Wolllocke 19.03.2009, 20:58 Uhr 0 0

Zahn um Zahn

Wenn aus einer Routineuntersuchung ein Eingriff mit Narkose wird, sollte man sich dann Gedanken über die alltägliche Zahnhygiene machen?

Das ganze bahnte sich herrlich an. Ich würde also ganz früh aus dem Unterricht mit unserer unmusikalischen Musiklehrerin abhauen können um
einen Prophylaxetermin in Berlin wahrzunehmen.

Gegen 15.45 war ich da, zwar gut 15 Minuten zu früh, aber das ist recht angemessen, wenn man bedenkt, dass meine Mutter ansonsten dort immer 20 Minuten zu spät kommt.



Schließlich wurde ich aufgerufen und lag auf diesem weißen, mit Leder bezogenen Stuhl unter einer hellen Lampe, wärend die frühe Frühlingssonne ihr ersehntes Licht durch die Fenster warf.
Die gewohnte Prozedur folgte: Zuerst nette Gespräche führen, sich dann zurücklehnen, Zähne putzen lassen, Zahnseide ertragen... Aber halt, dann kam etwas nicht gewolltes und schon gar nicht gewohntes. Die Zahnseide stieß auf etwas, dass mir schon hin und wieder Probleme bereitet hatte, wenn ich mich denn dazu verleiten lassen hatte, selbst Seide zu benutzten.

Da war eine Stelle, dort... Hinter dem dritten Zahn von hinten, auf der hinteren, äußeren Seite schien ein Stück zu fehlen.

Ein Stück Zahn.

Die Zahnseide verhing sich, riss auf und ab. Als sich meine Ärztin das Ganze genauer besah, schien sie überraschter als ich es erwartet hatte.

"Nanu. Du hast da ja Karies."

Mit schmerzverzerrtem Gesicht nickte ich. Auf dem Zahnarztstuhl verwandle ich mich regelmäßig in ein jammeriges (und armes, kleines) Wesen, dass nicht sprechen und auch nichts ertragen kann.

"Mmh. Ich glaube, Frau K. hat gerade niemanden mehr drin, dann könnte sie sich gleich drum kümmern. Die Stelle scheint sehr nah an der Wurzel zu sein, und da kann dann ganz schnell eine Wurzelbehandlung draus werden... Und das mit 15? Ich geh lieber mal schnell fragen."

Weg war sie.


Zwei Augenblicke später liege ich auf dem weißen Lederstuhl nebenan. Die Sonne scheint durch die Fenster.

"Mmh, ja."

Frau K. beugt sich über mich.

Sie hat schon meine Mutter behandelt, als diese mit mir in den Wehen lag. Und heute liege ich unter ihr. Das ist auch der Grund, weshalb ich nach Berlin fahre, wenn ich einen Zahnarzttermin habe. Schöne Erinnerungen.

"Na, möchtest du lieber eine Betäubung oder nicht?"

In ihrer Hand brummt der Bohrer.

Ich starre sie an. Ich starre den Bohrer an. Ich starre die Frau von der Prophylaxe an. Sie kuckt bedeutungsvoll.

"Ich hätte gerne eine Narkose... Glaub ich."

Die Prophylaxefrau nickt mir zu. Dann geht sie. Schade. Sie scheint mir am sympatischsten.

Neben mir bereitet die Assistentin die Spritze vor. Ich schaue nach links. Ein Metallgestell mit Glasskörper. Etwas klappt zu. Ich schaue weg, nach rechts. Die Spritze folgt meinem Blick. Jetzt kommt eine gelbliche Flüssigkeit aus der Spitze. Nicht dass ich Angst hätte.

"Tut das weh?", frage ich.

Blöde Frage. Klar. Es muss wehtun.

"Ein Pieks, aber danach spürst du nichts mehr."

Ich verkrampfe mich. So richtig. Ich versuche mich nur aufs Verkrampfen zu konzentrieren. Außerdem presse ich meine Zeigefingernägel an die Ränder meiner Daumen. Das ist ein Punkt in der Akupunktur, der lenkt Schmerz ab. Oder sollte er. Ich stelle mir vor, wie ich im Nachhinein meinen Freunden meine blutigen Daumen zeige.

"Mund gaaanz weit auf!"

...

"Noch weiter! So weit!"



Ich zögere vor jedem neuen Bohrer, der sich meinem Gesicht nähert. Der Eine läuft spitz zu, der andere sieht aus wie ein Strudel.

Hin und wieder versuche ich eine Kontaktaufnahme. Jede wird fehlgedeutet.

"Wenn du schreist, wenn eigentlich nichts ist, dann glaube ich dir nicht mehr, wenn es wirklich weh tut!"

Das ist eine grausame Drohung. Ich verschleiere meine Blick und denke an nichts.



Irgentwann zieht Frau K. zum letzte Mal einen Schlauch aus meinem Mund.
Ich habe das Gefühl, ihr ganzes Arsenal an medizinischen Geräten heute in ihm gehabt zu haben, einschließlich eines Schraubstockes.
Den hab ich sogar gesehen. Wenn es keine Einbildung war...



Zurück im Prophylaxezimmer wird weiter gezahnseidet. Die nette Frau erzählt mir, dass sie sich immer eine Narkose machen lässt, wenn sie sich Füllungen machen lassen muss.

Ich erinnere mich schwach an die Füllungen, die ich mit elf bekommen habe. Ohne Narkose.

Auf meine Frage, ob die Narkose beim Ziehen der Weißheitszähne die selbe wäre, nickt sie. In meinem Kopf vermerke ich mir, eine Vollnarkose zu verlangen. Zumindest, wenn gebort wird.





Auf dem Nachhauseweg komme ich mir seltsam vor.

Ich laufe über den Alex und sitze im Bahnhof um auf die nächste Bahn zu warten. Ab und zu betaste ich meine linke Unterlippe. Trommle, kneife, beisse.

Im Wartezimmer der Praxis hab ich noch versucht, was zu trinken. War eine doofe Idee, ich spüre in der Hälfte meines Mundes schließlich nur die schwer gewordenen Muskel und auch nichts anderes, egal was ich anstelle.



Auf dem Fahrrad komm ich mir vor wie gelähmt. Die Jacke, die an mein Kinn stößt, fühlt sich seltsam an.

Wenn ich in mein Gesicht greife, ist da ein fremder Mund, eine fremde Zunge, fremde Zähne. Komisch.

Inzwischen ist es aber schon besser geworden.

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