stereoG 04.02.2010, 13:15 Uhr 3 0

So siehts wirklich im gelobten Land aus

Interessanter Artikel über die Premier League: http://www.faz.net/s/RubFB1F9CD53135470AA600A7D04B278528/Doc~E79203BB8D97C4FC0AC6BBC6AA8014D7F~ATpl~Ecommon~Scontent.html [Quelle]Spielwiese der ZockerVon Christian EichlerDruckenVersendenSpeichernVorherige Seite04. Februar 2010 In England war der Winter auch im Fußball frostig. In der Transferperiode, die am Montag endete, wurden nur noch 30 Millionen Pfund (35 Millionen Euro) für neue Spieler ausgegeben. Vor einem Jahr waren es 170 Millionen. Bei einigen Klubs hatte sich ohnehin jede Transfertätigkeit verboten. So waren dem klammen Kellerkind Portsmouth von der Premier League Einkäufe untersagt worden. Der Klub hat immer noch nicht alle Verpflichtungen aus früheren Transfers beglichen, bis zurück ins Jahr 2007. Dem Vorletzten, Hull City, wurde von Rechnungsprüfern eine Schuldenreduzierung um 16 Millionen Pfund verordnet.Ist das nur die Spitze des Eisbergs – oder der Anfang vom Untergang der Titanic? David Sullivan, früherer Eigentümer von Birmingham City, glaubt an den baldigen Kollaps eines Vereins der Premier League. Er hat zwanzig Klubs der ersten und zweiten Liga aus Investoren-Sicht analysiert und ein vernichtendes Urteil gefällt: Die Finanzlage des englischen Fußballs sei „erschreckend“. Reihenweise hätten Klubs künftige Einnahmen aus Fernsehrechten und Dauerkarten beliehen, oft Jahre im Voraus. Allerdings machen die Banken so etwas immer seltener mit.Selbst die großen Klubs sind sparsam wie nie. Als einziger der „Big Four“ wurde Manchester United auf dem Wintermarkt aktiv. Der Meister kaufte für 10,7 Millionen Pfund den 20-jährigen Innenverteidiger Chris Smalling vom FC Fulham. Laut Geschäftsführer David Gill kann Trainer Alex Ferguson trotz der Schulden von 716 Millionen Pfund den Ertrag aus dem Weltrekord-Transfer von Cristiano Ronaldo zu Real Madrid (80 Millionen Pfund) in neue Spieler stecken.Ferguson aber sagt, er wolle nicht, wegen des „inflationierten“ Spielermarktes – eine Erklärung, die ihm nicht jeder abnimmt. Zu auffällig ist, dass United, einst ein „big spender“, seit der schuldenfinanzierten Übernahme durch den Amerikaner Malcolm Glazer 2005 deutlich weniger für neue Profis ausgibt als die Konkurrenz – im Jahresdurchschnitt nur rund sechs Millionen Pfund netto (nach Abzug der Erlöse aus Verkäufen).Der Schuldenabbau hat PrioritätDer operative Fußballbetrieb von United ist weiter profitabel (2008 mit einem Plus von 72 Millionen Pfund). Doch der Erlös wird vom Schuldzins gefressen – mehr als 70 Millionen Pfund pro Jahr. Der Klub hat nun eine Anleihe von 504 Millionen Pfund begeben, die die Belastung zwar nicht verringert, aber mehr Flexibilität gibt. Sie ersetzt Bankendarlehen, die bisher erstrangig bedient werden mussten. So können künftige Überschüsse (oder die Erträge einer weiteren Anleihe) nun in die Tilgung der besonders teuren Schulden bei Hedge-Fonds gesteckt werden (14,25 Prozent pro Jahr). Als die Details der gewaltigen Verschuldung bekannt wurden, protestierten viele Fans. Sie wurden durch die feindliche Übernahme besonders geschröpft: Die Ticket-Preise stiegen seit 2005 um über 70 Prozent.Auch die Nachbarn aus Liverpool stöhnen über einen solchen „leveraged buyout“ durch amerikanische Finanz-Jongleure, die dabei ihre eigenen, für den Kauf aufgenommenen Schulden dem Klub aufbürdeten. Im Dezember erklärte Trainer Rafael Benítez erstmals, dass die Schulden des Klubs die Chancen des Teams einschränkten. Während Liverpool in der vergangenen Saison den ersten Titel seit 1990 nur knapp verpasste, steht die Mannschaft mit 14 Punkten Rückstand auf Chelsea nun chancenlos da. Die Besitzer Hicks and Gillett müssen in Zuge einer Refinanzierung die Schulden von 310 auf 250 Millionen Pfund senken. „Der Schuldenabbau ist eine unserer Prioritäten in dieser Saison“, sagte Benitez, der den Spielermarkt im Winter ignorieren musste. Zweite Priorität ist nicht mehr der Titel: „Wir müssen unter den ersten vier bleiben.“15 der 20 Klubs mussten subventioniert werdenAuch Tabellenführer Chelsea hat nichts ausgegeben, obwohl Eigentümer Roman Abramowitsch die Schuld des Klubs ihm selbst gegenüber in Höhe von 701 Millionen Pfund durch Umwandlung in Klubanteile in Luft aufgelöst hat. Das diente auch dazu, den erwarteten Regelungen der Europäischen Fußball-Union gegen überschuldete Klubs zuvorzukommen. Damit hat der Russe in sechseinhalb Jahren annähernd eine Milliarde Pfund in sein Hobby Chelsea gesteckt. 2010 sollte der Klub längst kostendeckend arbeiten. Doch vor allem durch die wahnwitzigen Spielergehälter ist im letzten Geschäftsjahr abermals ein Minus von 44 Millionen Pfund aufgelaufen.Zahlen der vergangenen Jahre zeigten, dass trotz Rekordeinnahmen durch Fernsehrechte 15 der 20 Premier-League-Klub von ihren Eigentümern subventioniert werden mussten, wie Chelsea, Manchester City oder auch der FC Fulham, der bei seinem Besitzer Mohamed Al Fayed mit 174 Millionen Pfund (zinslos) in der Kreide steht. ManUnited und Liverpool geht es andersherum, dort fühlt man sich von Schulden der Eigentümer belastet. Der einzige größere Klub, der keines von beidem hat – weder einen Besitzer, der Geld hineinsteckt, noch einen, der es abzieht –, ist der FC Arsenal. Die Londoner haben sich zwar ebenfalls hoch verschuldet, mit über 400 Millionen Pfund, aber nicht für Spieler, sondern für ein Stadion.Finanzielles Harakiri von Klubs und SpielernDie „Emirates“-Arena hat die jährlichen Zuschauereinnahmen gegenüber dem alten Highbury auf über 100 Millionen Pfund verdoppelt. Seit ihrem Bau erwirtschaftet Arsenal im Jahr um die 60 Millionen Pfund operativen Gewinn (ohne Abschreibungen und Spielertransfers). Allerdings weigert sich Trainer Arsène Wenger beharrlich, die mindestens 50 Millionen Pfund, die er für Transfers zur Verfügung hätte, auch auszugeben – eine Frage des Prinzips. Es kostet ihn nun wohl abermals die Titelchance. Wengers Hoffnung bleibt, dass die anderen irgendwann ihre Zeche bezahlen müssen.Übrigens ist finanzielles Harakiri kein Privileg von Fußballklubs – das können auch ihre teuren Angestellten. So muss Stoke City Matthew Etherington mit einem kräftigen Vorschuss auf künftige Gehälter aushelfen: Er hat mehrere hunderttausend Pfund Spielschulden bei Buchmachern. Der Mittelfeldmann hat Erfahrung in Finanzierungsfragen. Bei seinem vorherigen Klub West Ham United hatte er sich auch schon 300.000 Pfund geliehen. Fußball in England, Spielwiese der Zocker.

3 Antworten

Antworten

  • Kommentar schreiben
  • 0

    http://www.guardian.co.uk/football/blog/2010/apr/11/bundesliga-premier-league

    Hier mal ein interessanter Vergleich zwischen unserer Bundesliga und der Premier League aus einem Artikel im SportBlog des Guardians. (Achtung in englisch, aber verständlich)

    29.06.2010, 17:44 von stereoG
    • 0

      @stereoG Die Diskussion war beinahe noch besser.

      29.06.2010, 18:13 von Steifschulz
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich hatte eher auf einen beitrag gehofft, der die illusion des gelobten schnellen und fairen englischen fußballs zum platzen bringt. die machen nämlich auch schwalben und die eigenen fans pfeiffen die diver nicht aus. und der fußball mag schnell sein, aber kick'n'rush is das irgendwie trotzdem noch.

    11.02.2010, 12:33 von Pilades
    • 0

      @Pilades So isses auch. Da ich mit Arsenal sympathisiere, ziehe ich mir neben den Highlights auf dsf, auch ab und zu ein paar Livespiele von anderen Mannschaften rein. Ist genauso kick'n'rush wie früher, wirkt nur wegen der etwas körperbetonteren & athletischeren Art etwas schneller als hierzulande. Gefühlt spielen die auch öfters 0:0.
      Bis auf die 4 Großen spielt der Rest ziemlich dünne, weshalb es die Gunners so ziemlich einfach haben ihr "passing game" (neulich gehört, one-touch ist also out^^) aufzuziehen.
      Ich finde auch, dass in der Defensive dort mehr und gravierende Fehler unterlaufen als in der Bundesliga (okay, Hertha mal ausgenommen in der Hinrunde) und lediglich die höhere Dichte der Stars meist entscheidet.
      Die diver werden nicht mehr ausgepfiffen, weil sich das Heimpublikum der meisten Vereine geändert hat seit Anfang der 90er - massiver Anstieg der Eintrittspreise = Aussiebung des gemeinen Pöbels.Heute ist zuvielen hippen Leuten die Art und Weise des Sieges/Erfolges anscheinend egal.

      11.02.2010, 19:08 von stereoG
    • 0

      @stereoG seien wir mal ehrlich. ein land, in dem robert huth erfolgreich karriere machen kann..so unglaublich kann das gar nicht sein;)

      11.02.2010, 20:58 von MaasJan
    • 0

      @MaasJan also wenn selbst wir uns darüber einig sind, wie kann es dann sein, dass das noch nicht bis zu den dopa-experten durchgedrungen ist? dort ist das totschlagargument, wenns um fehlentwicklungen in deutschland geht, immer:"in england, da spielen alle besser/sind alle schöner/fällt niemand einfach hin/stellt sich niemand tot/werden talente besser gefördert/sind die bälle runder..."

      12.02.2010, 16:02 von Pilades
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Interessanter Artikel! Irgendwann musste es ja soweit kommen. Größenwahn ist noch nie gut gegangen. Freut mich fast schon, dass die großen Vereine irgendwann die Zeche bezahlen müssen und solche Vereine wie Arsenal die lachenden sind!

    06.02.2010, 20:50 von SuperSachse
    • Kommentar schreiben