Wellness-Oase
Zu viel Entspannung macht müde. Unser Autor suchte: die härteste Massage der Welt.
Tijani ist kräftig behaart, seine Arme sind dick wie ein Maßkrug, er wiegt zwanzig Kilo mehr als der Bademeister, von dem ich dachte: Schlimmer geht es nicht.
Ob ich wirklich von ihm behandelt werden möchte? Puh. Ja. »Na dann. Zieh dich schon mal aus. Wir sehen uns im Heißraum.«
Zum ersten Mal ist aus meiner Angstlust jede Lust gewichen. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, während ich meine Kleider sorgfältig über den Haken hänge, die Seife in eine kleine Plastikschale lege und durch die Pforte ins Hamam von Sefrou schreite. Das hier, ahne ich, wird anders.
Ich mag Wellness nicht. Wenn ich keinen Muskelkater habe, finde ich es lästig, massiert zu werden. Ich hasse es, wenn man mir Substanzen auf die Haut streicht. Dem Konzept Entspannung kann ich insgesamt wenig abgewinnen. Die wenigen Stunden, die ich in Spa- Bereichen verbrachte, fand ich lauwarm, die sogenannten Anwendungen lasch. Und vor allem: ohne nachhaltigen Effekt.
Es gibt eine Ausnahme. Einmal war ich in einem marokkanischen Hamam. Nachdem ich kräftig geschwitzt hatte, packte mich ein schweigsamer Riese, prügelte meinen Rücken, versetzte mir einen Schlag in den Nacken und wischte den Boden mit mir auf. Meine erste Begegnung mit der arabischen Massage machte immerhin Spaß. Davon will ich mehr. Die Suche nach der härtesten Anwendung der Welt führt mich zurück nach Marokko. Der Plan: Ich lasse mir Massagen verpassen, bis ich eine derart kräftige Behandlung gefunden haben, dass ich es nicht mehr aushalte. Der ideale Startpunkt ist die Königsstadt Fès. In der mittelalterlichen Medina haben viele Haushalte bis heute kein Badezimmer. Mehr als zwei Dutzend Bäder sind noch in Betrieb, jahrhundertealte Gemäuer, die mit einem Holzfeuer beheizt werden. Und in jedem von ihnen wartet ein Kssal: ein Bademeister, der nichts anderes tut, als den Männern aus seinem Viertel jene Brachialbehandlung zu verabreichen, wegen der ich dem Konzept Wellness noch eine Chance geben möchte.
Im Jiaf-Hamam kassiert ein Blinder ein paar Dirham, umgerechnet fünfzig Cent. Auf den Bänken sitzen Männer in Unterhosen und begru?ssen mich mit einem Nicken. Es riecht nach Holzfeuer, Kernseife und feuchtem Keller. Ich ziehe mich bis auf die Unterhose aus, wie es offensichtlich Sitte ist, und betrete die Gewölbe.
Männergeräusche. Ächzen, Knarzen, Husten und ein unablässiges Gerede werden vom Widerhall der hohen Wände verstärkt. In einer Dampfwolke sitzt zwischen Wassereimern, die Beine von sich gestreckt wie ein Kind, ein mächtiger schwarzer Mann. Zwei 120-Kilo-Kerle mit kurz geschorenem Haar und langem Vollbart seifen ihn mit viel Hingabe ein. Seine Unterhose ist so groß wie ein Einmannzelt.
Um mich kümmert sich Said Rawi. Mein erster Kssal ist 43 Jahre alt, reicht mir bis zur Nase und trägt den Bart wie der Fußballspieler Kevin Kuranyi. Er weist mich an, mich in der gleichen, hilflosen Position auf den Boden zu setzen wie der Dicke auf der anderen Seite des Raumes. Als Erstes übergiesst er mich mit heißem Wasser, das er aus einem bereitgestellten Eimer schöpft. Dann fängt er an, mich zu stretchen. Er führt meine Arme abwechselnd hinter den Kopf, dann gleichzeitig, dann über Kreuz, und sobald ich die gewünschte Position erreicht habe, stemmt er sich mit vollem Gewicht dagegen. Dazu macht er in die Länge gezogene Kussgeräusche, als wollte er ein Kätzchen locken. Nach der Dehnung klatscht er mit der flachen Hand auf das gedehnte Glied. »Damit du nicht einschläfst.«
Als Nächstes muss ich mich auf den Bauch legen. Das Geknete und Gestreichel, Gequetsche und Gewische, aus dem eine Massage normalerweise besteht, fällt bei Said überaus kurz aus. Zwei, drei kurze Bewegungen, dann wird wieder geklatscht. Es folgt eine Art Polizeigriff. Gesicht zur Seite, Arme hinter dem Rücken und nach oben gezogen. Die Bärtigen grinsen. Und wenden sich wieder dem dicken, schwarzen Großvater zu.
Said steigt mit beiden Füßen von hinten in meine Kniekehlen und spannt mich zu einer Brücke auf. Ich nenne diese Stellung: die Gottesanbeterin. Nach einigen harmloseren Übungen, in deren Verlauf er mir unter anderem die Knie in die mittlere Wirbelsäule stemmt, folgt eine Überdehnung meines gesamten Körpers: Der Kssal nimmt mich, der ich immer noch die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt halte wie ein Heiland, dessen Kreuz nach vorne gekippt ist, bei den Füßen und biegt mich in eine spiegelverkehrte Kerze. Ich höre, wie ein Geräusch aus meinem Mund dringt, das sich ungefähr so anhört: »Hrgkrzzz ?« Dazu knackt es dumpf in meiner Wirbelsäule. Ich taufe die Position: den Skorpion. Ich muss an den Reisebericht eines Briten denken, der bei einem Besuch in einem türkischen Bad ebenfalls auf dem Bauch lag und sah, wie sich ein weißes Stück Fleisch in sein Gesichtsfeld schob. Er brauchte eine Weile, bis er es als seine eigene Arschbacke identifizierte. Es ist noch nicht vorbei. In Rückenlage werde ich unter robustem Druck über eine reguläre Kerze hinaus solange weiter gedehnt, bis ich mich in jener Position befi nde, in der bei schlanken Mädchen die Fußspitzen der gestreckten Beine den Boden vor ihrem Gesicht touchieren. Das letzte Quäntchen Luft weicht mit einem gepressten Laut aus meinen Lungen: der Kopffüßler.
Die Tradition öffentlicher Badehäuser reicht bis in die Zeit der Römer, die selbst in ihren entlegensten Provinzen Thermen mit verschieden temperierten Schwitzräumen installierten. In islamischen Ländern wurde diese Kultur übernommen und weiterentwickelt; in Istanbul finden sich prächtige Badehäuser in byzantinischem Stil, in denen heute Touristen mit schaumigen Seifenmassagen bedient werden und sogar gemischtgeschlechtliche Besuche möglich sind. In Marokko ist das streng nach Besuchszeiten für Männer und Besuchszeiten für Frauen getrennte Bad noch immer Teil des öffentlichen Lebens. Die Frauen - erzählt man mir - schwitzen stundenlang bei intensiven Gesprächen. Die Männer wärmen sich auf, reinigen sich gegenseitig - oder lassen sich vom Kssal eine anständige Massage verpassen, so wie ich sie gerade über mich ergehen lasse.
Said bringt den kleinen, bösen Handschuh ins Spiel. Ich werde eingeseift, dann schabt er mit dem stahlwolle artigen Gerät meine oberste Hautschicht ab. Auf den Oberschenkeln fühlt sich das ganz gut an. Die Waden sind auch okay, ebenso die Füßse, zumindest von unten. Doch dann muss ich die Hände über den Kopf strecken, er nimmt sich meinen Bauch vor, rubbelt über meine Brust warzen und die zarte Haut meiner Achseln. Unangenehm. Schmerzhaft wird es am Hals. Das Gesicht geht schon wieder.
Nach einer Stunde Behandlung mit regelmäßigen Heisswassergüssen fange ich ernsthaft an zu schwitzen. Ich schleppe mich zum Kaltwasserbecken. Ein zweiter Bademeister dirigiert mich in eine kauernde Stellung - als würde ich versuchen, mich in einen Umzugskarton zu zwängen. Dann gießt er mir acht 20-Liter-Eimer eiskaltes Wasser u?ber den Kopf. Es ist sehr angenehm. Die Herren verabschieden sich mit einem freundlichen »Bsaha!«, Gott möge mir Gesundheit schenken. Als ich hinaus in die Gasse trete, spüre ich jeden Lufthauch auf meiner frisch geschälten Haut. Ich habe Durst. Und Hunger. Ich bin frei von Schmerzen. Bei Allah. Das war gut. Das war mehr, als ich erwartet hatte.
Die Frage ist: Was kann jetzt noch kommen? Im Ain-Azleten-Hamam, das der Reiseführer für seine Authentizität lobt, empfängt mich ein älterer Herr, der seine Scham nur notdürftig mit einer zusammengeknüllten Unterhose verbirgt. Man stellt ihn uns als »Mohammed aus der Sahara« vor. Er ist ein fauler Typ, der mir fünf Minuten den Bauch einseift, kurz an meinen Armen zerrt und einen Eimer Wasser über meinen Kopf gießt. Weg ist er. »Fini«, knurrt er hinter seinem Kassiertisch hervor, wo er längst die nächste Zigarette raucht. Das war gar nichts.
Doch jeder, dem wir von unserem Anliegen erzählen, spricht von Moulay Yacoub, einem Thermalbad außerhalb der Stadt. In den Bergen außerhalb von Fès sprudelt schwefel haltiges, mehr als fünfzig Grad heißes Wasser aus dem Boden. Hier wurde schon vor hundert Jahren gegen Augen-, Ohren- und Gelenkschmerzen und auch gegen Unfruchtbarkeit gebadet. Heute findet der Besucher eine in die Jahre gekommene Badeanlage aus den Siebzigerjahren.
Im Herrenbecken weichen sich Männer ein. Viele sind mit mal milderen, mal beängstigenden Varianten der Übungen beschäftigt, die ich schon von Said kenne. Es sieht aus wie in einem Trainingslager für Ringer. Ich versenke mich zentimeterweise im Heilwasser, muss die Luft anhalten, es ist wirklich heiß. Mir steigt die Hitze zu Kopf wie in einem Wurstkessel.
Aus dem guten Dutzend Masseuren von Moulay Yacoub hat man Mohammed Chankoub für mich abgestellt: Er ist eher klein, doch für einen Mann in seinen mittleren Vierzigern beängstigend fit, das sieht man gleich. Mohammed hält sich nicht lange mit der Seife auf, auch der Handschuh wird im Lauf seines Programms nicht ge braucht. Was dieser Mann für mich vorbereitet hat, gleicht eher einem Kampf als einer Massage. In dichter Folge setzt Chankoub meine Arme einem grenz wertigen Stretching aus, das die Schultergelenke bis kurz vor die Luxation treibt. Konnte man Saids Behand lung mit den wirkungsvollen, aber von einer de mokra tischen Verfassung eingeschränkten Griffen etwa der deutschen Polizei vergleichen, bin ich jetzt in einem jener Folter gefängnisse gelandet, deren Existenz die CIA so lange geleugnet hat.
Moulay Yacoub ist die Rache für Abu Ghraib. Begleitet von einem nur während der äußersten Schmerzspitzen eingesetzten Schmuselaut, holt Mohammed das Äußerste aus mir raus. Ich muss mich auf den Rücken legen, Chankoub setzt sich auf meine Beine und befi ehlt mir, Sit-ups zu machen. Immer wenn ich oben bin, prügelt er mir mit der hohlen Hand auf den Rücken. Es macht ein lautes, hohles, dumpfes Geräusch. Mittlerweile hat sich ein Publikum gefunden, das das Schauspiel mit großem Vergnügen betrachtet.
Jede Wippe und Streckfigur, die der gute Said an mir verübt hat, variiert Mohammed in mehreren Unterformen. Nach einer absurden Haltegriffreihe in der finalen Bauchlage (will er meine Arme tatsächlich ausreißen?) kippt mir Mohammed einen letzten Eimer Schwefelwasser über den Kopf und verabschiedet sich mit Handschlag. Zurück im Hotel falle ich ins Bett und schlafe bis tief in den Abend. Als ich aufwache, kann ich mich nicht bewegen. »Bleib einfach liegen«, empfiehlt der Wirt. »Du wirst heute Nacht eine innere Hitze spüren. Aber morgen wird es dir sehr gut gehen.«
Warum ich weitermache? Neugier. Wahnsinn. Ich weiß es nicht. Ich habe aufgehört, nach dem Sinn dieser Reise zu fragen. Jedenfalls betrete ich am nächsten Abend in Sefrou, einem Berber städtchen am Rande des mittleren Atlas, das Kalaa-Hamam.
Und dann steht da Tijani Chouk. Er wartet im Heißraum. Um mich herum liegen Väter mit ihren Söhnen, Halbwüchsige üben die ersten Dehngriffe. Doch die Ruhe währt nicht lange. Mit strengem Blick winkt mich der Kssal von Sefrou in eine Nische. Ich lege mich auf den Rücken, er bearbeitet mich mit dem schrecklichen Handschuh. Doch das kann ich aushalten, das ist nicht so schlimm. Es ist sogar ganz angenehm. Tijani schafft es, mich während der Kratznummer auf eine gute, kräftige Art zu massieren.
»Bist du dir wirklich sicher, dass du gedehnt werden willst?«, fragt Tijani, das Schwergewicht. Was soll nach Moulay Jacoub noch passieren? Frage ich mich. Nun. Zwanzig Kilo machen durchaus einen Unterschied. Während ich als Reaktion auf die fortwährenden Schläge auf meine Hände versuche, meine Zehen mit den Fingerspitzen zu berühren, legt sich Tijani auf meinen Rücken. Ohne Vorwarnung. Aus meinem Mund kommt das Luftweicht- aus-dem-Blasebalg-Geräusch. Als ich mich wieder aufgerichtet habe, sitzt er bereits hinter mir und zieht mich an sich heran. Er hakt seine Beine in meine, packt mich mit den Armen unter den Schultern und spreizt mich aus einander. Es ist entwürdigend.
Mir wird abwechselnd auf Arme, Beine, Hände und Füße geschlagen, ich werde in seltsamste Schwitzkästen genommen und diagonal gedehnt. Schließlich liege ich auf dem Bauch, muss hinter dem Rücken meine eigenen Fèsseln umfassen. Tijani versucht, mich an den Hüften vom Boden zu heben. Ich kann die Körperspannung nicht halten, woraufhin er mich wüst beschimpft. Beim zweiten Versuch schwebe ich einen halben Meter über dem Boden. Wenn ich jetzt loslasse oder abrutsche, schlage ich mir auf dem Steinboden das Gesicht ein. Ich nenne diese Figur: das Fähnlein im Wind. Anschließend versucht Tijani, meine unteren Beinhälften am Knie abzudrehen.
»Stop!« Ich will nicht mehr, ich bin erledigt. Ich will jetzt meine Ruhe. Oder echte Wellness, das langweilige, lasche, lauwarme Programm, das ich aus mitteleuropäischen Spa-Hotels kenne. Ich brauche Entspannung. Humpelnd verlasse ich Sefrou. Eine letzte Station steht auf meinem Plan. Moulay Idriss, die heiligste Stadt Marokkos. Das Mausoleum darf bis heute von keinem Christen betreten werden. Ich erzähle Fayssal, dem Manager eines der wenigen Gasthäuser, von den erlittenen Torturen. »Du musst abklatschen, wenn du es nicht mehr aushältst«, sagt er. »Wie beim Judo oder ei nem Ringkampf. Morgen früh gehen wir zu Labidi, der macht dich wieder fit.« Der Mann, der in Moulay Idriss nur als »der Sklave«, bekannt ist, erinnert an einen Weberknecht. Er behandelt seit 55 Jahren die Besucher des ältesten Hamams vor Ort. Sein Geheimnis: den Menschen flachlegen, die Muskeln strecken. Aber mit Bedacht.
Labidi lässt mich erst einmal warm werden, dann seift er mich ein. Anders als bei seinen Vorgängern geht bei Labidi das Schrubben und Dehnen miteinander einher. Auch er verwendet die seltsamen Dehnstellungen, aber nur bis genau zu dem Punkt, an dem ein erster Spannungsschmerz zwickt. Dann ist Schluss.
Von einem alten Kssal, der niemandem mehr etwas beweisen muss, bekommt man vielleicht nicht die härteste Behandlung der Welt. Aber eine mit einer nachhaltig erholsamen Wirkung. Tijani kann nichts dafür, dass er zwanzig Kilo zu schwer ist. Wegen der Sache mit den Knien bin ich aber sauer. Vier Wochen nach seiner Behandlung fühlt sich mein linkes Knie noch immer an wie nach einem Skiunfall, aber es wird langsam besser. Inschallah! So Gott will. Das rechte dagegen, das ich nach einer Operation zwei Jahre lang nicht komplett anwinkeln konnte, funktioniert wieder. Wie geschmiert






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