Was ist ein guter Vater?
24.02.2008 19:07 Uhr
Hast du schon gegessen? Hast du dich warm angezogen? Arbeite nicht so lange! Geh nicht so spät schlafen. Papa, ich bin 31. Wann hört das endlich auf?
Berlin, 24. Februar 2008
Verheulte Augen. Ich denke, die beiden Putzfrauen haben es nicht bemerkt. Eigentlich kann es mir ja auch egal sein. Das sind ja keine Arbeitskollegen in dem Sinne. Warum es mich auch gerade jetzt überkommt. Bei der Arbeit. Zum Glück ist es Sonntag, Bis auf die beiden Putzfrauen, die hier durch die Etage fegen, bin ich allein. Die Sonne geht unter, ohne dass es rot wird. Ein Straßenfest, welches ich hier aus dem dritten Stock des ehemaligen Fabrikgebäudes sehen kann, hat sich aufgelöst. Der Tag geht, und meine Gefühle brechen aus.
Zum Glück habe ich Papa erreicht. Wie unerträglich wäre es für mich gewesen, wenn ihm etwas zugestoßen wäre. Ohne dass ich ihm diese wichtigen Worte noch sagen hätte können. Das hätte mich gequält, vielleicht mein Leben lang. Nicht, dass irgendein Unheil oder eine Krankheit bevorsteht. Nein, das nicht. Papa geht es den Umständen entsprechend gut. Sein Blutdruck spinnt manchmal rum, und verunsichert ihn stark, aber ich denke doch, nichts Lebensbedrohliches.
Zum Glück konnte ich es ihm noch sagen. Gestern am Telefon hatte er sich zum ersten Mal in meinem Leben bei mir entschuldigt. Klingt hart, aber Papa meint, dass sich Familienangehörige untereinander nicht zu entschuldigen brauchen. Die Nachsicht und das Vergeben muss immer schneller sein als die Entschuld. Ich hatte meinen Mund kaum aufbekommen und hatte absichtlich leise und lustlos geredet. Um ihm offenbar ein schlechtes Gewissen einzureden. Ich war gestern sichtlich unzufrieden mit meinem Schaffen. Ich hatte mir vorgenommen, den ganzen Tag im Büro zu verbringen, um einige Dinge abzuarbeiten. Aber ich war zu träge, bin einfach nicht dazu gekommen. Ich wollte wenigstens noch die verbleibenden zwei Stunden ins Atelier, bevor ich mit Emma zum Geburtstag verabredet war. Doch dann rief Papa an, und hielt mich ab. Immer das Gleiche, mach dies, mach das, mach dies nicht, mach das nicht. Nein, widerufe unbedingt den Bausparvertrag, den du letzte Woche abgeschlossen hast. Die bescheissen dich. Geh nicht so spät schlafen. Warum bist du so dünn geworden. Isst du denn nichts mehr? Das nervt.
Ich habe das meiner Nachbarin Daniela erzählt und es entzückte sie. Sie meinte, sie würde sich das wünschen, dass ihre Eltern in Italien sie auch mal anrufen würden, und nach ihr fragen würden. Papa ruft mich jeden Tag an.
Hm, das hat mich nachdenklich gemacht. Offenbar befinde ich mich in einer Situation, die ich unausstehlich finde, die sich jedoch andere herbeisehnen.
Vielleicht war das der Grund, warum ich Papa am Telefon nicht gleich abgewürgt habe wie sonst. Ich habe ihm einfach zugehört und so lange geredet, bis er das Gespräch für beendet erklärt.
Verdammt, wie undankbar ich doch bin.
Beim Geburtstag von Emmas Mama betraten wir ein Fabrikgelände in einem der typischen Hinterhöfe Berlins in Mitte. Ich war beeindruckt, ein Dachgeschoss, welches zum Loftatelier umfunktioniert wurde mit Dachstuhlverstrebungen und schönen großformatigen OSB-Platten auf dem Boden. Alle weiß lackiert. Ganz nach meinem Geschmack. Dieses Atelier hat Emmas Papa gehört? Sie ist praktisch mit dem aufgewachsen, was ich mir für meine Zukunft erträume, so einen großen Raum, den ich ganz ohne Wände frei einrichten kann. Das, was in meinem inneren Auge so abstrakt vor mir her schwebte, kannte Emma bereits. Das fand ich irre.
Hier findet also der Geburtstag statt von Emmas Mama. An den Wänden Gedichte von Ullrich, dem geliebten Vater und Ehemann. Viele Fotomontagen und andere Kunstwerke hingen an der Wand, als wären sie erst vor wenigen Tagen erstellt worden.
Das Regal an der hinteren Wand birgt all die Dinge, die Ullrich abgestellt hatte. Eine Blasinstrumentsammlung, eine Sammlung unterschiedlicher Haarbürsten, Papiere, Werkzeuge. Das, was Denker im Hinterkopf parken, hatte Ullrich ins Regal abgestellt. Ein Schreibtisch in der Ecke sah sehr belebt aus. Als ob Ullrich nur mal für ein paar Tage verschwunden ist, um sich später wieder an seinen Arbeitsplatz zu setzen. Doch Ullrich wird nicht wiederkehren. Ullrich ist tot, vor drei Jahren qualvoll an Krebs gestorben. Liebevoll wurde er von seiner Familie zu Hause gepflegt, bis er sich weigerte, die Tabletten zu nehmen, die sein schmerzvolles Halbdasein nur hinauszögerte. Wie sehr muss dieser Mann beliebt sein. Als Therapeut half er vielen jungen Menschen. Die zeigen sich noch heute verbindlich, den Hinterbliebenen gegenüber. Sie kommen im Schichtwechsel zu Emmas Mama nach Hause um zu putzen. Außerdem haben sie das Loft von Ullrich übernommen, aber nicht um darin zu arbeiten, sondern einfach um das bisschen, was von Ullrich übrig bleibt, zu erhalten.
Ich dachte mir, wie absurd. Die Miete muss sehr teuer sein, und sie nehmen diese Bürde nur deswegen auf sich, um irgendwas von Ullrich in ihr Leben zu retten. Doch Ullrich ist nicht mehr da. Auch das Loft wird ihn nicht lebendig machen. Wenn Ullrich am Leben wäre, ich kann mir vorstellen, dass er sich nicht gewünscht hätte, dass man aus seinem Atelier ein Museum macht. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass es sein Wunsch gewesen wäre, dass seine geliebte Frau wieder glücklich wird, dass sie nicht in ihrer Wohnung alles stehen und liegen lässt, um den Platz zu markieren, der ihm vorbehalten ist. Dem Mann im Hause, dem Mann in ihrem Herzen.
Ich denke mal, dass Ullrich, der ja als Künstler damit zu tun hatte, aus Bestehendem etwas Neues zu schaffen, sich sehr freuen würde, wenn die Hinterbliebenen ebenso reagieren würden: Aus dem, was da ist, etwas neues schaffen. Etwas, was sie glücklich macht. Auch wenn es keinem gelingen sollte, seinen Verein BerlinArt e.V. weiterzuführen, so könnte man doch das Atelier zumindest denjenigen zur Verfügung stellen, die ähnlich tolle Ideen hatten, um sie zu unterstützen. Damit etwas neues entsteht. Meiner Meinung nach lebt Ullrich in einer neuen lebendigen Sache eher weiter, als in einem alten verstaubten Kunstwerk, dass alle doch nur traurig macht.
Es ist für mich sehr klar. Die Leute wollen ihn nicht gehen lassen, halten ihn mit ganzer Kraft fest, als ob die Auflösung seines Lofts und seiner Bücher auch die Aufgabe der Erinnerungen an den Menschen gleich mit sich ziehen würde.
Meine Lösung war so einfach und gleichzeitig ignorant. Es bedarf einer Wandlung. Einer Kopfentscheidung. Eines bewusst gelebten Abschieds von der geliebten Person. Emma at es auf ihre Art gemacht, indem sie aus dem Elternhaus weggezogen ist.
Was das Loft betrifft, fallen mir drei Möglichkeiten ein:
1. Man betreibt auf diesen Flächen eine Ausstellung, die die Ideen Ullrichs aufgreift.
2. Falls das zu aufwändig ist, spendet man den Raum einem Verein, der nicht die Mittel hat.
3. Angehörige der Familie, die ein Unterschlupf suchen, sollen das Atelier bekommen und sich hier ihr neues Zuhause einrichten und ganz bewusst den Raum ihren Bedürfnissen anpassen, sich dem Raum annehmen. Ihn beleben.
4. Das Loft wird aufgeben mit einer Abschiedsfeier.
So stand ich da, mit meinem Masterplan, und dachte mir, ist doch ganz einfach.
Zum Glück habe ich diese Gedanken nur im Stillen formuliert und mit niemandem darüber gesprochen.
Alle hier auf der Geburtstagsfeier haben eine ganz besondere Beziehung zu Ullrich gehabt und waren über seinen Tod sehr traurig.
Und nun überkommt mich schlagartig eine Trauer, die meine Konzentration lahm legt. Ich weiss nicht so recht, was eigentlich genau der Auslöser ist. Irgendwie tat es mir so Leid, dass Ullrich nicht mehr lebt. Irgendwie hätte ich mich sehr darüber gefreut, ihn kennenzulernen. Mir gefallen seine Fotocollagen, seine Gedichte, sein Möbelgeschmack und seine Haltung. Damit die Kinder nicht in einem runter gekommenen Kindergarten unterkommen mussten, hat Ullrich einfach einen Zweitsitz organisiert, am Maybachufer, dort wo der Ausblick so schön ist, und dort, wo der gute Kindergarten ist. Den Raum hat er einfach auch als Atelier genutzt. Mir gefällt auch, was Emma mir erzählt hat über die Geburtstagszeremonien in der Familie. Das Geburtstagskind darf den ganzen Tag vor dem Geburtstag sein Zimmer nicht mehr betreten. Ullrich hatte es mit Girlanden geschmückt und überall im Zimmer Geschenke verstreut und Luftballons aufgehangen. Das hatte Wolfgang praktiziert bis er starb, nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei der Mama. Der neunzehnte Geburtstag war der letzte, den Wolfgang vorbereitet hatte. Emma liebte ihren Geburtstag. Ich hätte noch so viel von ihm lernen können. Ullrich war ein großherziger Mensch, ein Mensch, den man einfach nur lieben kann.
Ich hatte Papa gestern am Telefon gesagt, dass ich seinetwegen nicht zur Arbeit gegangen war. Weil er morgens angerufen hatte, und so stark durch das Telefon gebrüllt hatte. Nicht um mich auszuschimpfen, sondern um mich zu warnen vor dem Bausparvertrag. Er hatte es gut gemeint, wie immer. Und ich hatte schlechte Laune, wie immer. Weil ich mich bevormundet fühle. Weil er mich nicht einfach machen lässt, so wie ich es als erwachsener Mensch ja auch machen darf.
Ich gab an, dass diese schlechte Laune der Grund dafür gewesen ist, dass ich nicht zur Arbeit gegangen bin. Das war gelogen. Was fällt mir ein, dass ich meinem Vater, der es doch nur gut meint, mit etwas zu strafen, was er nicht zu verantworten hat?
Ich dachte mir, wenn ihm jetzt etwas passiert und diese Worte bleiben unausgesprochen, dann wird es mich quälen. Also habe ich ihn angerufen, um ihm mitzuteilen, dass das nicht stimmt. Er muss kein schlechtes Gewissen haben. Und er wollte schon auflegen und ich wollte ihm auch noch sagen, dass ich gerade an ihn denke. Doch irgendwie habe ich mich nicht getraut.
Es muss schlimm sein, jemanden zu vermissen. Ich habe es schon lange nicht mehr. Meine Mutter vermisse ich eigentlich nicht. Zumindest nicht so sehr, dass es mich quält oder mir Schmerzen bereitet.
Doch in diesem Moment habe ich einfach meinen Vater vermisst.
Er sei gerade auf der Schlossstraße. Am Sonntag? Mediamarkt und Saturn haben zu. Was will er auf der Schlossstraße? Einfach spazieren, sagt er. Nein, ihm ist nicht langweilig, er fühlt sich nicht einsam. Okay, dann alles Gute und tschüss. Und bevor er auflegen konnte schob ich es noch eilig hinterher: Ich denke an dich, Papa.
Er fing an zu lachen und sagte, dass ihn das glücklich und froh macht. So, und jetzt, mein Sohn, arbeite schön und mach nicht so lange. Und komm später bei mir schlafen. Oder schläfst du bei Emma? Hast du dich warm angezogen? Hast du denn schon gegessen?
Ja, Papa.




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linelu
RE: Was ist ein guter Vater?Finde ich schön, sowohl Text als auch Inhalt.
24.02.2008 19:12 Uhr
primelee
RE: Was ist ein guter Vater?Das ging aber schnell. Habe den Text gerade mal vor zwei Stunden erlebt, vor zwei Minuten fertig geschrieben, und vor einer Minute hochgeladen. Wow. Was für ein abgefahrenes Zeitalter. Danke für dein feedback.
24.02.2008 19:15 Uhr
Frau_Muell
RE: Was ist ein guter Vater?Die "guten" Ratschläge von den Eltern hören sicherlich nie auf.Aber ist doch irgendwie schön, man beschwert sich ja auch allzu gern mal, dass man allen Menschen egal sei. Hier bekommt man dann mal das Gegenteil bewiesen, und schon nervt es einen wieder.
Schön!
24.02.2008 20:12 Uhr
nebomoreoblaka
RE: Was ist ein guter Vater?so geht es mir mit meinen großeltern. irgendwie kann diese generation nicht einfach frei heraus sein, sie sagen es immer durch tadeln/mäkeln und andere dinge, die einen stets in verteidigungsstellun g halten, solange mam mit ihnen zusammen ist. erst eine zeit nach so einer begegnung kann ich wieder denken, irgendwie meinen sie es lieb,,
26.02.2008 01:16 Uhr
Yawi
RE: Was ist ein guter Vater?Hi Prime,
warum ist es so, dass uns die Menschen die uns Nahe sind nerven, wir uns so extrem an ihren Worten oder Taten stören, während wir bei den selben Worten & Taten uns weitaus entfernteren oder gar fremden Menschen Geduld & Verständnis aufbringen, oftmals sogar richtig zuhören.
Es gibt soviel Wichtiges im Leben - Liebe, Glück, Gesundheit, Frieden, ... und wir beschäftigen uns in erster Linie mit all dem unwichtigen Kram. Nicht nur beschäftigen, wir ärgern uns, regen uns darüber auf, statt das Wesentliche zu sehen und zu geniessen, unsere nächsten und liebsten Menschen, Familie, Freunde!
Das finde ich schön an deinem / r Erlebnis / Geschichte.
Und so sollten wir alle öfters mal denken und leben, dann wäre die Welt ein besserer Ort. Denn wenn diese Menschen erst einmal weg sind, fallen uns zu spät die vielen schönen Momente ein, die man miteinander verbracht hat und vor allem noch hätte verbirngen können.
Freue mich Euch bald mal wiederzusehen ;-)
Grüße
Yawi ;-)
01.09.2008 15:01 Uhr