss man sich auch mal beschweren dass unter den Autos die Umwelt leidet und dass die Nichtraucher unter unserem Rauch leiden....
Böse Welt..und wir so völlig ohne eigenes Handeln....
Artikel: Kontra Internet=Kontra Fortschritt= Kontra Amerika.
Gut gemacht!
19.09.2008 08:19 Uhr
Jenelin
RE: Macht Internet dumm?Der Artikel ist gut geschrieben aber mit selber geht es nicht so. Beruflich muss ich den ganzen Tag am Rechner sitzen und dort Informationen verarbeiten. Dennoch kann ich ein Buch lesen und genießen und lange Artikel noch am Stück erfassen.
Auch den Artikel konnte ich durchlesen. Einzig und allein die "Riesenportraits" haben abgelenkt ;o)
20.09.2008 20:24 Uhr
Cornhoolio
RE: Macht Internet dumm?ach.. son ein quark!
dank des internets konnte ich viele wissenslücken schliessen (auch welche die ich vorher nichtmal kannte) und mir viele wege in die bücherei sparen. auch das geld für die tageszeitungen! und bücher bzw. lange texte kann ich trotzdem noch genießen.... und, dass die FAZ oder sie SZ ihr Artikel kürzen, weil die Leute zu sehr ans internet gewöhnt sind, konnte ich noch nicht feststellen....
und mal abgesehen davon mache ich gern mal ne pause und denke über das gelesene einen moment nach.....
21.09.2008 23:56 Uhr
anna_molly85
RE: Macht Internet dumm?ich kann dem nicht zustimmen, ich lese nach wie vor bücher, eigentlich noch mehr, es geht nichts über ein fesselndes buch das man nicht mehr weglegen kann, die einzige veränderung dich ich feststelle, das ich durchs googeln, schneller entscheiden kann ob ich einen text wichtig finde oder nicht und letzteren lese ich dann auch nicht zu ende
24.09.2008 11:04 Uhr
H.E.L.D
RE: Macht Internet dumm?ach der Typ labert doch voll den Unfug.
wenn er davon redet das man im internet immer nur sache ein bisschen anliest heisst das doch lang nicht, dass das das leseverhalten beeinflusst. schliessliche war die studie von ihm vermutlich unter studenten. und die haben recherchiert und deswegen nur sache angelesen. der wicht will doch jetzt nicht wirklich erzählen das bei seinen recherchen früher er immer jedes buch komplett!!! gelesen hat weil das vll etwas mit seinem thema zu tun hatte. und genauso ist es im internet. du findest was du siehst das es scheisse ist du klickst es weg. früher haste was im buck gefunden gesehen das es scheisse ist und dann das buch weggestellt.
desweiteren sein gelaber davon das er sich nicth mehr konzentrieren kann und seine freunde auch nicht.
bevor er dem internet die schuld gibt, sollte er sich erst mal darüber gedanken machen ob er sich nicth merh konzentrieren kann weil er älter und älter und älter wird. ich bin jetzt 20 häng viel zeit im inet ab lese viele artikel (ja auch lange) auf wiki und spiegel-online
und ich lese auch bücher so ganze und das kann ich auch noch am stück.
also liegts vll nicht am internet sondern am alter oder an was anderem da ich mich ja noch auf texte konzentrieren kann. naja lange rede kurzer sinn.
der kerl labert ohne dafür auch nur indizien zu haben.
lächerlich
so
ciao :)
08.10.2008 00:04 Uhr