Alltag
Lerne lieber ungewöhnlich
04.05.2007 16:12 Uhr
Warum Starbucks durchaus geeignet ist, sich Wissen anzueignen
Ich zähle mich ja zur Fernseh-/Netzgeneration, bringe es daher zu keiner Zeit fertig diesen höheren, medialen Mächten zu entgehen und muss mich deswegen zum Studieren diverser Schriften außerhalb des heimischen Gefildes begeben. Andererseits ist es mir auch unmöglich als unterbrochen von allen Seiten beschalltes und reizüberflutetes Individuum an einem ruhigen Ort zu lernen, wo höchstens Stuhlwetzgeräusche und Hustenanfälle die eisige Stille brechen. Diese Komplexitäten meinerseits gepaart mit der Tatsache, dass ich am Hinterteil der Stadt zu wohnen pflege, haben mich zum Zwecke der Prüfungsvorbereitung in Starbucks nahe Arme getrieben.
Da in mir eine kleine Soziologin steckt, konnte ich in einer Kombination von gezieltem Beobachten und Hören verschiedenste Menschentypen in verschiedensten Lebenssituationen im Zuge dieser neuartigen Lernerfahrung entdecken und erkunden. Beispielsweise den- jung gebliebenen- alternativen- auf- die- 40- zugehenden- mit- deutlich- jüngerer Freundin –Typen. Während jener rund 5 Stunden, die ich im Höllenschlund Starbucks (nenne es nur Höllenschlund, weil ich finde, dass das was hat) verweilte, saß er vor seinem Laptop in einem der gemütlichen Ohrensessel und telefonierte immer wieder, schien jedoch kaum zu arbeiten. Plötzlich setzte er sich aber zu unsereiner, die am korrekten, kalten 6er Schreibtischplatz vorbildlich ihr Tagwerk verrichteten. Insgeheim stellte ich mir die Frage nach seinen Beweggründen. Diese ließen jedoch nicht lange auf sich warten. Sie spazierten herein in Form einer jungen, quietschfidelen Dame, die relativ beeindruckt schien vom ihrem Mittdreißiger zu hören, er sei schon ewig hier am arbeiten.
Generell sind bei Starbucks alle sehr freundlich zu einander. Weshalb ich jenen, die nicht gerne von allen Seiten nett angestrahlt werden wollen, tunlichst empfehle keinen Fuß in diese amerikanisierte und heile Wir-trinken-Kaffee-und-haben-uns-alle-lieb Welt zu setzen.
Seien es die wirklich äußerst liebenswürdigen Bedienungen mit Dreadlocks geschmückter Haarpracht, die einfach kein Trinkgeld annehmen wollen. Oder auch die sehr kommunikativen Konsumenten, die sich breit lächelnd neben einen setzen, als würden sie sagen wollen: „Jö, schau…. da ist ja frei! Da setz ich mich doch jetzt glatt neben dich, weil es einfach so schön ist, dass wir heut alle hier zusammengekommen sind, um gemeinsam und durch ein unsichtbares Band verbunden vor uns hinzuschauen und zu lächeln und somit ein Stück seltener Lebensqualität zu genießen, während wir unseren viel zu überteuerten Kaffee schlürfen.“ Und sollte man dann mal niesen müssen, muss man echt aufpassen und sich nicht zu sehr erschrecken, wenn gleich ein übereifriges „Gesundheit!“ folgt, zusammen mit einem aufmunterndem Lachen von der kommunikativen Dame rechts. Dann muss man gleich ganz nett „Dankeschön“ antworten, aber anschließend sofort wieder den Kopf senken und sich in seine Lektüre vertieft geben. Außer man möchte eine lebenslange Freundschaft schließen.
Was ich auch bemerkenswert finde, ist, dass ich immer wieder Leute, die aus meinem Heimatort bzw. aus meiner alten Schule stammen, in der fernen Stadt antreffe. Dann denk ich mir stets: „Ha, du hast ja auch nur so einen fucking AHS-Abschluss gemacht und musstest deshalb auch in die große Stadt zum Studieren kommen.“ In diesem Fall saß der junge Mann mit meinen identischen, heimischen Wurzeln mit einem blonden, adrett gekleideten Mädchen am Tisch und schien sich prächtig mit ihr zu unterhalten. Wäre es wohl ungünstig, wenn ich jetzt rüber gehen und ihn fragen würde, ob er noch weiß wie ich ihm damals als Glücksfee am Kinder-Nikolausfest im Haus der Begegnung zu dem tollen paar Skier verholfen habe?
Ich bin natürlich zu feige dafür, aber allein der Gedanke erfreut mein krankes, voyeuristisches Herz.
Aber nicht nur Voyeure kommen auf ihre Kosten. Bei Starbucks kann man zum Kaffee auch noch den schmutzigsten Sexgesprächen lauschen. Ganz harmlos haben sich die zwei Damen, eine etwas dickere und eine rothaarige mit völlig unmoderner Proletenkurzhaarfrisur zuerst nur über Kopfmassagen unterhalten, obwohl die sexuell anscheinend sehr aufgeschlossene Rothaarige bald meinte, dass eine gute Kopfmassage durchaus fast besser als Schnakseln sei. Das witzige an dem ganzen ist weniger das dreckige Gespräch ("dirty talk" frei übersetzt) selbst, sondern die Reaktionen an den Nebentischen. Man kann den Sitznachbarn allerdings auch wirklich keinen Vorwurf machen, dass sie auf den rund 20 Zentimeter entfernten Sitzplätzen aufhorchen, wenn zum wiederholten Male Worte wie "Gleitmittel" und "Analsex" fallen. Meine lächelnde, kommunikative Freundin, ihr dazugekommener Zeitungsleser und ich erwischten uns dabei, wie wir gleichzeitig zu dem bitchy Rotschopf rüberstarrten, als sie darüber philosophierte, wie es nur möglich sei eine Glühbirne einzuführen. Sie kommentierte dies noch, indem sie ungefähr folgendes hinzufügte: „Man stelle sich vor die zerbricht. Dann z’schneidets dir alles, Organe..alles.“
Resümee:
Ein halber Tag bei Starbucks kann ein unvergessliches Erlebnis sein für alle Alleingelassenen, Singles oder sonstige Menschen, die zu wenig Freude oder Freunde bzw. zuviel Zeit haben.
Ob „Starbucking“ als neue Lernmethode durchschlagenden Erfolg und Anerkennung finden wird, bleibt erstmal noch abzuwarten….




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KaJule
RE: Lerne lieber ungewöhnlichIch bediene mich auch sehr sehr gerne dieser wunderbaren Atmosphäre. Zwar gibt es hier kein Starbucks, aber was ähnliches tut es auch. Es lässt sich bei einem guten Kaffee wesentlich besser lernen, als in einem muffigen Raum oder selbst im eigenen Zimmer.
06.03.2007 17:02 Uhr