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Job


Neon-Logo Magazin-Text [Job] Ausgabe [September 2008]

Am Boden, zerstört

01.10.2008 14:53 Uhr

Angst, Depressionen, Erschöpfung, Schlaflosigkeit oder das Pfeifen im Ohr: Die Anzeichen für einen BURN-OUT sind so zahlreich wie die Menschen, die es erwischt. Nur die Ursache ist immer dieselbe: Stress. Der Autor hat selbst erlebt, was passieren kann, wenn man die Schraube überdreht.

von michalis_pantelouris

Die Angst zieht von unten den Rücken herauf, wie Kälte unter eine Jacke, kriecht hinauf zu den Schulterblättern und setzt sich in den Nacken.
Beim ersten Mal hatte ich sie für Wut gehalten, was gut war, weil ich sie da noch abschütteln konnte, rauslaufen, rausstreiten, aber diesmal lag ich im Bett, den Kopf voller Kater und die Innereien wund von einer Nacht an irgendeinem Tresen. Die Angst drückte auf meine Brust und würgte mich, und ich musste mich aufsetzen, um nach Luft zu schnappen. Aber das reichte nicht. Ich begann zu hecheln. Ich konnte nicht mehr einatmen. Etwas schnürte meine Brust ein, bis die Lunge sich anfühlte, als wäre sie versteinert - kalt und hart und tot. Meine Unterarme begannen zu kribbeln, und ich konnte meine Hände nicht mehr fühlen. Sie waren gelähmt, wie eingeschlafen. Mir war unendlich kalt. In diesem Moment hätte ich viel gegeben, nur damit es aufhört, damit das hier aufhört, was immer es war. Einen Augenblick lang überlegte ich, mich aus dem Fenster zu werfen - nur um nicht mehr zu fühlen, was ich fühlte.
Alles musste besser sein als das.
Es war ein langer Augenblick, und irgendeine Ecke meines Gehirns blieb klar genug, mich selbst zu beobachten und zu sehen, wie armselig ich da kauerte, wie absurd und elend das alles war und wie losgelöst von mir und all dem, was ich für mich selbst hielt. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich zusammengerollt auf dem Boden lag, unter meiner Bettdecke, mich am Boden festhielt und wimmerte wie ein Küken, das aus dem Nest gefallen ist.
Das war meine erste vollwertige Panikattacke. Sie war weder der Anfang noch der Höhepunkt der bisher schlimmsten Phase meines Lebens. Sie war nur eine ganz normale Panikattacke, eine von vielen, und nur aus zwei Gründen bemerkenswert: Sie war die Hölle. Und sie hat mir gezeigt, dass etwas ernsthaft nicht in Ordnung ist. Das bin ich nicht, dachte ich. Aber ich konnte auch nicht einfach aufstehen und gehen.
Es hatte mich erwischt. Ich war fertig. Ich war ausgebrannt und ich war gerade einmal dreißig Jahre alt.
Ich hatte keinen Grund. Oder, noch schlimmer, ich hatte keinen, den nicht jeder hat. Natürlich hatte ich Stress. Arbeit ist oft stressig, jede Art von Arbeit, meine auch, und ich hatte mich ziemlich ernsthaft in Steuerschulden manövriert, sodass ich nicht weniger arbeiten konnte. Außerdem verletzte ich mich immer wieder an den Scherben einer längst zerschellten Beziehung. Ich schlief schlecht, aber das schon seit Jahren. Alles in allem ging es mir nicht gut, aber auch nicht schlecht. Zumindest dachte ich das. Natürlich war das Quatsch, und die Geschichte hat mir das Gegenteil bewiesen - es ging mir schlecht -, aber eins glaube ich heute noch: Wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich zu jedem beliebigen Zeitpunkt fünf Leute, denen es genauso schlecht geht wie mir damals. Jeden Tag, wenn ich in die Straßenbahn steige, stehe ich umringt von Menschen, die kurz davor sind zusammenzubrechen. Und sie tun alle ganz normal. Und sie sagen sich die ganze Zeit: Eigentlich ist doch alles in Ordnung. Es muss alles in Ordnung sein, es ist ja nichts richtig schlecht. Aber dann liegen sie vor ihrem Bett auf dem Boden, unter einer Decke zusammengerollt, und heulen sich nass.
Wir sind alle in Ordnung, bis zu dem Moment, in dem wir brechen. Ich habe mal einen Tag lang mit einem Klempner gearbeitet, der hat jedes Mal, wenn ich mit der Rohrzange eine Verbindung festgezogen hatte, gesagt: »So, das reicht. Nach fest kommt ab.«
Angststörungen, Depressionen, Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Magengeschwüre und das Pfeifen im Ohr: Je nach Tabelle gibt es mehr als 130 Symptome, die Anzeichen für einen Burn-out sind, aber eine offizielle Krankheit ist das Burn-out-Syndrom selbst nicht, nur ein Sammelbegriff für die 130 einzelnen, die alle dieselbe Ursache haben: Stress. Und auch wenn es keine echten, verlässlichen Zahlen darüber geben kann, wie viele Menschen an den verschiedenen Stadien des Burn-out-Syndroms leiden, ist klar: Es sind viele, es werden immer mehr, und sie werden immer jünger.
Wenn man Stress als das andauernde Gefühl der Überforderung definiert, dann heißt das, wir sind alle überfordert mit unserem Leben. Und wir sind bereit, es sehr weit zu treiben, bis wir das einsehen. Es ist zum Heulen. Ich habe ernsthaft versucht, mich mit den Panikattacken einzurichten. Wenn es ging, habe ich sie weggesoffen, einmal im Büro mit einer ganzen Flasche Baileys, die ich einem Kollegen aus dem Schrank geklaut habe, weil es schnell gehen musste. Ich dachte, ich kriege es mit ein paar Drinks und einem Selbsthilfebuch wieder auf die Reihe, so wie ich schon einen Hörsturz ein Jahr vorher ignoriert hatte.
Zehn Tage Infusionen - und dann? Weitermachen wie vorher. Stress? Angst? Überforderung und Sorgen? Natürlich gibt es das, das war mir klar, und ich fand es auch immer in Ordnung, darüber zu reden. In der Kneipe mit den Jungs. Aber mit einem Arzt? Ich hoffte, die Attacken würden von selbst vorbeigehen. Gingen sie nicht.
Nach zwei Wochen schleppte mich eine Freundin ins Krankenhaus, am Wochenende, in die Notaufnahme der Psychiatrischen Poliklinik. Ich saß da im Flur zwischen Menschen, die sabberten, sich bepissten und mit Toten redeten. Alleine wäre ich weggerannt. Ich fühlte mich, als würde ich mit einer läppischen Blase am Fuß zwischen lauter Unfallopfern sitzen, denen es die Beine abgerissen hat. Mir war klar, dass ich zum Arzt musste. Aber das hier? Halleluja.
Stress ist eine Ratte. Er versteckt sich, tarnt und täuscht. Rein körperlich, und das war meine nächste überraschende Entdeckung, ist Stress Angst. Die Ausschüttung von Hormonen, die Anspannung und Aufregung, alles Angst. Das muss nichts Schlechtes sein, wenn man verliebt ist, sind die körperlichen Abläufe sehr ähnlich, auch dabei können wir nicht schlafen und nicht essen und sind nervös, aber während wir verliebt entweder Erfüllung finden oder unser Unglück kennen, nagt der Stress mit seinen Rattenzähnen Stückchen für Stückchen und lässt uns nicht merken, wie alles in die falsche Richtung geht.
Wie geht es dir? »Gut. Ein bisschen müde, war eine anstrengende Woche.«
In Wahrheit waren es gerade anstrengende zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre. Wenn du jetzt eine Woche Urlaub machst, fährt dein System runter, und dann klappst du zusammen. Und du wirst nicht wirklich wissen, warum. Es ist wegen der vielen Bisse der Ratte: der ewigen Tretmühle jeden Tag da draußen. Dem Druck, dem Gezicke, den ständigen Forderungen, den Sorgen, den Nerven, dem Partner mit der emotionalen Lernbehinderung, dem Niemals- Genügen. Damit kommen die Schlafstörungen, das Übergewicht, die Migräne, das erste Ungleichgewicht in der Chemie, aus dem eine Depression wird. Wenn du eine Frau bist, fängst du jetzt an, Schlafmittel zu nehmen oder Valium. Wenn du ein Mann bist, dann gehst du jetzt wahrscheinlich zu oft einen trinken. Erinnerst du dich noch? Es gab mal eine Zeit, da hat Schnaps dir gar nicht geschmeckt.
Das Witzige an alldem ist: Ich bin stressresistent. Ich bin sogar sehr stressresistent. Der Psychiater hörte sich meine Geschichte an und meinte: »Und dann kommen Sie erst jetzt? Sie hätten vor sechs Jahren kommen sollen.«
Ich bin ein ziemlicher Klotz. Und das ist nichts Gutes. Es heißt nur, dass du nicht merkst, wann du Urlaub brauchst oder eine Frau verlassen solltest, die dir nicht guttut. Die Wahrheit über Stress ist die gleiche wie die über Folter in »24«: Irgendwann zerbrechen alle.Nach fest kommt ab.
Die Theorien zum Burn-out-Syndrom sind vielfältig, auch weil das Krankheitsbild so unscharf ist. Im Prinzip sind Theorien zur Prävention eines Burn-outs sowieso Theorien darüber, was man tun muss, um glücklich und zufrieden zu sein in seinem Beruf und seiner Partnerschaft, in seinem Leben, auf welche so genannten Stressoren man achten muss. Die heftigsten sind natürlich der Tod eines nahen Angehörigen, eine Trennung, ein Umzug oder extreme Geldsorgen. Aber auch dauernde Sorgen um den Arbeitsplatz oder Ähnliches machen genauso krank wie Lärmbelastung. Es sind keine Schatzkammern der Weisheit, die sich auftun, wenn man um Rat fragt auf dem Weg durch die große weite Welt da draußen. Wahrscheinlich ist das keine Überraschung.
Ich habe eine Million Ratschläge gehört, alle gut und gut gemeint und alle wirkungslos: Junge, achte auf dich, pass auf dich auf. Mach dir dies klar und das klar. Sei froh. Natürlich nur von Menschen, die mindestens eine Generation älter sind als ich, so als würde ausgerechnet diese Generation glücklich in Rente gehen. Dabei sehen wir dauernd solche, die nach ihrem letzten Arbeitstag noch zwei Jahre das Haus umbauen und dann, zack, umfallen und sterben. Wenn der Stress eigentlich vorbei wäre. Die Ruhe kommt wie ein Schock. Korrektur: Die Ruhe ist ein Schock. Der Körper ist es nicht gewohnt.
Und das ist das Zauberwort: der Körper. Die Psyche ist ein Teil des Körpers: Chemie, elektrische Ströme, Rezeptoren, was auch immer, aber sie ist Körper. Für mich war das neu. Ich habe es gelernt, als ich auf dem Boden lag und wimmerte. Und dachte: Das bin ich nicht. Ich war es eben doch. Ich konnte eigentlich noch klar denken, aber meine Emotionen folgten mir nicht mehr. Ich hatte Angst vor nichts, die rein körperliche Reaktion von Todesangst, ohne jeden sichtbaren Anlass. Und genauso, wie ich daliegen würde, wenn ich mir mit einem Backstein aufs Knie geschlagen hätte, lag ich da, weil ich mit allem Möglichen auf meine Psyche eingeschlagen hatte, jahrelang. All der Stress, eben die Sorgen und der Druck, die Zweifel und das Gezicke - all die Rattenbisse - sammeln sich im Körper.
Und was auch immer du denkst, wie es dir geht: Sie müssen da wieder raus. Sonst wird es ganz einfach irgendwann zu viel. Bei mir half am Ende der Sport, am Anfang waren es auch Tabletten und Therapiesitzungen und sehr, sehr viele Stunden vor der Xbox (Tiger Woods PGA-Tour, nur nichts Aufregendes). Vielleicht ist es bei anderen Yoga oder Motorradfahren oder Auswandern. Einfach so, ohne alles, geht es jedenfalls nicht (und damit das hier gesagt ist, mit dem pseudowissenschaftlichen »Clearing « von Scientology erst recht nicht).
Es geht bei niemandem einfach so. Und niemand ist resistent. Aber wenn du das nächste Mal jemanden siehst, der sich vor der Arbeit drückt und stattdessen in der Sonne liegt: Bewundere ihn. Er entstresst. Es ist hart genug, am Leben zu sein, auch ohne dass man ständig aus allem einen Kampf macht. Das ist die Mechanik. Sie sagt nichts darüber aus, wie man glücklich wird. Sie sagt nur, dass man nicht liegen bleiben muss und unglücklich bleiben.
Das ist die gute Nachricht: Es gibt einen geraden Weg da raus, und er funktioniert. Er führt an ein paar Wahrheiten vorbei, die unschön sind, aber es gibt ihn. Keine Panik.

von michalis_pantelouris


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Kommentare

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indiekindie

RE: Chef, ich kann nicht mehr

ihr schreibt in letzter zeit viel über job-stress, runterschalten im job, burn out.
langsam reicht's. ;)

18.08.2008 01:54 Uhr

NK

RE: Chef, ich kann nicht mehr

Guter und wichtiger Artikel!

Habe all diese Depri/Burnout Diskussionen immer für Psychogeschwätz gehalten - bis es mich selber erwischt hat. Finde mich einfach wieder in diesem Artikel und schöpfe Hoffnung aus den Erfahrungen des Autors auch wenn ich nur langsam aus diesem Tal rauskrieche. Die schlimmsten Attacken sind vorbei aber viel Arbeit liegt noch an. Rückblickend würde ich mir lieber die Hand abschneiden lassen, als auch nur noch einmal dieses Gefühl zu haben verrückt zu werden.

01.09.2008 13:04 Uhr

Cleeo

RE: Chef, ich kann nicht mehr

naja, ich finde die thematik ziemlich wichtig
kann sein,dass zuviel davon kommt, aber wenn du mal im Berufsleben stehst, dann hast du vlt für die Relevanz mehr Verständnis...

18.08.2008 09:31 Uhr

volumINA

RE: Chef, ich kann nicht mehr

wenn man aber hypochondrisch veranlagt ist wie ich, dann endet das ganze darin, dass man tagein tagaus im büro sitzt und sich selbst bemitleidet, weil man ja so furchtbar "ausgeburnt" ist - obwohl das gar nicht so ist.

vllt. sollte man mal mehr darauf eingehen "wie tanke ich genügend kraft für meinen alltag? woran erkenne ich interessen, die keine sind, und die ich somit aus meinem 48-stunden-tag streichen kann, damit ich mal ausgeschlafen bin?"

18.08.2008 13:07 Uhr

herzklappe

RE: Chef, ich kann nicht mehr

also, ich habe vor zwei jahren ein burn-out gehabt, das war wirklich nicht von schlechten eltern. ich habe nicht mehr gewusst wo oben und unten ist. und wenn ich beim einkaufen oder sonstwo irgendwelche schicken szene-studi-youngste r mit umhängetaschen hab sagen hören, "ooah, ey, ich muss jetzt dreimal vier stunden arbeiten diese woche!", dann hab ich mir immer öfter eine panzerfaust gewünscht. so wird man dann - und noch viel schlimmer.
es ist eine heidenarbeit, um überhaupt zu kapieren, was eigentlich los ist. und was man tun kann. und das man was tun MUSS. ich bin wieder einigermaßen gut beieinander. aber es war eine wahnsinnsackerei und kein ponyhof.

18.08.2008 19:53 Uhr

LeyluraLegbreaker

RE: Chef, ich kann nicht mehr

Bore-Out gibt es auch...Von einem Extrem in das andere. Gibt es heutzutage keine normalen Jobs mit normaler alltäglicher Belastung?

18.08.2008 19:59 Uhr

Fr1zzo

RE: Chef, ich kann nicht mehr

Doch gibt's noch. Den hab ich. ;)
Ich habe vor einiger Zeit einen ziemlich stressigen Job aufgegeben, weil ich einfach das Gefühl hatte, dass ich in 2-3 Jahren tot umfalle. Ich musste da raus und habe mir etwas anderes gesucht. Der andere Job hat mir vielleicht etwas mehr Spaß gemacht, aber ich bin zufrieden mit dem neuen, weil ich weiß, dass ich in 5 jahren nicht in der Klapse oder im Krankenhaus liege ;)

20.08.2008 15:14 Uhr

heaven84

RE: Chef, ich kann nicht mehr

Mich hat es vor 9 Monaten zermetzelt. Und ich bin gerade auf dem Wege der Besserung... Finde das Thema extrem wichtig, man kann heute garnicht genug darüber schreiben. Bin auf dem Wege der besserung, aber auch nur weil ich nen guten Therapeuten habe. Man hat leider nicht immer die Möglichkeit sich die nötige "Auszeit" zu nehmen...Gerade das machts ja noch schlimmer...

18.08.2008 20:35 Uhr

Morgenrot

RE: Chef, ich kann nicht mehr

wichtiger text.

18.08.2008 23:09 Uhr

Bigel

RE: Chef, ich kann nicht mehr

Ich steuer geradewegs auf einen Burnout zu. Ich habe jedoch das Glück, auf die Tipps meiner Mitmenschen zu hören und sie ernst zu nehmen - Erfahrung kommt nicht von ungefähr.

So kommt es, dass ich mir gerade einen neuen Job suche und versuche, mehr mit meiner Freundin zu unternehmen - mehr Interessantes und Spontanes. Denn das ist das wirklich wichtige im Leben: Die Zufriedenheit mit sich selbst und die Möglichkeit, dieses Gefühl mit jemandem teilen zu können.

Mein Chef begeift das leider nicht und wird es auch nie. Er ist 40, lebt Solo ohne Familie und Kinder und verfügt über keinerlei interpersonale Intelligenz. In meinen Augen ein seelischer Krüppel.

Leider habe ich mir bis vor kurzem noch viel zu viel von ihm gefallen lassen, aus Angst den Job und damit die Wohnung und vielleicht auch die Freundin zu verlieren. Eine 55 Stunden Woche ist da schon mal Alltag (unbezahlt, versteht sich).

Doch damit ist jetzt Schluss! Ich bin froh, diesen Entschluss gefasst zu haben und freue mich, mein Leben umzukrempeln.

Man sollte sein Leben genießen. Und so dämlich ich das 0815-Motto "Live your Life" bisher immer fand, so langsam fange ich an, es zu begreifen.

20.08.2008 08:47 Uhr

HolleWolle

RE: Chef, ich kann nicht mehr

ich habe auch immer gedacht, so ein "burn out" trifft mich nie. das ist doch immer nur geschwätz und medien hype...
bin jetzt schon seit 5 jahren in einem pädagogischen beruf. seit einem jahr arbeite ich in einer neuen einrichtung. doch gnau dieses jahr hat mich und meine person sehr verändert. typische burn out syndrome finde ich in meinen verhalten und in mir aufeinmal wieder. dies machte mir angst. seit kurzem bin ich bei meinem hausharzt in behandlung.
die arbeitstelle werde ich demnächst wechseln.

20.08.2008 20:33 Uhr

emmelutzer

RE: Chef, ich kann nicht mehr

artikel wie dieser schaffen genau das, was ich an neon so klasse finde. die grätsche zwischen kurzweiliger trivia und ersten reportagen.
euer magazin lässt sich dadurch wärmstens empfehlen und das eben nicht nur an (noch) studenten!

21.08.2008 09:33 Uhr

Magnolina

RE: Chef, ich kann nicht mehr

Ich bin 22. Ich habe mich seit einem Jahr verleugnet. Was auch der Artikel so treffend beschreibt: eigentlich ging es mir gut. Ich hatte Schuldgefühle, wenn ich mich über zu wenig Schlaf beschwerte. Ich überspielte alles.
Ich merkte nicht, dass es ungesund ist, jede Nacht nur 4 Stunden zu schlafen, immer öfter sturzbetrunken, damit ich fit und fröhlich blieb, abschalten konnte, den ganzen Tag zur Uni zu gehen, selbst unterrichten im Anschluss, abends Haushalt, zwei Jobs im Nachtleben, Freunde, sozial engagiert zu sein, fürs Radio zu arbeiten.... alles gleichzeitig.
Kurz nach meinem 22 Geburtstag schnellte mein Puls dauerhaft hoch. Ich bekam unglaubliche Ängste, abgelöst von starken Depressionen, Heulkrämpfe und Panikattacken in der Öffentlichkeit. Ich ging immer noch nicht zum Arzt. Meine Eltern unterstellten mir per Telefondiagnose Hysterie und Übertreibung. Ich konnte aber meine Wohnung nicht verlassen und wusste nicht warum.

Meine Therapeutin musste mir in monatelangen Sitzungen erklären, wie man entspannt.
Ich hielt sie für verrückt.
Wie konnte mir tief durchatmen, ausschlafen, spazieren gehen und Entspannungsübungen bei Panikattacken und Angststörungen helfen?
Sie tun es.
Wie den anderen Menschen um uns herum.
Immerhin ca 10% aller Deutschen.

Und ja... sie werden immer jünger.

22.08.2008 13:48 Uhr

dayfornight

RE: Chef, ich kann nicht mehr

oh mann ihr sprecht mir aus der seele...

ich danke euch für diesen artikel, auch wenn ich damit überfordert bin den richtigen weg zu finden.

27.08.2008 23:13 Uhr

Supamanec

RE: Chef, ich kann nicht mehr

ja das stimmt die burnout kandiaten werden immer jünger, alles muss immer noch schneller und besser erledigt werden der druck ist unheimlich gross. ich habe die erfahrung gemacht das die meisten mitmenschen es auch auf gar kein fall akseptieren wenn man äussert man kann nicht mehr, sie ignorieren einen und tun es einfach ab.
so das man selber nocheinmal an sich schraubt und versucht die letzten reserven auszuschöpfen, bis man nicht mehr in der lage ist irgendetwas zu tun!
Es ist unglaublich wie ignorant die mitmenschen sind!Wie wenig ruhepausen dem menschen gegönnt sind, ich schalte persönlich in stressphasen immer 3 gänge zurück und versuche mir somit von "aussen" einen blick auf die hektik und den druck zu verschaffen und es ist so lächerlich wenn der kollege sich einen abhetzt (obwohl der meist nicht mal hinter dem betrieb steht) und dich von der seite andröhnt ey mach ma schneller, oder siehst du nicht wie viel arbeit hier herumliegt!!!!
naja ich denke mir dann,etwas extrem...da liegt sie halt und geht die welt davon unter?

04.09.2008 01:12 Uhr

Supamanec

RE: Chef, ich kann nicht mehr

in alten handwerker betrieben kann man diese unglaublich ruhe während der arbeit spüren, ich liebe betriebe wo alles mit ruhe und entspanntheit zugeht! das endprodukt ist doch viel besser.....in der ruhe liegt die kraft !

04.09.2008 01:16 Uhr

viva-verena

RE: Chef, ich kann nicht mehr

Als ich diesen Artikel im Neon gelesen habe musste ich sofort an meinen ehemaligen VWL-Lehrer denken. Er erkrankte auch an Burn-out, leider nahm es bei ihm ein tragisches Ende.
Er war auch einer der Menschen,den man so etwas nie zugetraut hätte. Er hat uns immer im Unterricht erzählt was in seinem Leben so los ist, wie stolz er auf seine Familie ist, was er hier und dort noch so macht, dass er sich jetzt auf eine Koordinatenstelle beworben hat und und und... Ja und dann kam alles aufeinmal die Koordinatenstelle hat ein anderer Kollege bekommen, er wurde vom Komitee, die ihn bewertet haben, indirekt in der Luft zerrissen (er hat uns damals die Bewertung vorgelesen,weil er den Unterrichtsbesuch bei uns durchgeführt hatte), seine Schwiedermutter verstarb plötzich, er musste sich um alles kümmern & sein Sohn wurde vom Gymnasium geschmissen. Alles erzählte er uns ganz locker im Unterricht und machte den Eindruck alles total locker wegzustecken... Und dann kam der Tag,ab dem er Krank war, erstmal nur 1-2wochen, dann 2 Monate... Irgendwann wurde uns mitgeteilt, er leide an dem Burn-out Symdrom und werde wo vorerst nicht mehr wieder kommen,weil es ihm so stark erwischt hat, dass er sich zZ auf den Stand eines 3 jährigen Kind befinde und alles neu erlernen muss,er konnte z.B. keine ganzen sätze mehr formulieren... Ein wirklicher Schock für uns, denn er war immer der starke, der alles so einfach wegsteckt und immer noch nen guten Rat für seine Schüler hatte, uns gepredigt hat, wie wir am besten etwas aus unserer Zukunft machen...Und dieser Mensch soll jetzt ein "totales Wrack" sein, jemand der alles neu lernen muss, für uns die einfachsten Sachen waren für ihn schwere Hürden, die er wieder überwinden musste. Unser Lehrer zersprach daran, er war köprerlich am Ende während sein Geist alles mitbekam und er sich selber beobachten konnte, wie schlecht es ihm eigentlich ging. EIne Woche bevor das tragische Ende seiner Krankheit kam, haben wir ihn am Bahnhof getroffen,weil wir wegen einer Präsentation in die Nachbarstadt fahren mussten. Er hat nichts zu uns gesagt, er ist einfach an uns vorbei gegangen, hat uns mit leeren Augen angeschaut, sich an seiner Aktentasche festgehalten und ist über den Bahnsteig geschlichen, ja geschlichen,so als solle ihn Niemand sehen. Es war auch wirklich kein schöner Anblick, es waren mittlerweile 6 Monate vergangen und vor uns ging ein Mann, der nicht mehr der selbe war, ja ein komplett anderer Mensch geworden ist, körperlich sowie seelisch.... Eine Woche später schmiss er sich vor einen Zug. Vor einen Zu,g der auf der selben Strecke fuhr,die wir eine Woche zuvor mit ihm zusammen gefahren sind... Er hatte aufgegen zu kämpfen.. Er hat die Krankheit siegen lassen und kein anderen Ausweg mehr gesehen, als diesen tragischen... Er hinterlies eine Familie, Kollegen und viele Schüler, die nicht fassen konnten,was passiert ist.

Es ist erschreckend zu sehen, was Stress mit einem Menschen machen kann.

11.09.2008 22:33 Uhr

Supamanec

RE: Chef, ich kann nicht mehr

@viva-verena....man das hat mich total berührt, ich habe mich einmal in dem stadium ich kann nicht mehr sprechen befunden, musste mein job aufgeben, war nicht mal mehr in der lage zu kündigen...bin einfach nicht mehr hin....monate lang "geschlichen" wie du es so schön beim namen nennst! Ich wollte niemanden sehen aber doch raus, wollte nur hören aber nicht sprechen...diese phase hielt ein halbes jahr an, dann habe ich mich wieder gefangen und ich biin glücklicher und freier als je zuvor.....so verdammt traurig das dein vwl-lehrer das nicht bezwingen konnte....krass

11.09.2008 23:01 Uhr

viva-verena

RE: Chef, ich kann nicht mehr

@supamanec: Es freut mich wirklich zu hören, dass du es da wieder rausgeschafft hast. "Einrutschen" geht schnell, aber das einzusehen und da wieder aus eigener Kraft rauszukommen, ist ein schwerer Weg.

12.09.2008 16:03 Uhr

anna_molly85

RE: Chef, ich kann nicht mehr

ich bin 23 und hatte anfang des jahres die ersten anzeichen für burn-out, ich wollte nicht wahrhaben, das mit das studium und der umzug in eine andere stadt so sehr stresst, du bist noch jung und studium ist nur halb so stressig wie der beruf, wenn du das schon nicht packst, was soll aus dir werden...seitdem habe ich tinnitus, ohne gehörsturz, gott sei dank, aber immerhin ein warnung meines körpers, langsamer zu machen, ärzte haben natürlich keine erklärung dafür, denn ich habe keine physischen anzeichen (ohrentzündung, lautes konzert/musik, gehörsturz) es war einfach nur der klausurstress, die versagensangst, die einem manchmal auffrisst. im moment geht es mir gut, ich habe auf meinen körper gehört und es ein bisschen lockerer angehen lassen, den tinnitus nehme ich nur noch unter stress war und ich kann ihn mittlerweile als mein "frühwarnsystem" schätzen, ich weiß dann das ich gerade bisschen runterschalten muss...

24.09.2008 11:40 Uhr



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