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Gesellschaft

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primelee

Wer ist Mr. Do-It

07.08.2007 14:32 Uhr

Wie ein unscheinbarer chinesischer Mann in Brüssel Mafia und Polizei in Atem hält.

von primelee

Man nennt ihn einfach nur Mr. Do-It, der drahtige Mann mit dem zerstreuten Blick und den hängenden Wangen scheint ein harmloser Kerl zu sein. In seinem grünbraunen Karosakko und dem scharf von ganz links außen über die Mitte des lichten Hauptes gekämmten Scheitels gehört der Mann in die Seitenstraßenkulisse eines Chinatown-Restaurants. Ein ganz gewöhnlicher alter chinesischer Mann. Ein harmloser Kerl. Nur die schweren Tränensäcke deuten auf die Lebenserfahrung hin, und die Menschenkenntnis, die sein Kapital sind. Denn Mr. Do-It erkennt innerhalb von Sekunden, ob sein Gegenüber die Wahrheit sagt oder nicht.
Er weiß, welche Fragen gestellt werden müssen, damit die richtigen Antworten kommen. Er weiß, ab wann ein Gespräch zu nichts mehr führt. Mr. Do-It ist Dolmetscher, der Beste seines Faches. Chinesisch, vietnamesisch, thai, lao, aber auch englisch, deutsch, französisch, spanisch, italienisch und niederländisch hat er im Angebot. Russisch findet er am schwierigsten. Mr. Do-It arbeitet halbtags für die größte Gerichtsinstitution Europas, dem Palais de Justice in Brüssel, die andere Hälfte des Tages widmet er sich als Freiberufler meist asiatischen Hilfe suchenden. Die ersten Anfragen auf hindi sind schon eingetroffen. Eine Übersetzung des Führerscheins von chinesisch auf französisch kostet bei Mr. Do-It standardmäßig 50 Euro. zu ihm kommen Menschen, die heiraten wollen, Zeugnisse anerkannt haben wollen, die eine Existenz gründen. Menschen, die sprachlich kommunizieren müssen in Belgien. Also viele. Sehr viele.

Vor allem dann, wenn die Kommunikation zwischen Räuber und Gendarm versagt, kommt der große Auftritt von Mr. Do-It. Richter, Rechtsanwälte, Notare und Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft von Brüssel bis nach Luxemburg schätzen Mr. Do-It sehr. Sie glauben ihm aufs Wort. Das ist ja auch sein Geschäft, und seine Auftraggeber haben oft auch keine andere Wahl. Denn Mr. Do-It gehört zu den wenigen Menschen, denen es gelingt, zwischen thailändischen Prostituierten, vietnamesischen Menschenhändlern, chinesischen Schutzgelderpressern und den Gesetzeshütern zu vermitteln. Und manchmal muss es schnell gehen. Binnen 24 Stunden muss ein Protokoll erstellt werden, nach der Festnahme eines Verdächtigen. Keine Zeit, um sich einen Zweitgutachter zu Rate zu ziehen. Doch wer denkt, dass Mr. Do-It reine Übersetzungsarbeiten durchführt, irrt. Wenn die Behörden aus einem Delinquenten einen Zeugen machen wollen, hat nicht der Anwalt oder der Richter das erste Wort gesprochen. Es ist Mr. Do-It. Und dieser Mann hat einen scharfen Sinn, ist aber auch sehr gutherzig. Vieles gesprochene landet daher in keinem Protokoll. Es verschwindet in der Grauzone, die keine Sprache hat.

Mr. Do-It und die hübsche Vietnamesin

?Kürzlich wurde ich gegen ein Uhr morgens aus dem Bett geklingelt", erzählt der Mann, der manchmal ein wenig an Mister Miyagi aus Karate Kid erinnert ?und wurde zu einer Razzia bestellt, wo zehn junge vietnamesische Frauen in einer Hinterhoflaube festgenommen wurden."
Der Hauptkommissar war am Ende seines Lateins, denn die Vietnamesinnen sprachen seine Sprache nicht. Der Ermittler konnte nicht herausfinden, wie sie heißen, wie alt sie sind, wo sie herkommen, wer sie nach Belgien gebracht hatte. Alles deutete auf Menschenhandel und Zwangsprostitution hin.
?Wie alt sind diese Frauen?", wollte er von Mr. Do-It wissen. Mr. Do-It musterte die verschreckten Damen, die am ganzen Körper zitterten. Er fragte sie in Mandarin, dann auf thailändisch. Als er vietnamesisch zu ihnen sprach, antwortete eine Frau: Bac òy, bac òy, rief sie, was so viel heisst wie: lieber Onkel, lieber Onkel. Bitte hilf uns, flehte sie ihn an, wir wollen nicht zurück nach Vietnam. Sie sei noch minderjährig. Mr. Do-It wusste, dass sie log. Mindestens 25 Jahre ist sie alt. Vermutlich hat sie Kinder in Vietnam, wie so viele, die nach Europa kommen, um Geld anzuschaffen, das sie dann ihrer armen Familie schicken.
?Was meinen Sie, Mr. Do-It, sind die Damen minderjährig?", drängte der Hauptkommissar. Von Mr. Do-Its Antwort hängt viel ab, denn wenn sie minderjährig sind, steht der belgische Staat in der Pflicht, sie dem Jugendamt zu übergeben, falls nicht, werden sie zum freien Abschuss an das auswärtige Amt übergeben, wo sie in der Regel in ihre Heimatländer abgeschoben werden. Papiere und Ausweisdokumente sind nicht existent. Wahrscheinlich haben die Schleuser diese beschlagnahmt. Viel kann Mr. Do-It nicht helfen. Das Jugendamt ist eine Chance, von der Schleuserbande loszukommen. Mithilfe neuer Papiere können die jungen Damen ein neues Leben beginnen. Doch ist das selten ein guter Ausweg. Denn oft stehen die Opfer in tiefer finanzieller Schuld. Bei Expedia ist ein Oneway-Ticket von Hanoi Vietnam nach London England bereits für 440 Euro inklusive Tax zu haben. Dieses Privileg ist jedoch nur denen vorbehalten, die ein Visum haben. Warum sollte jedoch das Vereinigte Königreich einer armen unqualifizierten Mutter aus einem hinterwäldlerischen vietnamesischen Reisacker ein Visum gewähren? Frauen wie diese wählen die Alternative. Mit 15.000 US-Dollar bieten Schleuserbanden einen Trip in den Westen an. Visum und falsche Papiere inklusive. Wer nicht genug Geld hat, kann es auch abarbeiten. Wer einen schlauen Beruf ausüben kann, wird die Schleuser von seiner Bonität überzeugen und sucht sich in Europa einen Job und zahlt seine Schulden ab. Frauen, die ein schönes Gesicht und ansehnliche Kurven haben, können für ein paar Jahre in einem Club anschaffen. Dort hätte man auch praktischerweise eine Unterkunft. An alles ist gedacht. Organisierte Clubreise all inclusive. Der Weg nach London, eines der begehrtesten Reiseziele der Vietnamesen, ist sehr beschwerlich. Er führt über Russland, dann nach Japan oder Korea, denn als Japanerin braucht man kein Visum, um in Europa einzureisen. In Polen oder Tschechien gibt es Verbindungen, hier kann man gut schmieren und kommt an viele andere Papiere einfach ran. Von dort aus mit dem Bus nach Deutschland oder Belgien. In Berlin gibt es ein starkes vietnamesisches Netzwerk, das einem weiterhelfen kann. Wer es nach Berlin geschafft hat, hat es nicht mehr weit bis nach London. Die Aussteigerinnen müssen mit Rachefeldzügen rechnen. Wenn es sie nicht selbst trifft, dann vielleicht die Kinder in Vietnam?

Mr. Do-Its Herz erweicht beim Anblick der Frau. Er sagt: ?Die Frau ist mit Sicherheit erst sechzehn." ?Alles klar.", sagt der Hauptkommissar und will noch einige andere Fragen übersetzt haben.
In den kommenden Monaten setzt sich Mr. Do-It mit Menschenrechtsverbänden zusammen, um den Frauen professionelle Hilfe zu bieten.

Den Ermittlern ist das nicht genug. Sie sind auf Mr. Do-Its Hilfe angewiesen, wenn es um die Verhörungen geht. Wer sind die Schleuser? Wo sind sie, wie heissen sie, wie kommen wir an sie ran? Schwierig, sagt Mr. Do-It schulterzuckend. Nehmt einen anderen Dolmetscher.

Mr. Do-It und die chinesische Mafia

Vor einigen Jahren wurde der Leichnam eines pakistanischen Gastronomen im Maas gefunden. Erst kürzlich im Frühjahr dieses Jahres konnten die belgischen Kriminalbeamten Licht in das Dunkel bringen. Auf einen Schlag nahmen sie die Mafiaoberhäupter einer international organisierten chinesischen Mafia fest, die offenbar den Mord verübt haben. Eigentlich konnte die Polizei den Mafiosi nur deswegen auf die Schliche kommen, weil einem der Bandenanführer ein fataler Fehler unterlaufen ist. In einem Handgemenge mit einem Gläubiger aus dem Gastronomiegewerbe, der die Schutzgebühr nicht zahlen wollte, hat sich der Erpresser aus Versehen selbst ins Bein geschossen. Als dieser im Krankenhaus wieder gesundete, wurde er, wie es zu erwarten war, von der Staatsanwaltschaft gedrängt, den Sachverhalt zu erklären. Der Mafiamann entschloss sich für die Flucht nach vorne und drehte den Spieß um. Er sei das Opfer, und der Restaurantbesitzer hätte ihn bedroht und anschließend angeschossen. Doch wie hätte der Restaurantbesitzer so schnell die Tatwaffe entsorgen können, wo doch die Polizei schon binnen weniger Minuten am Tatort war und alles weitläufig spurensicher abdichtete? Wegen der widersprüchlichen Ergebnisse bei Untersuchungen auf Schmauchspuren geriet der Invalide schnell selbst ins Visier der Ermittler. Durch diesen Mafioso platzte ein ganzer Ring aus Mafiaanführern. Und mit diesen einflussreichen Leadern musste auf dem schnellsten Wege eine Kommunikation aufgebaut werden. Da diese asiatisch stämmigen Männer sich geweigert haben, sowohl auf französisch als auch auf flämisch mit der Polizei zu sprechen, konnte nur noch einer helfen: Mr. Do-It. Doch zu spät, Mr. Do-It steht für den belgischen Palais de Justice nicht zur Verfügung. Die Mafia war schneller. Der chinesische Mann unter den fünf Hauptverdächtigen scheint ein ganz großes Tier zu sein. Für ihn arbeiten gleich zwei Rechtsanwälte, die besten des Landes. Und die haben sofort Mr. Do-It angeheuert, um eine reibungslose Verständigung von Anfang an zwischen dem Mandanten und den Jurastrategen aufbauen zu können. Mr. Do-It spielt auf der Seite der Bösen. Auch das kommt vor.

Nehmt doch einen anderen Dolmetscher, wird Mr. Do-It den Ermittlern gesagt haben.
Das werden die Ermittler auch tun müssen. Ärgern werden sie sich dennoch, weil sie wissen, dass der Mann im grünbraunen Sakko sehr vertrauenswürdig ist, und für eine gute Kommunikation zwischen dem Rechtsbeistand und dem Angeklagten sorgen wird. Reibungslose Verständigung ist in der Regel erwünscht. Doch eine gute Zusammenarbeit in der Opposition macht es den Gesetzeshütern nicht einfacher. Sie wissen nur zu gut, dass eine gute Zusammenarbeit auf Vertrauen basiert. Und die Menschen vertrauen dem Mann mit dem zerstreuten Blick und den hängenden Armen. Weil er ja nichts Böses will. Ein ganz harmloser Kerl eben.

von primelee


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